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07.07.1995

SAP-Software verbindet altes Konzept mit neuer Technik R/3 in der Kritik: Paradigma der Integration behindert Anwender

In den Medien ist es wieder stiller geworden um die Standardsoftware R/3 von SAP, was nichts ueber deren Markterfolg aussagt - im Gegenteil: Das R/3-Geschaeft boomt. Eine der Kernfragen, um die es, ausgeloest durch Artikel der CW und der "Wirtschaftswoche" (siehe Kasten rechts), ging, war die der Komplexitaet. Christian Helfrich* erkennt im Run auf R/3 "eine Flucht ins System". Mit Standardsoftware, meinen viele Topmanager, "haben wir die Sache im Griff". Ein Irrglaube: Es werde nie gelingen, so Helfrich, die komplexe Wirklichkeit in einem Computermodell nachzubilden.

Vorab sollen einige Ueberlegungen formuliert werden, die nur indirekt mit R/3 zu tun haben; sie beruehren die grundsaetzliche Bereitschaft von Industrie und Handel, in integrierte Anwendungssysteme zu investieren.

Mit "integriert" ist das erste Stichwort gefallen. Seit den Jahren, die unter dem Zeichen von Computer Integrated Manufacturing (CIM) standen, gibt es die unausgesprochene Forderung nach Integration der Anwendungen. Selbstverstaendlich ist damit der Wunsch verbunden, Datenredundanz zu vermeiden. Denn Redundanz ist das Schlimmste, das man einem Anhaenger der Integration zumuten kann.

Die computergestuetzte Organisation hat damals neue Prioritaeten erhalten: Wurden frueher die funktionale Unterstuetzung, Schnelligkeit, Vollstaendigkeit oder schlicht die Vereinfachung der Arbeit angestrebt, sind es jetzt vom System eingeforderte Eigenschaften - etwa die der Integration.

Dabei haben jedoch Markterfolg, Wertschoepfung und Produktivitaetssteigerung mit der Integration des dahinterliegenden Computersystems nicht das geringste zu tun.

"Die Transparenz der Modelle eroeffnet dem Anwender einen Blick auf die funktionalen Moeglichkeiten des Systems", argumentieren SAP- Anhaenger.

Dahinter steht als Leitbild die komplette Abbildung des Betriebs im Computer. Diese Abbildung der Wirklichkeit im Computer zieht sich unausgesprochen durch alle Seminare und Veroeffentlichungen der Informatiker. Sie steht Pate bei der Entwicklung eines jeden PPS-Systems und einer jeden integrierten Standardsoftware.

Wissenschaftler wie Traube ("Der Mythos der Denkmaschine"), Winograd ("Erkenntnis, Maschinen, Verstehen") oder Weizenbaum, saemtlich einst fuehrende Vertreter der Informatikerzunft, haben sich in vielen Veroeffentlichungen mit diesem Phaenomen auseinandergesetzt.

Die Wirklichkeit ist zu komplex fuer den Computer

Das Ergebnis dieses oeffentlichen Nachdenkens sollte den Vertretern des Abbildungsgedankens bekannt sein: Es wird niemals gelingen, die komplexe Wirklichkeit in ihren Wechselwirkungen in einem Computermodell nachzubilden. Ungewollte Beweise dafuer waren alle Einfuehrungen von Management-Informationssystemen und CIM-Modellen - teure Flops. Auch die automatische Sprachuebersetzung, in die viele hundert Millionen Mark investiert wurden, wartet bis heute auf ihren Durchbruch.

Der Loesungsansatz des Abbildens fuehrt in eine Sackgasse, aus der sich die Betriebe durch jahrelange Anpassungsarbeiten aufwendig zu befreien versuchen, ohne das tatsaechliche Problem zu sehen.

Man kann es als "Flucht ins System" bezeichnen: Das Management sucht in der Wahl des totalen Modells R/3 die Problemloesung. Offenbar ist das eine Ueberschaetzung der Information, nach dem Motto: Wenn ein Datum einmal erfasst ist, kann man damit arbeiten. Die "Sache ist im Griff" - eine typische Formulierung der System- Engineers, der allerdings vom betrieblichen Alltag staendig Luegen gestraft wird.

Damit ist zugleich der eher altmodische Fuehrungsstil des Misstrauens, des Zentralismus angesprochen, der sich auch in einer zentralen Datenhaltung ausdrueckt. Diese ist vermeintlich nichts Diskussionswuerdiges, sondern schlicht ein Erfordernis - schon aus Gruenden der Sicherheit. Aber auch die bereits erwaehnte Redundanzfreiheit und die Konsistenz des Systems sprechen dafuer. Hinter dieser Argumentation verbirgt sich die Sprache des Abbilders, des Modellierers oder des System-Engineers. In Wirklichkeit hat die zentrale Datenhaltung mit Markterfolg, Wertschoepfung oder Produktivitaetssteigerung nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Gute Organisationen, gute Netzwerke und selbst die Natur kennen keine zentrale Datenhaltung. Zum Beispiel enthaelt jede Koerperzelle in ihren Genen eine komplette, dezentrale Steuerungsinformation fern von der Zentrale Gehirn.

Eine zentrale Datenhaltung ist ueberdies dem dezentralen Client- Server-Konzept entgegengesetzt. Das merkt allerdings kaum jemand. Die IT-Branche laesst sich hier mit den Automobilbauern vergleichen, die meinen, sie haetten mit dem Einbau des Katalysators genuegend fuer die Natur beziehungsweise gegen die extreme CO2-Emission unternommen.

Deshalb gilt es, endlich einmal klarzustellen: Konzeptionell ist seit den 60er Jahren und dem Aufkommen der ersten IBM-Maschinen nichts gewonnen. Alles verhaelt sich wie zu Urzeiten, nur aufs hoechste verfeinert und mit schnittiger Oberflaeche ausgestattet.

Die Benutzeroberflaeche ist das Erfolgsgeheimnis

Die Benutzeroberflaeche ist bei R/3 ein Pluspunkt und wahrscheinlich ein Hauptgrund fuer den immensen Erfolg. Das Aeussere macht eben viel aus - vor allem, weil damit die seit langem diskutierte Schnittstelle Mensch-System geschlossen wird. Der Stand der Technik wird zur Zeit von der Windows-Oberflaeche gebildet. R/3 liegt hier nicht nur voll im Trend, sondern ist sogar Trendsetter.

Es gehoert zu den strategischen Leistungen von SAP, die Offenheit zu anderen Anbietern hergestellt zu haben und insbesondere mit Microsoft zusammenzuarbeiten. Mit der schoenen Oberflaeche scheint es leichter, den hohen Anspruch von R/3 an die Vollstaendigkeit und Vielzahl der Daten zu erfuellen.

Trotz der gefaelligen Form produzieren Systeme wie R/3 letztendlich die sattsam bekannten Datenfriedhoefe. Jede unternehmerische Entscheidung ist ex definitione zukunftsbezogen. Jede Computerauswertung ist - aus der gleichen Definition heraus - vergangenheitsorientiert. Die Vielzahl der Daten, zum Beispiel allein rund zwei Dutzend Datenelemente fuer den Stammsatz einer technischen Einrichtung und ein Dutzend fuer die Aenderungsmeldung, macht das Anlegen des Systems zu einer aufwendigen Angelegenheit und das Aktualisieren in vielen Faellen unmoeglich.

Die Weitergabe von Meldungen aus der Werkstatt, der Instandhaltung etc. entsprechend der tayloristischen Konzeption des "Anreissens, Bohrens und Fraesens" gestaltet das ganze System im werkstattnahen Bereich zur Farce, denn es handelt sich hier um Taetigkeiten, fuer die jeweils nur Minuten aufgewendet werden und die in Form von Arbeitsauftraegen vorgegeben und rueckgemeldet werden muessen. Am Ende entsteht nur ein weiterer Datenfriedhof, obwohl man meint, man habe die Werkstatt "im Griff".

Die wichtigste Funktion, naemlich die der Auftragssteuerung zum Beispiel nach Durchlaufzeit, Termintreue und Deckungsbeitrag bei Vermeiden der bekannten Bugwellen ist dagegen ueberhaupt kein Thema. Sie wird vom Konzept her nicht nur nicht gefoerdert, sondern von der Scheingenauigkeit und Scheinperfektion des ganzen Datengeruests schlichtweg behindert.

Fast alle integrierten Systeme machen den Fehler, die Ansprueche der Buchhaltung an Genauigkeit und Nachvollziehbarkeit auf die uebrigen betrieblichen Funktionen zu uebertragen. Dieses Vorgehen ist grotesk, denn es macht blind fuer die wirklichen Notwendigkeiten, etwa die der Auftragssteuerung.

So verwesen die Informationen im Lauf der Zeit, erscheinen bestenfalls zwischendurch in einer uebergenauen Auswertung, um vergangene Fehler zu verstehen, und werden nach Jahren in einer Art befreiender Verzweiflungsaktion in das Archivband umgebettet. Die Datenwartung und -entsorgung wird Teil der DV-Arbeiten und uebertrifft im Ablauf weniger Jahre die Einfuehrungsaufwendungen.

Selten wurde eine Standardsoftware so muehsam eingefuehrt wie R/3. Das liegt an dem perfekt durchdachten Modell. Es gibt Professoren, die die deutsche Betriebswirtschaftslehre seit der Verfuegbarkeit von R/3 fuer ueberfluessig halten. Damit wird klar, dass der , wie die DV-Leute sagen, vollen Funktionalitaet viele Entscheidungen vorausgehen muessen.

Die integrierte, modellmaessige Funktionalitaet ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere betrifft die Einfuehrungskosten, die den Investitionsaufwand um den Faktor vier bis zwoelf uebertreffen. Hinzu kommt das aufwendige Warten des Systems - eine Aufgabe, die man als grotesk bezeichnen muesste, wenn sie nicht von so vielen freiwillig bewaeltigt wuerde.

Die am haeufigsten gehoerte Klage der Anwender ist die ueber die Gefangenschaft durch das System: Alles ist erfasst und gefuehrt - irgendwann jedoch muss es wieder geaendert werden. Das stoert jedes System. Je groesser und integrierter es ist, desto aufwendiger sind die Aenderungen. Eine Umorganisation von Fertigung und Instandhaltung oder die Einfuehrung einer neuen PPS-Konzeption - das alles wird durch die Gefangenschaft im System behindert.

Die Betonierung des Bestehenden ist die gefaehrliche Tendenz eines jeden Systems. Deshalb gilt es, kleine, flexible, marktnahe Einheiten zu schaffen, die vernetzt sind und dezentral arbeiten. Hierin liegt die Zukunft.

Sicher, es ist schoen, dass es eine so erfolgreiche deutsche Standardsoftware wie R/3 gibt. Es waere jedoch schoener, wenn SAP die gute Oberflaeche anbieten wuerde und dabei die genannten Schwaechen vermieden haette. Aber vielleicht ist offene Kritik fuer das Softwarehaus Anlass einer Standortbestimmung und Neuausrichtung von R/3 zu R/4.

Das Potential dazu ist vorhanden. 3000 Installationen waeren eine gute Basis fuer das "Downgrading", denn abgesehen von der Buchhaltung, von der R/3 ja deutlich sichtbar herkommt, waere fuer ein R/4 in allen Bereichen weniger mehr. Eine "Flucht aus dem System" ist ueberfaellig - zurueck zu den einfachen Prinzipien des Geschaeftslebens: kundennahe Organisation auf Zuruf, einfachste Ablaeufe und Ersatz der Computerdispositionen durch Mitdenken.

*Professor Dipl.-Wirtschaftsingenieur Christian Helfrich lehrt an der Fachhochschule Muenchen und ist vereidigter Software- Sachverstaendiger