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08.03.1996 - 

Multimedia/Pro Schule im Monat nur 100 Mark fuer Multimedia- Anwendungen

Schueler mit MM-PCs - Lehrer zu Buechernarren degradiert

Wohl selten klafften bei einer Recherche Realitaet, Anspruch, schoene Worte und Schoengeredetes weiter auseinander als bei der Recherche, wie es um die neuen Technologien im PC-Bereich und ihre Aufarbeitung in der Schule bestellt ist. Der altbekannte Nachsatz "..., fuer das Leben lernen wir" gilt sehr bedingt. Dabei geht es nicht nur um eine gute Ausbildung, sondern auch um die Zukunft des Industriestandorts Deutschland.

Bayern zaehlt sich zu den High-Tech-Laendern der Republik, Muenchen ist (neben Hamburg) heimliche Medienhauptstadt dieser Republik. Die Situation sei in anderen Bundeslaendern kaum anders, hiess es in Gespraechen mit etlichen Mediendidakten. Was die Kulturhoheit der Laender angeht, ist hier nur das suedlichste als Beispiel genommen. Zwar ist an bayerischen Schulen seit '88/89 die informationstechnische Grundausbildung verpflichtend eingefuehrt und - eigentlich - integraler Bestandteil der Lehrplaene fuer Haupt- , Real- und Wirtschaftsschulen, Gymnasien sowie Schulen fuer Behinderte und Kranke, doch bleibt die Frage, wie und ob diese loebliche Vorgabe in der alltaeglichen Schulrealitaet umgesetzt wird.

Ein kurzer Exkurs in die Welt politischer Erklaerungen verdeutlicht eine Misere. Die Statistiken und Erklaerungen in ihren offiziellen Lesarten klingen auf den ersten Blick begeisternd. So hatten laut "Gesamtkonzept fuer die informationstechnische Bildung in der Schule (Fortschreibung 1995)" des Bayerischen Kultusministeriums noch im Jahre 1984 rund 850 Schulen im Freistaat etwa 8500 Rechner zur Verfuegung. Diese Zahl stieg kraeftig auf 67000 Rechner in mehr als 3000 Schulen an. Multimedia "verbindet (laut Gesamtkonzept) den Einsatz klassischer Medien mit dem Computer und ermoeglicht durch Interaktion schuelergerechte Lernformen". Die Ampeln stehen auf Gruen fuer eine Ausbildung, die High-Tech unbelastet sieht und neue Techniken nutzt, um Schueler auf das Leben vorzubereiten. Zumal Informatikunterricht "wie kaum ein anderes Fach" vermag, "die Schuelerinnen und Schueler zu engagierter Mitarbeit und Genauigkeit, aber auch zu Zusammenarbeit und gegenseitiger Hilfsbereitschaft anzuhalten", heisst es dann weiter.

Soviel zu den Politikerworten, die zudem erwaehnen, dass unsere Wirtschaft modernste Techniken einbeziehen muesse, um international konkurrenzfaehig zu bleiben - und eine "informationstechnische Bildung Schuelerinnen und Schueler mit entsprechenden Interessen fuer Berufe mit guenstigen Anstellungschancen" motiviere.

Zur technischen Ausstattung der Schulen wird Client/Server im Gesamtkonzept empfohlen, und weiter heisst es zur Vernetzung, hier speziell zu "Btx": "Ein Anschluss aller Schulen erscheint jetzt bereits sinnvoll und wirtschaftlich vertretbar, da ein ausreichendes Informationsangebot speziell fuer den schulischen Bereich schon zur Verfuegung steht." Multimedia an sich wird hochgelobt, die Interaktion sei fuer Schueler unverzichtbar, jedoch werde gerade untersucht, ob die Schule ganz allgemein online gehen oder vor Ort mit Multimedia (CD-ROM) ausgestattet werden solle. Parallel zu diesen Ueberlegungen laeuft ein Modellvorhaben der Bund- Laender-Kommission (BLK) mit Namen "Semis" (Schulischer Einsatz multimedialer interaktiver Systeme).

Allerdings ist es die Praxis, an der sich Schule und Ausbildung messen lassen muessen. "Von der Quantitaet her besteht bei den bayerischen Schulen eine Vollausstattung fuer die Aufgaben, die sich die Schule gestellt hat", sagt Werner Liessel, Leiter der Zentralstelle fuer Computer im Unterricht in Augsburg.

In puncto Einsatz von Multimedia aber sehe die Sache schon anders aus. Fuer die Verarbeitung von Bild, Ton etc. gebe es zwar Hardware -, "aber nicht an den Schulen", so Liessel weiter, der in engem Kontakt zu den Paedagogen steht.

"Auch auf der Softwareseite existiere bislang nur verkappte Lernsoftware, die unter dem Schlagwort Multimedia neu verkauft wird." Hier handele es sich zumeist um aufgepepptes Klassisches mit ein paar Bildchen und dem neuen Verkaufsargument. Echte MM- Software fuer die Belange einer Schule muesse erst noch entwickelt werden. Vor allem am interaktiven Arbeiten und Entwickeln von eigenen Lernstrukturen waehrend des Einsatzes hapere es noch.

Gerne wird im Zusammenhang mit multimedialer Anwendung im allgemeinen das Internet zitiert. Auch hier seien echte Moeglichkeiten, die dieses Attribut verdienen, bislang nur hoechst selten aufgetaucht - und wenn, dann nur von auslaendischer Provenienz. Internet steht bei der Zentralstelle intensiv in der Erprobung, sei aber "kostenmaessig fuer die Schule nicht darstellbar", fuehrt Liessel aus. Die Haushalte der Schulen fuer den Sachbedarf seien in den letzten fuenf Jahren gut halbiert worden - und Ausgaben von mehr als 100 Mark (!) pro Schule (nicht: pro Schueler!) und Monat fuer einen solchen Zweck koenne kein Sachaufwandstraeger regelmaessig finanzieren. Im Schnitt besuchen 300 bis 500 Schueler eine Schule. Aber die Kommunen haben im Normalfall das fuer diesen Bereich notwendige Geld nicht.

Landgemeinden mit nur einem Vorzeige-Gymnasium und stolzem Landrat oder Buergermeister stehen noch etwas besser da als Staedte wie Muenchen mit einigen hundert Schulen. Der Zustand sei wirklich kritisch, meint der Leiter der Zentralstelle. Seine staatliche Behoerde bietet Schulen und Lehrern ein DFUE-Paket mit verbilligtem Modem und gesponsertem Telefonzugang an: Dieses sei im vergangenen Jahr gerade 600mal geordert worden. Der Anteil der Schulen liege deutlich unter 50 Prozent. Immerhin haben also mindestens 301 bayerische Lehrer im Jahre 1995 als Neueinsteiger dieses Angebot genutzt.

Online-Betrieb in irgendeiner Form sei fuer die Schulen schlicht nicht darstellbar, meint Liessel. Dabei seien die Angebote der Provider durchaus im akzeptablen Rahmen: Der DFN-Verein (Deutsches Forschungsnetz, Berlin) biete fuer Schulen mit 40 Stunden freier Nutzung und keinerlei Volumenbeschraenkung den Zugang fuer pauschale 50 Mark. Die Telekom indes sperre sich noch gegen eine Verguenstigung ihrer Tarife.

Bleibt "Multimedia per CD-ROM". Aber die Preise fuer eine gute Silberscheibe sind auch nicht schlecht - zumindest sprengen sie per Ladenpreis das monatliche Kommunalbudget ab CD-Kauf Nummer drei.

Ein Sponsoring durch die Industrie beschraenkt sich auf (wenige) zugkraeftige Einzelaktionen, zumeist in grossen Staedten - die Werbewirksamkeit verlangt nach Publikum. Dennoch werde Sponsoring durch Unternehmen dieser Branche von offizieller Seite "ohne Skrupel" und gerne angenommen.

Elternvereine bemuehen sich zwar redlich, aber auch sie koennen - vom Grundsatz her - nicht das Finanz- und erst recht nicht das paedagogische Problem loesen.

Die Bereitschaft der Lehrer, neue Techniken einzusetzen, scheint zwar latent vorhanden, jedoch muss die Realisierung im Einklang mit ueberzeugenden Beispielen fuer den paedagogischen Auftrag stehen. Hierzu heisst es auf Seite 27 des Gesamtkonzepts unter anderem: "Text, Grafik, Ton, Bild, Animation und Film werden in einem computergesteuerten System, das moderne Speichertechniken (zum Beispiel CD-ROM), aber auch klassische Speicherung (zum Beispiel Videorecorder) nutzen kann, miteinander verknuepft. Fuer den Einsatz in der Schule ist diese Interaktion durch die Schuelerinnen und Schueler unverzichtbar, wobei diese den Ablauf der Lernschritte aktiv beeinflussen und auch den Einsatz bestimmter Medien entsprechend ihrem Lerntypus selbst bestimmen koennen sollten... Aus didaktisch-methodischer Sicht darf dabei Multimedia nicht nur als Ersatz anderer Inhaltspraesentationen dienen, sondern muss den Unterrichtsstoff individueller, schneller, anschaulicher, deutlicher, umfassender, gezielter vermitteln helfen, jeweils gemessen an den herkoemmlichen Unterrichtsmethoden."

Dies mag so mancher Paedagoge durchaus verinnerlicht haben - indes, was nutzt alle Theorie, wenn die Praxis aufgrund von Geldknappheit scheitert.

Von der Unterrichtsthematik her mag es durchaus sein, dass klassische Materialien genuegen - aber der Umgang mit der neuen Technik, das strukturierte, teamorientierte Arbeiten und die Vermittlung moderner Arbeitshaltungen sind Anforderungen neueren Datums. Projektarbeit mit und an PC und Netz wird infolgedessen auch - theoretisch - gross geschrieben.

Doch hier ist noch sehr viel Vorarbeit zu leisten - und die Institution "Schule" auch selbst inhaltlich einer neuen Definition zu unterziehen.

Bleibt nur der Nachmittagsmarkt - sprich: die Privatversorgung der Schul-Kids und -Freaks sowie einzelner engagierter Lehrer mit den Quadro- und Octo-Speed-CD-Laufwerken und einem Netzanschluss. Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass private Haushalte ueber mehr Kapital verfuegen als die oeffentlichen Haushalte. Die Anbieter von entsprechenden Produkten haben klar erkannt, dass die Grosseltern ihren Enkeln so ziemlich alles kaufen, was auf dem PC- und MM-Markt zu haben ist.

Schule ist in einen Spagat geraten

Das Auseinanderdriften zwischen dem offiziellen Schulbereich und dieser Art der Befriedigung der Neugier auf neue Technik macht den Paedagogen Probleme. Die Schule scheint von ihrem Selbstverstaendnis her in einen Spagat zu geraten, der sie schier zerreisst.

So steht auf der einen Seite der klare Auftrag, auch die gesellschaftspolitischen Aspekte, Auswirkungen und Grenzen der Computerei und Technik dem Nachwuchs zu verdeutlichen:

- Mensch und Maschine,

- Zensur im Netz und

- Spielsucht,

das sind Thematiken, die abgehandelt werden muessen. Doch da hakt wohl das Engagement des besten Paedagogen aus, wenn er mit abgegriffener Papierkopie, Buechern und schlechten Manuals hoehere Werte vermitteln soll, waehrend nachmittags ueber den heissen Pentium die Real-time-Multimedia-Action laeuft.

*Horst-Joachim Hoffmann ist freier Journalist in Muenchen.

Kurz & buendig

Bald werden es zehn Jahre, dass im High-Tech-Land Bayern eine informationsstechnische Grundausbildung verpflichtend durchgefuehrt werden muss. Finanzstarke oder geschickte Schueler des Jahres 1996 indes ueberholen ihre zwar kenntnisreichen, aber geraetearmen Lehrer, denn das Budget der Schulen erlaubt nur geringfuegige Summen in High-Tech-Anwendungen, sprich Multimedia, zu investieren. So ergibt sich die paradoxe Situation, dass gelernte und engagierte Informatik-Didakten mit offizieller Lehrerlaubnis am Vormittag "graue Theorie" servieren muessen, waehrend sich die gut betuchten Herren Schueler am Nachmittag heisse Gameshows ueber Pentium-PCs mit Farbbildschirm und Internet-Anschluss zu Gemuete fuehren.