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IT in Versicherungen/Sparten ade - jetzt kommen Kombi-Module


02.07.1999 - 

Schneller und preiswerter: Die R+V krempelt ihre Produktentwicklung um

Ein neues System ist bei der R+V Versicherung der Garant für die rasche Markteinführung und ein effizientes Management der Produkte. Die durchgängige informationstechnische Lösung basiert auf einer umgestalteten Software-Architektur, vorgefertigten Produktmodellen und leistungsfähigen Implementierungswerkzeugen. Frank Häßler* besuchte die Versicherung.

Auf rund 20 Millionen Mark inklusive aller Personal und IT-Kosten schätzt R+V-IT-Leiter Horst Müller das Investment. "Gut angelegtes Geld" meint er. Die Versicherung werde dann über eine Systembasis verfügen, die für mindestens acht bis zehn Jahre tragfähig sei. Sie werde das Unternehmen in die Lage versetzen, schneller, flexibler und effizienter zu reagieren. Zudem werde sich bald ein erheblicher Kostenvorteil ergeben. An einigen konkreten Beispielen habe die R+V errechnet, daß neu einzuführende Produkte in einem solchen Systemumfeld nur ein Zehntel der bisherigen Kosten verursachen werden.

Die Kernfunktionen der Lösung sollen ab Ende 2000 einsatzbereit sein. Doch bereits jetzt liegt die Struktur des R+V-Produktmodells vor, und auch das Zusammenspiel mit der darauf aufbauenden Angebots- und Vertragsverwaltung wurde schon anhand eines Prototyps erprobt.

Mit den traditionellen Informationssystemen ist der Wunsch von Kunden nach maßgeschneiderten Angeboten kaum mehr zu erfüllen. Es wird immer wichtiger, flexibel und schnell auf deren individuelle Bedürfnisse eingehen zu können. Junge Familien brauchen beispielsweise eine andere Ausprägung von Haftpflicht-, Hausrat-, Kfz- und Risiko- oder Kapitallebensversicherungen als Geschäftskunden. Sie hätten am liebsten, wenn all diese Policen in einem Dokument zusammengefaßt wären. Doch auch der mittelständische Unternehmer zeigt sich an Kombi-Angeboten interessiert. "Kundenorientierung, Differenzierung und Individualisierung der Angebote bei gleichzeitiger Bündelung der Verträge, das sind die heutigen Anforderungen", faßt Horst Müller, Abteilungsleiter Zentrale Anwendungen im Zentralressort Informationssysteme der R+V Versicherung in Wiesbaden, zusammen.

Wie bei vielen Unternehmen ist die DV-Landschaft auch bei der R+V historisch gewachsen und auf verschiedene Sparten ausgerichtet. So haben sich 19 separate Bestände entwickelt: mit unterschiedlichen Daten und Programmen, mit unterschiedlichen Produktdefinitionen, -strukturen und -abbildungen sowie eigener Bestandsverwaltung. Manchmal mußten sogar gleiche Produkte in verschiedenen Spartenbeständen mehrfach abgebildet werden. Das bedeutete einen hohen Programmieraufwand, schwierige Entwicklungsprozesse bei der Einführung neuer Produkte und unnötige Redundanzen bei der Speicherung und Verwaltung der Daten. "Deshalb entschlossen wir uns vor etwa anderthalb Jahren in einem völlig neuen Ansatz zum Aufbau eines spartenübergreifenden Produktsystems", sagt Müller. Es solle den gesamten Lebenszyklus eines Produkts DV-technisch begleiten und das Produkt-Management in allen Aspekten unterstützen. Darüber hinaus enthalte es das gesamte Wissen über die Produkte der R+V und werde allen Bereichen des Innen- und Außendienstes sowie den Call-Centern zur Verfügung stehen.

Definieren statt programmieren

Die Grundidee des neuen Produktsystems ist es, ein allgemeingültiges Modell zu entwickeln, das die Struktur, die Verknüpfungen, die Regeln und die Dokumente, die zu einem Produkt gehören, in allgemeiner Form beschreibt.

Diese Produktinformationen werden in einer gemeinsamen Datenbank abgelegt und allen Anwendungssystemen des Innen- und Außendienstes zur Verfügung gestellt. Damit schafft das System eine gemeinsame Basis, die es erlaubt, Informationen über bestehende Produkte abzurufen. Zudem entsteht ein Baukasten, aus dem heraus sich Produktkomponenten flexibel und bedarfsgerecht zusammenstellen lassen - letzteres sogar ohne Programmieraufwand. "Die Spezialisten der Fachabteilungen werden ihre Produkte über ein Definitionswerkzeug selbst entwickeln und pflegen können, ohne daß dazu der IT-Bereich eingeschaltet werden muß, erläutert Reinhard Klomfass, Projektleiter für die Einführung des Produktsystems, und Abteilungsleiter Müller ergänzt: "Wir denken dabei in Wochenfristen." Es dürfe nicht mehr - wie bei der herkömmlichen Programmierung - Monate dauern, bis ein neues Angebot auf den Markt kommt.

Bei der Realisierung des Produktsystems arbeitet die R+V mit dem Beratungs- und Softwarehaus Feilmeier & Junker (FJA), München, zusammen. Das Projektteam, das heute aus 25 IT- und Fachbereichsmitarbeitern besteht, mußte nach einer gründlichen Bestandsaufnahme der bei der R+V tangierten Systeme eine gemeinsame Sprache zwischen Fachabteilungen und dem IT-Bereich finden. Außerdem wurden die vorhandenen FJA-Produktmodelle für die Personen- und Sachversicherungen zu einem gemeinsamen Produktmodell für die R+V zusammengeführt und die notwendigen Software-Erweiterungen des FJA-Produktsystems vorgenommen. Dabei entstand ein spartenübergreifendes R+V-Produktmodell, das die fachliche Architektur der Produkte, die grundsätzliche Struktur der einzelnen Elemente und die Schnittstellen zu den angrenzenden Systemen beschreibt (siehe Abbildung "Produkt-Management").

Im Mittelpunkt stehen dabei die Module Produktentwicklung, -service und -controlling. Ausgehend vom Design der Produkte mit Hilfe des Produktentwicklungssystems (PES) werden die entstehenden Informationen auf die operative Ebene überführt und dort im Produktservicesystem (PSS) auf der Basis des R+V-Produktmodells mit allen Regeln und Abhängigkeiten beschrieben und abgelegt. Auch die konkreten Bündelungsmöglichkeiten und Kombinationen von Produkten und Produktkomponenten sind hier definiert.

Die Komponenten und Regeln stehen den Produktverantwortlichen aller Sparten zur Verfügung. Sie können auf vorhandene Bausteine zugreifen und neue Produkte modellieren. Deren Definition und Pflege erfolgen am Bildschirm über eine leicht zu handhabende grafische Oberfläche. Die im PSS definierten Komponenten und Regeln sind die Basis für die Steuerung der Angebots- und Vertragsverwaltung (AVV). Dieses System bietet eine am Geschäftsvorfall und am Produkt orientierte grafische Oberfläche für die komplette Bestandspflege: Neugeschäft, Änderung und Storno von Angeboten und Verträgen sowie deren Dokumentation, etwa Policierung und Briefe. Damit wird erreicht, daß zu den nach außen gerichteten Systemen, wie Inkasso, Vertrieb und Schaden, nur noch eine Schnittstelle existiert. Langfristiges Ziel der R+V ist, nur noch ein einziges Angebots- und Vertragsverwaltungssystem einzusetzen, das über verschiedenste Kommunikationswege von verschiedensten Anwendern genutzt werden kann - vom Sachbearbeiter im Innendienst über ein Client-Server- oder Intranet-System, vom Außendienstler über seinen PC-Client und gegebenenfalls sogar vom Kunden über das Internet. Daß das Zusammenspiel zwischen der im Produktsystem hinterlegten Produktlogik und den Bearbeitungsschritten im Verwaltungssystem reibungslos funktioniert, wurde anhand eines Prototyps bereits nachgewiesen.

Weitere Bausteine für das umfassende systemunterstützte Produkt-Management bei der R+V sind das schon existierende Data-Warehouse und das noch aufzubauende Produkt-Controlling-System (PCS). Dieses nimmt die als Teil des Produktsystems vom Markt und von den Kunden sozusagen zurückfließenden Ergebnisdaten auf, analysiert und interpretiert sie und stellt sie für die Produktentwicklung bereit.

Systemarchitektur

Wesentliches Element der Architektur ist die strikte Trennung von Präsentation, Anwendungskern und Datenhaltung (siehe: Abbildung "Anwendungsarchitektur"). Mit diesem Schichtenkonzept wird einerseits die benutzerorientierte Visualisierung und andererseits die systemtechnische Unabhängigkeit gefördert. So lassen sich beispielsweise die Anwendungsoberflächen gezielt nach den Kriterien der Benutzer gestalten, ohne daß dazu der in sich geschlossene Anwendungskern angefaßt werden muß.

Die Architektur wird mit Hilfe des von der Firma Sterling stammenden Case-Tools "Cool:Gen" implementiert. Damit lassen sich Datenbankstrukturen und Programme für unterschiedliche Systeme generieren.

Gross R und gross V

Die R+V Versicherung zählt in Deutschland rund sieben Millionen Kunden. Das macht etwa zwölf Millionen Verträge und ein Beitragsvolumen von mehr als neun Milliarden Mark. Das Unternehmen mit Sitz in Wiesbaden bietet das gesamte Spektrum an Versicherungsleistungen. Seine Kundschaft setzt sich vorwiegend aus Privatleuten und Mittelständlern zusammen. Im Verbund mit den Volks- und Raiffeisenbanken verfügt sie über ein Netz von nahezu 20000 Vertriebsstützpunkten. Hinzu kommen selbständige Agenturen und Vermittler.

Angeklickt

Flexibilität in der Software-Entwicklung bedeutet Modularität der Programme und Plattformunabhängigkeit. Das hat auch die R+V Versicherung, Wiesbaden, erkannt. Um den Wünschen ihrer Kunden nach maßgeschneiderten Produkten gerecht zu werden, stellt sie ihr Produktentwicklungssystem auf den Kopf. Weg heißt es von spartengebundenem Denken und Produzieren, hin zu kleineren fachlichen und damit unterstützenden softwaretechnischen Produkten. Diese Komponenten lassen sich kombinieren. Langwieriges Programmieren entfällt.

*Frank Häßler ist freier Fachjournalist in Schönaich.