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12.01.1990 - 

Auch IBM will sich beteiligen

Sematech und Jessi: Vereint gegen Japan

MÜNCHEN (CW) - Die Halbleiter-Fronten zwischen USA und Europa weichen auf Jessi, die Joint European Submicron Silicon Initiative, scheint zu einer Kooperation mit dem amerikanischen Konsortium Sematech unter bestimmten Voraussetzungen bereit zu sein. Im Zuge dieser Klimaveränderung lotet auch die IBM Europa die Stimmung für eine Mitarbeit bei Jessi aus.

Anfang Dezember trafen sich Jessi-Vertreter und Mitglieder der Semiconductor Manufacturer Technology Organisation (Sematech) in München bereits zum dritten Mal zu Kooperationsgesprächen. Die ersten Zusammenkünfte waren durch die Vermittlung von Sematech-Mitbegründer IBM zustande gekommen.

Bis jetzt sind die verlautbarten Ergebnisse mager: "Mögliche Kooperationsprojekte in den Bereichen Wettbewerbsanalyse, der Normierung und der Geräteentwicklung" seien auf diesem Treffen diskutiert worden, hieß es von Jessi-Seite. Interessant sind die Meetings selbst und die allseits bekräftigte Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Denn Jessi sollte ursprünglich rein europäisch sein und die "Voraussetzung schaffen, die europäische Industrie

sicher mit Chips der neuesten Technologie zu versorgen und sie unabhängig von der Konkurrenz in Übersee machen".

Um dieses Ziel zu erreichen, sind etwa acht Milliarden Mark eingeplant, die zu 50 Prozent von den Regierungen der fünf beteiligten Länder kommen. Den Rest trägt die Industrie.

Das Sematech Konsortium verfolgt in erster Linie das Ziel, die amerikanischen Hersteller von Halbleiter-Equipment gegen die japanische Übermacht zu unterstützen.

Hans Meyer, Manager des Jessi Office in München, gibt folgenden Grund für die Annäherung zwischen Jessi und Sematech an: "Wenn heute Amerika und Europa beschließen würden, sich völlig voneinander abzukapseln, wäre das nicht zum Nutzen der beiden Blöcke."

4-MB-Technologie als IBMs Mitgift

Nicht nur die Gespräche zwischen den beiden Konsortien deuten auf ein Zusammengehen von Amerikanern und Europäern gegen die Japaner im internationalen "Chip-Krieg" hin. Auch die IBM Europa fühlt im Moment bei Jessi vor, ob eine Mitarbeit des Computergiganten bei bestimmten Projekten der Initiative gefragt ist.

Big Blue wolle durch die Zusammenarbeit nicht die eigene technologische und wettbewerbsmäßige Vorherrschaft festigen. IBM Sprecherin Karin Grätz sieht das Engagement ihres Konzerns vielmehr vor folgendem Hintergrund: "Als großer europäischer Komponenten-Einkäufer ist es Ziel des Konzerns, noch mehr als bisher auf dem europäischen Markt einkaufen zu können und zwar nicht nur Endprodukte, sondern auch Fertigungsgeräte."

IBM Europa sei ein europäischer Konzern und bringe europäisches Know-how ein. Die 4-MB-Technologie, in der IBM eine weltweit führende Rolle einnehme, führt Grätz als mögliche Mitgift zur Verbindung von IBM und Jessi an.

In der heutigen Vormachtstellung der Japaner sieht Rai Burgess, Leiter strategisches Marketing der Motorola-Europa in Genf, dagegen den Grund für die Kooperationsbereitschaft der IBM. "lch glaube, IBM fühlt sich durch den Griff der Japaner nach lebenswichtigen Technologien, besonders im Speicherbereich, bedroht. Um die westliche Halbleiterindustrie zu stärken, kooperieren sie in U.S-Memories und Sematech mit anderen Unternehmen und streben eine Zusammenarbeit mit Jessi an." Burgess ist davon überzeugt, daß Motorola keine nennenswerten Nachteile durch IBMs Beteiligung an der europäischen Initiative entsteht. "Wir würden IBM schon deshalb gern in Jessi sehen, um zu zeigen, daß ein amerikanisches Unternehmen an Jessi teilnehmen kann."

Die ebenfalls an Jessi beteiligten Franzosen sehen jedoch in der IBM-Beteiligung bislang eine Konkurrenz zu ihrem halbstaatlichen Computerkonzern Bull und stehen deshalb einer Mitarbeit von Big Blue kritisch gegenüber.

Die Deutschen beurteilen sowohl die sich abzeichnende Zusammenarbeit mit Sematech als auch die Beteiligung der IBM an Jessi positiv. Allerdings muß, so der Tenor, eine gleichberechtigte partnerschaftliche Zusammenarbeit gewährleistet sein. Jessi-Manager Meyer kann sich zum Beispiel den Austausch von Lizenzen zwischen amerikanischen und europäischen Unternehmen auf dem Feld der Fertigungsgeräte durchaus vorstellen.

Eine Entscheidung des Jessi-Boards über eine mögliche Ausweitung der europäischen Struktur liegt jedoch noch nicht vor. Auch Sematech weigert sich - mit Hinweis auf den sicherheitspolitischen Aspekt des US-Konsortiums, das vom Pentagon gesponsert wird - europäische Firmen an der amerikanischen Gruppe zu beteiligen.

Das wiederum ist laut Jessi-Sprecher Klaus Knapp aber Voraussetzung für eine IBM-Mitarbeit an Jessi: "Gegenseitigkeit ist gefragt. Wenn IBM an Jessi teilnimmt, dann muß sich auch ein europäisches Unternehmen an Sematech beteiligen können." Die Stimmung zugunsten einer solchen Entscheidung ist Knapp zufolge positiv.

IBM Deutschland ist auf Jessi-Teilnahme vorbereitet

Die IBM Europa hat bis jetzt jedoch keinen formalen Projektantrag bei Jessi gestellt, dem das Jessi-Board zustimmen könnte. Trotzdem steht die IBM Deutschland Gewehr bei Fuß. 50 Mitarbeiter im Böblinger Labor unter der Projektleitung von Wilhelm Pfeffer sind für Jessi abrufbereit.

Anton Heuberger, Jessi-Vorreiter und Leiter des Berliner Fraunhofer-Instituts für Mikrostrukturtechnik, befürwortet eine Beteiligung von Sematech und von IBM an Jessi aus technologischer Sicht: "Ohne eine Kooperation mit den USA werden alle unsere Bemühungen im Bereich Fertigungsgeräte im Sand verlaufen." Vor allem die IBM hält er in diesem Zusammenhang für prädestiniert: "Nur mit IBM zusammen kann Europa in der Technologie soviel Gewicht in die Waagschale werfen, um tatsächlich als relevante Größe von den USA und Japan in Betracht gezogen zu werden. Ich habe keine Angst vor einer Kooperation mit IBM, im Gegenteil, für mich ist das die Gewähr dafür, daß wir in Europa technologisch überleben werden."

Allerdings konzidiert der Berliner dem Jessi-Bereich "Anwendung" eine möglicherweise andere Einschätzung der Zusammenarbeit. Obwohl er auch dort keine unvereinbaren Gegensätze sieht, weil Big Blue sowohl Halbleiter, Fertigungsgeräte als auch Designwerkzeuge nur für den eigenen Bedarf produziere.

Wilfried Hauenschild, Jessi-Koordinator von Nixdorf, bewertet eine Mitarbeit von Big Blue zwar insgesamt positiv, sieht aber auch Gefahren. "Wir als Computerhersteller sehen da teilweise Probleme. Zumal es bei IBM, wie aus Beteiligungen oder Beteiligungsversuchen bekannt ist, sehr rigide innerkonzernliche Bedingungen gibt, die zum Beispiel sofortigen Know-how-Transfer in die Staaten beinhalten. Und da hätte man hier, wenn europäisches Geld beteiligt ist, sicher Schwierigkeiten."

Daß Jessi allerdings noch input braucht, kann man aus einer Jessi-Mitteilung von Ende Dezember erkennen: Dort werden Firmen und Institute eingeladen, "Projektvorschläge für das Unterprogramm Anwendungen" zu machen.