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07.05.2004 - 

IBM-Vertriebschef Michael Lawrie wird neuer CEO des CRM-Anbieters

Siebel-Rücktritt hat auch für IBM Folgen

MÜNCHEN (CW) - Thomas Siebel, Gründer und Namensgeber des CRM-Softwareanbieters Siebel Systems, gibt seinen Posten als Chief Executive Officer ab und zieht sich auf den Vorsitz des Verwaltungsrats zurück. Kurioserweise setzt dies nicht bei Siebel, sondern bei IBM das Personalkarussell in Gang: Siebels Nachfolger wird IBM-Vertriebschef Michael Lawrie.

Die durch den Weggang Lawries entstandene Lücke muss Big Blue schließen. Dazu wechselt Douglas Elix, Chef von IBM Global Services, auf Lawries Posten als Vertriebsverantwortlicher. IBMs Dienstleistungssparte soll nun der bisherige Finanzchef John Joyce leiten. Der hat nicht allzu viel operative Erfahrung, stand aber für eine kurze Zeit an der Spitze der Asia Pacific Group, bevor er 1999 Chief Financial Officer (CFO) wurde. Neuer Finanzchef von IBM und damit Nachfolger von Joyce wird schließlich Mark Loughridge, zuvor Leiter von IBM Global Financing.

Thomas Siebel hatte nach eigenen Angaben bereits vor rund einem Jahr entschieden, die Ämter des CEO und Chairman nicht länger in Personalunion zu halten. Die Trennung hatten vor allem Aktionärsvertreter immer wieder gefordert. Der Verwaltungsrat habe auch Alternativen erwogen, bei denen er den CEO-Posten behalten hätte, so Siebel. Er sei aber sicher, dass die nun gefundene Lösung das Management der Firma am besten stärke.

Die Berufung eines externen Nachfolgers wundert den früheren Siebel-Manager Craig Ramsey, inzwischen Board-Mitglied beim Wettbewerber Salesforce.com, jedoch sehr: "Tom legt immer Wert darauf zu kontrollieren", kommentiert der Ex-Kollege. "Er hat der Firma seinen Stempel aufgedrückt."

Noch krasser drückt sich Steve Garnett aus, Vice President Emea (Europa, Nahost und Afrika) bei Salesforce und ebenfalls Ex-Siebel-Manager. "Tom ist ein Dikator in seiner Firma", so Garnett. Ständig seien neue Führungskräfte zu Siebel gekommen, die es dann aber nie lange dort ausgehalten hätten. Garnett sieht Lawrie vor einer schwierigen Aufgabe: "Er muss die Firma wirklich umkrempeln." Neben Tom Siebels dominierender Persönlichkeit stehe ihm dabei auch die Wallstreet im Weg, die den Umstieg vom traditionellen Softwareverkäufer mit üppigen Vorab-Lizenzeinnahmen zu einem Application Hoster plausibel begründet haben wolle.

Thomas Siebel, der rund elf Prozent der Aktien von Siebel Systems hält, bleibt Angestellter der Firma und wird auch weiterhin Kunden und Partner treffen. "Mike leitet die Firma", so Siebel, "aber ich gehe nirgendwo anders hin." Er habe geschäftlich keine anderen Pläne, habe sich aber schon in den vergangenen Jahren verstärkt karitativ engagiert. In der vergangenen Woche wurde beispielsweise das Siebel Center for Computer Science an der University of Illinois at Urbana-Champaign eingeweiht, für das Siebel 32 Millionen Dollar spendierte.

Kein Mann für die Krise

Das "Wall Street Journal" zitiert Insider mit der Einschätzung, Siebels Persönlichkeit habe zu den vergangenen Jahren spektakulären Wachstums gepasst. Sein Enthusiasmus sei aber durch die jüngst notwendig gewordenen Kostensenkungen und Entlassungsrunden merklich gebremst worden. Siebel Systems beschäftigt noch rund 5000 Mitarbeiter, in Spitzenzeiten waren es einmal 8500 gewesen.

Der frühere Oracle-Manager konnte in den 90er Jahren kaum etwas falsch machen. Sein Unternehmen gründete er 1993, nachdem andere Anbieter wie SAP begonnen hatten, Firmen bei der Automatisierung ihrer Backend-Funktionen zu unterstützen. Siebel fokussierte sich auf Software zur Vertriebsunterstützung und Kundenpflege. Der Anbieter wuchs rasch und erreichte in Zeiten der "Internet Bubble" im Jahr 2000 zeitweilig eine Marktkapitalisierung von über 60 Milliarden Dollar. Thomas Siebel erschien regelmäßig auf den Titelbildern führender Zeitschriften, und mehrere Bürohochhäuser des Herstellers schossen in der kalifornischen Bay Area aus dem Boden.

Als aber die Budgettöpfe der Unternehmen versiegten, erwischte es Siebel besonders hart. Die Lizenzeinnahmen sanken um fast 70 Prozent, über neun Quartale in Folge ging der Umsatz im Jah- resvergleich zurück. Im ersten Quartal dieses Jahres verzeichnete Siebel erstmals wieder einen kleinen Aufwärtstrend. Der Lizenzumsatz für das Fiskaljahr 2003 betrug 700 Millionen Dollar (2000: 1,12 Milliarden Dollar), der Börsenwert der Firma beträgt derzeit rund fünf Milliarden Dollar.

Hosting als Zukunftsstrategie

Mit sinkendem Aktienkurs und Gewinn wuchs die Kritik einiger großer Anleger an CEO Siebel unter anderem aufgrund üppiger Aktienoptionsboni für einige Manager. Die Pensionskasse für Lehrer des Bundesstaats Louisiana, die zugunsten ihrer Mitglieder auch an der Börse spekuliert, ging deswegen sogar vor Gericht. In der Folge strich Thomas Siebel im Januar vergangenen Jahres all seine seit 1998 erhaltenen Optionen. Ärger handelte sich Siebel auch mit der US-Börsenaufsicht ein, weil er Insidern sensible Geschäftsinformationen mitgeteilt haben soll. Im November 2002 zahlte Siebel Systems deswegen ohne Schuldeingeständnis 250000 Dollar Strafe.

Seit einiger Zeit bemüht sich Siebel Systems, über Zukäufe neues Wachstum zu erzielen. Im vergangenen Monat übernahm die Firma beispielsweise Eontec Systems, einen Spezialanbieter von Software für Filialbanken. Besonders aggressiv versucht das Unternehmen zusammen mit IBM seit dem vergangenen Jahr außerdem, seine Software als Online-Dienst zu vermarkten. Diesen Ansatz, den auch verschiedene Newcomer wie Salesforce.com verfolgen, hatte Siebel bereits in der Vergangenheit probiert, im Jahr 2001 aber mangels Erfolgs zunächst eingestellt. Auch der neue Versuch läuft eher schleppend an. Thomas Siebel ist aber sicher, "dass Software künftig auf diese Weise geliefert wird". (tc)