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07.11.1980 - 

Humanisierung:

Semantisches Lasso fesselt emotionsfreie Analyse

Die zu Ende gegangene Kölner Büroausstellung Orgatechnik hat erneut verdeutlicht, welch starkem Wandel die administrativen und dispositiven Prozesse ausgesetzt sind und wie schnell computerbezogene Effizienz verwirklicht werden kann, wenn die Benutzer den tiefgreifenden Veränderungen ihrer Arbeitswelt zustimmen. Im Spannungsfeld zwischen Machbarkeit und Vorsicht köchelt eine vokabelreiche Dauerdiskussion, die im Affektwert alles übertrifft, was die Polemik um den Datenschutz fürs Publikum hergibt. Kein Wunder: Bei der Büroautomation ist die Betroffenheit - im statistischen sowie im emotionalen Sinn - vergleichsweise groß; der Dialog-Bildschirm am Schreibtischrand signalisiert kommunikative Direktheit, und die mit elektronischer Rationalisierung verknüpften Leistungsanforderungen dringen tief ins Bewußtsein.

Nachhilfe zur Bewußtseinsbildung wird allenthalben offeriert, empirische Hinweise ebenso wie saloppe Floskeln - letztere auch dann, wenn die ergonomische Praxis zunehmend vorzügliche Lösungen produziert, denn wenn die Arbeitswissenschaft und die an ihr orientierte EDV-Industrie nachweist, daß für den Bildschirmbenutzer keine höheren Belastungen durch die Körperhaltung oder die visuelle Informationsaufnahme auftreten, bedeutet das beim heutigen Stand der sozialökonomischen "Sensibilisierung" nur Verlagerung des von den Gewerkschaften und Betriebsräten artikulierten Anspruchs - gefordert wird in der Regel mehr "Humanität" bei der Ausführung organisatorisch diktierter Aufgaben.

Erinnert fatal an Strafvollzugsreform

Der Humanisierungsbegriff beherrscht den Grenzstreit zwischen den Gebieten Ergonomie (technisch lösbar) und Arbeitsinhalt individuell interpretierbar). Mit Recht beschwört man die Dequalifizierungsgefahr, die das Aufsplittern von Abläufen - der Terminus "Taylorisierung" taucht auf - hervorrufen kann. Rationalisierung wird bekanntlich bejaht, soweit sie die wachstumsorientierte Grundhaltung zum kontrollierten Strukturwandel betrifft; sie wird getadelt, wo die Arbeitnehmervertretung Schutzfunktionen wahrnehmen will (und muß). Aus diesem Dilemma heraus entsteht ein Argumentarium, das die Aversionsmetaphem des Jobkiller-Szenarios widerspiegelt, wenngleich niemand mehr gern im Sachzusammenhang der Bildschirmbarkeit von "Humanisierung" reden mag. Der Ausdruck erinnert fatal an eine Strafvollzugsreform und scheint überhaupt wenig geeignet, die Komplexität der Menschen-Maschine-Beziehung zu umschreiben.

Die ethische Befrachtung des Wortes verhindert jede Polarisierung, weil es unmoralisch wäre, die Humanisierung der Arbeitsbedingungen nicht nach Kräften zu fördern: Das semantische Lasso fesselt die emotionisfreie Analyse an den Schandpfahl forcierter Eindeutigkeit. Demnach wäre übrigens die lautlose Belegerfassung an der Bildschirmkonsole mit dem Prädikat "extrem human" auszuzeichnen, wenn man sie mit dem geräuschvollen Fron in den Lochsälen der 50er und 60er Jahre vergleicht- so sollte man denken. Indes: Die bessere arbeitsmedizinische Lösung kümmert im Schatten von Sorgen höherer Ordnung wie: Arbeitsentfremdung durch das Parzellieren von Funktionen, verschärfte (weil elektronisch integrierbare) Leistungsüberwachung, Verödung zwischenmenschlicher Kontakte - und schließlich der Arbeitsplatzverlust durch fortgesetzte Rationalisierung.

Wenn diese Aspekte in den Vordergrund rücken, wird die paradoxe Anwendung des Menschlichkeitsadjektivs augenfällig demonstriert. Frage: Wie läßt sich eine streckenweise monotone Eingabefunktion als "wenig human" einstufen wo doch die inhumanste Steigerung im Äbschaffen des Arbeitsplatzes zu sehen ist? Der Umkehrschluß dieser Dialektik führt geradewegs in den formalen Zynismus: Befreiung von der Arbeit (!) als Idealzustand.

Auf Büromessen wie der Orgatechnik wird der sozialkritisch geschärfte Blick oft einseitig in die ergonomische Richtung abgelenkt weil das Generalthema, das die technische Leistungsschau regiert, die Installierung von Computerkapazität am Einzelarbeitsplatz betont. Mangels Simulation eines konkreten Berufsalltags verbleibt der psychische Streß dem der Benutzer von elektronischer Schreibtisch-Hardware unterliegt, für den Ausstellungsbesucher vorerst im Bereich der lebhaften Vermutung. Freilich existieren auch hierzu gesicherte arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse, die hingegen dadurch an Bedeutung verlieren, daß ein erheblicher Teil der Bildschirmstationen Mischarbeitsplätze sind an denen das EDV-Element mit seinen Hilfsfunktionen in Erscheinung tritt und als reines (Arbeits-)Mittel zum Zweck dient. Das sogenannte "Akzeptanzproblem" - neudeutsches Schlagwort für die innere Einstellung des Menschen zum innovativen Werkzeug - wird seltener akut, zumal am Mischarbeitsplatz die unterbrechungsträchtigen Abläufe dominieren und die eigentliche, anspruchsvolle Tätigkeit mit ihrem Freiraum für Autonomie Qualifikation und Motivierung nicht hinter einer programmierten Funktionalität verschwindet.

Datentechnische Effektivität gerät zum "job enrichment"

Werden in einem solchen Umfeld die arbeitsorganisatorischen Bedürfnisse des Benutzer optimal berücksichtigt, dann gerät die datentechnische Effektivität zum "job enrichment" - stets vorausgesetzt, daß die Leistungsverbesserung dem Ausführenden mehr Befriedigung bringt.

Ganzheitlich betrachtet, fügt sich ein Bildschirm als Informations-Schnittstelle in das Arbeitssystem ein, und die "soziale Verträglichkeit" (dieser Ausdruck ersetzt vielleicht bald die "Humanisierung") der Arbeitsmittel kann darum nur im Gesamtrahmen vernünftig beurteilt werden. Die Summe aller ergonomisch heilbaren Teilbeschwerden ist dabei lediglich ein Kriterium, das die Qualität des Berufslebens beeinflußt. Die Organisatoren können künftig kaum umhin zu prüfen, wer in der Arbeitswelt welche Vorstellungen mit welchen Ansprüchen verbindet. Arbeitsstrukturen außerhalb des allgemeinen Erwartungshorizonts der Beschäftigten realisieren zu wollen, wird hierzulande bald so aussichtsslos sein wie eine erfolgreiche Vermarktung bandscheibenriskanter Drehsessel.