Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

25.03.1983 - 

Diskussion über Kupferkoaxial- und Glasfasertechnik:

SCS kritisiert Verkabelungspolitik der Post

Hart ins Gericht geht die SCS Scientific Control Systems, Hamburg, in einer noch nicht veröffentlichten Studie mit der Verkabelungspolitik der Deutschen Bundespost. Das kräftig erhöhte finanzielle Engagement von einer Milliarde Mark pro Jahr für Verteilnetze in Kupferkoaxialtechnik sei falsch und gefährlich. Der Autor der Untersuchung ist in Industriekreisen kein Unbekannter: Franz Arnold war bis zum Regierungswechsel im vergangenen Oktober Abteilungsleiter für Fernmeldedienste im Postministerium. Jetzt ist er bei SCS zuständig für den Bereich Telekommunikation.

Die Summe, die jetzt für Verteilnetze bereitgestellt wird, reißt Arnold zufolge empfindliche Lücken in die Finanzierung anderer Risikovorhaben. Hierzu zählten zum Beispiel der Masseneinsatz von Glasfaser, der aus Gründen der Kostendegression erforderlich sei, der Fernmeldesatellit oder neue Fernwirk- und Fermeßdienste. Wenn jetzt zuviel in die Kupferkoaxialtechnik investiert werden, müsse die Risikobereitschaft der Post bei innovativen Vorhaben sinken, falls nicht andere Finanzierungsquellen gefunden würden.

Für die deutsche Fernmeldeindustrie seien aber gerade diese Projekte lebensnotwendig. Sie könne nur dann auf den Weltmärkten konkurrenzfähig bleiben, wenn sich die Binnennachfrage bei Glasfasersystemen, digitalen Vermittlungs- und Übertragungsverfahren oder Satellitensystemen erheblich steigere. Dabei liege es nahe, daß die finanziellen Risiken weder von der Post allein, noch von öffentlichen oder privaten Investoren allein getragen werden könnten.

Andererseits - so wird in der Studie nachdrücklich betont - darf die Aufteilung der Risiken nicht zur Errichtung von getrennten Netzen führen, etwa nach dem Muster "vermittelnde Netze" bei der Post, Verteilnetze" bei Privaten. Angesichts der Unsumme von strukturellen Vorleistungen, die im heutigen Netz bereits vorhanden sind, bedeute dies eine ungeheure Verschwendung. Zum anderen würde es mit Sicherheit dazu führen, daß diese getrennten Netze bei zahlreichen Nutzungsformen miteinander konkurrieren. Die fatale Folge: Neue Dienstleistungen wie Btx, Teletext, Kabeltext oder Datendienste, die häufig über zehn oder mehr Jahre hinweg nicht in die Kostendeckung gelangen können, würden auf allen konkurrierenden Netzen nicht mehr angeboten, da sich die anfänglich ohnehin zu wenigen Kunden auch noch aufteilen würden.

Daß es sich bei dieser Meinung nicht nur um eine theoretische Befürchtung handelt, beweist Arnold zufolge die Situation beim Datenübertragungsverkehr. Das Integrierte Fernschreib- und Datennetz IDN konkurriere mit dem analogen und künftig in noch stärkerem Maße mit dem digitalen Fernsprechnetz sowie mit den festgeschalteten Leitungen. Obwohl alle in der Hand der Post, führe diese Konkurrenz dazu, daß die Datendienste wohl niemals in die Kostendeckung gelangten. Noch weit verheerender ist nach Meinung des Autors die Konkurrenz von Netzen, die verschiedenen Rechtspersonen gehören.

Für die Gemeinden stelle sich angesichts des geplanten finanziellen Engagements des Postministeriums in Kupferkoaxialkabelnetze die Frage, ob sie eine rasche Verkabelung in dieser Technik verlangen oder lieber abwarten sollen, um später ein viel leistungsfähigeres und zukunftsträchtigeres System auf Glasfaserbasis zu bekommen. Arnold verweist hier mit Nachdruck auf die Kostenseite: Wie das Beispiel USA deutlich zeige, seien reine Verteilnetze in Kupfertechnik auf Dauer nicht kostendeckend. Die dortigen CATV-Gesellschaften versuchten daher zunehmend, ihre Netze durch den Einsatz von Zusatzsystemen auch für die Übertragung von Sprache, Text und Daten geeignet zu machen.

Eine soeben fertiggestellte Studie aus England sowie die eigenen Erfahrungen der Bundespost untermauerten diese Tendenz. In ihrer Untersuchung über die Stadt Lingen schlage zum Beispiel die Bosch-Tochter Blaupunkt lokalen Bildschirmtext auf Koaxialverteilnetzen mit Rückkanal vor, obwohl Btx vom Herbst dieses Jahres an auch über das Fernsprechnetz der Post angeboten werde. Bereits ohne Konkurrenz - meint der SCS-Experte - wird Btx angesichts der hohen Aufwendungen auf viele Jahre keine Konstendeckung erzielen.

Der Aufbau getrennter flächendeckender Netze - ob innerhalb der Post oder unter der Ägide der Post und anderer - würde jedoch vor allem dem auf der ganzen Welt verfolgten Trend zur Integration aller Telekommunikationsformen in einem einzigen digitalen Netz vernachlässigen. Allein schon wegen der technischen Probleme sei es unrealistisch zu glauben, einmal getrennte Netze könnten quasi "per Dekret" wieder zu einem Netz vereinigt werden.

Wenn man in der Bundesrepublik auf dem Telekommunikationssektor eine Entwicklung vermeiden wolle, wie sie zum Beispiel in der EDV oder in Bereichen der Unterhaltungselektronik eingetreten ist, müßten nahezu alle Telekommunikationstechniken gleichzeitig, jedoch nicht lokal nebeneinander, weiterentwickelt und eingesetzt werden. Hierbei ist nach Auffassung des Autors absehbar, daß es sich um sehr langfristige Investitionen mit schwer zu prognostizierenden Risiken handelt und die Finanzkraft der Bundespost dafür in dem erforderlichen Zeitrahmen nicht ausreicht.

Notwendig seien daher Finanzierungsformen auf lokaler und regionaler Basis. Auf diese Weise sei es der Bundespost möglich, die dortigen Bedürfnisse stärker zu berücksichtigen, indem die Risiken für Investitionsvorhaben auch von anderen Rechtspersonen (Banken, Gemeinden, Unternehmen) "vor Ort" mitgetragen werden. Während also für das Betreiben nur ein Netzträger, nämlich die Bundespost in Betracht käme, könnten beim Errichten solcher lokaler Netze auch ortsansässige Unternehmen beteiligt werden.

Für die Gemeinden sieht Arnold die Notwendigkeit zu überlegen, wie angesichts der erkennbaren technischen Entwicklung eine für ihre Bedürfnisse sinnvolle Verkabelungsstrategie aussehen soll. Erforderlich sei zunächst eine Analyse, in welchem Ausmaß die verschiedenen Telekommunikationssysteme überhaupt eingesetzt werden könnten. Je nach Bebauung, Verkehrsstruktur, geographischer Lage und Kaufkraftnachfrage, aber auch nach dem Vorhandensein lokaler Investoren und möglicherweise Informationsanbieter müßten Lösungen gefunden werden, die unter sinnvoller Einbeziehung der bereits vorhandenen Telekommunikation kurz-, mittel- und langfristig Perspektiven für eine Stadtentwicklung aufzeigen. In Geschäftszentren seien zum Beispiel Breitbandsysteme in Glasfasertechnik eine sinnvolle Vorausinvestition, in reinen Wohngegenden dagegen digitale Kupferzweidrahttechnik und Koaxialtechnik.

Seine Untersuchung will der Autor Arnold ausdrücklich nicht als Beitrag zur medienpolitischen Diskussion verstanden wissen, sondern als Leitfanden, wie eine derartige Ermittlung der jeweiligen Bedarfsstrukturen zu betreiben ist. Insbesondere die volkswirtschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Aspekte müßten sorgfältig bedacht werden. Die jetzt von der Bundespost angestrebte Verkabelung auf Kupferbasis sichere zwar kurzfristig Beschäftigung in der Kabelindustrie und Tiefbau. Innovations- und investitionsfördernd - auch im Hinblick auf die Exportchancen der deutschen Industrie - wäre es aber aus der Sicht des SCS-Experten, auf die neuen Technologien, vor allem auf die Glasfaser, zu setzen.

*Siegfried Martial ist als freier Fachjournalist in Zürich tätig.