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25.11.1994

Sehr weiche Migration von DOS zum 32-Bit-Betriebssystem CAD-Planung unter Windows NT wird mittelfristig interessanter

Microsofts Termin- und Lizenzpolitik sowie der Mangel an Anwendungen gehoeren zu den Gruenden, aus denen CAD unter Windows NT noch keine grosse Erfolgsgeschichte ist. Mittelfristig koennte sich das aber aendern, meint Eberhard Rademeier*. Vor allem in kleineren und mittleren Netzen ist das 32-Bit-Betriebssystem eine Alternative.

Die Aussicht war zu verlockend: eine einheitliche grafische Benutzeroberflaeche, unter der sich Netzwerkfunktionalitaet vom Feinsten tummelt und die die unterschiedlichsten Anwendungsprogramme in nie dagewesener Eintracht und Performance laufen laesst - so oder aehnlich malte Microsoft seiner glaeubigen Schar der Windows-Anwender die Zukunft unter NT aus.

Es bleibt genuegend Zeit zu ueberlegen

Mittlerweile macht sich Ernuechterung breit. NT-Release-Termine verstreichen mit ebensolcher Regelmaessigkeit, wie das urspruengliche NT-Konzept gestutzt wurde (von der einstmals so hochgelobten Datenbankfunktionalitaet spricht heute kein Mensch mehr) und sich die Entwicklungscodenamen wundersam vermehrten. Fuer Softwarehersteller und -Anwender bleibt auf diese Weise wenigstens genuegend Zeit zu ueberlegen, ob sie auf den NT-Zug nach Chicago oder Daytona aufspringen wollen. Auch Cairo ist eine sehenswerte Stadt.

Gekennzeichnet ist die momentane Situation von Verunsicherung sowohl auf Anwender- als auch auf Applikationsentwickler-Seite. Schuld daran ist nicht zuletzt Microsofts Ankuendigungs- und Terminpolitik, die stark an die des ehemaligen Partners Big Blue erinnert. Diejenigen CAD-Verantwortlichen, die sich bisher innerbetrieblich fuer die Beschaffung von NT-basierender Software stark gemacht haben und sich damit auch durchsetzen konnten, gehen in Deckung.

Man wuerde peinliche Fragen riskieren

Kaum jemand ist zum gegenwaertigen Zeitpunkt bereit, oeffentlich zu sagen, warum man sich zu NT entschlossen hat. Man wuerde damit peinliche Fragen der eigenen Geschaeftsleitung riskieren. Auf der anderen Seite sind verfuegbare NT-Versionen von CAD-Paketen noch mehr als rar.

Die meisten Softwareschmieden scheuen offenbar das Risiko, mit Volldampf auf der Basis einer noch nicht voellig ausgefeilten Betriebssystem-Version zu portieren. Die Beantwortung der Frage "NT oder noch nicht NT" faellt naturgemaess denjenigen Software- Anbietern leichter, deren Pakete bisher unter DOS liefen und bei denen aufgrund des Produktlebensalters ohnehin ein Redesign oder eine komplette Neuentwicklung ansteht. In diesen Faellen ist es nur eine Frage der finanziellen Ressourcen, ob die Entwicklung auf Hochtouren oder eher schaumgebremst laeuft. Aber gerade im Maschinenbau duerfte sich infolge der mehrjaehrigen Rezession der finanzielle Background vieler Mechanikanbieter eher in einen Abgrund verwandelt haben. Mit zusaetzlichen Handicaps haben hier die deutschen Softwarehersteller zu kaempfen. Im Gegensatz zum amerikanischen Wettbewerb mussten sie sich in der Vergangenheit auf den deutschsprachigen, bestenfalls auf den europaeischen Raum beschraenken. Damit fehlen ihnen natuerlich Markt- und Umsatzpotentiale, um anstehende Entwicklungen zu finanzieren. Womit nicht unterstellt werden soll, dass die meisten PC-Anbieter am Rande des Ruins stuenden, aber Software-Entwicklung muss auch finanziert werden koennen.

Das gilt insbesondere dann, wenn eine Neuentwicklung parallel zur Pflege und Weiterentwicklung des eigentlichen Stammprodukts betrieben werden soll.

Vordergruendig besser dran sind Softwarehaeuser, die erst vor wenigen Jahren gleich mit Windows-Versionen an den Start gingen und sich heute nicht mit DOS-Altlasten abzuplagen haben. Denen fehlt es dann aber in der Regel noch an der noetigen Produktreife, sprich: an der Vollstaendigkeit von Funktionalitaet und/oder Zusatzapplikationen sowie an der installierten Basis und damit an Support-, Service- und Update-Umsaetzen, die ihrerseits die Entwicklungkosten mittragen wuerden. Ausserdem muessen diese relativ jungen Unternehmen noch immer ausserordentlich viel Geld in den Aufbau von Organisation und Vertriebswegen stecken.

Wenn sich etablierte CAD-Systemhersteller aus der Workstation-und Unix-Welt in "Intel-Niederungen" begeben, dann hauptsaechlich aus zwei Gruenden: um nicht anderen das Low-end- sowie das Down- oder Rightsizing-Geschaeft zu ueberlassen. Die 32-Bit-Software dieser Anbieter laesst sich in der Regel mit geringerem Aufwand als eine 16-Bit-Software unter NT bringen. Dafuer stellt sich die Frage, wie diese preiswerteren Softwareversionen den Weg zu den Anwendern finden, denn die hergebrachten direkten Vertriebswege taugen dazu nicht.

Die Kostenseite ist beachtlich

Was aber hat letztlich der Anwender von einer CAD-Applikation unter NT? Etwas vereinfacht sind das drei Dinge: Multitasking, hoehere Performance (bei entsprechend optimierter Software) und hoehere Kosten.

Betrachten wir zunaechst die Kostenseite, denn die duerfte sich momentan noch als die groesste Erfolgsbremse fuer NT erweisen. Eine DOS-Einzellizenz ist heute fuer den Preis eines etwas besseren Mittagessens zu haben, bei Firmenlizenzen wird man fuer den Gegenwert nicht einmal mehr satt. Windows for Workgroups (WfW) gibt es - fast als Zugabe - installiert bei nahezu jedem Rechnerkauf bei welcher, Vertriebsform auch immer. Mit NT dagegen endet diese Giesskannenpolitik, mit anderen Worten: das Betriebssystem kostet wieder richtig Geld.

Dass NT gehobene Anforderungen an die Hardwarebasis stellt, ist mittlerweile sattsam bekannt. Andererseits finden sich an der Anwendungsfront noch immer 386er Rechner in groesseren Stueckzahlen, auf denen DOS-Applikationen auch mit ertraeglichen Response-Zeiten zu fahren sind. Selbst wenn "Daycago" oder "Chitona" theoretisch auf diesen Maschinen laufen: Vom Einsatz eines CAD-Systems unter einer dieser NT-Varianten duerften bestenfalls die Zigarettenindustrie und der Kaffeehandel profitieren.

Es bleibt also die Frage, ob der durchschnittliche CAD-Anwender bereit und in der Lage ist, sich zu jeder NT-Lizenz auch die passende neue Hardware zu spendieren. Von der psychologischen Hemmschwelle einmal ganz abgesehen: Wer straeubt sich denn nicht innerlich, fuer ein 16-MB-Simm-Modul etwa 50 Prozent vom Neupreis eines 486/66-Megahertz-Rechners auszugeben?

Fuer kleine und mittlere Netze ernstzunehmen

Selbstverstaendlich bietet NT dem CAD-Anwender auch Vorteile, Multitasking und hoehere Performance sind nur zwei davon. Fuer kleinere bis mittlere Netzwerkumgebungen ist NT eine ernstzunehmende Alternative: Netzwerkfunktionalitaet wird quasi kostenlos mitgeliefert, in den meisten Faellen genuegen preiswerte NE-2000-kompatible Karten. Das Betriebssystem benoetigt keinen dedizierten Server und ist im Unterschied zu Novell-Netzwerken auch von Nichtspezialisten zu installieren und zu warten.

Inwieweit CAD-Benutzer vom einfachen Datenaustausch unter NT profitieren koennen, haengt nicht zuletzt davon ab, wie schnell NT von den Entwicklern peripherer Software wie FE- oder NC-Systemen akzeptiert wird. Bereits heute bietet der Datenaustausch via DDE oder OLE interessante Perspektiven, etwa bei der Uebernahme von Variantenparametern aus Tabellenkalkulationsprogrammen oder bei der Uebergabe von Zeichnungsgeometrien an Layout- oder Grafikpakete fuer die technische Dokumentation.

Anwendungen portieren und optimieren

Dagegen erfolgt die Geometrieuebergabe an FE- und NC-Systeme heute noch ueberwiegend ueber ein neutrales Dateiformat, in der Regel ist das DXF. Der Grund liegt ganz einfach darin, dass bisher noch weniger FE- und NC-Pakete als CAD-Systeme unter Windows, geschweige denn unter NT, verfuegbar sind. Eventuell bieten hier aber die Moeglichkeit von NT-Portierungen auf den Alpha-Chip von DEC und die MIPS-Workstations von SGI genuegend Anreize fuer FE- und NC-Systemhersteller, ihre Anwendungen nicht nur auf NT zu portieren, sondern auch zu optimieren.

Zur Zeit besteht also fuer die ueberwiegende Mehrheit der CAD- Anwender noch keine zwingende Notwendigkeit, mit fliegenden Fahnen vom DOS- oder Windows- ins NT-Lager zu wechseln. Mittelfristig eroeffnet NT allerdings die Moeglichkeit einer sehr weichen Migration von DOS zu einem vollwertigen 32-Bit-Betriebssystem.

* Eberhard Rademeier ist freier Fachjournalist in Heiligkreuzsteinach.