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15.02.2002 - 

Auf dem Prüfstand: SER Systems AG

"Sie müssen mit Innovationen überzeugen"

Viele Anbieter von Dokumenten-Management-Systemen positionieren sich neu - auch die SER Systems AG, die aufgrund einer sehr ambitionierten Internationalisierungsstrategie derzeit heftig kritisiert wird. Mit Vorstandschef Gert Reinhardt sprachen die CW-Redakteure Gerhard Holzwart und Sabine Prehl.

CW: SER Systems hat in den vergangenen Wochen für negative Schlagzeilen gesorgt. Enttäuschende Neunmonatszahlen, angeblich hohe Verbindlichkeiten, nur schwer nachvollziehbare Aktienverkäufe sowie die Trennung von Tochtergesellschaften führten zu Spekulationen über die Liquidität Ihres Unternehmens. Wie sieht die Situation konkret - vielleicht auch im Hinblick auf das vierte Quartal - aus?

Reinhardt: Zunächst einmal war die Geschäftsentwicklung zuletzt in der Tat enttäuschend. Sie werden Verständnis dafür haben, dass ich den Zahlen, die wir am 19. Februar veröffentlichen, nicht vorgreife. Aber die Situation im US-Markt war - natürlich auch aufgrund der Terroranschläge - im vierten Quartal erneut sehr schwierig. Insofern werden wir auch für die jüngste Berichtsperiode keine Trendwende melden können.

CW: Sind der viel zitierte 11. September beziehungsweise ein schwaches US-Geschäft nicht eine sehr zweifelhafte Begründung für die Krise bei SER Systems?

Reinhardt: Über den Begriff Krise werden wir gleich noch sprechen müssen. Was das US-Geschäft angeht, nur so viel: Wir sind wahrscheinlich das einzige Softwareunternehmen in Deutschland, das zwei Drittel seines Umsatzes im angloamerikanischen Raum erzielt. Insofern dürften meine Argumente doch stichhaltig sein.

CW: Aber es gab doch längst vor dem 11. September ein weltweites Abflauen der IT-Konjunktur.

Reinhardt: Auch auf die Gefahr hin, dass ich provozierend wirke: Für uns galt das nicht, jedenfalls nicht in den USA. Wir haben dort zu Beginn des vergangenen Jahres unsere drei US-Töchter zu einer einzigen schlagkräftigen Unit zusammengefasst. In der Folge gingen die Umsätze bedingt durch die Restrukturierung kurzzeitig um etwa 30 Prozent zurück, stiegen dann aber wieder kontinuierlich um mehr als 50 Prozent pro Monat. Wir waren also im September, wie man so schön sagt, gerade im Aufwind.

CW: Kommen wir zu den anderen Punkten. Wie steht es um die Liquidität von SER Systems, die in den vergangenen Wochen in Zweifel gezogen wurde?

Reinhardt: Deutlich besser, als es manche Analysten immer wieder öffentlich zum Besten geben.

CW: Stimmt die Zahl von 37 Millionen Euro, die Ihr Unternehmen an Verbindlichkeiten haben soll?

Reinhardt: Sie stimmt etwa, was die Größenordnung angeht. Was nicht stimmt, ist die immer wieder zu hörende Behauptung, dass es sich dabei um Verluste aus dem operativen Geschäft handelt und diese Zahl quasi von Quartal zu Quartal zunimmt. Wir führen diese Bankverbindlichkeiten seit fast zwei Jahren in unserer Bilanz auf, weil es größtenteils Mittel zur Finanzierung des Kaufs einer unserer US-Töchter waren.

CW: Auch der Verkauf Ihrer Schweizer Tochter sowie des Unternehmensbereichs Banking Solutions ließ bei vielen Branchenkennern und Analysten den Verdacht aufkommen, SER Systems müsse sein Tafelsilber verkaufen, um schnell Kasse zu machen.

Reinhardt: Das ist Unsinn. Natürlich haben uns die Verkaufserlöse in unserer momentanen Situation gut getan. Aber wenn wir wirklich so klamm wären, wie von interessierter Seite immer wieder gestreut wird, hätten wir solche Schritte schon eher unternehmen können und müssen. Wir haben uns beispielsweise von Banking Solutions erst jetzt getrennt, weil wir alte Kundenbeziehungen nicht Knall auf Fall aufs Spiel setzen wollten und weil wir der Meinung waren, jetzt den besten Preis zu erzielen. Was die Schweiz angeht, hat sich einfach nicht das Wachstum eingestellt, das wir uns erwartet hatten.

CW: Und wie verhält es sich mit den seltsam anmutenden Aktienverkäufen?

Reinhardt: Was heißt seltsam? Ich kann zwar nachvollziehen, dass man sich auf den ersten Blick fragt, warum ein Unternehmen in Zeiten wie diesen eigene Aktien verkauft. Hätte man sich aber die Mühe gemacht, die entsprechende Pflichtmitteilung zu Ende zu lesen, wäre alles geklärt gewesen. Dort haben wir unsere Handlungsweise begründet. Laut Aktiengesetz ist es einem Unternehmen nicht erlaubt, eigene Aktien zu halten, wenn dies nicht in der Bilanz durch entsprechende Rücklagen gedeckt ist, die den Wert der Aktien übersteigen.

CW: Dann ist das aber zumindest ein indirekter Hinweis darauf, dass die Eigenkapitaldecke Ihres Unternehmens derzeit sehr dünn ist.

Reinhardt: Dies ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Aber es ging - noch einmal - nicht darum, Kasse zu machen. Im Vergleich zu den eben diskutierten Verkäufen der beiden Tochtergesellschaften war der Aktienverkauf, wie man sich leicht ausrechnen kann, alles andere als ein guter Deal.

CW: Es wird Ihnen auch immer wieder vorgeworfen, Sie hätten in den letzten Jahren nicht nur exzessiv die Internationalisierung von SER vorangetrieben, sondern vor allem auch planlos Firmen hinzugekauft und damit das eigentliche Kerngeschäft, nämlich Dokumenten-Management-Systeme (DMS) und Archivlösungen, vernachlässigt. Gleichzeitig frönen Sie dem vermeintlichen Knowledge-Management-Hype, was sich aber in den Umsätzen bis dato nicht nennenswert auswirkt.

Reinhardt: Wir haben, das ist richtig, die internationale Ausrichtung vorangetrieben. Es tut mir leid, wenn ich hier zunächst nur mit einer Plattitüde antworten kann: Wenn Sie im Software-Business im Weltmarkt auch nur den Hauch einer Chance haben wollen, müssen Sie in den USA halbwegs etabliert sein. Nun kann man darüber streiten, ob man diesen Weg mit Hilfe von Zukäufen oder einer wie auch immer gearteten Partnerstrategie beschreitet. Wir haben uns bekanntlich klar entschieden.

CW: Und dafür eine Menge Lehrgeld gezahlt.

Reinhardt: Auch das kommt auf die Betrachtungsweise an. Wir waren vor rund vier Jahren die sechste Company, die an den Neuen Markt gegangen ist. Ich habe mich, das gebe ich ohne Umschweife zu, von der Euphorie, von der Self-Fulfilling-Prophecy einer deutschen Technologiebörse anstecken lassen. Heute muss ich - aber bitteschön zusammen mit Tausenden anderer Branchenkenner - sagen: Bullshit! Die Tatsache, dass wir eine deutsche Nasdaq etabliert haben, hat in den USA niemanden hinter dem Ofen hervorgelockt und dennoch ist es uns gelungen, uns auf diesem wichtigsten Markt zu etablieren.

CW: Bleibt der Vorwurf einer Vernachlässigung des Kerngeschäfts.

Reinhardt: Das ist auch so ein Problem. Sie und andere sagen, DMS ist unser Kerngeschäft. Dies ist im deutschsprachigen Raum sowohl aus der Historie heraus als auch im operativen Geschäft nach wie vor der Fall. Weltweit haben wir uns strategisch jedoch schon vor zwei Jahren vom reinen DMS-Markt verabschiedet - auch wenn dieses Business derzeit noch rund 85 Prozent unseres Umsatzes ausmacht. Knowledge-Management ohne die notwendige DMS-Infrastruktur war nie unser Ziel, wenngleich wir mit dem Ansatz ei-ner Knowledge-enabled-Software-Comany deutlich mehr Kundenprofile ansprechen als nur den reinen DMS-Markt. Unser Manko war, das wir die Sinnhaftigkeit unserer Strategie dem Markt offensichtlich nicht hinreichend genug haben kommunizieren können.

CW: Warum?

Reinhardt: Weil es in gewisser Hinsicht auch eine Art Ritt auf der Rasierklinge ist. Sollen wir einfach hinausposaunen, dass wir uns hier als "Leading Edge" betrachten, dass wir uns in einem großen zeitlichem Vorsprung gegenüber dem Wettbewerb sehen? Der Grund, weswegen wir uns für unser defizitäres Auslandsgeschäft bis dato auch immer gerne haben kritisieren lassen, war doch der Umstand, dass wir dort sofort intensiv mit der Vermarktung unserer neuen Produkte, etwa einer automatischen E-Mail-Beantwortung, einer Knowledge-Datenbank oder einem selbstlernenden Konverter für Routineaufgaben, begonnen haben. Sie können meines Erachtens nicht in einen neuen Markt gehen und dort zu den potenziellen Kunden sagen: Nun schmeißt mal alle eure DMS-Lösungen weg und kauft unser Zeug. Sondern Sie müssen mit Innovationen überzeugen. In Europa und speziell in Deutschland schreiben wir hingegen - das an die Adresse der Analysten - mit unseren klassischen DMS- und Archivprodukten nach wie vor schwarze Zahlen.

Abb: Neunmonatszahlen

In den ersten drei Quartalen musste SER Systems signifikante Einbrüche hinnehmen. Quelle: SER Systems AG