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11.04.1980 - 

Auswirkungen der Datenverarbeitung:

Schelte für Schwarzmaler

Prof. Dr. Wilfried Brauer Fachbereich Informatik Universität Hamburg

Ist stellvertretender Leiter des Instituts für Informatik an der Universität Hamburg. Der promovierte Diplom- Mathematiker leitet die Forschungsgruppe für theoretische Informatik, die sich auch mit Dialog-Programmiersystemen und der Computerintegration in Organisationen beschäftigt.

Bis Ende 1979 präsidierte er die Gesellschaft für Informatik (GI), letzt Ist er dort sowie In der Europäischen Gesellschaft für theoretische Computerwissenschaft Ausschußmitglied. Gleichzeitig gehört er als deutscher Repräsentant und stellvertretender Vorsitzender der IFIP TC3 an. Die Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) konnte Professor Brauer als wissenschaftlichen Berater gewinnen. In der Fachpresse ist der theoretische Informatiker auch professionell tätig: als Redakteur der "Informatik Fachberichte" und als Chefredakteur des "lnformatik- Spektrums".

Das Thema "Auswirkungen der Datenverarbeitung" ist zur Zeit "in". Jede Organisation, Institution etc., die etwas auf sich hält, fühlt sich verpflichtet, etwas dazu zu sagen oder sagen zu lassen. Nicht nur die Gesellschaft für Informatik, der ADI oder die evangelische Akademie Loccum veranstalten Tagungen zu diesem Thema - auch die COMPUTERWOCHE muß da mithalten. Doch auf jemanden, der sich seit längerem mit diesem Thema befaßt hat, wirken diese Aktivitäten inzwischen langweilend. Neues wird nicht gebracht; es kommen stets die gleichen Argumente und Beispiele zum Teil sogar die gleichen Vorträge - jedenfalls was die sogenannten negativen, unbeabsichtigten, unvorhergesehenen Auswirkungen und ihre vermutete Bedeutung anbelangt. Dabei sind die grundsätzlichen Positionen, Argumente, Befrüchtungen und Probleme bekannt, zumindest seit die "Software- Krise" entdeckt wurde. Die Schaffung des neuen Wirtschaftsgebietes "lnformatik" war ja gerade eine Folge der Erkenntnis, daß unbedachtes Anwenden der technischen Mittel für die Datenverarbeitung zu unübersehbaren Fehlern und Schwierigkeiten führen kann. Die vielbescholtene anfängliche Konzentration der bundesdeutschen Informatik auf das Wesentliche, die bewußte Zurückhaltung gegenüber Experimenten mit Anwendungen aller Art ist unter diesem Aspekt der Befrüchtung negativer Auswirkungen zu sehen. Es zeigt sich jetzt ja auch in dieser Hinsicht, daß die Entscheidungen derjenigen, die das überregionale Forschungsprogramm Informatik und die Universitäts Studiengänge Informatik konzipierten und die die GI als wissenschaftliche Gesellschaft für die Informatik gründeten richtig waren.

Die Gl hat übrigens schon 1974 einen Fachausschuß "lnformatik und Gesellschaft" eingerichtet und auf vielen ihrer Tagungen sich der Auswirkungsproblematik in verschiedener Form angenommen. Und die Gründung der Hamburger Forschungsgruppe "DV-Wirkungen" geht auch auf Gl- Aktivitäten (insbesondere von Professor Jessen) zurück.

Aber seither kommen, wohl aufgrund des schnellen Wachstums des Faches Informatik sowie der Vielfalt der Anwendungen, immer wieder neue, junge Informatiker oder Informatik- Anwender auf die gleichen Fragen, Probleme, Ideen und entwickeln die gleichen Prognosen, Befürchtungen, ja sogar Ängste und die Gruppe derjenigen, die schon länger dabei sind, scheint sich in zwei Richtungen aufgespalten zu haben.

Die einen perpetuieren Ängste und sind zu - teils sogar durchaus beliebten - Untergangsaposteln oder Schwarzmalern geworden, wohl weil sie nicht sehen, wie mit wissenschaftlichen, tehnischen rationalen Methoden aus der Wissenschaft Informatik und ihrer Anwendung heraus die Ursachen ihrer Befürchtungen beseitigt werden können.

Die anderen sind der Überzeugung, daß die Informatik- aufgrund des wissenschaftlichen Fortschritts und der technologischen Entwicklung - Möglichkeiten bietet, ganz konkret etwas gegen bereits erkannte, nicht gewünschte Auswirkungen zu unternehmen und Methoden, Verfahren, Modelle, Geräte zu entwickeln und zu konstruieren, die künftige negative Wirkungen von vornherein gering halten und außerdem leicht änderbar und ergänzbar sind.

Es ist an der Zeit, die Frage der Auswirkungen aktiv, konstruktiv, ingenieurmäßig anzugehen. Nicht Befürchtungen stimulieren wissenschaftlich- technische Forschung und Entwicklung, sondern positive erstrebenswerte Ziele, deren Erregbarkeit möglich erscheint (keine vagen Utopien) - sie reizen zum Nachdenken, Erfinden, Konstruieren, Arbeiten.

Die Zielvorstellungen können und sollen natürlich nicht nur aus der Informatik, von den Informatikern, kommen. Hier sind die Anwender, Benutzer, Betroffenen gefordert - und die Sozialwissenschaftler, die konkrete Studien durchführen sollten, zum Beispiel im Hinblick auf Fragen benutzergerechter Systemgestaltung oder neuer Methoden beim Entwurf von Anwendungssystemen Dazu sind aber auch Informatik- Kenntnisse nötig; allein althergebrachte sozialwissenschaftliche Vorstellungen, Methoden, Kenntnisse reichen nicht. Der Informatiker braucht klar und konkret vorgetragene Forderungen, Benutzerwünsche und Aufgabenstellungen.

Das impliziert wiederum eine weitere Forderung: Es muß wesentlich mehr Informatik- Forschung und -Ausbildung betrieben werden. Wir brauchen noch mehr Grundlagenforschung in Informatik, noch mehr Kapazität für konstruktive Entwicklung von neuen Systemen, neuen Verfahren, neuen Anwendungen. Die Ausbildungskapazitäten für Haupt- und Nebenfachinformatiker müßte erhöht werden. Viel mehr Informatik-Wissen müßte an Vertreter anderer Gebiete vermittelt werden. Die im Beruf stehenden Informatiker und Informatik-Anwender müßten viel intensiver und ausführlicher über die vielfältigen neuen Ergebnisse und Produkte der Informatik unterrichtet werden.