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30.10.1992 - 

IBM dehnt Systemview-Konzeption auf den LAN-Bereich aus

Showdown zwischen Microsoft und Novell scheint unabwendbar

DALLAS (gh) - Wohl noch nie stand ein Networking-Event derart im Zeichen strategischer Neuankündigungen für Netzwerk-Betriebssysteme wie die diesjährige Herbst-Networld in Dallas. Dabei wurde eines deutlich: Die Ära überwiegend Server-orientierter Betriebssysteme neigt sich ihrem Ende zu. Trotz der Premieren von Unixware, LAN Manager 2.2 und OS/2 LAN Server 3.0 werfen zwei andere Produkte ihren immer größer werdenden Schatten voraus: Netware 4.0 und vor allem Windows NT.

"Yes, it runs with Netware" hieß - abgesehen von der Unixware-Präsentation - die Botschaft von Novell an das Messepublikum. Unter diesem Stichwort lancierte der LAN-Marktführer ein Programm, daß sowohl Endkunden als auch OEMs und Software-Entwickler in ein neues, erweitertes Marketing- und Zertifikationsverfahren integriert. Hauptbestandteile des 1993 anlaufenden Konzeptes sind gemeinsame Marketing-Aktivitäten mit anderen Herstellern sowie eine jeweils vierteljährlich erscheinende Auflage eines Source Guides, der eine Dokumentation aller Netwarekompatiblen Hard- und Softwareplattformen- beinhalten soll.

Alles was in der DV-Herstellerwelt Rang und Namen hat, ließ sich nach Angaben von Novell für das neue Programm gewinnen - insgesamt rund 650 Firmen mit mehr als 3000 Netware-kompatiblen Produkten. Beständigkeit und Sicherheit in puncto Netware zu demonstrieren ist, dieser Eindruck drängte sich dem Beobachter in Dallas auf, derzeit offensichtlich auch oberste Devise des Novell-Managements. Der Grund: Nach Ansicht vieler Experten steht die Company aus Provo vor einem Scheideweg und wahrscheinlich vor ihrer bis dato größten Herausforderung.

Angesichts des anhaltenden Trends zum Client-Server-Computing und der Verlagerung unternehmenskritischer Applikationen auf die Ebene vernetzter High-end-Desktops beurteilen immer mehr Kritiker Novells Produktportfolio als unzureichend. Während die Verantwortlichen in Provo derzeit im Zusammenhang mit Unixware und DR DOS die Wandlung des Unternehmens von einem reinen Netzwerk-Betriebssystem-Hersteller zum generellen Betriebssystem-Anbieter propagieren, drohen andererseits dem bisher unangefochtenen LAN-Primus in seiner ureigenen Domäne die Felle davonzuschwimmen.

Mitbewerber Banyan Systems war jedenfalls mit Vines für SCO Unix nicht nur in Sachen Unix schneller, die Netware-Clientel wartet darüber hinaus im Zusammenhang mit Netware 4.0 immer noch auf ein mit dem Vines-Directory "Streettalk" vergleichbares Adressierungsverzeichnis. Das neue Netware-Release will Novell definitiv im ersten Quartal 1993 vorstellen und auf den Markt bringen - Gerüchte über eine weitere Verzögerung seien, wie am Rande der Networld zu hören war, gegenstandslos. Um quasi die Einhaltung des Zeitplanes zu demonstrieren, hat Novell nun mit der Auslieferung von Netware-4.0-Developer-Kits begonnen.

Wo dem Management in Provo jedoch im besonderen der Schuh drückt und was auch in Dallas in aller Munde war, hat einen anderen Namen: Windows NT. Auch wenn Microsoft bei der Vorstellung des LAN Managers 2.2 bemüht war, dessen Bedeutung als eigenständige und wichtigste Komponente einer vielfältigen Netzwerk-Produktfamilie hervorzuheben (Vgl. CW Nr. 43 vom 23. Oktober 1992, S. 5), wurde dennoch klar, wie die Strategen in Redmond künftig das Networking-Business angehen wollen: Mit einer Art Einkreisungstaktik soll Marktführer Novell sowohl im Low-end- (Windows for Workgroups) als auch im High-end-Bereich (LAN Manager beziehungsweise LAN Manager for Windows NT) Paroli geboten beziehungsweise überhaupt ein Vordringen der "roten Boxen" verhindert werden.

"Es kommt nicht darauf an, wie das Produkt heißt, sondern es geht um seine Funktionalität", bemerkte Microsofts Vice-President Steve Ballmer auf der Networld zu den anhaltenden Spekulationen darüber, daß das netzwerkfähige Windows NT gewissermaßen als Middleclass-Lösung die Lücke im Microsoft-Angebot schließen und als direktes Konkurrenzprodukt zu Novells Netware im Bereich abteilungsbezogener LANs beziehungsweise auf Desktop-Ebene plaziert werden könnte.

Windows for Workgroups sei, so Ballmer, in erster Linie als ein PC-Betriebssystem anzusehen, werde aber aufgrund seiner Peer-to-peer-Konzeption zwangsläufig als klassisches Netz-Einsteigerprodukt vermarktet. Wo jedoch im sogenannten High-end-Bereich unternehmenskritische Applikationen im Netz gefahren werden, benötige man, wie der Microsoft-Verantwortliche betonte, nach wie vor ein übertragungssicheres System wie den LAN Manager oder später vielleicht Windows NT.

Fest steht, daß Microsoft zukünftig mit dem Pfund einer alle Bereiche abdeckenden Windows-Produktlinie wuchern wird - angefangen vom Standalone-PC (Windows 3.1) über Windows for Workgroups und Windows NT bis zur Ebene der High-end-Server (LAN Manager beziehungsweise LAN Manager for Windows NT). Dabei sollen die Anwender nicht nur über ein ihren Bedürfnissen entsprechendes Produktportfolio verfügen, sondern über entsprechende Connectivity-Tools auch Interoperabilität zwischen den verschiedenen Windows-Welten herstellen können.

Erster Schritt auf diesem Weg sind entsprechende Features des LAN Managers 2.2, bei dem alle Connectivity-Optionen des Server-orientierten Netzwerk-Betriebssystems auch von Workgroup-for-Windows-Anwendern genutzt werden können - trotz der Tatsache, daß Microsofts Peer-to-peer-Lösung kein integrativer Bestandteil des LAN Managers 2.2 ist. Darüber hinaus ermöglicht das LAN-Manager-Upgrade die Verwaltung entsprechender User-Rechte. Für das Netzwerk-Management bedeutet dies, daß Netzwerk-Administratoren einzelne LAN-Manager-Server von jeweils einem einzigen Windows-Client aus überwachen können, während sich umgekehrt von einem LAN-Manager-Server aus Workgroup-for-Windows-Konfigurationen unterstützen beziehungsweise die einzelnen Windows-Desktops konfigurieren lassen.

Ein erneutes Bekenntnis zum Client-Server-Computing leistete anläßlich der Vorstellung ihres OS/2 LAN Servers 3.0 auch die IBM. Nachdem die Armonker mit ihrem Netzwerk-Betriebssystem aufgrund der "OS/2-Altlasten" bisher wenig Staat machen konnten, soll die Einbindung der LAN-Software in ein größeres strategisches Gesamtkonzept Abhilfe schaffen. "Es geht zukünftig darum, Client- und Serversysteme in einer Lösung zusammenzufassen", propagierte Al Olbert, IBMs Personal Systems Programing Director of LAN Systems, als neue Networking-Strategie. Der OS/2 LAN Server 3.0 ermögliche die volle Nutzung der 32-Bit-Architektur von OS/2 2.0 sowohl als Client- als auch als Server-Plattform und gewährleiste eine durchgängige Performance für DOS-, Windows- und OS/2-Umgebungen.

Der OS/2 LAN Server 3.0 soll darüber hinaus zukünftig eine wichtige Rolle in der Erweiterung von IBMs Systemview-Konzeption spielen. Mit den Produktfamilien "Lanfocus" und "Datahub" wollen die Armonker hier auf der Basis von PCs unter OS/2 beziehungsweise HPs "Openview" als Server-Plattform das Management verteilter Umgebungen sowohl über CMIP als auch SNMP realisieren. Bei Datahub handelt nach Angaben der IBM es sich um eine Plattform für das Management verteilter Datenbanken; Lanfocus ist, wie es bei der Präsentation hieß, als Steuerungssoftware konzipiert, mit der von einer zentralen OS/2-Konsole aus sowohl IBM-Netze als auch die anderer Hersteller zu verwalten sind.

Quo vadis,

Novell?

Unixware, Vines für SCO Unix, ENS für Netware, Windows for Workgroups, LAN Manager 2.2, OS/2 LAN Server 3.0: Die Liste der in den letzten Monaten angekündigten neuen Netzsoftwareprodukte ließe sich fortsetzen - ganz zu schweigen von den "Megastars" Netware 4.0 und Windows NT, die derzeit in aller Munde sind. Dem Chronisten - und nicht nur dem - fällt es schwer, am Ball zu bleiben.

Mag sein, daß sich da so mancher (bei Novell) wehmütig an vergangene Zeiten erinnert, als es im PC-LAN nur zwei Domänen gab: DOS und Netware, darauf aufgesetzt in den meisten Fällen die unzähligen Windows-Applikationen. Heute jedoch, wo im Netz zunehmend unternehmenskritische Anwendungen laufen, heißen die Schlagworte Client- Server, Multitasking, verteilte Umgebungen und nicht zuletzt Workgroup-Computing. Läßt man die vermeintlich griffigen Formulierungen der Marketiers beiseite, geht es vor allem um eines: die Verschmelzung von PC und Netzwerk-Betriebssystem-Ebene.

Jeder, der Novells hektische Akquisitions- und Joint-venture-Politik der letzten Jahre verfolgt hat, wird diese in erster Linie unter diesem Gesichtspunkt beurteilen müssen. Vieles von der strategischen Neuausrichtung des Marktführers (DR DOS, Unixware) kam spät, wenn nicht zu spät und erweckt auf den ersten Blick einen zusammengeschusterten Eindruck. Anders die Konkurrenz in Redmond: Dort wird man dem LAN Manager als "klassischem Netzwerk-Betriebssystem mit Sicherheit keine großen Tränen nachweinen, spricht man doch schon jetzt von einer Windows Gesamtlösung. Vom Rühren der Werbetrommel einmal abgesehen, bietet die Gates-Company hier in der Tat das zunächst schlüssiger erscheinende, auf eigenen Entwicklungen basierende Konzept.

Nun müssen Konzepte in der täglichen Anwendungspraxis auch funktionieren, und noch ist Netware weltweit unangefochten die Nummer eins, vor allem in puncto Stabilität und Support. Aber spätestens mit Windows NT werden, so viele Insider, die Karten im Networking neu gemischt, und Bill Gates hat diesmal nach Lage der Dinge ein wesentlich besseres Blatt. Überraschend wäre es daher nicht, wenn in Zukunft immer mehr Anwender und OEMs nicht "Yes, it runs with Netware" sondern "No, if runs better with Microsoft" sagen.