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22.07.1977

Selbsterstellte oder Standard-Anwendungssoftware?

Dr. Dietrich Seibt Ordentlicher Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Essen

Eine intensivere Benutzung von Standard-Anwendungssoftware erscheint aus vielen Gründen sinnvoll, ja notwendig. Pro Jahr werden in Tausenden von Rechenzentren auf vielen Gebieten Anwendungsprogramme erstellt, bei denen - zumindest für bestimmte Teile dieser Programme - immer wieder die gleichen Problemlösungen "erfunden", die gleichen Prozeduren bis hin zu gleichem Code neu geschrieben werden. Verglichen mit den Bedingungen industrieller Fertigung findet hier so etwas wie eine "gigantische Verschwendung" statt. Doch andererseits ist es keineswegs so, daß bestimmte Programmierer oder Systemanalytiker arbeitslos würden, wenn demnächst DV-Anwender mehr Standard-Anwendungssoftware einsetzten. Die meisten Rechenzentren stehen gegenwärtig unter einem starken Druck von Aufträgen zur Entwicklung neuer Systeme. Gleichzeitig werden immer größere Anteile des Personals durch Wartungsaufgaben gebunden.

In einer repräsentativen Erhebung haben die Infratest Wirtschaftsforschung GmbH, München, und der Mathematische Beratungs- und Programmierungsdienst GmbH, Dortmund, im Auftrage des Bundesministeriums für Forschung und Technologie "Stand und Entwicklung des Marktes für mehrfach verwendbare Anwendungssoftware in der gewerblichen Wirtschaft" analysiert. Hier einige Ergebnisse dieser Studie:

- Durchschnittlich 79% der von Anwendern großer universeller DV-Systeme benutzten Anwendungsprogramme sind selbsterstellt. Bei weiteren 6% der Anwendungsprogramme handelt es sich um fremderstellte, aber individuelle Software. 11% der Anwendungsprogramme sind Standard-Anwendungssoftware von Hardware-Herstellern, nur 2% Standard-Anwendungssoftware von Software-Häusern.

- Diese Verhältnisse werden sich - nach Meinung der Anwender - im Jahre 1980 nur unwesentlich verändert haben. Zwar wird geschätzt, daß der Anteil der von Software-Häusern gelieferten Standard-Anwendungssoftware von 2 auf 4%, der Anteil der von Hardware-Herstellern gelieferten Standard-Anwendungssoftware von 11 auf 14% steigen wird. Die Anwender glauben aber, daß auch in 1980 knapp dreiviertel (74%) aller Anwendungsprogramme selbsterstellt sein werden.

- Optimistische Erwartungen für 1980 ergaben sich in einem parallel durchgeführten Experten-Delphi (Experten von Anwender- und Anbieter-Seite). Zehn von siebzehn Experten schätzten, daß der Anteil der bei den Anwendern eingesetzten Standard-Anwendungssoftware 1980 zwischen 25 und 50% liegen würde. Sieben Experten glaubten sogar, daß der Anteil der selbsterstellten Anwendungssoftware 1980 schon unter 50% liegen werde.

- Von allen Anwendergruppen großer universeller DV-Anlagen wird die Qualität der selbsterstellten Programme mit deutlichem Abstand höher eingestuft als die Qualität der Fremd-Software. Entscheidend in diesem Zusammenhang ist die psychologisch erklärbare mangelnde Akzeptanz. Man fand heraus, daß ohne genaue Kenntnis fremderstellter Software-Produkte häufig Qualitäts- und Wirtschaftlichkeitsargumente vorgeschoben werden, um mangelnde Akzeptanz zu begründen. Muß man sich mit der mangelnden Akzeptanz von Standard-Anwendungssoftware abfinden und darf sie als allenfalls langfristig (10 Jahre?) veränderbare Größe ansehen oder gibt es Möglichkeiten zum beschleunigten Abbau dieses Akzeptanz-Mangels bei den Anwendern? Selbstverständlich kommt es nicht ausschließlich darauf an, daß nur das Anwender-Bewußtsein verändert wird, und daß im übrigen Standard-Anwendungssoftware in großer Menge und von bester Qualität auf den "Regalen" der Software-Häuser und Hardware-Hersteller liegt. Leider finden sich auch heute noch in Software-Katalogen nicht selten Produkte, die als Standard-Anwendungssoftware angepriesen werden, bei denen aber schon nach grober Prüfung erkennbar wird daß es sich um nur notdürftig generalisierte Lösungen für einen in der Vergangenheit erfolgreich bewältigten Individualfall handelt. Insgesamt gesehen hat sich die Situation auf dem Software-Markt in den letzten Jahren aber doch einigermaßen stabilisiert.

Von wesentlicher Bedeutung für die weitere Entwicklung dürften die Anstrengungen der Software-Anbieter sein, Produkte auf den Markt zu bringen,

- die Verwendungszwecke haben, die in der Praxis tatsächlich vielfach in gleicher oder fast gleicher Weise auftreten,

- deren Funktionen, Abläufe, Benutzungsvoraussetzungen und so weiter so genau beschrieben sind, daß der potentielle Anwender auch wirklich erkennen kann, ob und mit welchen eventuellen Anpassungsmaßnahmen er sie im eigenen Hause implementieren kann,

- deren tatsächliche Leistung im praktischen Einsatz mit der Beschreibung des Produktes übereinstimmt.

Ein Hauptproblem ist dabei zweifelsohne die Abgrenzung des funktionalen Umfangs derartiger Produkte. Je geringer der funktionale Umfang vorgefertigter Software-Bausteine um so größer die potentielle Verwendungsbreite, um so geringer aber möglicherweise auch die Neigung des Anwenders, derartige Bausteine einzusetzen, zumal durch funktional potentere Programmiersprachen, wirksamere Programmiermethoden und Nutzung interaktiver Systeme für jeden die Chance entsteht, seine eigene Baustein-Produktion zu entfalten. Andererseits: Je größer der Funktionsumfang bei bestimmten Arten von Standard-Anwendungssoftware, um so größer wird üblicherweise auch der Anpassungsaufwand und die Anpassungsprobleme, die dann entweder durch Veränderung der Standard-Software oder durch Veränderung bestehender Strukturen beim Anwender oder durch beide Arten von Veränderungen bewältigt werden müssen.

Der optimale Funktionsumfang für Standard-Anwendungssoftware muß wahrscheinlich für jeden Problem- bzw. Anwendungsbereich separat herausgearbeitet werden. Dies kann nur dann geleistet werden, wenn die Entwickler und die potentiellen Anwender grundsätzlich enger als bisher bei der Spezifikation von Standard-Anwendungssoftware zusammenarbeiten.

Wenn Standard-Anwendungssoftware bisher von den DV-Anwendern so wenig akzeptiert wurde, so ist dafür - neben den bereits genannten Gründen - auch eine Kommunikationslücke zwischen denen, die sie entwickeln, und denen, die sie benutzen sollen, verantwortlich. Beide Seiten müssen sich beteiligen, wenn diese Lücke geschlossen werden soll.