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21.11.1980 - 

Nach Ausschreibungstext hätte ein anderer DV-Hersteller den Flughafen-Auftrag gewonnen:

Siemens-Garantie wiegt schwerer als fertige Konkurrentenlösung

MÜNCHEN - Im Fall "Neuer Rechner für den Münchener Flughafen" scheint die von Siemens erbrachte Garantie höher bewertet worden zu sein als die Leistungen, die Honeywell Bull und Sperry Univac im Test demonstriert hatten.

Der Aufsichtsrat der Flughafen GmbH, in dem Bund (26 Prozent) Land Bayern (51 Prozent) und die Stadt München (23 Prozent) vertreten sind, gab sein Votum einstimmig für Siemens ab. Nach Aussagen von Roman Rüttweger, Geschäftsführer des Münchener Flughafens, konnte Siemens die erforderliche Basis-Software für die Einsatzsteuerung, die Passagier-Information, die kommerzielle Funktion und die Baukostenüberwachung nicht demonstrieren. An Stelle des Nachweises treten Personalleistungen und eine Vertragsstrafe von acht Millionen Mark.

Erinnerungen an den Rechner der Universität Bremen stellen sich ein. "Wir trauen Siemens zu, daß sie den Restart im Betriebssystem BS2000 schaffen", rechtfertigt die Geschäftsführungsebene des Münchener Flughafens die Entscheidung ihre Verwaltungsrates, der ohnehin alle Verantwortung für das Gelingen des Projekts auf sich geladen hat. Auf Wunsch der Eigner wurde der Münchener DV-Hersteller in die Auswahl einbezogen. Die Fachebene, zusammen mit der Diebold Unternehmensberatung, hatte dem Aufsichtsrat Univac vorgeschlagen. Mit winzigem Abstand folgte Honeywell Bull in der Bewertungsskala. Siemens rangierte an dritter Stelle. Von der Konkurrenzlage unter Druck gesetzt, "legte Siemens dann was drauf", erklärten die Fachverantwortlichen vom Flughafen München. Heraus kam "ein zumindest wirtschaftlich gleiches Angebot", wie der dortige DV-Leiter Günter Hagen es ausdrückt. Sperry Univac jedoch verfügt über jahrelange Erfahrung im zeitkritischen Geschäft Luftverkehr. "Jeder zweite Flugplatz wird über "unsere Systeme reserviert", erklärt der US-Hersteller stolz.

Die in der begrenzten, funktionalen Ausschreibung der Flughafen GmbH geforderte Betriebssicherheit von 99,9 Prozent für Hardware und Systemsoftware verbunden mit kurzen Antwortzeiten in kritischen Bereichen wäre nach Ansicht des Herstellers realisiert worden. Ähnliches gilt für den Honeywell-Rechner den Erfahrungsschatz dieser mehrheitlich europäischen, nämlich französischen Gesellschaft umfaßt zwar nach Aussagen von Unternehmenssprechern nur fünf internationale Flughäfen. Doch stehe im Münchener Airport eine HB 6t, die den Online-Teil im allgemeinen und privaten Luftverkehr bearbeite. "Die Computerentscheidung liegt letztlich in den Händen der Eigentümer, die die politische Komponente mit berücksichtigen", meint Volker Hei resigniert, der als verantwortlich für die DV-Organisation am Flughafen bei der Vorlage des Vorschlags an den Verwaltungsrat maßgeblich mitgearbeitet hat.

HB zog in Frankfurt die Konsequenz

Nach dem Mißerfolg in München zog Honeywell Bull (HB) am Flughafen Frankfurt die Konsequenz. Die Flughafen Frankfurt Main AG (FAG) hatte im Sommer zur Verwirklichung ihres Systems "Info 80" die Generalunternehmerschaft oder, alternativ, die Lieferung der erforderlichen Basisausstattung für Gepäcksystem, Leitung der Fracht, der Fluggäste und des Einsatzes ausgeschrieben. Nach Angaben von Klaus Brendlin, Direktor Informatik und Planung, entscheidet der Aufsichtsrat frühestens im Februar, ob DEC, Tandem zusammen mit Dornier, Univac oder Siemens - deren Münchener Aufwand sich dann gelohnt hätte - den Auftrag davon tragen.

Die Frankfurter fordern eine Verfügbarkeit von mindestens 99,5 Prozent im Jahresmittel, eine Reaktionszeit am Dialogterminal von höchstens 0,5 Sekunden bei einer Transaktionszahl pro Tag von gegenwärtig 3,5 Millionen. Die Werte erreichen die zur Zeit installierten beiden Siemens 4004/151 zusammen mit drei Siemens Kommunikationsrechnern 404/6. Im Gegensatz zur Münchener Ausschreibung, die nach Ansicht von Brendlin, recht aufwendig ausgefallen war, hat Frankfurt seinen kaufmännischen Bereich im April mit einer 7.541 modernisiert. Hier wie auch zum BS1000 im Leitsystem, entwickelte der Flughafen selbst einen TP-Monitor zur Dialogabwicklung.

Honeywell Bull stieg nach den Erfahrungen in München aus. IBM, die nach Auskunft von Eberhard Schrade, der als Geschäftsführer der Ratioplan GmbH, VS-Villingen, der FAG bei ihrer Entscheidung beratend zur Seite steht, beteiligte sich mit der Begründung " Dies ist nicht unser Markt" nicht ernsthaft an der Ausschreibung, obwohl auch sie zu einem Gebot aufgefordert wurde. HB dagegen schien, so die Flughafen-DV-Planer, nach Beurteilung der Mitbewerber und der für ein qualifiziertes Angebot notwendigen Aufwendungen zum Schluß gekommen zu sein, da es sich nicht lohnt. HB selbst führt die Erfahrungen in München als Grund für den Ausstieg an.

Die Frankfurter jedoch bemühen sich eigenen Angaben nach um ein objektive und fachlich-wirtschaftlich befriedigende Lösung. "Wir wollen nicht das preislich billigste Angebot annehmen", betont Brendlin. "Wenn es bei einem System auf die Qualität der Technik ankommt, öffnet sich eine Schere. Aus dem Dilemma, für hochwertige Technologie auch viel Geld zahlen zu müssen, ziehen wir uns durch einen Kosten-/Nutzenvergleich."

Ratioplan erarbeitete zusammen mit der FAG eine Testaufgabe, die der DV-Stab des Frankfurter Flughafens auf den Geräten der verschiedenen Hersteller realisiert. In der Aufgabe soll auch das Restart, die Transaktions- und die Antwortzeiten, enthalten sein. Die Experten wollen sichergehen, daß die Offerte die ausgeschriebene Problemstellung löst. "Schadenersatz hilft uns nicht." Mit einer Garantie ließen sich die Probleme des Flughafens nicht lösen. "Wegen Umstellung der DV bis auf weiteres geschlossen", käme teuer zu stehen.

München kein Präjudiz

"Unsere Frage lautet: Kriegt es der Hersteller als Generalunternehmer hin, unsere Systemvorstellungen für die nächsten fünfzehn Jahre zu verwirklichen", erläutert Brendlin den Test. An Vertrauen in Siemens mangele es dabei nicht. Verteilte Intelligenz könnte zum Beispiel das Ausfallrisiko mindern. Geringere Erfahrung in der Flughafen-Anwendung würde sich dann halt in den Kosten des Herstellers und damit im Preis niederschlagen.

Die rund zehn mal so großen Frankfurter finden es lächerlich, in ihrer Entscheidung München zu folgen, wie das Gerücht geht. "Für uns ist München kein Präjudiz, noch nicht mal politisch", spottet Berater Schrade. Der Sieg im Prestige-Objekt vor den Toren Perlachs kommt die Siemens AG wahrscheinlich teuer zu stehen. Ein Zuschlag in Frankfurt würde die Entwicklungskosten verteilen. Den Preis für die reine Hardware hat die Münchener Flughafen GmbH auf zehn Millionen runtergehandelt. Im Poker mit den Konkurrenten Univac und HB erklärte sich Siemens bereit, außerdem 15 hochqualifizierte Experten über zwei Jahre hinweg "kostenlos" zur Verfügung zu stellen, um das in der Ausschreibung geforderte Betriebssystem vor Ort zu erstellen. Falls der ortsansässige Hersteller Basis-Software und das funktionale System, das die Betriebssicherheit herstellt, sowie die versprochene Leistungsfähigkeit nicht rechtzeitig verfügbar macht, kostet ihn das laut Vertrag acht Millionen Mark Konventionalstrafe.

Die ausgeschlagenen Mitbewerber sind heute noch sauer. "Die Flughafengesellschaft wurde in eine Lösung getrieben, die es rein in den Konjunktiv stellt, ob der Ausschreibungsinhalt überhaupt realisiert wird", kommentiert Friedrich Goller bitter, als Direktor des Vertriebs der Honeywell Bull AG für das Gebiet Süd und somit für den bayerischen Großflughafen Zuständig. Die Kosten, die bei einem Auftrag an HB oder Univac angefallen wären, hätten sich im Rahmen gehalten. Angesichts der zu erwartende

Kostensteigerung und der noch offenen Realisierung des Projektes müsse vermutet werden, daß das in der Ausschreibung verlangte Paket aus Hardware, Betriebssystem und betriebssystemnaher Software sehr viel teurer kommen als die Festpreislösung seines Unternehmens und des Luftverkehrs-Experten Univac. Beide hätten ein Angebot gemäß der Ausschreibung erbracht, das in der Endausbaustufe rund 30 Millionen Mark koste. Mit HB wäre der Auftraggeber nicht in Verhandlungen über Preise und Konditionen getreten.

Auch für den Siemens-Zuschlag gibt der Münchener Flughafen einen Auftragswert von insgesamt 30 Millionen Mark an. "Für den Auftrag vor den Toren Perlachs wollen wir alles tun", bestätigt Dr. Rolf Günther aus dem Bereich Daten- und Informationssysteme der Siemens AG.

Diese Bereitschaft ging so weit, daß der Elektrokonzern das Kooperationsangebot der Honeywell-Leute zurückwies. Aufsichtsrats-Mitglieder haben wie Goller erklärt, die 50-zu-50-Zusammenarbeit abgelehnt, bei der Siemens den allgemeinen und den Verwaltungsteil übernommen, HB dagegen den dispositiven Teil samt Dialog realisiert hätte. "Gemeinsam hätten wir da was zur Verwirklichung des aus dem dritten DV-Programm nachwirkenden europäischen Gedanken tun können", ärgert sich Goller über den Fehlschlag. "Die Prestigeforderung wäre erfüllt worden. Das Risiko hätte gegen Null gehen können." Der Bundgemischte Aufsichtsrat jedoch nutzte seine Chance, an der VOL vorbei dem 1979 mit 200 Millionen Mark geförderten einzigen deutschen Großrechner-Hersteller eine weitere Entwicklungsmöglichkeit in einem Wirtschaftsunternehmen der öffentlichen Hand zu bieten.

Flughafen: VOL gilt nicht

Ob die Vergabeordnung für Leistungen (VOD für Unternehmen der öffentlichen Hand als bindend angesehen werden muß, darüber streiten sich die Betroffenen, im Fall Flughafen München die Bundes- und Bayernministerien wie auch die aufgeforderten Hersteller. Auf ein Minimum gebracht, sollte die Entscheidung auch bei einer begrenzten Ausschreibung zumindest an der VOL orientiert sein. Doch bei komplexen Rechnersystemen, so schränkt der Bayerische Rechnungshof ein, der wie seine Kollegenhöfe auf Stadt- und Bundesebene die Flughafenentscheidung überprüfen wird, ist eine saubere Ausschreibung nicht möglich. Nach ° 25 kann die Ausschreibung unter anderem aus "anderen triftigen Gründen", wie zum Beispiel politischen, aufgehoben werden. Nach Angaben von Rüttweger handelte es sich bei der Ausschreibung vom 22. 5.1979 um eine freie Ausschreibung.

Der Flughafen-Aufsichtsrat veranlaßte aller Wahrscheinlichkeit nach den deutschen Hersteller, sein Angebot schrittweise aufzubessern. Nach Auskunft des Bayerischen Wirtschaftsministeriums führte AR-Vorsitzender Max Streibl "informative Gespräche mit dem Siemens-Vorstand", die in ein preisliches Entgegenkommen mündeten. Strauß selbst forderte nach Auskunft der Bayerischen Staatskanzlei den Elektrokonzern auf, in seinem Angebot mit den USA konkurrenzfähig zu werden. "Wäre man nach dem Ausschreibungstext vorgegangen", äußert Sperry Univac-Direktor Josef Pecher bitter, "wären wir die Gewinner von München gewesen." Doch gibt das Bayerische Finanzministerium zu bedenken, daß Siemens schließlich kein Handwerksbetrieb ist. Der Münchner Bürgermeister Gittel, ebenfalls Mitglied des Aufsichtsrates, ist überzeugt, daß Siemens auf keinen Fall schlechte Rechner liefert. "Wenn Siemens dem Auftrag nicht von entsprochen hatte, wäre der Auftrag an jemand anderen gegangen." Von Schwächen des BS2000, wie sie in dem Gutachten von Professor Seegmüller (Uni München) über die Order der Universität Bremen oder im Rechnervergleich von Gerhard Weck (Uni Saarbrücken) beispielsweise zum Ausdruck kommen, hat Münchener DV-Chief Hagen eigenen Angaben zufolge nie etwas gehört.

Trotz Schadensersatzlage der Burroughs über rund zehn Millionen Mark schließt der Bremer Senator für Wissenschaft und Kunst jetzt einen Vertrag über den Siemensrechner. Das Bonner Ministerium für Forschung und Technologie gab Mitte Oktober endlich grünes Licht zum Kauf des Siemens-vertriebenen Fujitsu-Rechners. In Bremen wie in München entschieden die Politiker gegen den Widerstand der Fachebene.

Ob der Flughafen Frankfurt trotz gegenteiliger Behauptung der DV-Planer doch noch zum "heißen Kriegsschauplatz" wird, bleibt abzuwarten.