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08.10.1999 - 

In drei Tagen ist das Rechnernetz von Infratest Dimap fit

Sicher, schnell und genau: Wahlberichte mit Klassen

MÜNCHEN (uo) - Am 7. Oktober rückten die IT-Experten von Infratest Dimap, Berlin, wieder zum Wahleinsatz aus. Sie bereiten die ARD- und SFB-Berichterstattung zu den Berliner Abgeordneten- und Bezirksverordnetenwahlen am 10. dieses Monats vor.

Prognosen, Hochrechnungen und Analysen liefert das Wahlsystem von Infratest Dimap. Die Berichterstattung ist live, mehrere Fernseh- und Rundfunkstudios erhalten zeitgleich, aber in unterschiedlichen Detaillierungsgraden und Darstellungsformen ihre Informationen - in Sekundenschnelle. Ein Ausfall der Technik wäre mehr als peinlich, ist jedoch noch nicht vorgekommen. Das ist um so erstaunlicher, als das System für jede Wahl neu konfiguriert werden muß und mehrere Wahlen an ein- und demselben Sonntag stattfinden können. Die heiße Phase beginnt jeweils am Donnerstag.

Kern des Wahlsystems ist eine objektorientierte, keine, wie anzunehmen wäre, relationale Datenbank. Stephan Struck, der von seinem Chef Knut Holzscheck anerkennend als "Wahlsystemgott" bezeichnet wird, hatte sich für den Hersteller Versant entschieden, weil dessen Datenbank damals zusammen mit dem Case-Tool "Argos" von der mexikanischen Firma Miramar angeboten wurde. Außerdem verfügt das Versant-Datenbank-Management-System über eine Event-Kontrolle, die meldet, wenn Klassen modifiziert werden. Mittlerweile bietet Versant keinen Support mehr für das Miramar-Werkzeug an, was Struck sehr bedauert, denn nun muß er das Produkt selbst warten.

Insgesamt besteht das Wahlsystem aus 3917 Klassen und 88 444 Methoden. Davon bilden 1528 Klassen und rund 28000 Methoden das Grafiksystem ab, das die Abfrageergebnisse in Echtzeit aufbereitet. Die Klassen sind in der objektorientierten Sprache Smalltalk codiert; für die grafische Aufbereitung, die Darstellung von Wählerwanderungen und Sitzverteilungen, von Verlusten und Gewinnen, setzt Struck zudem das von Silicon Graphics entwickelte "Open GL" ein. Das Smalltalk-Tool "Visual Works 2.5" bezog er von Parkplace-Digitalk.

Auch wenn Struck und Holzscheck zur Codierung in der Nischensprache Smalltalk stehen, befürchten sie angesichts der anhaltenden "Java-Hysterie" ein Anbietersterben. Dann müsse über einen Wechsel zu einer anderen objektorientierten Sprache nachgedacht werden. Zu gegenwärtig jedoch würde für sie ein Wechsel zu Java keinen Fortschritt bedeuten.

Das grafische Design richtet sich nach ARD-Richtlinien (siehe Kasten "Die Wahlforscher"), die auf rund 60 Seiten in der von Holzscheck sogenannten "blauen Bibel" zusammengefaßt sind.

Darin sind die Grafiktypen sowie das Aussehen der Studios definiert, so daß sich etwa die Diagrammfarben auf den Studiohintergrund abstimmen lassen. Die Typen können von Wahl zu Wahl variieren. Kandidatenfotos, Ländergrenzen peppen die Grafik auf. Um die Popularität eines Landesvaters herauszustellen, lohnt sich bei der Landtagswahl auch ein differenzierter Blick auf die Zweitstimmen.

Doch richtet sich nicht allein das grafische Layout nach redaktionellen Interessen, sondern auch die Klassenattribute und Methoden. Die Strukturen, die eine Wahltagskonstellation abbilden, verwaltet ebenfalls die Datenbank. Der Wahltag ist eine Oberklasse. Darunter befinden sich die einzelnen Wahlen beziehungsweise deren Instanzen, zum Beispiel "Landtagswahl Sachsen 1995". Die "Landtagswahl Sachsen 1999" ist ebenfalls eine Instanz der Klasse Wahlen und erbt deren Methoden und Attribute. In der Instanz stehen beispielsweise die wählbaren Parteien. Unterklassen definieren die Gebiete, aus denen berichtet wird: Stimm- und Briefwahlbezirke sowie das jeweilige Wahlrecht in Algorithmen gefaßt.

Änderungen im Wahlrecht, redaktionelle Schwerpunkte, neue Forderungen der Statistiker und Grafiker fordern vom Wahlsystem enorme Flexibilität. Dazu kommen kurze Vorbereitungsfristen; so bekam Infratest Dimap den Auftrag zur Berichterstattung über die diesjährigen Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen erst zehn Tage vor dem Termin. Ein solches Problem löst Entwickler Struck, indem er zunächst Patches implementiert. Nach der Wahl macht er sich daran, die Aufgabenstellung zu einer Wahl allgemein zu formulieren, so daß schließlich eine wiederverwendbare Dauerlösung die unter Zeitdruck entstandene Implementierung ersetzt.

Die Datenbankapplikation verwaltet darüber hinaus auch rund 40 Hochrechnungsmodelle. Welches für die aktuelle Wahl in Frage kommt, entscheidet der Analyst, während er im Wahlstudio am Rechner sitzt und die Ergebnisse eintrudeln. Sämtliche Eingangsdaten und Berechnungen aus den Prognosen, den Auszählungen und Analysen speichert die Datenbank ebenfalls. Damit stehen Infratest Dimap alle Grafiken und Aggregationen zur Verfügung, die jemals gesendet wurden. Sollte die Anwendung während einer Wahlsendung einmal ausfallen, könnte das Wahlsystem beim Neustart sofort auf das gespeicherte Material zurückgreifen.

Die Daten, mit deenen die Datenbank gefüttert wird, stammen aus Umfragen, Stichproben und Auszählungen und werden mit Angaben der Statistischen Landesämter, sendereigenen Erhebungen sowie weitere soziodemografischen Informationen kombiniert.

Am Wahlabend selbst berichten bis zu 1500 Korrespondenten über den Stand der Dinge direkt aus den Wahllokalen. Sie rufen per Handy in einer der Telefonzentralen von Infratest Burke an (siehe Kasten "Die Wahlforscher"). Die Mitarbeiter dort geben die Informationen am Bildschirm ein. Eine Anwendung, die normalerweise für Marktumfragen genutzt wird und auf SCO-Maschinen liegt, bündelt die neuen Daten. Von dort gehen sie per Standleitung oder ISDN-Verbindung an ein Dispatching-System in München, das die Daten nach ihrer zeitlichen Verfügbarkeit sternförmig an die angeschlossenen Studios verteilt.

Diese Applikation stammt von Dimap, ist in Perl codiert und läuft nach negativen Erfahrungen mit NT-Servern mittlerweile auf einem PC unter dem Betriebssystem Linux. Für die ISDN-Leitungen setzt Infratest Dimap Bintec- und für die Standleitungen Cisco-Router ein. Außerdem steht in der Münchner Zentrale der Bintec-Router "Brick XL", der die angeschlossenen Studios kennt und ansteuert. Ergänzt wird der Rechnerpark durch einen zentralen Mail- und News-Server, einen Proxy-Server, der etwa den Informationsaustausch mit den statistischen Landesämtern sichert, sowie einen Primary-Domain-Server; in Hamburg steht zudem ein Archiv-Server, der zugeschaltet wird.

Das gesamte Netz ist redundant ausgelegt, so daß alle Rechner mindestens zweimal vorhanden sind. In der Regel verwendet Stephan Schulz, LAN-WAN-Spezialist bei Infratest Dimap, für das Wahlsystem Microsoft-Server mit Windows NT 4.0; die Grafikmaschine allerdings stammt von Intergraph. Während ein gut ausgestatter NT-Rechner etwa 26 Bilder pro Sekunde erzeugen könnte, schafft dieses System 60 bis 70 Frames in der Sekunde. Die Wartung und das Testen des Netzes sowie der Anwendungen erfolgen remote.

Bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr wurden allein 14 Fernsehstudios durch das Wahlsystem versorgt. So mußten rund 100 Rechner in drei Monaten konfiguriert werden. Zwar waren die Maschinen dank des Tools "Image Cast" von Powerquest einheitlich vorkonfiguriert, mußten dann aber an die speziellen Bedingungen in den Studios individuell angepaßt werden.

Auf jedem Anwendungsrechner in allen Studios ist das komplette Wahlsystem installiert. Doch unterscheiden sich die Ansprüche in den einzelnen Studios; so berichten die dritten Programme etwa detaillierter über Hochburgen, Arbeitslosenquoten und Ausländeranteile aus der jeweiligen Region als das Hauptprogramm der ARD. Das führt dazu, daß die Anwender vor Ort die Datenbank in unterschiedlicher Weise befragen und andere Grafiken erzeugen. Über die jeweiligen Ergebnisse aber werden alle Studios via Dispatcher innerhalb von maximal fünf Sekunden unterrichtet.

Für den Datenbank-Request und das Erstellen der Grafik benötigt das Wahlsystem höchstens eineinhalb Sekunden. Der Moderator hat jeweils die aktuelle Grafik auf seinem Bildschirm und wird in einem gesonderten Fenster darüber informiert, welche Auswertung die Dimap-Infratest-Leute als nächste liefern können.

Außer den Fernsehstudios bedient Infratest Dimap auch den ARD-Internet-Auftritt und Hörfunkanstalten mit Ergebnissen aus dem Wahlsystem. Die Schnittstelle zum Internet entstand in Zusammenarbeit mit der Firma IXL, die dank des Aufkaufs des in Hamburg ansässigen Unternehmens Lava eine dortige Niederlassung hat. Der Hörfunk bekommt seine Informationen in Berichtsform aus dem Drucker. Diese Aufbereitung der Daten bewerkstelligen die Infratest-Dimap-Spezialisten mit Hilfe von "Crystal Reports" von Seagate. An diesem Tool allerdings lassen die Experten kaum etwas Gutes: "Wenn es Probleme mit dem Wahlsystem gab, war meistens Crystal Reports zuständig", beschreibt Dimap-Geschäftsführer Holzscheck seine Erfahrungen mit der Software. Obwohl durch ständiges Reparieren diese schlimmste Phase überwunden ist, ärgert sich Entwickler Struck noch immer über die kryptischen Fehlermeldungen, die das Produkt zwar erzeugte, damit aber keine Hinweise auf die tatsächlichen Fehlerquellen gab. Er druckt sie aus und heftet sie an die Tür.

Insgesamt beschäftigt das Hamburger Dimap-Büro, das für die technische Ausstattung der Wahlstudios verantwortlich ist, sechs Mitarbeiter. Ein Wahlmarathon wie im jetzigen Herbst läßt sich mit dieser Personenzahl beim besten Willen nicht absolvieren. So benötigt das Unternehmen für jeden Wahltag eine große Anzahl zusätzlicher DV-Kräfte. Diese rekrutiert Holzscheck an Schulen und Hochschulen sowie aus der Industrie. Bei der Bundestagswahl 1998 beispielsweise hatte Infratest Dimap insgesamt 91 Personen in den Studios. Davon haben wurden 60 Personen zusätzlich in Hamburg angeworben und in der Technik geschult.