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05.08.1988 - 

Konti-Schicht soll Produktionsergebnis erhöhen:

SEL startet Sonntagsarbeit probeweise

STUTTGART - Grünes Licht für die Wochenendarbeit hat nach IBM nun auch die Standard Elektrik Lorenz (SEL) von den Behörden erhalten. Der Stuttgarter Konzern darf seine Glasfasern vom November 1988 bis März 1989 Rund-um-die-Uhr herstellen. Kann SEL eine zehnprozentige Steigerung des Produktionserfolgs nachweisen wird die Genehmigung für die vollkontinuierliche Schicht endgültig.

Für die Herstellung von Lichtwellenleitern können 75 Mitarbeiter im Zuffenhausener Werk vorerst Sonntagsarbeit leisten. Das hat das Regierungspräsidium Stuttgart, gestützt auf den über 100 Jahre alten Paragraphen 105 c der Gewerbeordnung, entschieden. Demnach ist Arbeit am Wochenende grundsätzlich dann zu gestatten, wenn damit das Mißlingen von Arbeitserzeugnissen verhindert werden kann, erläuterte Behörden-Sprecher Dietrich von Moser. Allerdings, so lautet die Stuttgarter Auflage, muß das Unternehmen vergleichbare Produktionsübersichten für Arbeitsabschnitte mit und ohne Sonntagsarbeit vorlegen.

Will SEL weiterhin kontinuierlich Glasfasern produzieren, muß es nachweisen, daß der "Produktionserfolg bei mindestens 10 Prozent" liegt. Noch im April dieses Jahres hatte der Konzern die Genehmigung zum Rund-um-die-Uhr-Betrieb nicht erhalten, da die vorgelegten Unterlagen die Behördenvertreter nicht überzeugen konnten. "Inzwischen", betont von Moser, "hat SEL bei der Anhörung glaubhaft gemacht, daß die überaus hohe Schrottquote bei der Produktion von Lichtwellenleitern durch die Konti-Schicht deutlich verbessert werden kann."

Wie im Fall der IBM hat sich nach Angaben des Regierungspräsidiums erneut gezeigt, daß es praktisch nicht möglich ist, in eng abgegrenzten Gebieten des High-Tech-Bereiches vom grünen Tisch weg lediglich aufgrund theoretischer Gutachten verbindliche Entscheidungen zu treffen. Die Oberbehörde hatte Big Blue für das Werk Böblingen-Hulb im April dieses Jahres (vergleiche CW Nr. 16 vom 15. April 1988, Seite 5) ebenfalls eine befristete Erlaubnis zum sonntäglichen Chip-Backen erteilt. IBM muß für eine endgültige Genehmigung allerdings lediglich eine um fünf Prozent verbesserte Ausschußrate bei den Megabit-ICs nachweisen. Die Stuttgarter Regierungsstelle begründet dies mit der von vornherein wesentlich höheren Schrottquote bei SEL. Von März bis September arbeitet Big Blue zweimal im Monat mit 400 der insgesamt 1200 Mitarbeiter am Wochenende. Vorreiter im kontinuierlichen Schichtbetrieb bei der Herstellung von Lichtwellenleitern, erklärt das Stuttgarter Regierungspräsidium, sei die AEG Kabel AG in Mönchengladbäch-Rheydt. Im internationalen Vergleich würden alle Unternehmen, die nach dem gleichen Verfahren wie SEL fertigten, sonntags arbeiten. Im Raum Stuttgart, so die Behörde, sei trotz aller Unkenrufe bisher kein Ansteigen der Zahl der Anträge auf Konti-Schicht festzustellen. Von Moser: "Es besteht kein Anlaß zu irgendwelchen Befürchtungen, daß die Duldungsentscheidungen in Sachen IBM und SEL nachteilige Folgen für den verfassungsrechtlich geschützten heiligen Sonntag nach sich ziehen."

Jobben am Wochenende ist hierzulande kein Neuland mehr. In der Bundesrepublik arbeiten bereits 15 Prozent der Erwerbstätigen regelmäßig durchgehend. Während die Quote im produzierenden Gewerbe zwischen 1981 und 1987 mit fünf Prozent unverändert geblieben ist, stieg sie in Dienstleistungsbranchen von sieben auf 13 Prozent.

Die Gewerkschaft lehnt schon seit Jahren den Versuch der High-Tech-Unternehmen, Sonntagsarbeit einzuführen, ab. Der von den Firmen angeführte "technische Sachzwang" ist ihrer Meinung nach lediglich ein Argument für die Öffentlichkeit. Auch im Fall SEL will die IG Metall die Entscheidung der Stuttgarter Regierungsbehörde nicht widerstandslos hinnehmen. Vorstandsmitglied Horst Klaus erklärte, daß die Entscheidung nicht nur gegen die geltenden Vorschriften der Gewerbeordnung verstoßen nach denen kontinuierliche Wochenendfertigung aus technischen Gründen unzulässig sei. Sie verletze gleichzeitig die Mitbestimmungsrechte des Betriebsrates. Nach dem Betriebsverfassungsgesetz sei für die Einführung von Wochenendarbeit unter anderem die Zustimmung der Arbeitnehmervertretung notwendig, betont Klaus. Dieses Einverständnis liege jedoch nicht vor. Der Betriebsrat habe sich im Gegenteil mit breiter Unterstützung der Belegschaft eindeutig gegen den Rund-um-die-Uhr- Betrieb ausgesprochen. Klaus: Daher kann trotz der Entscheidung des Regierungspräsidenten bei SEL die Sonntagsarbeit nicht eingeführt werden." Der Gewerkschaftsboss warnte das Unternehmen vor dem Versuch, eine Entscheidung in dieser Auseinandersetzung über eine Einigungsstelle herbeiführen zu wollen. Damit werde der Konflikt unnötig verschärft. Statt dessen empfahl er der Firmenleitung, sich um einen sozialverträglichen Herstellungsprozeß von Lichtwellenleitern zu bemühen, der auch von der Belegschaft akzeptiert werden könne.