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29.06.1984

SELSiemens kritisieren Netzstrategie der Post

STUTTGART - Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling wird jetzt auch öffentlich von der nachrichtentechnischen Industrie unter Beschuß genommen. Auf der "telematica" in Stuttgart, wo der Minister das seit langem erwartete Konzept seines Hauses zur Weiterentwicklung der Fernmeldeinfrastruktur vorstellte (CW Nr.26/84), formulierten SEL und Siemens quasi als Sprecher der Branche postwendend ihre Kritik. Im Mittelpunkt der Kontroverse steht der geplante Einführungstermin des breitbandigen dienstintegrierten Netzes auf Glasfaserbasis (B-ISDN).

Das Konzept der Bundespost - von Schwarz-Schilling als strategische Rahmenplanung für die nächsten acht bis zehn Jahre charakterisiert - beschreibt in vier Schritten die künftigen Netzausbauplanungen. Im Hinblick auf den Einsatz der Glasfasertechnologie ist geplant, ab 1985/86 "in einigen ausgewählten Bedarfszentren" mit dem Ausbau von Overlaynetzen von Teilnehmer zu Teilnehmer zu beginnen. Als Nutzungsschwerpunkte erwartet sich die Post in dieser Phase vor allem Videokonferenzen sowie schnellen Dokumenten- und Datenaustausch. Da sich der Bedarf an vermittelten Breitbanddiensten nicht unbedingt mit der an Schmalbanddiensten orientierten Digitalisierung des Fernsprechnetzes übereinstimme, kämen zunächst eigenständige Breitbandvermittlungssysteme in Vorläufertechnik zum Einsatz, die sich noch nicht auf Schmalband-ISDN-Vermittlungsstellen abstützten.

Spätestens 1990 wird aus der Sicht der Post der Übergang zu einer hochintegrierten Breitband-Koppelnetztechnik vollzogen, wobei die Gestaltung des Netzes grundsätzlich die volle Bewegtbildkommunikation mit Farbfernsehqualität und damit die Nutzung der vollen technischen Möglichkeiten der Glasfaser vorsehe.

Das Konzept der Post sieht allerdings hier zunächst nur die Integration von Schmal- und Breitbanddiensten der Individualkommunikation im Breitband-ISDN vor. Der vorhersehbare technologische Reifeprozeß optoelektronischer Systeme zusammen mit dem zu erwartenden Bedarf "kann eingangs der neunziger Jahre zur Einmündung des Glasfaser-Overlaynetzes in einen integrierten Netzausbau mit dem Schmalband-ISDN führen". Der Ausbau des Anschlußliniennetzes in Glasfasertechnik werde - getragen von der geschäftlichen Nachfrage - zunächst additiv zum herkömmlichen Kupfernetz erfolgen. Für eine gewisse Zeitspanne überlappe sich daher gebietsweise die Versorgung durch symmetrische Kupfer- und Glasfasertechnik mit ihren schmal- beziehungsweise breitbandorientierten Netzabschlüssen.

Das Jahr 1992 schließlich markiert den (möglichen) Übergang zum integrierten Breitband-Universalfernmeldenetz (IBFN). Mit der Einbeziehung der bisher noch getrennt von der Individualkommunikation verlaufenden Weiterentwicklung der Breitbandverteilnetze könne technisch die letzte Integrationsstufe zu einem einzigen Netz vollzogen werden. Dieser Schritt - so die Post ausdrücklich - werde zusätzlich zu der Forderung nach Preiswürdigkeit der Glasfasertechnologie durch die Angebotsbreite und -vielfalt elektronischer Massenmedien und individueller Informationsdienste bestimmt. Erst, wenn deren Umfang im lokalen Bereich die über Koaxialkabel bereitgestellte Verteilkapazität übersteigt, stelle jedoch das Konzept der Verteilvermittlung in Verbindung mit dem sternförmigen Glasfaseranschlußnetz "eine technisch sinnvolle und zukunftsorientierte Lösung" dar.

Durch diese zeitversetzte Nutzung des Glasfasernetzes besteht nach Meinung von Schwarz-Schilling auch in den neunziger Jahren noch "die parallele Notwendigkeit koaxialer Verteilnetze".

Demgegenüber forderte Horst Ohnsorge von der Standard Elektrik Lorenz AG (SEL), Stuttgart, ein "behutsames Vorgehen" bei der Koaxverkabelung und eine schnellere Integration aller bestehenden Netze. Ohnsorge stellte zugleich ein neues Breitband-ISDN-Konzept seines Hauses vor, das bereits als Prototyp Ende 1987 verfügbar sei und mit dessen Produktion 1988 begonnen werden könne. Die wesentlichen Merkmale des SEL-Konzeptes: Statt der Gradientenfasern werden Monomodefasern verwendet, Teilnehmer werden über eine Faser versorgt und als Hauskommunikationssystem wird ein digitales Koaxial-Bus-System eingesetzt.

Der Weg für ein ökonomisches B-ISDN sei somit technologisch und konzeptionell vorbereitet, ein zügiges Voranschreiten könnte außerdem nach Meinung von Ohnsorge "die gute Position der deutschen Industrie gegenüber Japan und den USA im Bereich Telekommunikation erhalten und ausbauen".

Der Referent aus dem Hause Siemens, Wolfgang Buchholz, machte anhand der bisher verlegten Faserkilometer deutlich, in welchem Umfang sich die europäische und die überseeische Konkurrenz mit der optischen Breitbandkommunikation beschäftigt: Ende dieses Jahres seien in den Vereinigten Staaten bereits 650 000 Kilometer Glasfaserkabel verlegt, in Japan 65 000 und in Großbritannien 100 000 - gegenüber knapp 20 000 in der Bundesrepublik.

Mehr Risikofreudigkeit wünschenswert

Zwar habe man inzwischen auch hierzulande begonnen, ein zukunftsorientiertes Breitbandnetz aufzubauen, im Hinblick auf das Breitband-ISDN sollten jedoch "die bisher hauptsächlich nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten ausgerichteten Investitionen ... noch verstärkt werden". Die konkreten Planungen der Bundespost - so Buchholz - seien grundsätzlich zu begrüßen, doch wünsche man sich auf seiten der Hersteller "etwas mehr Risikofreudigkeit" vom Netzträger, da ansonsten die heimische Industrie gegenüber Japan und den USA "stark ins Hintertreffen" gerate.

Startschuß für Glasfaser-Ortsnetz in Stuttgart

Dank der baden-württembergischen Landesregierung scheint diese Gefahr allerdings nicht allzu drohend zu sein: "telematica" -Gastgeber Ministerpräsident Lothar Späth präsentierte nämlich ein "Konzept für den Aufbau eines Glasfaserortsnetzes im mittleren Neckarraum". Dieses Prototyp-Netz, bei dem ausschließlich Monomode-Fasern verwendet werden, soll auf der Basis des ISDN entstehen und den Schritt zum Breitband-ISDN aufzeigen. Der Startschuß fällt bereits 1984/85.