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14.05.1982 - 

TU-Studenten veranstalten "Startseminar" in Braunschweig:

Sehr gute Berufschancen für Informatiker

BRAUNSCHWEIG (CW) - Diplom-Informatiker können auch weiterhin mit guten bis sehr guten Berufsaussichten rechnen, vorausgesetzt, sie werfen während des Studiums einen Blick über den Zaun ihres Faches auf angrenzende Gebiete. Auf welches Terrain sich der Informatikstudent allerdings begeben sollte und welche Zusatzqualifikationen potentielle Arbeitgeber honorieren, darüber konnte das von drei Braunschweiger TU-Studenten veranstaltete "Berufsstartseminar" keine Antwort geben.

Die Organisatoren Sabine Meyer, Anke Schewe und Wolfgang Lordieck zielten mit ihrer Initiative nach eigenen Angaben darauf ab, Anforderungsprofil und Berufsbild des Informatikers aufzuzeigen, Zukunftsperspektiven zu erörtern und sich über mögliche Diskrepanzen zwischen Ausbildung und Berufspraxis klar zu werden. Mit Hilfe von acht Referenten aus den Bereichen Industrie, Wirtschaft und Verwaltung hoffte man, dieser Zielsetzung nahe zu kommen und Informationsdefizite in der Studentenschaft abzubauen. Daß auf dem Sektor Information tatsächlich ein Bedarf besteht, zeigte die rege Teilnahme; rund dreihundert Studenten aus den höheren Semestern besuchten die Veranstaltung.

Wer das "Berufsstartseminar" vor allem als willkommene Gelegenheit sah, sich einen Überblick über die Berufsmöglichkeiten eines diplomierten Informatikers zu verschaffen, wurde sicherlich nicht enttäuscht. Professor Clemens Hackl, Präsident der Gesellschaft für Informatik (GI) und bei der IBM für Ausbildung zuständig, verwies in seinem allgemein gehaltenen Statement auf das sehr breite Anwendungsspektrum und Einsatzgebiet des Informatikers. In seinem Hause gebe es beispielsweise sowohl im Bereich Forschung und Entwicklung als auch in der Verwaltung und im Vertrieb Diplom-lnformatiker. Da sich die Universitätsausbildung allerdings nach Hackl grundlegend von der betrieblichen Praxis unterscheidet, bilde IBM seine neuen Mitarbeiter zunächst achtzehn Monate "firmenspezifisch" aus.

Daimler Benz beschäftigt - so Christine von Urach von der Abteilung Organisation und DV - zwar bisher noch mehr Diplom-lngenieure mit EDV-Kenntnissen, in Zukunft hätten aber auch Informatiker gute Aussichten. Diese sollten sich im Studium nicht zu sehr auf ein Fachgebiet spezialisieren und vor allem Zusatzwissen in Betriebswirtschaft und im ingenieurwissenschaftlichen Bereich erwerben.

Als "multifunktionales Einsatzgebiet" beschrieb Professor Dr. Peter Reichertz von der Abteilung für Medizinische Informatik der Universität Hannover das Tätigkeitsfeld des Informatikers in der Medizin. Bedarf sieht er vor allem in Krankenhäusern - in der Verwaltung und in der unmittelbaren Arbeit am Patienten -, bei den Regionalverbänden, bei branchenorientierten Softwarehäusern sowie bei den Herstellern von medizinischer Elektronik.

In der öffentlichen Verwaltung dagegen gibt es Hans-Wolfgang Günther vom niedersächsischen Landesverwaltungsamt, Hannover, zufolge nur "gewisse Einsatzmöglichkeiten". Sein Haus habe bisher noch keinen Informatiker eingestellt, da man keinerlei Bewerbungen dieser Berufsgruppe gehabt habe.

Ein wesentlich positiveres Bild zeichnete dagegen Dr. Horst Strunz vom Mathematischen Beratungs-und Programmierungsdienst (mbp), Dortmund, für den Sektor Software-und Beratungsunternehmen. Hier erstrecken sich die Tätigkeitsfelder für Informatiker vom kaufmännischen Betrieb über die Bürokommunikation und Branchensoftware bis hin zum Bereich Technische Anwendungssysteme und zur Entwicklung von Software-Engineering-Tools.

Gute Aussichten und interessante Arbeitsmöglichkeiten erwarten nach Ansicht von Dr. Hans Windauer vom Lüneburger Entwicklungsbüro Wulf Werum auch alle diejenigen Informatikabsolventen, die sich in ihrem Studium näher mit den Sparten Telekommunikation, Datenbanken, Compiler und Betriebssysteme beschäftigt haben.

Einen zunehmenden Bedarf von Informatikern für die anwendungsorientierte Beratung beim Anwender selbst sieht Horst Lonz von der Peine & Salzgitter AG, Hauptabteilung Systemplanung.

Die durchweg positiven Bedarfsprognosen für Informatiker verbanden allerdings die meisten Referenten mit einer mehr oder minder scharfen Kritik an den universitären Ausbildungsinhalten. Die Lücke zwischen Hochschule und Praxis werde immer größer, die Theorie nehme einen zu hohen Stellenwert ein, so lautete ein Vorwurf; ein anderer: Was fehle, sei die Vorbereitung auf ein projektbezogenes Vorgehen unter zeitlichem Druck, wie es in der täglichen Berufspraxis gang und gäbe sei. Beklagt wurde auch das mangelnde Grundlagenwissen im Bereich Programmiersprachen und Methoden. Darüber hinaus lasse die apparative Ausstattung der Universitäten sehr zu wünschen übrig.

Wer sich von seiten der Studenten nicht nur über Berufsaussichten und Diskrepanzen zwischen Ausbildung und Praxis informieren wollte, sondern für sich persönlich auch ein wenig mehr Klarheit über das Berufsbild des Informatikers erhoffte, wurde wohl eher enttäuscht.

Einig waren sich die Referenten nur insoweit, daß der Informatiker in vielen Fällen "in ein funktionierendes System" eingreife und daß daher eine Sensibilisierung notwendig sei. Die Schlußfolgerungen lauteten dann aber sehr unterschiedlich. Professor Reichertz sah den Informatiker zum Beispiel als einen "soziologischen Ingenieur". Lonz dagegen meinte, der Informatiker sei ein Verkäufer, der "das Machbare" verkaufen müsse. Gelinge das nicht, werde er zum "schmalspurigen Informationsmenschen" degradiert und laufe Gefahr, ähnlich berufsfremd eingesetzt zu werden wie heute in vielen Fällen der Mathematiker.

Die von Veranstalter Lordieck zu Beginn des "Berufsstartseminars" wohl eher provozierend gemeinte Frage, ob sich der Informatiker in Zukunft mit der Rolle eines "Edelprogrammierers mit Hochschulstudium" bescheiden müsse, wirkte denn auch rückblickend gar nicht mehr so provozierend.