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Schöne neue Arbeitswelt


26.02.1999 - 

Schwerer Abschied von der Fiktion der Vollbeschäftigung

Statt neue Arbeitsformen wie Scheinselbständigkeit oder Zeitarbeit zu bekämpfen, sollte der Staat entsprechende Rahmenbedingungen schaffen. Auch Freiräume müssen kalkulierbar sein, fordert Ulrich Beck. Im Auftrag der CW besuchte AngelikaF ritsche den renommierten Soziologen in London.

CW: Wird die Informationsgesellschaft tatsächlich neue Arbeitsplätze in Hülle und Fülle schaffen?

Beck: Diese Euphorie beruht auf Analogien zum 19. Jahrhundert: Bei der Ablösung der Agrar- durch die Industriegesellschaft entstand ein enormer Zuwachs an neuen, zum Teil hochqualifizierten Beschäftigungsverhältnissen. Dasselbe erwartet man heute. Ich glaube allerdings, daß diese Analogie trügerisch ist.

CW: Warum bleiben die prophezeiten Jobs aus?

Beck: In den hochentwickelten Ländern gibt es einen enormen Zuwachs an prekärer Arbeit. Das sind bunte Beschäftigungsformen wie Scheinselbständigkeit, Zeitarbeit und Teilzeit. Das in den letzten 20 Jahren geschrumpfte Arbeitsvolumen macht sich fest an zunehmender Freizeit, abnehmender Tagesarbeitszeit und wachsender Produktivität der Arbeit.

In den USA beispielsweise ist die Produktivität in den vergangenen Jahren stetig gestiegen, während die Einkommen stagnierten oder fielen. Im niedrigproduktiven Wirtschaftsbereich, wo die meisten neuen Jobs geschaffen wurden, sind die Einkommen gefallen. Der durchschnittliche Wochenverdienst von acht Prozent der erwerbstätigen Amerikaner ist zwischen 1973 und 1995 von 315 auf 258 Dollar gesunken.

CW: Dabei werden die USA von den Anhängern flexibler Arbeitsverhältnisse immer als das Vorbild für Europa genannt, weil dort das Jobwunder mit Millionen neuer Arbeitsplätze möglich war.

Beck: Bei dem Verweis auf die USA und Großbritannien wird nicht unterschieden zwischen der Vollbeschäftigung mit Vertragssicherheit und den neuen fragilen, temporären Beschäftigungsverhältnissen. In den USA und Großbritannien sind inzwischen knapp die Hälfte der Beschäftigten dieser Rubrik zuzuordnen. In Deutschland sind es knapp ein Drittel mit einer enormen Steigerungsrate: Seit den 70er Jahren hat sich diese Zahl verdreifacht. Wenn diese Entwicklung weitergeht, werden in zehn bis 15 Jahren gut die Hälfte in diesen bunten Beschäftigungskategorien untergebracht sein.

CW: Warum hängen deutsche Politiker dann immer noch der "Fiktion der Vollbeschäftigung" - so Ihre Kritik - nach?

Beck: Vollbeschäftigung ist eine der zentralen Zombie-Kategorien unserer Zeit. Obwohl diese Kategorie nicht mehr trägt, beherrscht sie unser Denken.

Insbesondere die Arbeiterparteien, die jetzt in Europa das Sagen haben, sind stark auf Vollbeschäftigung fixiert und stufen den Aufbruch aus der alten Arbeitswelt als schon fast kriminell ein.

CW: Was steht dem Aufbruch in die neue Arbeitswelt entgegen?

Beck: Es gibt zwar viele Modelle und Ideen, wie man den Sozialstaat reformieren und dabei die soziale Sicherheit teilweise von einem festen, dauerhaften Beschäftigungsverhältnis abkoppeln könnte. Doch die Politiker trauen sich nicht daran. Für unser Denken ist Arbeit der Schlüssel zur sozialen Kontrolle. Wenn Menschen Arbeit haben, so die Wertvorstellung, werden sie nicht kriminell oder drogenabhängig. Das ist paradox, weil imh istorischen Bogen genau das umgekehrte Prinzip galt: In der Antike definierte sich Freiheit durch frei sein von Arbeit. Wer arbeiten mußte, stand außerhalb der Gesellschaft. Es hat die ganze Geschichte gebraucht, um die jetzige Werthaltung zu einer scheinbar anthropologischen Selbstverständlichkeit und Sicherheit zu erheben.

CW: Dennoch: Die Ängste der Menschen sind real. Wer seine Arbeit verliert, fällt immer noch ins gesellschaftliche Abseits. Was muß sich ändern?

Beck: Der erste Schritt wäre die Anerkennung der prekären Arbeit.

Wir müssen akzeptieren, daß diese Entwicklung auch Chancen bereithält: Arbeitsmangel verwandelt sich in Zeitwohlstand, der es einem erlaubt, sich der Familie, Politik oder anderen Interessen zu widmen. Der zweite Schritt wäre ein neuer rechtlicher Rahmen. In Holland zum Beispiel werden soziale Sicherheiten wie Kranken- und Rentenversicherung teilweise von der Erwerbsarbeit abgekoppelt. Gleichzeitig wäre es notwendig, wie in Frankreich Vertragsformen anzubieten, die nicht nur den Betrieben die Möglichkeit bietet, Mitarbeiter je nach Arbeitsaufkommen einzusetzen, sondern eine solche Flexibilität auch den Beschäftigten einräumt.

CW: Warum sollen sich die Unternehmen auf individuelle Bedürfnisse von Arbeitnehmern in einer bestimmten Region einlassen, wenn sie ihre Arbeitskräfte doch weltweit rekrutieren können?

Beck: Diese Drohgebärde der Globalisierung ist eine realistische Strategie, die man ernst nehmen muß, aber sie gilt nur in den niedrigqualifizierten Bereichen. Die Unternehmen müssen an einer Übereinkunft mit den Beschäftigten und deren Bedürfnissen interessiert sein, um stabil kalkulieren zu können. Das hängt nicht zuletzt mit der Stabilität der Demokratie zusammen. Denn Demokratie kann nur funktionieren, wenn die Menschen eine sichere Grundlage haben und ihr Leben für sie kalkulierbar ist.

CW: Welche Rolle spielt die Informationstechnologie in der neuen Arbeitswelt?

Beck: Gerade die High-Tech-Entwicklung stellt die Betriebe vor eine neue Paradoxie: Einerseits hat sie eine enorme Produktivitätssteigerung und ungeahnte Automatisierungspotentiale zur Folge. Andererseits sind die Informationstechnologien von der Kreativität des Menschen abhängig, und zwar in einer Weise, die es vorher so nicht gab. Denn die neuen Produkte und Märkte entstammen der Phantasie kreativer Köpfe. Auch wenn sie austauschbar sind, haben sie eine große Marktmacht.

CW: Müssen sich die IT-Leute und Wissensarbeiter also keine Sorgen um ihre Zukunft machen?

Beck: Wissen erzeugt neue Produkte, Wissensarbeiter sind gefragte Leute. Gleichzeitig kann man heute schon sehen, daß sich der IT-Bereich spalten wird. Während für eine Masse relativ Unqualifizierter Routinetätigkeiten übrigbleiben, werden einige wenige kreative Köpfe benötigt, die immer neue Produkte und Dienstleistungen entwickeln. Nur diese Leute werden auch relativ viel Geld verdienen. Allerdings sind auch deren Positionen keineswegs so sicher, wie sie immer glauben, denn sie befinden sich in einer großen Abhängigkeit.

CW: Worin liegt die Gefahr?

Beck: Häufig unterschätzen diese Kreativen ihre Unfähigkeit, das Spiel zu durchschauen, das andere mit ihnen spielen. Gerade die jungen Informations- und Kommunikationsarbeiter lassen sich fürd ie Rhetorik des selbsttätigen unternehmerischen Individualismus begeistern. Sie liefern sich dem freien Spiel der Marktkräfte aus, ohne Netz und Boden unter den Füßen zu haben. Das zeigt sich etwa in ihrem äußerst geringen gewerkschaftlichen Organisationsgrad. Solche Institutionen sind gerade dafür da, Bedingungen auszuhandeln und Standards zu setzen, die den einzelnen überfordern würden. Es wird in Zukunft darum gehen, inwieweit die IT von solchen Strukturen prinzipiell Abschied nimmt oder in einer anderen, möglichst transnationalen Form, Minimalstandards für das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und -nehmern setzt.

Der Risikoforscher

Der Soziologe Ulrich Beck, Jahrgang 1944, ist in zwei europäischenMetropolen zuhause: Er hat einen Lehrstuhl an der London School of Economics, wo einst Lord Ralf Dahrendorf Direktor war, und an der Universität München. Wie kaum ein anderer deutscher Soziologe sucht Beck den Dialog mit der breiten Öffentlichkeit und den Medien. Er hält nichts davon, seine Ideen im Elfenbeinturma uszubrüten. Darin ist Beck typisch "angelsächsisch". Mit seinem Begriff der "Risikogesellschaft" hat der vielgereiste Wissenschaftler seit Mitte der 80er Jahre die Debatte über Zukunftsfragen von Politik und Wirtschaft entscheidend geprägt. In seinem neuesten Buch "Schöne neue Arbeitswelt" (Campus Verlag,Expo 2000, Band 2, März 1999, 36 Mark, ISBN 3-593-36036-5) setzt sich Beck kritisch mit der Zukunft der Arbeitsgesellschaft auseinander.

Angelika Fritsche ist freie Journalistin in Bonn.