Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

08.12.2000 - 

Supply-Chain-Management/Tools, Trends und Tücken

SCM: Ein weiter Weg von der Investition bis zur vollständigen Lösung

Nach einer Phase der Skepsis und Zurückhaltung hat sich auch in Europa herumgesprochen, welche erstaunlichen Wirkungen Supply-Chain-Management (SCM) auf den Erfolg von mittleren und großen Unternehmen ausüben kann. Doch welche Produkte eignen sich überhaupt zur Planung von Lieferketten, Produktionsprozessen und Distributionskanälen? Johannes Kelch* fasst die Erkenntnisse einer Marktstudie** zusammen.

Supply-Chain-Management kommt nun auch in Europa in Fahrt. Die ersten Firmen haben SCM-Lösungen gekauft und starten Pilotprojekte:

- Bahlsen und Schöller bilden die Speerspitze in der Lebensmittelindustrie, sie setzen auf verfeinerte Produktionsplanung mit dem Softwarehersteller Manugistics. Als Hightech-Unternehmen hat sich Infineon ein langfristiges Projekt (mit Rhythm von I2) verordnet.

- In dem von der Bundesregierung geförderten Linet-Projekt sucht die Automobilindustrie in vereinten Anstrengungen von BMW, Audi und Daimler-Chrysler nach dem Stein der Weisen bei der Vernetzung von Zulieferern, Logistikdienstleistern und Automobilherstellern.

- Die Speditionsfirma Kühne & Nagel will das Transport-Management -"Tracking and Tracing" - verbessern und künftig auch den Kunden über das Produkt "Rhythm Planungsleistungen" anbieten.

- Dagegen hat sich die Deutsche Post AG, die zur weltweiten Nummer eins als Logistikanbieter aufsteigen möchte, für den Hersteller Skyva International entschieden.

Dennoch sind SCM-Erfolgsgeschichten noch Mangelware. Success Stories, wie sie von SAP zu einer Installation bei Wacker Siltronic veröffentlicht wurden, demonstrieren weniger den Benefit der implementierten Software als den weiten Weg, der von der Investition zu einer vollständigen Lösung zurückzulegen ist.

Doch auf welche Produkte sollen die Anwender vertrauen, wenn niemand nachweisen kann, dass sich die Ausgaben wirklich lohnen? Aufklärung verspricht eine breit angelegte Untersuchung. Um die Welt der SCM-Produkte zu durchleuchten, haben zwei Fraunhofer-Institute 1999 in einer Gemeinschaftsarbeit den Markt sondiert. Das Ergebnis ist eine 434 Seiten starke Studie. Beteiligt waren Experten der Fraunhofer-Institute für Produktionstechnik und Automatisierung IPA (Stuttgart) sowie für Materialfluss und Logistik (Dortmund). Zwar ist der Wälzer nicht mehr ganz druckfrisch, doch die Kernaussagen sind noch gültig. Frank Gehr und Bernd Hellingrath, die fachlichen Leiter der Studie, betonen, dass die 20 untersuchten Produkte und ihre Kernfunktionalitäten auch heute noch zu den bedeutendsten Softwarelösungen für SCM zählen.

Doch hätten die Anbieter die Funktionalitäten ihrer Software inzwischen erweitert und sie in E-Business-Lösungen integriert.

Neu aufgekommen ist seither auch das Thema "Collaborative Planning and Control", das firmenübergreifende Planen und Steuern, für das einige Hersteller bereits Software entwickelt haben. Da sich Supply Chains heute über mehrere produzierende, transportierende und handelnde Unternehmen erstrecken, muss man in die Planung alle Beteiligten einbeziehen. Jede Firma braucht, um den eigenen Part zu planen, bestimmte Informationen, soll aber auch nur so viele Daten erhalten, dass Know-how und Firmengeheimnisse gewahrt bleiben.

Sehr eindrucksvoll belegt die Studie, dass der Weg vom Kauf eines Produkts bis zum Genuss der versprochenen Vorteile eher einer Marathonstrecke gleicht als einem Spaziergang. Die Fraunhofer-Experten haben nämlich die 20 befragten Anbieter nach "Installationen" und "laufenden Implementierungen" gefragt. Die Antworten sind frappierend. Einige Beispiele:

- JBA verwies auf weltweit 5000 Installationen, doch bei den laufenden Implementierungen gab der Hersteller 400 an;

- Icon nannte zwölf Installationen und nur zwei laufende Implementierungen;

- I2 hatte zwar 750 Installationen vorzuweisen, wollte sich aber zur Anzahl laufender Implementierungen nicht äußern;

- von den 53 Installationen der Firma DMC-KGC liefen Anfang 1999 erst 15;

- bei Logility von 900 lediglich 30.

Wohlgemerkt, es handelt sich bei diesen Zahlen um Angaben der Hersteller, die häufig schon zum Start eines Projekts oder bei laufenden Teilinstallationen Erfolgsmeldungen verbreiten. Das Verhältnis von Installationen und laufenden Implementationen kann also noch weitaus ungünstiger sein, als es die Aussagen der Anbieter glauben machen wollen.

Bei derart ernüchternden Verhältnissen sind Anwender gut beraten, nur solche Produkte zu beschaffen, die sich rasch an ihre individuellen Anforderungen anpassen und in funktionsgerechte Lösungen transformieren lassen. So betonen die Autoren der SCM-Marktstudie, der Erfolg liege nicht in der Entscheidung für oder gegen ein SCM-Werkzeug, sondern "in dem Auffinden und der nutzenoptimalen Einführung der für das Unternehmen am besten geeigneten SCM-Lösung".

Aus gutem Grund liebäugeln die Verfasser mit einer ASP-Lösung, die auf dem Markt noch Mangelware ist. Wenn die Marathonstrecke zur funktionstüchtigen Anwendung derart schwer zu bewältigen ist, dann, so die Überlegung, komme es den Interessen der Anwender entgegen, nur für die tatsächlich erbrachte Planungsleistung und den damit erzielten Benefit zu bezahlen.

Doch solche Ideen scheuten die Softwarehersteller bis vor einem Jahr noch wie der Teufel das Weihwasser. Inzwischen sind aber viele der Anbieter bereit, ASP-Konzepte selbst anzubieten oder aktiv zu unterstützen. Doch gibt es in der operativen Umsetzung laut Gehr und Hellingrath "noch einige Anlaufschwierigkeiten".

Bei der Wahl des richtigen Partners haben die Anwender die Qual der Wahl: Die Studie unterscheidet drei Typen von Herstellern, nämlich Toolsuite-Anbieter, Spezialisten und Anbieter von ERP-Software.

Zur Kategorie der Toolsuite-Anbieter zählt die SCM-Studie Firmen wie Aspentech, Dynasys, I2, Logility, Manugistics, JD Edwards/Numetrix, Synquest, JBA, Skyva International und Adexa (früher Paragon). Hinzugekommen ist nach Angaben von Bernd Hellingrath jüngst SAP.

Ziel dieser Hersteller ist es, den höchst unterschiedlichen Anforderungen an SCM gerecht zu werden, von der strategischen Planung bis hin zur Transportplanung und zum Controlling. Kunden für umfassende SCM-Lösungen sind überwiegend Großunternehmen.

Laut Studie sind Toolsuites noch keine Garantie für ungetrübte Freuden mit SCM. So schreiben die Autoren, unternehmensspezifische SCM-Lösungen seien "in den seltensten Fällen die Implementation der gesamten Toolsuite".

Abgesehen davon hatten einige Toolsuite-Hersteller Anfang 1999 mit ihren Produkten noch keineswegs alle möglichen Module realisiert. Im Portfolio von Dynasys fehlten zum Zeitpunkt der Befragung Module für "Transportplanung" und "Controlling", drei weitere Bausteine - für strategische Planung, Bestands- und Distributionsplanung - hatten die Entwicklungsabteilung noch nicht verlassen. Bei Logility gab es seinerzeit kein Werkzeug für das Controlling, bei JD Edwards/Numetrix keines für Transportplanung. JBA war noch beschäftigt, drei Module zu entwickeln, um die Toolsuite zu vervollständigen.

Eine vollständige Toolsuite wird jedoch selten benötigt. Im Mut zur Lücke sehen deshalb die Firmen der zweiten Kategorie ihre Chance, die "Spezialisten aus dem Bereich SC-Planung". Diese Anbieter widmen sich besonderen Herausforderungen, beispielsweise der Produktions- und Bedarfsplanung, und sind vorwiegend auf den Mittelstand ausgerichtet. Softwarehersteller aus dieser Kategorie - die Unternehmen Icon, Symix und Wassermann - können nach den Erkenntnissen der Marktstudie sehr wohl konkurrenzfähige Anbieter sein: "Die Fokussierung der angebotenen Software auf bestimmte Aufgaben kann durchaus zu qualitativ und preislich sehr interessanten Lösungen führen." Andere Spezialisten konzentrieren sich auf transaktionsnahe Planungsaufgaben. Beispiele sind die Unternehmen BLLB (heute Logistik World), Debis Systemhaus und Industrie Mathematik.

Gegen die Spezialisten treten einige Generalisten an, die Hersteller von ERP-Software: Baan, Peoplesoft und SAP, aber auch Anbieter wie SCT sowie TRW (Paragon), eine Firma, die eng mit dem ERP-Anbieter QAD kooperiert. Diese ERP-Software-Anbieter werben gerne mit der nahtlosen Integration ihrer SCM-Werkzeuge in die betriebswirtschaftliche Software.

Genau diese Integration ist aber keine Selbstverständlichkeit. So wird beispielsweise in der Studie bemängelt, Baans SCM-Lösung beruhe auf der "Akquisition von Fremdprodukten", die sich nicht vollständig integrieren ließen. Baan bemühe sich, die Teilsysteme miteinander zu verzahnen.

Eine Sonderstellung unter den Anbietern hat nach Aussagen der Marktstudie der Anbieter Skyva. Dessen Vorteil sei die Gnade der späten Gründung, nämlich 1996: "Bedingt durch den Markteintritt zu diesem Zeitpunkt ist die Technologiebasis der Lösung relativ innovativ (IBMs Java San Francisco Initiative, XML)." Das Unternehmen wurde von dem früheren Forschungs- und Entwicklungsleiter für Logistiksoftware bei SAP Günther Möckesch gegründet.

Die Besonderheit dieser Software von Skyva liegt darin, dass sich Anwendungen unmittelbar aus dem Geschäftsprozessmodell des Anwenders generieren lassen. Zudem lassen sie sich leicht mit ERP-Software, insbesondere SAP R/3, verknüpfen. Skyva International wurde von ABB aufgekauft und soll in Zukunft die E-Business-Aktivitäten des Konzerns beflügeln.

*Johannes Kelch ist freier Journalist in München.

**Marktstudie "Supply Chain Management Software-Planungssysteme im Überblick", Stuttgart/Dortmund 1999; sie ist erhältlich unter: SCM-CTC@ipa.fhg.de.

Trends- Das Interesse an Supply-Chain-Management nimmt zu.

- Softwareprodukte wurden ursprünglich für Großunternehmen und Konzerne entwickelt, jetzt kommen vermehrt "Mittelstandslösungen" auf den Markt.

- Alle großen SCM-Anbieter sind dabei, E-Business-Lösungen in ihr Angebot aufzunehmen.

- Benutzeroberflächen sind in zunehmendem Maße grafisch gestaltet.

- Bei kurzfristigen und komplexen Planungsaufgaben setzen die Hersteller im Interesse der Schnelligkeit vermehrt auf hauptspeicherresidente Anwendungen.

- Immer mehr Module werden auf der Basis von Web-Technologie programmiert, um den Datenaustausch entlang der Supply Chain zu vereinheitlichen.

Collaborative Planning

Mit Frank Gehr vom SCM-Competence & Transfer Center der Fraunhofer-Gesellschaft sprach Johannes Kelch.

CW: Ist Europa immer noch Nachzügler in Sachen SCM?

Gehr: Ja, gegenüber den USA. Die Trendwende ist aber geschafft, der Mehrwert von SCM hat sich bis in die Geschäftsleitungen herumgesprochen.

CW: Wie erklärt sich der Rückstand?

Gehr: In den USA ist die Begeisterungsfähigkeit größer, in Europa reichen Versprechungen nicht aus. Man muss mit Konzepten den Mehrwert und Nutzen aufzeigen, den SCM erschließt.

CW: Fällt der Mittelstand noch durch Abstinenz auf?

Gehr: Firmen aus dem gehobenen Mittelstand ab 500 Millionen Umsatz haben SCM-Projekte gestartet. Der Markt der Zukunft sind Unternehmen mit 100 bis 500 Millionen Umsatz. Für Firmen unter 100 Millionen Umsatz wird SCM erst interessant, wenn sich ASP-Lösungen durchsetzen.

CW: Wie gut klappt die firmenübergreifende Zusammenarbeit bei der Planung?

Gehr: Das "Collaborative Planning" ist der große Renner. Es wird viel versprochen, aber wenig ist umgesetzt. In der Automobil- und Konsumgüterindustrie gibt es aber Pilotprojekte.

CW: Ist die Einführung von SCM nicht zu langwierig und kompliziert?

Gehr: Bisher schon. Jetzt haben wir die nächste Stufe erreicht. Es gibt immer mehr Referenzprojekte. Die Technik ist jetzt so weit, dass die vollständige Einführung von SCM ohne Umwege möglich ist.

Abb: Die Fokussierung auf bestimmte Aufgaben kann durchaus zu qualitativ und preislich sehr interessanten Lösungen führen. Quelle: FhG-IPA