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07.03.2005

SAP: Mysap reicht nicht mehr

SAP-Vorstandschef Henning Kagermann erläutert im Gespräch mit den CW-Redakteuren Frank Niemann und Christoph Witte die "Business Process Platform" und welche Rolle Mysap und "Netweaver" dabei spielen.

CW: Die SAP spricht neuerdings von der Business Process Platform (BPP). Was ist damit gemeint?

KAGERMANN: Kunden benötigen Softwarelösungen, die sich rasch an neue Geschäftsstrategien anpassen lassen. Die Anwendungen und Technologien, die wir heute liefern, reichen noch nicht aus, um Wertschöpfungsketten rasch umzubauen. Wir müssen uns von der Datenzentriertheit lösen und uns auf die Prozessebene begeben. Hier unterscheiden wir uns übrigens von Oracle (Der ERP-Konkurrent der SAP verfolgt mit "Single Instance Database" ein zentrales Datenhaltungskonzept für Applikationsumgebungen der "E-Business Suite", Anmerkung der Redaktion). Die Firmen wollen zwar ihre Prozesse unternehmensübergreifend verketten, nicht aber ihre Daten dem jeweils anderen überlassen.

Um Geschäftsprozesse flexibel gestalten zu können, benötigen wir eine geeignete Plattform auf der Basis der "Enterprise Services Architecture" (ESA). Mit den bisherigen großen Anwendungsblöcken der heutigen Mysap-Lösungen kommen wir nicht dahin. Die BPP liefert einerseits Stabilität und Integrität, andererseits sind Anwender in der Lage, einen Prozess individueller und besser als der Wettbewerb zu gestalten, indem sie auf Funktionsbausteine (Enterprise Services, Prozesskomponenten etc.) zurückgreifen.

CW: Wie passen die BPP und Netweaver zusammen?

KAGERMANN: Netweaver in der heutigen Form entwickelt sich evolutionär weiter, von einer Integrations- und Anwendungsplattform zu einer Business Process Platform, die auch ablauffähige Prozesskomponenten bereitstellt und Funktionen als Web-Services anbietet. Ein kompletter Prozess wie beispielsweise "Procure-to-Pay" würde als "Composite Application" gestaltet werden und einzelne Bausteine der BPP wie zum Beispiel die Rechnungsprüfung nutzen. Damit erhält der Kunde ein Höchstmaß an Flexibilität in der Gestaltung seines Geschäftsprozesses, ohne die Vorteile der Integration zu verlieren.

CW: Wenn Sie immer mehr Anwendungsfunktionen in diese Plattform aufnehmen, wird die dann am Ende nicht wieder so komplex, wie das ERP-System heute ist?

KAGERMANN: Es kommt darauf an, wie diese Komponenten in die Plattform eingebunden werden. Es handelt sich um abgegrenzte und gekapselte Module, nicht um einen einzigen großen Funktionsblock.

CW: Sind die Composites, von denen Sie sprechen, die zu Ende gedachten Xapps?

KAGERMANN: Xapps sind auch Composites.

CW: Die Xapps schienen aber bisher nicht so sauber mit Ihren Lösungen verzahnt zu sein.

KAGERMANN: Die Xapps wurden eingeführt als Zusatzprodukte zu unserer Mysap-Linie. Das hat den Markt zunächst verwirrt, weil wir anfangs nicht deutlich gemacht haben, dass alle SAP-Lösungen Composites beinhalten werden. Es wird darüber hinaus jedoch auch weiterhin eigenständige Composite-Anwendungen geben.

CW: Wie gehen die Mysap-Produkte in der BPP auf?

KAGERMANN: Bestimmte Funktionen unserer Lösungen werden als universelle Bausteine in die "Application Platform" des BPP wandern. Nehmen wir zum Beispiel das ERP-Produkt. Daraus werden wir Funktionsbausteine in die BPP einbringen. Ein typischer Kandidat ist das neue Hauptbuch ("New General Ledger") in Mysap ERP 2004. Es wird Teil der Applikationsplattform werden. Die Kunden müssen jedoch nicht sofort dieses Hauptbuch nutzen, sondern können unsere bestehenden Hauptbücher weiterverwenden.

Ein weiteres Beispiel ist das Mahnwesen. Das wird auch eine universelle Komponente in der BPP, die von unterschiedlichen Prozessen angestoßen werden kann, die als Composites die spezifischen Kundenszenarien definieren.

CW: Wie nehmen Sie die Kunden mit, die heute noch nicht einmal Mysap ERP nutzen?

Kagermann: Der Wechsel vollzieht sich graduell. Die Transaktionen der ERP-Software verschwinden ja nicht. Der Kunde kann vertraute Dinge benutzen. Er will aber nicht nur eine Transaktionsverarbeitung beispielsweise zur Bestellabwicklung, sondern auch einen automatischen Datenaustausch mit seinen Lieferanten. Die BPP gestattet es ihm, diese Prozesse flexibel zu halten: Er kann manche Waren von den Mitarbeitern selbst bestellen und andere über den zentralen Einkauf ordern lassen, während die Bezahlung an einer Stelle erfolgt.

CW: Ist BPP sowohl ein zusätzliches Produkt neben Mysap, mit dem Partner Lösungen entwickeln, als auch eine Weiterentwicklung Ihrer Applikationssoftware?

KAGERMANN: Richtig, wir machen beides. Wir werden nach wie vor Kunden haben, die alles aus einer Hand wollen, dazu zählt vor allem der Mittelstand. Andere Firmen möchten sowohl unterschiedliche Systeme integrieren als auch die Eigenentwicklung mit Standardsoftware kombinieren. Letztere haben in der Vergangenheit die Standardlösungen oft stark modifiziert. Das war sowohl für uns als auch für die Anwender aber eher mit Schmerzen verbunden.

CW: Wie sollen denn die Kunden künftig ihre Systeme anpassen?

KAGERMANN: Die Kunden sollen agieren können wie Partner und beispielsweise ihren Order-to-Cash-Prozess neu gestalten, wenn dies Wettbewerbsvorteile bringt. Doch statt wie früher alles selbst zu codieren, finden sie künftig 80 Prozent der erforderlichen Funktionen in der BPP vor und müssen in erster Linie die Composite-Anwendung, die den Prozess abbildet, umkonfigurieren oder durch eigene Funktionen ergänzen. Die Unternehmen können aber auch eigene Anwendungskomponenten entwickeln und in die BPP einbetten. Die selbst entwickelten Services werden wie unsere eigenen über das "Enterprise Service Repository" in der BPP zugänglich gemacht.

CW: Was wird wichtiger: der Verkauf des BPP oder der Mysap-Suite?

KAGERMANN: Mit der BPP werden wir zusätzliches Geschäft generieren. Partner werden Anwendungen oder ganze Lösungen anbieten, die auf der BPP aufsetzen. Und Kunden werden die BPP nutzen, um unsere Lösungen zu ergänzen.

CW: Wie wollen Sie den Mittelstand von der BPP begeistern?

KAGERMANN: Das erste Produkt, was auf der BPP laufen wird, ist das für den Mittelstand konzipierte "Mysap All-in-One". Unsere Partner werden mit Hilfe der Plattform weiterhin "Micro Verticals" anbieten. Das geht bedeutend einfacher und billiger als heute.

CW: Ab wann werden die Partner damit arbeiten können?

KAGERMANN: Wir werden noch in diesem Jahr eine Hosting-Version von BPP zur Verfügung stellen, damit die Partner sie kennen lernen können. Im nächsten Jahr liefern wir die Software aus.

CW: Da Sie selbst Lösungen mit der BPP bauen wollen, treten Sie stärker in Konkurrenz zu Ihren Partnern.

KAGERMANN: Unsere Partner werden viel mehr Möglichkeiten haben als bisher. Allerdings werden wir klare Vereinbarungen treffen, wie wir miteinander umgehen, wenn Kunden von der SAP verlangen, bestimmte Partnerlösungen zu übernehmen. Außerdem werden wir niemanden daran hindern, auch konkurrierende Anwendungen auf der BPP zu bauen.

CW: So weit zur Zukunft. Kommen wir zur Gegenwart. Wir haben den Eindruck, dass Netweaver noch nicht so recht abgehoben hat. Warum?

Kagermann: Das stimmt so nicht. Unsere Kunden halten Netweaver für wichtig. Wir haben mit 1500 Referenzkunden unsere Erwartungen bei weitem übertroffen.

CW: Wie viele dieser Referenzkunden nutzen denn mehr davon als das Portal?

Kagermann: Wir zählen Firmen nur dann als Referenzanwender, wenn sie drei Netweaver-Elemente einsetzen. Nicht alle Anwender nehmen die gleichen Module in Betrieb. Manche fangen mit der "Exchange Infrastructure" (XI) an, andere mit dem Portal und Business Intelligence.

CW: Wie viele Anwender der Exchange Infrastructure integrieren schon Fremdanwendungen?

Kagermann: Nur solche Kunden bezeichnen wir als Referenzanwender. Die Kopplung von SAP-Systemen via XI ist ja nichts Besonderes.

CW: Sie bringen mit Mysap ERP 2004 den Nachfolger von R/3 auf den Markt. Die Reifeprüfung der darin enthaltenen "ERP Central Component 5.0" steht doch aber noch aus?

Kagermann: Wir hatten zahlreiche Ramp-up-Kunden auf diesem System, die bereits etwa 80 Prozent der Funktionen verwenden. Bisher gab es da keine Probleme, die an mich herangetragen wurden. Aus diesem Grund konnten wir den Ramp-up auch Ende Februar - einen Monat früher als geplant - erfolgreich beenden.

CW: Sind das womöglich die 80 Prozent, die Sie von R/3 übernommen haben?

Kagermann: Nein, die Kunden nutzen vielfach auch die neuen Funktionen. Viele Firmen sind gerade auch wegen der zusätzlichen Prozesse und Funktionen in den ERP-Ramp-up gegangen.

CW: Zum vierten Quartal hatten Sie den Abschluss von 650 Mysap-ERP-Verträgen vermeldet. Wir haben den Eindruck, dass viele Kunden nur zugegriffen haben, um sich die R/3-Anrechnung zu sichern, und Lizenzen quasi auf Halde erworben haben.

Kagermann: Nein, die Anwender haben kaum noch Lizenzen auf Halde. Wir verzeichnen grundsätzlich ein höheres Auftragsvolumen der Bestandskunden im vierten Quartal, weil die Kunden im ersten Quartal des neuen Jahres neue Projekte angehen.

CW: Wie viele von den 650 Kunden werden demnächst das neue ERP-System installieren?

Kagermann: Das ist eine gute Frage. Ich gehe davon aus, dass noch in diesem Jahr 500 bis 1000 Kunden Mysap ERP 2004 in Betrieb nehmen. Manche Firmen stellen ihre ERP-Systeme allerdings erst Zug um Zug um.

CW: Unseren Recherchen zufolge wollen aber viele SAP-Kunden in der R/3-Welt bleiben und migrieren auf R/3 Enterprise.

Kagermann: Wir werden in diesem Jahr eine ganze Reihe von Migrationen auf Mysap ERP 2004 erleben. Warum? Weil wir mit dem Produkt die R/3-Kunden besser erreichen als mit der Mysap Business Suite. Der Sprung von der R/3-Welt auf die Suite war für manche Firmen zu groß. Hinzu kommt, dass viele Kunden 2004 noch zugesehen haben, wie sich Mysap ERP entwickelt.

CW: Trotzdem wird ein großer Teil der Kunden auf R/3 Enterprise migrieren statt auf Mysap ERP.

KAGERMANN: Ich garantiere, dass dieser Anteil deutlich unter zehn Prozent liegen wird. Die Kunden haben verstanden, dass Mysap ERP 2004 der Nachfolger von R/3 ist und nicht R/3 Enterprise. Der größte Teil der installierten Basis betreibt R/3 4.6C. Für diese Anwender gibt es zwei Optionen: Sie lassen das Altsystem noch ein oder zwei Jahre länger laufen oder steigen gleich auf das Nachfolgesystem um. Für diese Klientel gibt es wenig Anreize, auf R/3 Enterprise zu wechseln.