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19.03.1976 - 

Bodenstationen auf dem Dachfirst - Insider James Martin blickt in die Zukunft

Satelliten verändern die Telekommunikation

MÜNCHEN - Auf der 26. Konferenz des Diebold Research Programs Europe im Münchener Sheraton-Hotel sprach James Martin vom IBM Systems Research Institute New York (einer IBM-internen IBM-Universität) über "Telecommunications Facilities Today and Tomorrow". Daß er viel zu sagen hatte, wurde bei der Programmgestaltung bereits dadurch berücksichtigt, daß dem in DB/DC-Kreisen international bekannten Starsprecher und Autor von zahlreichen bestsellenden Fachbüchern - abweichend vom sonst üblichen Diebold-Modus - ganze drei Stunden Vortragszeit eingeräumt wurden. James Martin - grundsätzlich ohne Manuskript frei sprechend, zudem sehr schnell - fesselte seine Zuhörer mit faszinierenden Ausblicken in die Zukunft. Diese Zusammenfassung kann nur Ausschnitte bringen, gewissermaßen die Höhepunkte:

Als am 6. April 1965 der erste kommerzielle Nachrichten-Satellit Early Bird - auch Intelsat I genannt - in Cape Kennedy gestartet wurde, begann eine Entwicklung, die sich seither immer wieder geradezu überschlug. Innerhalb von sechs Jahren gab es vier Generationen von Nachrichten -Satelliten (Intelsat I [1965], Intelsat II [1967], Intelsat III [1968] und Intelsat IV [1971]). Der ganz große Durchbruch wird 1978 kommen, wenn Intelsat V gestartet wird.

60 000 Sprechkanäle

Während Intelsat I 85 Pounds leicht war, wird Intelsat V 1000 Pounds, also knapp eine halbe Tonne, wiegen. Statt mit 40 Watt wird er mit 1000 Watt arbeiten, die nicht mehr nur zwei, sondern etwa 50 Kanalsteuerungen (Transponder) betreiben. Gegenüber Intelsat I, der eine Kapazität für 240 Telefongespräche hatte (seine Lebensdauer betrug 1,5 Jahre ) - Intelsat IV: 6000 Gespräche, Lifetime 7 Jahre - wird Intelsat V 60000 Telefonverbindungen vermitteln können - voraussichtlich zehn Jahre lang.

Von 23 000 $ auf 58 $;

Während der neue Intelsat fünfmal teurer zu bauen sein wird (etwa 15 Millionen Dollar) und seine Placierung im Himmel gut 40 000 Kilometer über dem Äquator per Raketenstart knapp fünfmal so teuer sein wird wie seinerzeit 1965, werden sich die Kosten für einen Sprachkanal pro Jahr von 23 000 Dollar auf 58 Dollar ermäßigen Dieser Preisverfall - so James Martin - ist erheblich spektakulärer als der bei irdischer Hardware - etwa auf dem Taschenrechner-Markt. Das zeigt weitreichende Perspektiven auf:

Heute bedarf es einer ganz neuen Grundeinstellung zu den Nachrichten-Satelliten. Sie sind zwar immer noch ein Mittel, um isolierte Plätze der Erde zu erreichen, aber nicht mehr nur das. Sie wurden bereits zur Alternative zu transozeanischen Unterwasserkabeln und auch sogar für kontinentale Telefon-, Radio- und Fernseh-Strecken. Heute schon muß man Satelliten als Einrichtung zur Verbindung von weitverteilten Computersystemen sehen und morgen als "Multi Access Facility" für die Übertragung unterschiedlichster Signal-Arten (für verschiedene Zwecke mit verschiedenen Geschwindigkeiten) bei jeweils individuellem Bedarf.

Neue Kommunikationsformen

James Martin wies darauf hin, daß heute bereits in den USA 70 Prozent aller Briefe von Computern geschrieben werden, jährlich 83 Millionen Stuck, die im "Electronics Age" geradezu herzerfrischend altmodisch und unglaublich teuer übermittelt werden. Jährlich 20 Billionen (2 x 10e13 ) Geld-Transaktionen gibt es in den USA, eine Beschleunigung der Überweisungen und Buchungen könnte Zinseinsparungen weit über der Milliarde-Dollar-Grenze pro Jahr bringen. Neue Formen des Telefonverkehrs, insbesondere seine Vermittlung, werden erforderlich, denn über die Hälfte aller gewählten Telefonverbindungen erreicht in den USA nicht den Adressaten, die Wiederholung zumindest könnte automatisch erfolgen.

Zur Sprache auch Bilder

Video-Konferenz-Schaltungen im Management großer Firmen wurden die Notwendigkeit direkter Reisen drastisch mindern - zumindest müßte es möglich sein, parallel zum Telefongespräch, wenn nicht wie in großen firmeneigenen Netzen - das bewegte Bild des Sprechers, so doch in weniger Realtime - langsamere Faksimile-Übertragungen von gesprächbegleitenden schriftlichen und grafischen Unterlagen zu übermitteln.

274 Millionen Bit pro Sekunde und Kanal

Die für diese Zukunftsvision erforderliche Umstellung heißt Digitalisieren der heute noch aufwendig analog übermittelten Informationen Heute bereits gibt es in den USA über 100 Millionen Kilometer digital arbeitender Leitungen. Der US-Standard T1 legt fest, daß digital 1,544 Millionen Bit/Sekunde auf Leitungen übertragen werden, die vormals nur einen analogen Sprechkanal bewältigten, so daß 20 Gespräche möglich werden, obwohl zur Digitalisierung der Sprache noch 56 000 Bit/Sekunde erforderlich sind. Neue Normungen (T2, T4, TR 18, WT4) legen Standards für bis zu 274 Millionen Bit/Sekunde und Kanal fest - als Grundlage für den kommenden Satelliten-Verkehr.

Terminal für jedermann

Western Union's WESTAR-Satellit - der außerhalb der Inteldat-Serie digital arbeitet -, überträgt in jeder seiner zwölf Transponder-Kanalsteuerungen 50 Millionen Bit/Sekunde. Ein einziger Satellit mit 30 (1.500 MB/s ) solcher "Umlenker" würde auch bei nur 15prozentiger mittlerer Auslastung genügend Übertragungs-Kapazität bereitstellen, um jede Person der USA und Kanada (einschließlich Kinder) täglich im Mittelwert eine halbe Stunde (nicht-werktätige Bevölkerung) bis eine Stunde (Werktätige) - bei Spitzenwerten des Dreifachen - interaktiv von Terminals mit Computersystemen arbeiten zu lassen.

Nur sechs Satelliten für US-Ferngespräche

Nur sechs solcher Satelliten könnten mittels Sende/Empfangs-Stationen in den 200 größten amerikanischen Städten nahezu den gesamten Long Distance-Fernsprech-Verkehr der USA bewältigen - bei Bruchteilen der Kosten, die heute für den Ausbau und für die Pflege entsprechender Erd-Strecken anfallen.

Größere Satelliten = Billigere Antennen

Künftige Satelliten werden speziell für digitale Übertragung konstruiert sein. Je stärker sie sind (Watt-Leistung) und je großer ihre Antennen, desto geringer werden die Kosten für die Empfangs-/Sende-Stationen auf der Erde. Bisher wurden Satelliten immer noch mit relativ kleinen Raketen gestartete, nicht in etwa vergleichbar mit dem Apollo-Programm. Das wird jedoch kommen, und in den 80er Jahren wenn die Space Shuttle-Weltraumfähre zur Verfügung steht, werden sich die Start-Kosten auch für große Lasten drastisch senken. Ebenfalls kostensenkend auf die Preise der Erdstationen wird sich auswirken, daß künftige Satelliten nicht mehr mit 4 bis 6 Giga Hertz-Frequenzen arbeiten, sondern im 12- bis 14-Ghz-Band .

Eine Bodenstation für den ersten Intelsat-Satelliten kostete 6 Millionen Dollar. Die Kosten fielen auf 60 000 Dollar im Intelsat IV-Programm und werden 1978 für Intelsat V nur noch etwa 800 Dollar je Bodenstation ausmachen.

Für den NASA-Satelliten ATS 6, der ein Jahr über Indien Fernsehprogramme ausstrahlte, betrugen die Kosten für eine Nur-Empfangs-Bodenstation ganze 70 Dollar. Martin: "Satelliten-Antennen wird man künftig im Warenhaus kaufen können."

Corporate Satellite Networks

Angesichts dieser Entwicklungen prophezeite James Martin, daß es sinnvoll wäre, wenn große Firmen mit weitverzweigten Netzen von Filialen und Werken jeweils sich Antennen-Stationen für Satelliten-Verkehr auf die Dächer oder entsprechende Rasenflächen stellten, um dann nur noch Gebäude-intern zu verkabeln. In diesen Corporate-Satellite-Networks würde dann Datenübertragung für Computersysteme nur einen Bruchteil der vermittelten Informationen ausmachen.