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01.08.1997 - 

Mit Satellit und TV-Netz den Bonner Monopolisten austricksen

Schneller Surfen ohne hohe Telekom-Rechnung

Mit achtfacher ISDN-Geschwindigkeit surfen, ohne den achtfachen Preis zu bezahlen. Vor kurzem noch eine Utopie, haben zumindest Münchner Internet-Nutzer nun die Möglichkeit, dieses Versprechen in der Praxis zu prüfen. Die rund 389000 Haushalte und Unternehmen der Bayerischen Landesmetropole, die an das Fernsehkabelnetz angeschlossen sind, können nun über dieses Medium Internet-Daten mit Formel-1-Geschwindigkeit empfangen. Während die Telekom ihre ISDN-Verbindungen mit Übertragungsraten von 64 Kbit/s als Datenautobahn anpreist, liefert die Kabel & Medien Service GmbH (KMS), München, den Surfern die Daten via TV-Kanal mit Transferraten von bis zu 550 Kbit/s.

Damit ist München, von Pilotprojekten wie in Gelsenkirchen und Köln abgesehen, eine der ersten Städte, in der Surfer fast flächendeckend mit Hochgeschwindigkeit Daten aus dem Internet empfangen können. Statt wie bisher mit einem 28,8-Kbit/s-Modem eine Stunde auf einen Videoclip zu warten, hat der Empfänger die Videodaten in zwei Minuten auf seinem Rechner.

Um das Projekt Internet via Kabel schnell zu realisieren, griffen die Bayern zu einem Trick: Im Gegensatz zu den Pilotversuchen in Köln oder Gelsenkirchen, wo die TV-Netze unter hohem finanziellen Aufwand mit einem Rückkanal ausgerüstet werden, nutzen die Münchner das Telefonnetz für den Rücktransport der Daten. Auf diese Weise umgehen sie das Nadelöhr Telefon, indem sie die Daten vom Server zum Anwender (= downstream) via TV-Netz übertragen und nur die geringen Datenmengen, die vom Benutzer zum Server (= upstream) fließen, über das klassische TK-Netz transportieren.

"Statt zu lamentieren, wollten wir beweisen, daß bereits mit etablierten Technologien High-speed-Internet-Zugänge realisierbar sind", begründet Martin Bilger, Geschäftsführer der KMS, das Engagement des Kabelnetzbetreibers. Allerdings steht bei der KMS nicht nur die uneigennützige Demonstration der Möglichkeiten des TV-Breitbandnetzes im Vordergrund. Vielmehr will der Netzbetreiber mit Zusatzdiensten wie Internet-Zugang in Städten wie München, wo bereits elf Fernsehsender terrestrisch empfangbar sind, die Attraktivität seines TV-Netzes erhöhen.

Eine Möglichkeit hierzu sieht Bilger im Internet-Anschluß. Dazu haben die Münchner am Einspeisepunkt in das Kabel-TV-Netz ein Internet-Service-Center aufgebaut, das über einen Router mit einer 2-Mbit/s-Leitung an den Internet-Backbone des Service-Providers Internet Services (IS) angebunden ist.

Gleichzeitig ist, um Engpässe zu vermeiden, am Ort der Einspeisung ein Proxy-Server installiert. Zur Einspeisung in das TV-Netz verwendet die KMS einen Sieben-Megahertz-Fernsehkanal mit einer Übertragungskapazität von 5,5 Mbit/s. Der Kanal ist wiederum in zehn Subchannels unterteilt, so daß jeder Unterkanal eine Transferrate von 550 Kbit/s aufweist. Diese Kapazität, so die Einschätzung der KMS, sollte für 2000 bis 3000 User pro Kanal reichen.

Der Anwender benötigt für den Downstream ein Kabelmodem, das die KMS von der israelischen New Media Communication, einem Joint-venture mit der IBM, bezieht. Diese ISA-Karte mit Plug-and-Play-Funktion belegt einen Interrupt und einen DMA-Kanal. Während die Daten also mit 550 Kbit/s beim User eintreffen, braucht dieser für den Dialog mit dem Internet (beispielsweise Anklicken eines Hyperlinks) ein Modem oder eine ISDN-Karte für den Upstream. Die Installation dieser Kombination erfolgt mit einer beigelegten Installationsdiskette und richtet das System unter Windows 95 als DFÜ-Netzwerk ein.

Gänzlich ohne Telefonnetz kommt der Surfer aus, wenn er das Cybercity-Netz nutzt. Dieser Münchner Stadtinformationsdienst, der Informationen zu Biergärten, Kinoprogramm etc. liefert, ist als echte Push-Technologie konzipiert und benötigt deshalb nicht das Telefon als Rückkanal.

Data-Boardcast für geschlossene Nutzergruppe

Darin sieht Manager Bilger einen weiteren Vorteil seines Systems, "denn mit dem Data-Broadcast haben wir die Möglichkeit, Daten mit hoher Bandbreite schnell an eine geschlossene Nutzergruppe zu verteilen". Diese wird anhand der eindeutigen Hardware-ID des Kabelmodems definiert. So können Daten-Downloads zu bestimmten Zeitpunkten, on demand oder permanent an eine definierte Zielgruppe erfolgen. Mögliche Einsatzszenarien für Unternehmen sieht man bei der KMS in der elektronischen Verteilung von Schulungsvideos, Wartungsunterlagen, Aktienkursen oder Preislisten etc. Diesbezüglich sollen in München bereits Gespräche mit Dienstleistern wie Banken oder Freiberuflern laufen, die diese günstige Variante für die Punkt-zu-Multipunkt-Kommunikation testen möchten.

Angesichts dieser breiten Einsatzmöglichkeiten hegt die KMS bereits Expansionspläne: Gemeinsam mit Franchise-Partnern plant man die Einführung in anderen deutschen TV-Kabelnetzen. Allerdings ist dies, so Bilger, noch nicht das Ende der Entwicklung. Mit der Einführung des digitalen Kabelfernsehens ist auch der digitale Transfer angedacht. Mit der höheren Übertragungsrate von bis zu 53 Mbit/s wäre das System neunmal schneller als heute. Da die Technologie zudem den gängigen Standards für das Digital Video Broadcasting (DVB) entspricht, ist auch eine Integration des Internet-Dienstes in die sogenannten Set-top-Boxen möglich. Neben der digitalen Übertragung arbeiten die Münchner an einer Variante des Systems, die über die Astra-Fernsehsatelliten abgestrahlt werden soll.

Während die Münchner mit ihrem Satellitensystem erst in drei Monaten startbereit sind, bietet Hughes Olivetti Telecom (HOT), ein Joint-venture von Hughes Networks Systems und Olivetti Telecom, bereits heute mit Direc PC ein entsprechendes System an. Die Satellitenfunker nutzen hierzu den künstlichen Himmelstrabanten Eutelsat II F3. Über eine Satellitenschüssel kann der Anwender dann Internet-Daten mit einer Transferrate von über 400 Kbit/s empfangen.

Ähnlich wie beim Münchner Kabelverfahren benötigt der User auch hier eine Zusatzkarte, um die Satellitendaten zu bekommen. Der Rückkanal ist ebenfalls via Telefon realisiert. Wie die Münchner KMS betont auch die deutsche HOT-Niederlassung in Griesheim die Broadcast-Tauglichkeit des Systems und verweist auf professionelle Anwender wie Volkswagen oder General Motors, die die Push-Technologie dazu nutzen, um ihre weit verzweigten Händler und Niederlassungen mit neuesten Daten und multimedial aufbereiteten Informationen zu versorgen. Neben der Einzelplatzlösung Direc PC bieten die Satellitenexperten noch eine Netzedition für Novell-LANs an.

Unverständlich bleibt aber, warum HOT in Europa über 2000 Mark für das Kit, bestehend aus Satellitenantenne, Empfangskarte und Software verlangt, während das System in den USA bereits für unter 500 Dollar bei einer großen Computerkette erhältlich ist. Hier ist zumindest derzeit die Münchner TV-Kabel-Lösung die billigere Alternative: Der Anwender zahlt für den pauschalen Internet-Zugang 85 Mark im Monat plus 400 Mark für das Kabelmodem.

Anwender und Unternehmen, die keinen vollen Internet-Zugriff benötigen, sondern nur an den Newsgroups, also den Diskussionsforen des Internet, interessiert sind, werden bei der amerikanischen Firma Planet C fündig. Seit Jahresbeginn sendet diese die Inhalte der Diskussionsforen über den Himmelskörper Orion F1. Für eine Jahrespauschale von rund 600 Dollar kann der Abonnent die Newsgroups empfangen, ohne auf das TK-Netz als Rückkanal angewiesen zu sein. In der Online Store GmbH, Dietzenbach, haben die Amerikaner einen deutschen Distributor gefunden.

Andere Anbieter nutzen wiederum die Satelliten der Eutelsat- und Astra-Baureihe. Sie senden dem Anwender für eine relativ geringe Gebühr pro Monat ein festes Volumen an Daten aus dem Web. Zwar spart der Anwender hier ebenfalls die Telekom-Gebühren für den Rückkanal, doch er muß die eingegangene Datenmenge (üblich sind etwa 20 GB im Monat) selbst von Hand nach relevanten Daten durchsuchen.

Medienberichten zufolge steigt mit dem Chipproduzenten Intel im Herbst ein weiterer Player in das Internet-Satellitengeschäft ein. Gemeinsam mit der Astra-Betreibergesellschaft SES sollen Internet-Daten mit Übertragungsraten von bis zu 38 Mbit/s gesendet werden. Braucht Astra-Net anfangs noch ein Modem oder ISDN als Rückkanal, so ist für nächstes Jahr bereits eine Funkverbindung vom Surfer zum Satelliten geplant.

Weitere Informationen finden Sie im Internet beispielsweise unter den Adressen " http://www.hoteu.com", " http://www.onlinestore.de", " http://www.infostar.de" sowie " http://www.cablesurf.de".