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04.12.1974 - 

DV-Kaufleute in der Berufspraxis:

Sie sind besser als ihr Ruf

MÜNCHEN - Wolfgang Knauer (21) hat im Februar dieses Jahres mit Erfolg seine Gehilfenprüfung als DV-Kaufmann vor der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern abgelegt. Jetzt ist er bei seinem Lehrbetrieb, Rhode & Schwarz, Werk Meßgeräte und Nachrichtenanlagen in München, als Programmierer beschäftigt. Er würde aber gerne als DV-Sachbearbeiter in einer der Fachabteilungen tätig sein.

Knauer: "Leider ist zur Zeit aber keine passende Stelle im Betrieb frei." Im übrigen glaube er, daß viele Firmen "noch nicht so weit wären", um in größerer Zahl DV-Sachbearbeiter einzusetzen. Zögernd gibt Wolfgang Knauer ein Urteil über Qualität und Inhalt seiner Ausbildung ab: Der kaufmännische Teil komme auf jeden Fall zu kurz.

"Jeweils drei oder vier Wochen in einer Abteilung reichen einfach nicht aus, um praxisnahe Grundlagen zu vermitteln."

DV-Kaufmann zur Imagepflege

Dagegen meint Rhode-RZLeiter Wolfgang Ludwig (27): "Die Ausbildung zum DV-Kaufmann langt auf alle Fälle zum DV-Sachbearbeiter. Das in der Berufsschule vermittelte EDV-Wissen ist jedoch nicht ausreichend. Wir gleichen diese Lücke durch betriebsinterne Herstellerschulungen, insbesondere in der Programmierung, aus."

Er habe als verantwortlicher Ausbilder für DV-Kaufleute die Erfahrung gemacht, daß "unsere DV-Kaufleute (sechs sind bei Rhode &-Schwarz zur Zeit in der Ausbildung) nach beendeter Lehrzeit lieber als Programmierer denn als DV-Sachbearbeiter beschäftigt sind". Er selbst und weitere sechs Programmierer hätten ihren DV-Kaufmann nachgemacht. Die Gründe dafür lägen auf der Hand: "Für mich als Ausbilder war es notwendig. Unsere angelernten Programmierer wollten zur Imagepflege eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen."

Diesen Trend bestätigt Oberstudiendirektor Josef Hofstetter (42), Leiter der Münchner Berufsschule für Datenverarbeitungskaufleute (in Bayern gibt es nur noch in Nürnberg eine weitere, öffentliche Lehrstätte dieser Art). Hofstetter: "Wir haben eine zunehmende Anzahl von Gasthörern aus der EDV-Praxis, zumeist Operatoren und Programmierer mit mindestens vierjähriger Berufserfahrung. Sie nehmen sich in der Regel unbezahlten Urlaub, um bei uns dem Vollzeitunterricht (Blockbeschulung) beizuwohnen. Sie legen dann als Externe vor der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern ihre Gehilfenprüfung als Datenverarbeitungskaufmann ab."

Rüstzeug und Reife

Volksschüler hätten nach acht bis neun Schuljahren "normalerweise" nicht das geistige Rüstzeug und die Reife, um eine solche Lehre erfolgreich abzuschließen, erklärt Oberstudienrektor Hofstetter. Zehn Prozent seiner insgesamt 87 Schüler haben Hauptschulabschluß "und Schwierigkeiten mit der Mathematik und bei der Logik der Programmierung". Bei allen anderen Schülern träfe diese Einschränkung nicht zu. Sie haben überwiegend mittlere Reife, zum geringeren Teil Abitur und müssen eine verkürzte Lehrzeit von 2 1/2 Jahren absolvieren, während für Hauptschüler die Ausbildungsdauer zum DV-Kaufmann drei Jahre beträgt.

Die Durchwahlquote bei der Gehilfenprüfung sei mit durchschnittlich fünfzehn bis zwanzig Prozent keinesfalls höher als bei den Abschlußprüfungen anderer Lehrberufe. Das bestätigt auch Klaus Schmidt, Sachbearbeiter im kaufmännischen Prüfungsreferat der IHK München/Oberbayern.

Wünschenswert findet es Hofstetter, wenn grundsätzlich alle seine DV-Berufsschüler eine abgeschlossene Lehre als Industriekaufmann mitbringen würden und nicht nur in Einzelfällen, wie beispielsweise Auszubildende der Bayerischen Motorenwerke München. Hofstetter: "Das war auch unsere ursprüngliche Idee, die dann nicht im Berufsbildungsplan für DV-Kaufleute verwirklicht wurde.

Jetzt werden in der Industrie Stimmen laut, dies nachzuholen."

Siemens: Zusatz-Ausbildung

Nach Meinung von Hans Dehmel (53), Leiter der Hauptabteilung "Kaufmännische Bildung" in der Münchner Siemens Hauptverwaltung am Wittelsbacher Platz, treffen in bezug auf Siemens alle kritischen Einwände zum Lehrberuf Datenverarbeitungskaufmann ohnehin nicht zu. "Für uns ist die Ausbildung zum DV-Kaufmann eine zusätzliche, weil alle Auszubildenden bereits mittlere Reife und eine abgeschlossene Lehre als Industriekaufmann haben." In einer hausinternen, einjährigen Zusatzausbildung sind von Siemens seit 1970 etwa 60 DV-Kaufleute ausgebildet worden, die ihr Gehilfenprüfung vor der IHK ablegten. Die Siemens-Ausbildung umfaßt jeweils 20 Wochen EDV-Seminare und ein Praktikum in Rechenzentren und DV-Organisationsstellen von gleicher Dauer. Während dieser zwölf Monate erhalten die Siemens-Auszubildenden eine monatliche Ausbildungsbeihilfe von 900 Mark. Dehmel betont, daß die theoretische und praktische Unterrichtung selbstverständlich auf das Siemens-Geräte-Programm zugeschnitten sei, aber voll dem derzeitig geltenden Berufsbild des DV-Kaufmanns entspreche. "Wir haben auch noch keinen Fall gehabt, bei dem unsere jungen Leute, die wie alle Berufsanfänger Erfahrungen sammeln müssen, in der Berufspraxis nicht für voll genommen wurden." Ob die Kritik am Berufsbildungsplan des DV-Kaufmanns voll oder teilweise zutreffen mag - solange kein entsprechender Antrag aus der Wirtschaft beim zuständigen Bundeswirtschaftsministerium vorliegt, wird es auch keine Anderung der derzeit gültigen Ausbildungsordnung geben. Das bestätigt eine Bonner Stellungnahme, die nachfolgend im vollen Wortlaut wiedergegeben wird:

Betrifft: Ausbildungsberuf Datenverarbeitungskaufmann

Bezug: Ihr Fernschreiben vom 18. 11. 1974 an den Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung Vorgenanntes Fernschreiben wurde mir übersandt, weil der Bundesminister für Wirtschaft für Ausbildungsberufe der gewerblichen Wirtschaft zuständig ist. Die Ordnungsmittel für die Berufsausbildung im Ausbildungsberuf Datenverarbeitungskaufmann wurden in einem Arbeitskreis der seinerzeitigen Arbeitsstelle für betriebliche Berufsausbildung (ABB) entwickelt, dem Praktiker aus Anwendungsbetrieben, Ausbilder, Vertreter von Kammern und schulischen Einrichtungen angehörten.

Die Arbeiten stützten sich auf Stellungnahmen aus einer Umfrage, berufsanalytische Untersuchungen der ABB sowie auf Ergebnisse einer Untersuchung, welche im Auftrage des Landes Nordrhein-Westfalen durch den Ausschuß für wirtschaftliche Verwaltung angestellt wurden. Nach Zustimmung der Sozialpartner habe ich die Ordnungsmittel am 9. Juli 1969 erlassen.

Bisher sind offiziell keine Wünsche auf Überarbeitung der Ausbildungsordnung an mich herangetragen worden. Ein entsprechender Antrag wäre von der Wirtschaft. möglichst unter Einbeziehung der Arbeitnehmervertretungen, zu stellen. Als zuständiger Fachverband könnte unter anderem die Arbeitsgemeinschaft für elektronische Datenverarbeitung und Lochkartentechnik E. V. (ADL) in Betracht kommen. Bei einer Antragstellung sollte das Bundesinstitut für Berufsbildungsforschung, Berlin, und der Deutsche Industrie- und Handelstag, Bonn, eingeschaltet werden.

Bundesministerium für Wirtschaft 5-80 73 41/13

Im Auftrag Hohendorff