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03.11.1995

Schulinformatik: Stiefkind oder Wissenspool fuer morgen

Waehrend sich die Gesellschaft computerisiert, um fuer das kommende IT-Zeitalter fit zu sein, scheint sich das seit etwa zehn Jahren eigenstaendige Schulfach Informatik wieder aus den Lehrplaenen zu verabschieden. Auf der 6. GI-Fachtagung Informatik und Schule in Chemnitz beklagte man das drohende sang- und klanglose Verschwinden der Disziplin aus den bundesdeutschen Schulen.

Die Schule der Gegenwart muss sich tuechtig strecken, wenn sie fuer die Zukunft aktuell sein will, mahnen Insider und meinen damit vor allem den Informatikunterricht. Vor etwa zehn Jahren als selbstaendige Disziplin eingefuehrt, soll das Fach nun aus den Schulen verdraengt werden. Und das, so Juergen Burkert vom Hessischen Institut fuer Bildungsforschung und Schulausbildung, Wiesbaden, obwohl die Nutzung von Computern im Alltag zunimmt.

Das sei jedoch auch ein Grund, warum dem Fach Informatik der Reiz des Neuen und Unbekannten verlorengegangen sei und es keine Anziehungskraft mehr fuer Schueler und Computerfreaks habe.

Die Schule von morgen sehe den Rechner integriert in ein "Netz von Datenkanaelen, Datenbanken und Informationssystemen, ueber die das Wissen und die Kommunikation mit der Welt ablaeuft". Der herkoemmliche Informatikunterrricht - ein Kind der 70er Jahre - sei fuer diese Zukunft wenig geeignet, sagte Burkert auf der 6. Fachtagung der Gesellschaft fuer Informatik (GI) e.V., die vom 25. bis 28. September dieses Jahres in Chemnitz stattfand.

Die schulische Realitaet und das Wissen der meist autodidaktisch gebildeten Lehrkraefte wuerden den Erwartungen der Nutzer nicht gerecht. Noch immer bestimmten die GI-Empfehlungen aus dem Jahre 1975 "mit ihren algorithmischen Verfahren" den heutigen Unterricht - vor allem in der gymnasialen Oberstufe.

Der Zwang zum Sparen "bei Laendern und Behoerden "fuehrt zur Re- Reform": Zugunsten der traditionellen Hauptfaecher sollen "Nischenfaecher wie die Informatik" auf der Strecke bleiben. In diese Richtung gingen auch die Bestrebungen der Kultusministerkonferenz. Angesichts leerer Kassen und fehlender Lehrkraefte unterstuetze sie diesen Trend, um "ueberfluessigen Ballast abzuwerfen, der nur Geld kostet". Damit sei der Untergang des Lehrfachs besiegelt.

Ganz so verfahren sei die Situation jedoch nicht, ist Sigrid Schubert von der Technischen Universitaet Chemnitz-Zwickau optimistisch. Seit 1976 kuemmere sich die GI um die Informatikausbildung in den Schulen. Der Unterricht sei heute anspruchsvoller geworden. Waehrend in der Abiturstufe Kenntnisse von Algorithmen und Datenstrukturen vermittelt wuerden, befassten sich die zehnklassigen Schulen mit informationstechnischen Grundlagen (ITG). Allerdings, schraenkt die Wissenschaftlerin ein, sei in den letzten 35 Jahren eine "Kluft zwischen der Entwicklung der Informatik und ihrer Lehrdisziplin" entstanden. Die Wissenschaft habe sich in die Bereiche Kerninformatik (theoretische, praktische, technische Segmente) und angewandte Informatik aufgeteilt; fuer die schulische Ausbildung fehle diese Struktur.

Das fuehre zu Unklarheiten an den verschieden Schulen, Universitaeten und in der Berufsausbildung. Man koenne nicht, wie in anderen Unterrichtsfaechern, auf einem gemeinsamen Fundament aufbauen.

Eine Loesung des Problems sei laut Frau Schubert eine Arbeitsteilung: Endlich "weg von der traditionellen Programmierung klein in klein" - eine bisher falsch verstandene Informatik, meint sie -, und hin zu zukunftstraechtigen Themen wie Netzwerke, Multimedia, Telekommunikation, Datenbanken etc. Das Schreiben von Befehlen und Routinen sei "nur eine Methode zur Loesung dieser Aufgaben".

Eine Frage des Geldes

Auf die Informatik als eigenstaendiges Schulfach will auch Peter Leibner von der Siemens AG, Muenchen, nicht verzichten. Die Frage sei nur, wie man die Schwerpunkte "am sinnvollsten umsetzen kann". Die Ausbildung muesse in den normalen Lehrplan integriert werden. Auch eine Frage des Geldes, ueber das die meisten Schulen nicht verfuegten:

"Hard- und Software sind einem staendigen Wandel unterworfen", so der Muenchner.

Neben Kosten fuer die Geraete wuerden die Ausgaben fuer Programme und Tools staendig steigen - meist erst durch erforderliche Updates und Wartung der Betriebssysteme und Standdardloesungen zu bemerken. Hinzu komme der von den Softwareherstellern auch aus wirtschaftlichen Interessen gefoerderte Wechsel der Versionen. Das erfordere ein staendiges Umlernen vom Nutzer. Damit werde "weder fuer die Schule noch fuer das Leben gelernt", meint Leibner. Ein Grund, derartige Systeme fuer den Informatikunterricht nicht zu nutzen.

Ein Beispiel fuer die praxisnahe Ausbildung, bei der das haeufige Umstellen auf neue Hard- und Software keine Rolle spiele, seien die lizenzfreien PC-Betriebssysteme "Linux" und "Free-Bsd".

Beide Unix-Clones mit diversen Anwendungen (auf drei CDs angeboten) inklusive Handbuch vertreibe die Deutsche Linux Distribution fuer etwa 100 Mark. Allerdings koenne die Software auch aus dem Internet ueber "Anonymous-Ftp" kopiert werden.

Mit der Installation des Systems auf dem PC wuerden die Schueler gleichzeitig den Aufbau des Rechners kennenlernen: "Der beste Weg, sich mit der Architektur vertraut zu machen."

Frerk Meyer von der Abteilung Paedagogik und Informatik der Humboldt-Universitaet zu Berlin kann dem nur zustimmen. Inzwischen gebe es Portierungen der Clones und neue Programme auch fuer die meisten anderen Systeme: "Erstmals koennen damit Unix-Rechner, Windows-PCs sowie Apple-Maschinen gemeinsam in einem School-Wide- Web (SWW) eingesetzt werden."

Das neue schulinterne, lokale Netz soll Lehrern und Schuelern als Unterrichts-Tool dienen und sie auf die kuenftige Teilnahme am WWW vorbereiten.

Der Aufbau eines SWW koenne mit geringen Mitteln finanziert werden, so der Berliner, da auch aeltere Computer als Terminals einsetzbar seien.

Vernetzt wuerde das Ganze ueber "einfache Ethernet-Karten, die es fuer etwa 60 Mark im Handel gibt". Die TCP/IP-Software sei als Shareware vom Hersteller zu bekommen. Als "Postserver fuer das offene Schulnetz" haetten sich die Unix-Derivate als stabil und leistungsfaehig erwiesen.

Dennoch: Eine zeitgemaesse Informatiklehre finde an den meisten deutschen Schulen immer noch nicht statt, hiess es in Chemnitz. Bei der Weiterbildung des Lehrpersonals halte man wenig von Innovation: Beispielsweise wuerden sich etwa 80 Prozent aller Kurse in den alten Laendern mit dem Schreiben von Pascal-Programmen beschaeftigen, so Steffen Friedrich von der Fakultaet Lehrerausbildung Informatik der Technischen Universitaet Dresden.

Angesichts solcher Maengel sei Sachsen andere Wege gegangen als sein Partnerland Baden-Wuerttemberg. Waehrend man dort die Informatik in den Mathematikunterricht integriert habe, sei sie an den saechsichen Mittelschulen (ab der neunten Klasse) ein selbstaendiges Fach. An der TU Dresden gebe es die Wissenschaft seit etwa drei Jahren auch in der Lehrerausbildung; das IT-Studium ende mit dem Staatsexamen.

Dank dem foederativen Bildungssystem stehen die Ostdeutschen damit vorerst allein auf weiter Flur. An eine fuer alle Bundeslaender einheitlich geltende Informatikausbildung ist derzeit wohl kaum zu denken, so einige Teilnehmer auf der Tagung.

Auch in Mecklenburg-Vorpommern versucht man, dem Dilemma in der Schulinformatik zu entkommen und den Jugendlichen das "Schauen hinter die Kulissen der IuK-Systeme" zu vermitteln. Ein hartes Brot "fuer das aermste aller 16 Bundeslaender", meint Gabriele Lehmann vom Landesinstitut fuer Schulausbildung.

Laut einer Umfrage ueber den Einsatz von Notebooks im Unterricht haben bereits jetzt viele Schueler der fuenften und sechsten Klassen modernere Computer nebst Software zu Hause, als in Grund- und Realschulen zur Verfuegung stehen. Eine "fuer uns toedliche Situation", so die Schwerinerin. IT-Grundkenntnisse nebst Texterfassung wuerden meist erst ab der siebten Klasse vermittelt - zu spaet und nicht ausreichend.

Ausbildung verbessern

Nicht wenige Schueler koennten in diesem Alter bereits besser mit dem Rechner und der neuesten Windows-Version umgehen als der Fachlehrer. Ein Zeichen, dass die Schulinformatik nicht erst in der Abiturklasse ein Thema sein duerfte.

Schon gar nicht im Fach Mathematik. Fast alles in dieser Wissenschaft sei Sprache, "wenn auch vorwiegend kuenstlich", sagt Volker Claus von der Stuttgarter Universitaet. Etwas in kuenstliche Sprache zu uebersetzen gehoere heute zum Informatikstudium genauso wie das Verstaendnis fuer Organisation, Planung, Ablaeufe sowie die Simulation von Vorgaengen in der Natur, ohne die eine moderne Welt nicht auskommt.