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24.11.2000 - 

Bei UMTS-Anwendungen ist Phantasie gefragt

Schicksal der Mobilfunker hängt am M-Commerce

Die Schlacht um die Lizenzen der dritten Mobilfunkgeneration ist längst geschlagen. Doch hinter der Zukunft des Standards Universal Mobile Telecommunications System (UMTS) stehen viele Fragezeichen. Wann sind die Netze betriebsbereit und Handys verfügbar, welche Services und Anwendungen sind denkbar, und ist der Kunde gewillt, dafür zu bezahlen? Mit einer Expertenrunde (siehe Kasten "Die Teilnehmer") diskutierten die CW-Redakteure Martin Seiler und Peter Gruber die offenen Punkte.

CW: Sonera hat gemeinsam mit der spanischen Telefonica im Konsortium 3G eine UMTS-Lizenzen ersteigert. Herr Kostyra, was überwiegt, nachdem fast 17 Milliarden Mark Lizenzgebühren anfielen: Freude oder die Angst vor einem ungewissen UMTS-Abenteuer?

KOSTYRA: Ein Abenteuer sehe ich darin nicht. Sonera und Telefonica sind Partner mit globalem Background. Zusammen bedienen wir heute mehr als 35 Millionen Mobilkunden. Wir haben daher ganz klare Pläne, wie wir den deutschen Markt angehen.

CW: Sie sagen, UMTS stellt kein Abenteuer dar. Herr Christoforidis, bei Talkline ist man bestimmt anderer Ansicht. Ihr Unternehmen hatte sich ursprünglich auch um eine Lizenz beworben, vor der Auktion dann aber einen Rückzieher gemacht.

CHRISTOFORIDIS: Ja, wir hatten uns vorgenommen, eine UMTS-Lizenz zu ersteigern. Es war im Vorfeld der Auktion aber bereits abzusehen, dass unsere Kalkulationsgrenze überschritten würde. Wir haben deshalb beschlossen, uns auf Kunden und Produkte, nicht aber den Netzaufbau zu konzentrieren.

CW: Welche Rolle kann Talkline ohne ein eigenes Netz spielen?

CHRISTOFORIDIS: Unser Ziel ist es, künftig als virtueller Netzbetreiber aufzutreten. In dieser Funktion setzen wir auf das Funknetz eines anderen Carriers auf, erscheinen aber mit unserer Marke. Wir verfügen dann über eigene Netzkomponenten, Applikationen, Services und Plattformen, die im UMTS-Netz installiert und für unsere Kunden zugänglich sind. Somit haben wir auch ein Differenzierungsmerkmal gegenüber unseren Wettbewerbern.

CW: Die Branche scheint derzeit noch etwas phantasielos, was die Anwendungen für UMTS betrifft. Haben Sie schon konkrete Pläne, was die Killerapplikation sein könnte?

CHRISTOFORIDIS: Es wird keine einzelne Killerapplikation geben, sondern sehr viele Anwendungen sowie Location-based Services, bei denen der Kunde geortet wird und aufgrund der Umgebungsdaten spezifische Dienste in Anspruch nehmen kann.

CW: Herr an de Meulen, sollte das Wireless Application Protocol (WAP) nicht als warnendes Beispiel dafür dienen, dass Dienste, die über die reine Sprachübertragung hinausgehen, beim Kunden auf wenig Interesse stoßen?

AN DE MEULEN: Ja, WAP ist ein warnendes Beispiel. Es gibt jedoch auch das boomende Gegenstück, den Short Message Service (SMS). Dieser Dienst hat mehrere Jahre geschlummert, erlebt jetzt aber eine ungeheure Nachfrage, unter anderem, weil er einfach zu nutzen ist.

CW: Warum bleibt der WAP-Boom aus?

AN DE MEULEN: Der Misserfolg liegt an der Technik. Es ist natürlich hinderlich, wenn ein Verbindungsaufbau 20 Sekunden dauert und die Applikationen nicht komfortabel auf den Handys zu nutzen sind. Mit dem Datentransferstandard General Pa-cket Radio Service (GPRS) wird sich das ändern. Leider kommt GPRS jetzt später als erwartet. Unter anderem fehlen mal wieder die notwendigen Endgeräte. GPRS wird aber Mitte 2001 wirklich verfügbar sein, und dann werden wir auch bei WAP Verbesserungen sehen.

CW: Warum verzögert sich der Start von GPRS?

FISCHER: Es gibt für GPRS bereits funktionierende Handys, und außerdem sind die ersten Pilotinstallationen in den Netzen erfolgt. Technologisch ist das schon eine Herausforderung. Deshalb werden die ersten Handys nicht von Beginn an die viel zitierten 120 Kbit/s unterstützen. Übertragungen mit ISDN-Geschwindigkeiten werden aber möglich sein.

AN DE MEULEN: Hier muss ich widersprechen. Wir haben aktuell sehr intensive GPRS-Tests mit unterschiedlichen Handys und Netzen gefahren. Die Ergebnisse waren enttäuschend: Weder die Netze noch die Handy-Software waren stabil. Außerdem sind wir von ISDN-Geschwindigkeit (64 Kbit/s) noch ein Stück weg. Die Messungen lagen sogar unter den oft zitierten 20 bis 40 Kbit/s.

CW: Wenn sich GPRS schon verzögert, wie wollen die Hersteller dann bis 2002 UMTS-Netze auf die Beine stellen?

FISCHER: UMTS-Netze werden Anfang 2002 zur Verfügung stehen, wobei zu Beginn natürlich nicht mit einer vollen Flächendeckung zu rechnen ist. Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir die Technologie noch nicht hundertprozentig im Griff, aber doch so weit, dass der Netzstart 2002 sicher ist.

CW: Wann kommen die ersten Endgeräte auf den Markt?

FISCHER: Mit UMTS-Handys ist Mitte 2002 zu rechnen.

CW: Herr Stammeier, ist Ericsson mit der Aussicht auf einen Netzstart samt Endgeräten Mitte 2002 nicht zu optimistisch?

STAMMEIER: Im Hinblick auf Netzinfastrukturen, Kundenpflege und Abrechnungssysteme muss noch sehr viel passieren. UMTS wird daher frühestens 2003 in den Massenmarkt vordringen. Bei den Endgeräten wird es wohl - wenn überhaupt - sehr teure Vorversionen für die Pionieranwender und Hightech-Freaks geben.

AN DE MEULEN: Stichwort Handy: Wir erwarten von den künftigen Geräten, dass beim Wechsel von einem UMTS-versorgten Gebiet in ein GPRS-Netz, etwa während einer Bahnfahrt, die Verbindung bestehen bleibt und eine Datenübertragung fortgesetzt wird. Der Übergang muss nahtlos sein. Das stellt eine ganz gewaltige Herausforderung an die Handy-Hersteller dar. Außerdem müssen die Geräte auch WAP und Bluetooth unterstützen. Ich fürchte daher, dass die Infrastruktur zwar in der zweiten Hälfte 2002 steht, aber wirklich stabile Handys mit dieser Funktionalität noch auf sich warten lassen werden.

CW: Herr Kostyra, wann ist Ihr 3G-Netz startklar?

KOSTYRA: Wir wollen Anfang 2002 die ersten Dienste vermarkten. Zur Handy-Diskussion möchte ich noch Folgendes hinzufügen: Ich glaube, dass Mobiltelefone und Multimedia-fähige Personal Digital Assistants (PDAs) verschmelzen werden. Dadurch ließe sich ein mobiles Büro schaffen, das der Anwender überall hin mitnimmt. Der Weg zum Kunden führt nur über solche Lösungen, die ihm neue Möglichkeiten eröffnen.

CW: Talkline ist als virtueller Netzbetreiber ebenso auf einen raschen UMTS-Netzaufbau sowie funktionierende Endgeräte angewiesen. Herr Christoforidis, wann rechnen Sie mit ersten UMTS-Geschäften?

CHRISTOFORIDIS: Der Netzausbau dürfte bis Ende 2002 über die Bühne sein, wenn auch nicht vollständig und in der kompletten Bandbreite. Wir rechnen zunächst aber noch nicht mit Endgeräten, die einen Funktionsumfang haben, der eigentlich nötig wäre, um die Kunden zufriedenzustellen. Deshalb gehen wir in unseren Business-Plänen erst im Jahr 2004 von signifikanten Steigerungsraten aus. Talkline wird seine Kunden schrittweise über GPRS, unter Umständen auch Enhanced Data Rates for GSM Evolution (Edge), zu UMTS hinführen.

CW: Was kann UMTS, was GPRS und Edge nicht können?

STAMMEIER: Nach unserem Verständnis reicht bei Transaktionsapplikationen wie dem Versenden einer E-Mail oder einer Kontostandsabfrage die Leistungsfähigkeit von GPRS aus. Denkt man aber an echtes Multimedia, an Video-Streaming, MP3-Downloads und Ähnliches, dann wird das nach heutigen Erkenntnissen nur mit breitbandigen UMTS-Netzen möglich sein, wo bis zu 2 Mbit/s an Bandbreite zur Verfügung stehen.

CW: Eine Transferrate von 2 Mbit/s ist aber relativ, denn diese Kapazität müssen sich alle Teilnehmer in einer Funkzelle teilen. Es gibt Stimmen, die sagen, dieser Wert werde in der Praxis nur 360 Kbit/s betragen.

AN DE MEULEN: Die 2 Mbit/s sind in der Tat ein theoretischer Wert. Die zur Verfügung stehende Bandbreite hängt wesentlich davon ab, wie die Funkzelle ausgestattet ist und ob sich der Empfänger bewegt oder nicht. Es wird jedoch Applikationen geben, die es ermöglichen, sich über das Handy Filme anzuschauen, aber nur, wenn die Preise akzeptabel sind.

CW: Glauben Sie ernsthaft, dass sich Otto Normalverbraucher "Vom Winde verweht" auf dem Handy antut?

AN DE MEULEN: Vom Winde verweht wird er sich nicht anschauen. Aber der eingefleischte Fußball-Fan, der irgendwo im Urlaub ist und sehen möchte, wie seine Mannschaft gespielt hat, der ist sicher bereit, sich einen dreiminütigen Clip mit den Highlights auf das Handy zu laden. Die Bildqualität ist übrigens bereits ganz gut, und die Rechte wurden auch schon vergeben.

CW: Was sollen solche Dienste kosten?

AN DE MEULEN: Ein Beispiel: Um ein mit MP3 codiertes Lied in Echtzeit zu übertragen, benötigt man etwa 64 Kbit/s. Die hat der Kunde bei GPRS vorerst nicht. Da stehen maximal 20 bis 30 Kbit/s zur Verfügung, die gegebenenfalls mit anderen Nutzern geteilt werden müssen. Betrachtet man die Kosten, die bei einer solchen Übertragung anfallen - diskutiert werden zwei bis acht Pfennig pro KB -, dann würde ein MB Musik 20 Mark kosten. Das wird niemand bezahlen, weil es zu teuer ist und auch viel zu lange dauert. Damit UMTS erfolgreich wird, müssen also die Preise deutlich niedriger sein, sonst sind solche Applikationen wie das Downloaden von Musik oder Videoclips überhaupt nicht denkbar.

CW: Herr Christoforidis, der Umsatz, den ein Carrier durchschnittlich im Monat pro Kunde machen muss, ist eine der großen Unbekannten in den Geschäftsmodellen. Es gibt Zahlen, etwa von Mobilcom, die von rund 160 Mark ausgegehen. Deckt sich dieser Wert mit Ihren Planungen?

CHRISTOFORIDIS: Talkline legt bei seinen Berechnungen Umsätze von etwa 100 bis 120 Mark pro Kunde für reine Sprach- und Datenübertragung zugrunde. Einnahmen durch E-Business sind darin nicht berücksichtigt. Man könnte mit solchen Zahlen einen Geschäftsplan natürlich schönrechnen, geht man davon aus, dass sich jemand womöglich sein Auto per Handy bestellt. Aber insgesamt sind die Margen im E-Business wahrscheinlich wesentlich geringer. Es hat deshalb meines Erachtens wenig Sinn, sie in die Umsatzplanung mit hineinzunehmen.

CW: Mit welchen Zahlen kalkuliert das 3G-Konsortium?

KOSTYRA: Es geistern alle möglichen Wunderzahlen bei den UMTS-Lizenznehmern herum. Ich will keinen konkreten Wert nennen. Wir sind jedoch der Meinung, dass sich die Betrachtung der Volumina heute viel zu stark an den Telefo-nieumsätzen orientiert. Sonera ist aber der Überzeugung, dass man in ein paar Jahren mit dem Handy Umsätze tätigen wird, die sich vielleicht sogar im Bereich von mehreren tausend Mark pro Monat bewegen. Davon entfallen dann möglicherweise nur noch zwei Prozent auf Sprachkosten, der Rest sind Abbuchungen, Brokerage, Einkäufe, Informationsbeschaffung wie zum Beispiel die Tagespresse, lokale Wetternachrichten, Restaurantauskünfte oder wo sich der nächste Taxistand befindet.

CW: Werden lokale Inhalte wirklich eine so große Bedeutung haben?

STAMMEIER: Location-based und personalisierte Services werden in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen, das heißt, es ist von enormem Vorteil zu wissen, wo sich der Verbraucher gerade aufhält. Die Hoheit über diese Information haben die Netzbetreiber, weil die Handys ja Signale abgeben. Das wird für die Network Operators eine Einnahmequelle, denn die Service-Provider werden für diese Information sicher ein, zwei Pfennig bezahlen.

Das zweite Thema, das bei den UMTS-Geschäftsmodellen eine Rolle spielt, ist natürlich das Anzeigengeschäft. In Zukunft wird man über Push-Technologie zum Beispiel von McDonalds eine Message bekommen, die über den nächsten Standort und Sondermenüs informiert. Es wird personalisierte Inhalte geben, weil der Kunde sein Interesse an bestimmten Themen und Informationen signalisiert hat.

CW: Welche Kundenschicht wird als erstes UMTS-Dienste nutzen?

CHRISTOFORIDIS: Talkline geht davon aus, dass die ersten Nutzer mit Sicherheit Geschäftskunden sein werden, die sowohl bereit sind, die angebotenen Services zu nutzen, als auch die Handsets dafür anzuschaffen.

CW: Bedeutet dies, dass zunächst nur mit teuren Diensten zu rechnen ist und der Kunde die Zeche für die hohen Lizenzgebühren zahlt?

CHRISTOFORIDIS: Ich glaube nicht, dass die Netzbetreiber, ob real oder virtuell, die Preise künstlich oben halten, um erst den Rahm abzuschöpfen. Dafür waren die Lizenzkosten zu hoch. Es wäre ein Fehler, diese durch teure Tarife auf den Kunden abzuwälzen. Statt dessen werden die Netzbetreiber versuchen, sehr schnell die breite Masse zu erreichen, um ihre Netzressourcen auszulasten. Die wesentliche Herausforderung liegt aber darin, die Services kundengerecht zu gestalten. Die UMTS-Technologie muss handhabbar werden.

CW: Wie will das Konsortium 3G künftig seine Kunden adressieren?

KOSTYRA: Die Welt der heutigen GSM-Kunden ist von Minutenpreis und Netzverfügbarkeit geprägt. Die Entscheidungskriterien eines Kunden von übermorgen, welchen Provider er auswählt, sind andere: Zum Beispiel welche Application-Services hat er im Portfolio, welche Informationen und Content hält er vor, welche Einkaufsmöglichkeiten und Logistikhilfe bietet er, und wer sind seine Partner im Markt. Es wird nicht mehr so stark da-rum gehen, ob ich teurer oder billiger bin als der Wettbewerber.

CW: Herr an de Meulen, wie steht es heute um das Content-Angebot, und was ist der Kunde bereit zu zahlen?

AN DE MEULEN: Die Content-Anbieter stehen in den Startlöchern. Gerade bei den klassischen Themen wie Musik oder Film ist im Markt eine sehr große Bewegung festzustellen. Wir werden auch bei GPRS schon einige Angebote sehen.

Die Benutzer sind übrigens durchaus bereit, für den Konsum von Content zu bezahlen. InDeutschland verschickt jeder Nutzer im Schnitt 1,5 SMS-Nachrichten pro Tag. Das führt weltweit in einem Monat zu zehn Milliarden SMS. Dafür wird eine ganze Menge Geld ausgegeben. Ich gehe davon aus, dass in Zukunft sowohl die Transportleistung als auch der Inhalt bezahlt wird. UMTS wird durch neue multimediale Dienste und das Thema M-Commerce seine Rechtfertigung erhalten. Ich glaube daher an die Prognosen, dass 70 Prozent des E-Commerce mobil abgewickelt werden und UMTS sich entwickelt wie GSM.

Die Teilnehmer

Helmut an de Meulen, Geschäftsführer Materna Information & Communications

Yannis Christoforidis, Leiter Produktmanagement Mobilfunk, Talkline GmbH

Ernst Fischer, General Manager Business Development, Ericsson GmbH

Detlev Kostyra, Geschäftsführer Sonera Deutschland GmbH

Reinhold Stammeier, Geschäftsführer Bereich M-Commerce Andersen Consulting

Abb: Personalisiertes Infotainment macht den Löwenanteil künftiger UMTS-Dienste aus, deren Nachfrage ab dem Jahr 2005 signifikant ansteigen wird. Quelle: Telecompetition