Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

25.10.1985 - 

Qualitätssicherung sollte als Projekthilfe und nicht als Last empfunden werden, Teil 2:

Schuldzuweisung hat meist nur Alibifunktion

Bei der Durchsetzung eines Qualitätssicherungs-Systems ist für alle Beteiligten eine genaue Aufgabenverteilung unerläßlich. Erst wenn alle Betroffenen die festgelegten QS-Maßnahmen als Selbstverständlichkeit betrachten, kann die Realisierung eines solchen Vorhabens als geglückt gelten. In seinem Vortrag anläßlich des von CW/CSE veranstalteten Software-Forums '85 berichtet Rudolf von Megen* über Erfahrungen bei der Einführung von QS-Systemen.

Daß die zentrale Qualitätssicherung unter anderem auch formale Kontrolle durchführen muß, ist insbesondere bei der analytischen QS erforderlich. Während bei der Konstruktion sehr schnell erkennbar ist, daß bestimmte Zwischen- oder Endergebnisse nicht vorhanden sind, ist die Nichtdurchführung einer bestimmten Teststufe (zum Beispiel Bausteintest) nach außen hin kaum erkennbar - außer wenn nachher der Aufwand für den Vorgangstest extrem steigt. Das Auslassen einzelner Schritte und Maßnahmen ist nicht unmittelbar erkennbar, daher ist für die analytische QS durchaus eine umfangreichere Kontrolle notwendig als bei der Konstruktion.

Durch die Einführung des Begriffs QS-System wird nun die Softwareentwicklung/-Wartung nicht "auf den Kopf gestellt". Eine Vielzahl von Dingen wird wie bisher getan, wenn vielleicht auch mit anderen Methoden, Verfahren oder Werkzeugen - zum Beispiel die Unterscheidung zwischen Testfallermittlung und Testdatenerstellung (siehe Abbildung 4). Bestimmte Aufgaben werden zu anderen Zeitpunkten durchgeführt. Testplanung erfolgt zum Beispiel am Anfang des Projekts, danach werden Testaufträge kontinuierlich erstellt. Aufgaben werden arbeitsteilig durch unterschiedliche Personengruppen erledigt: Die Fachabteilung ermittelt Testfälle für den Vorgangstest, Systemanalytiker/DV Organisatoren erstellen dafür Testdaten und führen den Test aus. Es werden also keine grundsätzlich neuen Dinge getan, aber die vorhandenen werden zumindest teilweise anders durchgeführt.

Die Empfehlungen zur Durchsetzung von QS-Systemen stellen einen Gesastkatalog möglicher Einzelschritte dar, die in Abhängigkeit von der jeweiligen Ausgangssituation innerhalb der Unternehmung von Bedeutung sind. Insgesamt sind folgende Aspekte wichtig (siehe Abbildung 3): Notwendigkeit für QS anhand von Kennzahlen, Schulung des QS-Systems, Auswahl von Pilotprojekten, Planung QS-Maßnahmen für Pilotprojekt, Schulung von einzelnen QS-Maßnahmen, Betreuung/Beratung bei der Anwendung von QS-Maßnahmen sowie Prüfen der Einhaltung der geplanten QS-Maßnahmen und der Wirksamkeit.

Derjenige, der Qualitätssicherung innerhalb seines Bereichs oder der Unternehmung durchsetzen will, muß die Notwendigkeit dafür nachweisen. Dies kann unter anderem durch Kennzahlen zur derzeitigen Situation erfolgen; Beispiele hierfür sind: das Verhältnis der Aufwendungen für Softwarewartung und -neuentwicklung, der Anteil der Fehler, die in "späten" Phasen des Softwarelebenszyklus gefunden werden, aber ihre Ursache in den Vorgaben (Anforderungen, fachlicher Entwurf) haben; Nutzen zusätzlicher Aktivitäten in "frühen" Phasen der Entwicklung beziehungsweise zusätzlicher Aufwand in den "späten" Phasen der Entwicklung; organisatorische Einbettung und Arbeitsteilung für die QS-Aufgaben. Anhand derartiger Kennzahlen fällt es leicht, die Notwendigkeit zur Durchführung von QS-Maßnahmen zu begründen.

Zur Bewältigung der einzelnen Aufgaben sind dann die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen. Hat die zentrale Qualitätssicherung die Aufgabe zur Mitwirkung in den Projekten - zum Beispiel beim Erstellen des Testplans - , so muß die entsprechende Kapazität hierfür zur Verfügung stehen. Als Schulung des QS-Systems reicht eine Kurzveranstaltung für alle Mitarbeiter aus; in dieser Kurzveranstaltung sollte ein Überblick über das QS-System in der jeweiligen Unternehmung/Institution gegeben werden.

Es hat keinen Zweck, eine umfangreiche Schulung aller Komponenten des QS-Systems für alle Mitarbeiter davon durchzuführen. Eine dann notwendigerweise mehrtägige Veranstaltung wäre ineffizient, da kaum alle Mitarbeiter alle Maßnahmen benötigen; vor der konkreten Anwendung ist aber sowieso die Schulung der jeweiligen Einzelmaßnahmen erforderlich. Eine Info-Veranstaltung zum gesamten QS-System sollte etwa einen halben Tag dauern.

Die Einführung des QS-Systems sollte zunächst in Pilotprojekten erfolgen. Bei der Auswahl der Pilotprojekte sind unter anderen Zusammensetzung des Projektteams, Motivation der Mitarbeiter sowie Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem zu berücksichtigen. Darüber hinaus sollte das Pilotprojekt ein hinsichtlich Dauer und Aufwand durch schnittliches Projekt sein; dadurch wird sichergestellt, daß die Ergebnisse mehr oder weniger repräsentativ sind.

Die Planung der QS-Maßnahmen für das Pilotprojekt ist unbedingt notwendig, um von vornherein sicherzustellen, daß mit den Dingen begonnen wird, die aktuell Probleme machen und insofern "auf den Nägeln brennen". Diese Planung sollte in Zusammenarbeit der zentralen Qualitätssicherung mit der Projektleitung erfolgen. Als besonders effektive QS-Maßnahmen haben sich die Durchführung strukturierter Gruppengespräche zum Testen von Dokumenten, Prototyping zum Testen des Maskenaufbaus, der Maskenwortwahl bei Dialogsystemen, frühzeitige Testfallermittlung für den fachlichen Test sowie automatisierter Soll-Ist-Vergleich von Testergebnissen bei Wiederholung von Testläufen herausgestellt.

Aus Gründen der Akzeptanz sollte man nicht mit QS-Maßnahmen anfangen, die wenig sichtbaren beziehungsweise nur langfristigen Erfolg zeigen. Langfristig bedeutet hierbei: der Erfolg wird nicht innerhalb des Projekts deutlich. Die Schulung von einzelnen QS-Maßnahmen sollte generell bedarfsgerecht und zielgruppenbezogen dann erfolgen, wenn die entsprechenden Aufgaben durchzuführen sind.

Die Schulung von Einzelmaßnahmen ist unmittelbar dann erforderlich, wenn die entsprechenden QS-Maßnahmen von den Beteiligten anzuwenden sind, nur die nach der Schulung folgende direkte Anwendung der Maßnahmen in der Tagesarbeit stellt sicher, daß der Schulungszweck nachhaltig erreicht wird. Es hat sich als sinnvoll erwiesen, projektbezogene Beispiele in die entsprechende Schulung einzubeziehen. Dauer der Schulung sowie Teilnehmerkreis sind abhängig von der jeweiligen QS-Maßnahme.

Die Betreuung beziehungsweise Beratung bei der Durchführung von QS-Maßnahmen ist dringend zu empfehlen, damit die bei der praktischen Arbeit auftretenden Probleme unmittelbar behoben werden. Man sollte nicht von den Entwicklern erwarten, daß das Neue "wie von selbst geht". Ob es sich beim Testen von Dokumenten darum handelt, ein Einladungsschreiben für ein strukturiertes Gruppengespräch zu erstellen oder das Vorbereitungsgespräch zu führen, es tauchen immer wieder Fragen auf. Diese müssen beantwortet werden, um den Erfolg der jeweiligen QS-Maßnahmen und die positive Meinungsbildung- innerhalb des Kollegenkreises zu der QS-Maßnahme sicherzustellen.

Nichts ist schlechter für die QS, als daß bestimmte Maßnahmen nicht mehr durchgeführt werden und dies ausschließlich durch nichtpassende Randbedingungen begründet ist. Die Betreuung und Beratung erfolgt normalerweise durch die zentrale QS sofern es die Größe des Projekts erforderlich macht, kann die Funktion auch durch einen entsprechend ausgebildeten projektspezifischen Qualitätssicherer wahrgenommen werden.

Der Umfang und Gegenstand der Beratung ist abhängig von der Art des Projekts: Bei der erstmaligen Anwendung für jeden Mitarbeiter ist eine intensive Betreuung notwendig, um sowohl die Methodik als auch die Umsetzung auf die Aufgabenstellung sicherzustellen. Sobald die QS-Maßnahmen mindestens einmal von jedem Mitarbeiter angesetzt worden sind, muß die Beratung primär auf die Umsetzung der Methodik hinsichtlich der Aufgabenstellung ausgerichtet werden. Es ist also die Frage zu stellen, ob die Maßnahme für die Aufgabenstellung richtig angewendet wird.

Dementsprechend ist die Intensität der Beratung bei der erstmaligen Anwendung höher; dieses Training-on-the-Job zahlt sich aber aus. Danach kann normalerweise eine sporadische Betreuung erfolgen, die auch im Zusammenhang mit der Prüfung der Einhaltung gegeben ist. Die Prüfung der Einhaltung der geplanten QS-Maßnahmen ist in zweierlei Hinsicht notwendig: Es muß zum einen sichergestellt werden, daß alle Projektbeteiligten die geplanten QS-Maßnahmen anwenden; anderenfalls ist das Ergebnis in Frage gestellt. Dies gilt insbesondere für die Pilotprojekte. Zudem sind aber auch die Projektverantwortlichen zu kontrollieren, ob die geplanten und in einem entsprechenden QS- oder Testplan festgeschriebenen Maßnahmen auch durchgeführt worden sind.

Management muß QS-Nutzen verdeutlichen

Durch das Prüfen der Wirksamkeit der durchgeführten QS-Maßnahmen muß der Nutzen sichtbar gemacht werden, und zwar einerseits gegenüber dem Management und andererseits für den einzelnen Entwickler selber. Es muß zum Beispiel deutlich werden, daß möglicherweise Verschiebungen des Entwicklungsaufwands von späteren Phasen auf frühere Phasen gegeben sind, aber die entsprechenden Einsparungen in späteren Phasen normalerweise die Aufwendungen in früheren Phasen überwiegen.

Darüber hinaus muß versucht werden, die positiven Auswirkungen hinsichtlich der Qualitätsverbesserungen soweit wie möglich zu quantifizieren, eine einzige Aussage der Entwicklungsmannschaft - zum Beispiel: "Wir haben damit Fehler gefunden, die sonst vielfach erst beim Abnahmetest aufgedeckt wurden" - ist die beste Hilfe, das QS-System zu "vermarkten". Anhand dieser Kenngrößen ist dann auch die Rechtfertigung gegenüber dem Management gegeben, daß nun zum Beispiel eine separate Stelle "zentrale Qualitätssicherung", die ja zunächst einmal als unproduktiver Overhead erscheinen mag, durchaus gerechtfertigt ist.

Einführung und Durchsetzung von QS-Maßnahmen sind - zumindest teilweise - "zwei Paar Schuhe". Es ist nicht damit getan, ein QS-System vorzustellen und zur Anwendung vorzuschreiben; die Meinung, daß sich nun alle um das neue Instrument reißen würden, ist meist verfehlt. Vielmehr beginnt nach der Präsentation die eigentliche Arbeit, die Durchsetzung .

Die Durchsetzung umfaßt das Sicherstellen der konsequenten

Anwendung des QS-Systems in den Projekten; dabei bedeutet dies noch nicht, daß in allen Projekten immer die gleichen QS-Maßnahmen angewendet werden müssen; vielmehr ist die Frage, was wann anzuwenden ist, im Rahmen der QS-Planung zu bestimmen. Unbedingte Voraussetzung für die Durchsetzung des QS-Systems; sind:

Das Management muß als Meinungsträger für die QS-Maßnahmen wirken. Von den Projektverantwortlichen ist das Bewußtsein für die Notwendigkeit der QS-Maßnahmen sowie die Aufgeschlossenheit für neue Vorgehensweisen und Methoden zu erwarten. Es muß unter anderem folgendes bewußt sein:

- QS zum Nulltarif ist nicht möglich, das heißt, wer mehr erreichen will als bisher, muß nicht notwendigerweise mehr tun, aber zumindest in Teilbereichen einiges anders machen.

- Die Planung der QS-Maßnahmen ist unter Nutzen-Kosten-Aspekten sowie unter dem Gesichtspunkt der grundsätzlichen Möglichkeit, neue Dinge einzuführen, mit Bedacht vorzunehmen.

- Projektverantwortliche müssen einerseits selber bei der Prüfung der Einhaltung der QS-Maßnahmen mit wirken; andererseits müssen sie sich eine Prüfung hinsichtlich der Einhaltung von Planvorgaben auferlegen, aber dies ist ja nichts Neues bei der Projektleitung, nur mit der Ausnahme, daß nun nicht ausschließlich die Kosten- und Zeitfrage geprüft wird sondern auch die Frage der Qualität,

Zu viele Änderungen sind kaum durchsetzbar

Die organisatorische Einbettung des QS-Systems, das heißt die methodische Abstimmung mit der vorhandenen

Entwicklungsumgebung, ist eine unbedingte Notwendigkeit. Es ist kaum sinnvoll, zu versuchen, ein beliebiges QS-Modell auf den eigenen Anwendungsbereich zu übertragen. Vielmehr ist die mit der methodischen Abstimmung verbundene Festlegung einer sinnvollen Reihenfolge zur Einführung unterschiedlicher QS-Maßnahmen im Sinne eines Stufenplans unbedingt erforderlich. Zu viele Änderungen auf einmal sind kaum durchsetzbar. Um die organisatorische Einbettung sinnvoll durchführen zu können, muß eine zentrale Stelle für die Koordination zuständig sein. Dies ist im Idealfall eine separate Stelle "zentrale QS". Unter Berücksichtigung dieser Teilaspekte die Durchsetzung des QS-Systems und damit das Sicherstellen der Anwendung im Tagesgeschäft großen Probleme mehr verursachen.

*Rudolf van Megen ist Geschäftsführer der SQS GmbH, Köln.

Der Beitrag basiert auf einem Vortrag, der anläßlich des von CW-CSE veranstalteten Software-Forums '85 gehalten wurde. Die vollständigen Proceedings sind zum Preis von 110 Mark bei CW-Edition, Herzogstraße 39, 8000 München 40, erhältlich.