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"Sicherheit des Arbeitsplatzes wird zum Fremdwort"

03.11.1995

CW: Haben sich die Arbeitsbedingungen in der IT-Branche in den letzten Jahren verschlechtert?

Rohde: Die Situation der IT-Beschaeftigten ist nicht besser geworden: Die Anforderungen wachsen, der Leistungsdruck nimmt zu und gleichzeitig werden die Moeglichkeiten, sich weiterzubilden, geringer. Mit dem strukturellen Wandel von Mainframe und proprietaeren Systemen hin zu Client-Server-Systemen findet eine Verjuengung in der gesamten Branche statt.

CW: Mit welchen Konsequenzen?

Rohde: Junge Kraefte, die in der IT-Branche zu arbeiten beginnen, ueben indirekt einen starken Druck aus. Sie sind hochqualifiziert und noch nicht durch Familie und andere soziale Bindungen zeitlich eingeschraenkt. Das heisst, fuer Frauen und aeltere Mitarbeiter wird es kuenftig noch schwieriger. Die Anforderungen, was Arbeitszeit und allzeitige Verfuegbarkeit betrifft, wirken insgesamt belastend.

CW: Wie wird sich der Arbeitsmarkt entwickeln?

Rohde: Die IT-Industrie befindet sich im Aufschwung. Milliarden Ecu werden zur Verfuegung gestellt, um die europaeische Informationsgesellschaft umzusetzen. Es wird mehr Beschaeftigung geben.

CW: Die Frage ist nur, zu welchen Bedingungen.

Rohde: Sicherheit des Arbeitsplatzes wird fuer viele Beschaeftigte ein Fremdwort, Mitarbeiter werden in Projekten taetig sein. Durch neue Management-Methoden ist die Zahl der Hierarchieebenen reduziert worden, und damit fallen Aufstiegschancen weg. Die Zahl derjenigen, die in befristeten Projekten arbeiten, nimmt zu. Schon heute muessen Spezialisten oft von Projekt zu Projekt wechseln und Hoechstleistungen bringen, um sich fuer eine unbefristete Stelle zu qualifizieren.

CW: Wie sieht das Anforderungsprofil des kuenftigen DV-Mitarbeiters aus?

Rohde: Es wird eine ziemliche Rotation geben, viele werden zwischen festen Stellen und zeitweiliger Arbeitslosigkeit hin- und herpendeln. Da Leitungsfunktionen wegfallen, sind es nicht die Management-Faehigkeiten, die das Ueberleben sichern, sondern spezifische Fachkompetenzen, die in Projekten nachgefragt werden und die wechseln.

CW: Was passiert mit den aelteren Mitarbeitern?

Rohde: In den groesseren Unternehmen gibt es noch gute Abfindungsregelungen. Bedauerlich ist, dass nur wenig unternommen wird, um aeltere Mitarbeiter - so werden Leute bereits ab 40 tituliert - durch gezielte Programme an neue Anforderungen anzupassen. Offenbar wollen sich Unternehmen der Alten entledigen, weil sie hoehere Ansprueche in bezug auf Betriebsrenten und soziale Absicherung stellen und weil sie aufgrund ihrer Unternehmenszugehoerigkeit mehr verdienen.

CW: Gibt es Programme, um diese Menschen zu unterstuetzen beziehungsweise in den Arbeitsprozess zurueckzufuehren?

Rohde: Wir wuerden es gerne tun, aber das geht nicht ohne Mithilfe der Arbeitgeber. Wir wuerden als Welt- und europaeische Organisation mit Arbeitgebern in einem Dialog versuchen, Programme fuer aeltere IT-Fachkraefte auszuarbeiten. Auf so einer gemeinsamen Grundlage liessen sich Mittel der EU akquirieren, um Anpassungsprogramme zu finanzieren - ohne dass Unternehmen dafuer den gesamten Betrag zahlen muessten. Bisher sind die Arbeitgeber leider nicht bereit, mit uns darueber zu reden.

CW: Welches werden die Aufgaben von Gewerkschaften sein, wenn es eine starke Aufsplittung von Unternehmen gibt, wenn Zeitarbeiter und Subunternehmer das Bild des kuenftigen Betriebes bestimmen werden?

Rohde: Wir werden sicherlich nicht zu virtuellen Gewerkschaften. Wenn diese Tendenz der Individualisierung der Gesellschaft anhaelt - und sie wird es wohl -, muessen wir von unserem kollektivistischen Anspruch hin zu mehr individuellen Dienstleistungen gehen. Die neuen Technologien bieten uns jetzt schon die Moeglichkeit, Online-Service fuer Online-Beschaeftigte anzubieten. Wir koennen etwa ueber Internet und E-Mail Informationen sowie Beratung offerieren und sicherlich zu einem gewissen Mass Netzwerke zwischen Beschaeftigten organisieren, um so eine neue Kollektivitaet zu erreichen.

Mit Gerhard Rohde, dem Leiter der Sektion Industrie beim Internationalen Bund der Privatangestellten (Fiet), einem Dachverband von Gewerkschaften mit Sitz in Genf, sprach CW- Redakteur Hans Koeniges. Fiet vertritt weltweit elf Millionen Angestellte, davon sechs Millionen in Europa.