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18.01.2002 - 

Umsatzrückgang und Schulden machen DMS-Anbieter zu schaffen

SER Systems in Finanznöten

MÜNCHEN (sp) - Auch für die Anbieter von Dokumenten-Management-Systemen (DMS) sind die Zeiten schwierig. Besonders hart trifft es die SER Systems AG aus Neustadt/Wied bei Bonn. Das am Neuen Markt notierte Unternehmen hat offenbar massive finanzielle Probleme.

Die SER Systems AG, laut Lünendonk-Liste im vergangenen Jahr der fünftgrößte Anbieter von Standardsoftware in Deutschland, wies für die ersten neun Monate des Kalender- und Geschäftsjahres 2001 einen Fehlbetrag von 21,4 Millionen Euro bei einem Umsatz von 123,6 Millionen Euro aus. Vor allem der Umsatzeinbruch im dritten Quartal und die hohen Kosten für die im vergangenen Jahr eingeleitete Umstrukturierung drücken das Ergebnis.

Probleme bereitet SER vor allem die wirtschaftliche Entwicklung seiner US-Tochter SER Inc., die fast 50 Prozent zum Gesamtumsatz beiträgt. Im dritten Quartal verfehlte das Unternehmen seinen geplanten Umsatz eigenen Angaben zufolge um 6,5 Millionen Euro, weil viele Kunden ihre für September vorgesehenen Aufträge nach den Terroranschlägen in New York und Washington auf Eis gelegt hatten.

Aber auch der hohe Schuldenberg macht dem Hersteller von Dokumenten-Management-Systemen, der derzeit rund 1130 Mitarbeiter auf seiner Gehaltsliste hat, zu schaffen: Nach Berechnungen der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein (DKW) stand SER Mitte November mit 37 Millionen Euro in der Kreide. Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass es um die Liquidität des Unternehmens nicht sonderlich gut bestellt ist. Der Verkauf der Tochtergesellschaften SER Schweiz und Banking Solutions, vor allem aber die Tatsache, dass die Neuwieder im Dezember trotz eines Aktienkurses von nur 2,5 Euro 275 230 ihrer eigenen Papiere - das entspricht Firmenangaben zufolge 1,8 Prozent des Grundkapitals - an der Börse veräußerten, lassen auf ernste finanzielle Probleme schließen.

SER steckt nicht allein in der Krise. Auch Wettbewerber wie Ixos leiden mehr oder weniger unter der Flaute im Markt für DM-Systeme, die in erster Linie auf den weltweiten Wirtschaftsabschwung und die allgemeine Schwäche des IT-Markts zurückzuführen ist. Bei SER kommen nach Ansicht von Experten jedoch noch eine Reihe von Management-Fehlern hinzu.

Sich nach dem Börsengang eine Firma nach der anderen einzuverleiben war auch bei vielen DMS-Herstellern gängige Praxis. Das Geld saß noch locker, zudem galt die Erschließung neuer Bereiche als sinnvoll, da die Auguren in regelmäßigen Abständen das Ende des DMS-Markts prophezeihten. SER trieb seine Einkaufsaktivitäten nach Meinung von Branchenkennern jedoch auf die Spitze (siehe Tabelle "Von SER übernommene Firmen").

Angekreidet wird dem Unternehmen dabei vor allem, dass es bei seinen Akquisitionen zu wenig strategisch vorging. So handelte es sich bei den übernommenen Firmen meist um Hersteller, deren Produkte - etwa Enterprise-Resource-Planning- oder Front-Office-Lösungen - wenig mit dem Kerngeschäft DMS zu tun hatten und damit kaum Synergieeffekte ermöglichten. "SER hat gekauft und erst dann überlegt, was es mit den Firmen machen soll", bringt es ein Marktbeobachter auf den Punkt. Auch die Integration der neuen Geschäftsfelder und die Umwandlung von einer GmbH in eine Aktiengesellschaft habe SER zu lange verdauen müssen. "Der Wandel im Kopf zur AG hat bei SER erst im letzten Jahr begonnen." Erst im Sommer habe das Management angefangen, den Wildwuchs seiner Beteiligungen und Zukäufe zu ordnen.

Ein Fehler, den sich einige DMS-Anbieter zuzuschreiben haben, ist laut Bernhard Zöller von der Unternehmensberatung Zöller & Partner in Sulzbach die Vernachlässigung des Kerngeschäfts. Mit Lösungen zur Archivierung von Massendaten und Eingangspost konnten Firmen wie SER ihre jetzige Größe überhaupt erst erreichen. Die Weiterentwicklung der DMS-Kernprodukte ist nach Ansicht des Beraters für das Unternehmen dringend notwendig, um künftigen Anforderungen gerecht werden zu können. Weitere Verzögerungen seien daher fatal.

Die Vermutung, dass SER das Kerngeschäft links liegen lassen könnte, liegt nahe - konzentriert sich Firmenchef Gerd Reinhardt doch nach wie vor mit voller Kraft auf das derzeitige Hype-Thema Knowledge-Management (KM), mit dem sich allerdings bislang kaum nennenswerte Einnahmen generieren lassen. So gilt die KM-Lösung "SER Brainware" als gutes Produkt, den Umsatz erzielt SER jedoch nach wie vor zu 80 Prozent aus dem Geschäft mit Archivierungssystemen, schätzt Zöller.

KM hat zweifelsohne Zukunft. Noch ist das Angebot an entsprechenden Funktionen jedoch zu dürftig, um einen Markt zu schaffen. Auch der Umsatz sei schwer zu messen, da sich kaum eindeutig zuordnen lasse, welche Bereiche - Archivierung, Groupware, Scanner - unter den Begriff KM fallen.

Eine ausschließliche KM-Fokussierung wäre nach Einschätzung des Experten daher für SER gefährlich: "Das Risiko besteht, dass das Unternehmen seine Kernkompetenz im DM-Bereich unabgesichert verlässt und den dadurch verursachten Umsatzrückgang mit dem neuen Bereich nicht kompensieren kann." Die Diskrepanz zwischen Vision und Umsatz sei noch zu groß: "Keine Frage - man braucht Leute, die über den Tellerrand hinausblicken können", so Zöller. Aber wenn eine Firma ihre Cashcow schlachte, dann nützten auch die Visionen nichts. "Hoffen wir, dass dies bei SER nicht der Fall ist."

Der DMS-Markt ist dagegen nach Einschätzung des Experten allen Unkenrufen zum Trotz noch lange nicht tot - im Gegenteil: Schätzungen von Zöller & Partner zufolge liegen die jährlichen Zuwachsraten bei durchschnittlich zehn bis 20 Prozent. Allein in Deutschland habe die Branche im Jahr 2000 über eine Milliarde Euro umgesetzt.

Falsche Fährte Knowledge-ManagementIm vergangenen Jahr sei der Markt zwar eingebrochen. Dennoch seien immer mehr Anwender auf elektronische DM-Systeme angewiesen, um ihre Dokumente ins Internet übertragen zu können. "DM- und Archivierungssysteme haben sich in den vergangenen Jahren ständig weiterentwickelt", so Zöller. "Einige Anbieter haben das jedoch lange Zeit nicht sehen wollen und sich stattdessen auf andere Bereiche wie zum Beispiel KM konzentriert." Speziell KM sei den Anbietern bislang den Beweis, dass sich damit auch Einnahmen generieren lassen, schuldig geblieben.

Für SER gilt es jedoch zunächst, die Liquidität sicherzustellen. Die geplante Eingliederung der SER Technology, in der alle Aktivitäten hinsichtlich Forschung & Entwicklung zusammengefasst sind, in die US-Holding SER Inc. könnte nach Einschätzung von Branchenkennern einen Schritt in diese Richtung bedeuten, da es in den USA zurzeit leichter ist, an Venture Capital zu kommen als hierzulande. Zudem ist der US-Markt für DM-Systeme nicht so stark eingebrochen wie in Deutschland. Eine Stellungnahme des Unternehmens lag bis Redaktionsschluss nicht vor.

Von SER übernommene Firmen

1/98: Dorotech, Frankreich,

1/98: Doxsys, USA,

8/98: Orbit AG, Deutschland (rückgängig gemacht 2/99),

9/98: Pafec, Großbritannien,

9/98: Quantum, Deutschland (wieder verkauft Ende 2000),

7/99: Macrosoft, USA,

9/99: CSE, Deutschland

1/00: EIS, USA

Quelle: Zöller & Partner