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20.02.2004 - 

Carrier machen kein Geld locker

Siemens ICN sucht Nistplatz in fremden Netzen

Nach überstandener Rosskur und zwei positiven Quartalen in Folge sieht der Siemens-Bereich ICN Licht am Ende des Tunnels. Mit der Kommunikationsplattform "Lifeworks" - einem Softswitch für Carrier- sowie Enterprise-Kunden - wollen die Münchner ihren Konkurrenten nun Marktanteile abjagen.

Betont vorsichtig, aber doch zuversichtlich blickt Thomas Ganswindt, Vorstandsvorsitzender des Konzernbereichs Information and Communication Networks (ICN) der Siemens AG, in die Zukunft: "Wir gehen von einer stabilen, aber flachen Markt-entwicklung aus", sagte der ICN-Chef anlässlich einer Presse- und Analystenveranstaltung in Athen, wollte aber keine konkrete Umsatz- und Wachstumsprognose für das laufende Geschäftsjahr wagen, das am 30. September endet. Ganswindt ließ jedoch keinen Zweifel daran, dass er in diesem Fiskaljahr mit schwarzen Zahlen rechnet. ICN hatte in der vergangenen Geschäftsperiode bei einem Umsatz von 7,1 Milliarden Euro noch einen Verlust von 366 Millionen Euro geschrieben.

Standardproduktion in Deutschland zu teuer

Die Konzernsparte, die Kommunikationslösungen für Carrier und Unternehmensnetze entwickelt, war nach langer Durststrecke in den letzten beiden Quartalen wieder profitabel. Diesem Erfolg gingen ein zweijähriges Restrukturierungsprogramm mit einer Kostensenkung von 3,5 Milliarden Euro sowie der Abbau von 20000 Stellen voraus. Nach dieser Rosskur ist ICN laut Finanzchef Michael Kutschenreuter jetzt gut für den Wettbewerb gerüstet. Als Zeichen für eine leichte Belebung des Geschäfts wertet der CFO ferner das steigende Auftragsvolumen: "Das ist Indiz für eine Erholung am Markt."

Trotz dieser erfreulichen Entwicklung warnen Ganswindt und Kutschenreuter jedoch vor Euphorie. Derzeit, so ihre Aussage, herrsche ein enormer Preisdruck, der Aufschwung werde zudem durch den starken Euro gebremst. Der CFO bezifferte den Preisverfall einschließlich des Währungseffekts mit über zehn Prozent. Die kürzlich angekündigte Verlagerung der DSL-Fertigung von der deutschen Fabrik in Bruchsal in das chinesische Siemens-Werk bezeichnete Ganswindt als Reaktion auf diesen Preiskampf. "Für die Produktion standardisierter Hardwareprodukte sind die Fabriken in Deutschland zu teuer. Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssen wir in Märkte gehen, wo wir billiger fertigen können", erklärte der ICN-Boss die Entscheidung, in Bruchsal über 500 Stellen zu streichen. ICN sei heute so flexibel, die Fertigung binnen sechs Monaten an einen anderen Ort zu verlagern.

Einkauf in den Dollarmarkt verlagert

Glaubt man Ganswindt, droht den deutschen Produktionsstandorten aber nicht das Aus. Die Hightech-Fertigung werde in Deutschland bleiben, weil hier das Know-how für nicht standardisierbare und kundenspezifische Produkte wie zum Beispiel Softswitches oder optische Komponenten wesentlich besser sei. Der ICN-Chef versteht darunter vor allem Softwarelösungen, die der Hardware in der Wertschöpfung zunehmend den Rang ablaufen.

Eine Notwendigkeit, die Produktion an Auftragsfertiger auszulagern, wie es die Wettbewerber tun, sieht Ganswindt nicht: "Wir sind größer und können deshalb billiger einkaufen", sagte er. ICN versucht, die Einkaufsmacht des Konzerns nun auch wegen des starken Euro zu nutzen. Laut Finanzchef Kutschenreuter werde das Procurement so weit wie möglich in den Dollarmarkt verlegt, um den beim Umsatz negativen Währungseffekt hier auszugleichen.

Den Abbau der Arbeitsplätze in Bruchsal sehen die ICN-Verantwortlichen nicht mehr als Bestandteil der großen Restrukturierung, sondern als nötige Ad-hoc-Maßnahme, um im Wettbewerb zu bestehen. "Wir sind in einem permanenten Kostensenkungsprozess", rechtfertigt Kutschenreuter den Schritt. Ziel sei zum Beispiel, Alcatel, den Marktführer in Access-Technik, anzugreifen.

Wachstum ist nach Ansicht von Ganswindt derzeit nur durch Verdrängungswettbewerb möglich. Die Münchner, die zwei Drittel ihres Umsatzes in Europa erwirtschaften, wollen ihre Konkurrenten dabei vor allem auf den nordamerikanischen und asiatischen Märkten stärker attackieren. Siemens strebt in den drei Zonen ein Ertragsverhältnis von jeweils einem Drittel an. "In Asien müssen wir die lokalen Konkurrenten vor allem in China besiegen", gab sich Ganswindt in Athen kämpferisch und betonte damit die immense Bedeutung des chinesischen Marktes. Siemens, so der ICN-Vorstand, müsse dort eine Verkaufsorganisation aufbauen wie in Deutschland.

Den Angriff auf die Wettbewerber will ICN vor allem mit seinem Konzept Lifeworks führen. Dabei hat der Hersteller die Vermittlungstechnik seiner Carrier-Linie "Surpass" mit Anwendungen und Features seiner Enterprise-Produktreihe "Hipath" zu einem Softswitch verschmolzen. Dadurch ist eine Plattform entstanden, die Kommunikationsanwendungen wie "Openscape" (siehe Kasten "Openscape") übergreifend auf allen Netzen und Endgeräten verfügbar macht, weil der Softswitch öffentliche Netze und Unternehmensnetze zu einer logischen Domäne zusammenfasst und als zentraler Server für eine Kommunikation ohne Medienbruch sorgt. Der Aktionsradius von Lifeworks reicht dabei Siemens zufolge vom festen Arbeitsplatz über mobile Mitarbeiter bis hin zum Teleworker im Homeoffice.

Mit dieser Plattform will ICN nun gezielt Netzbetreiber sowie Unternehmenskunden adressieren. Der Hersteller erhofft sich bei beiden Zielgruppen gute Absatzchancen, weil Lifeworks unter anderem eine Reduzierung der Betriebskosten, höhere Erträge durch neue Umsatzströme sowie effizientere Geschäftsprozesse und die Verbesserung mobiler Arbeitskapazitäten verspricht.

Migrationspfad für Bestandskunden

Die Münchner wollen den Markt dabei auf zwei Feldern beackern. Zum einen bei ihren Bestandskunden, zum anderen im Territorium ihrer Wettbewerber. Für den bestehenden Kundenkreis werden sie Migrationspfade zum Next Generation Network Lifeworks anbieten, das heißt für ihre weltweit installierte Technik "Elektronisches Wählsystem digital (EWSD) Upgrades liefern. Laut Anton Schaaf, der bei ICN das Carrier-Business verantwortet, handelt es sich bei der EWSD-Vermittlungstechnik nach wie vor um einen Dauerbrenner. 2003 sei es gelungen, den globalen Marktanteil von 16 auf 19 Prozent zu steigern. Dieses Jahr rechnet der Manager mit weiteren 18 Millionen verkauften Time-Division-Multiplexing-Anschlüssen. Trotzdem kann sich das ICN-Management nicht auf den EWSD-Lorbeeren ausruhen und will mit Lifeworks auch neue Abnehmer hinzugewinnen. Das kann nur heißen, die Festnetztechnik der Wettbewerber bei Netzbetreibern und in Unternehmensnetzen abzulösen.

In der Krise investiert

Ganswindt ist jedenfalls fest davon überzeugt, dass ICN mit Lifeworks gegenüber seinen Konkurrenten einen Vorsprung und gute Karten hat. Erstens, weil einige Anbieter entweder nur im Enterprise- oder Carrier-Segment zu Hause sind. Zweitens, weil die Wettbewerber Alcatel und Nortel, die in beiden Märkten agieren, in der wirtschaftlichen Krise im Gegensatz zu Siemens kaum ins Enterprise-Geschäft investiert haben. "Beide haben durch den Verkauf ihrer Vertriebs- und Servicegesellschaften im Grunde den Zugang zum Kunden aufgegeben", beschreibt der ICN-Chef das Manko der Konkurrenten. ICN habe hingegen seine weltweite Organisation aufrechterhalten und könne seinen Kunden überall das gleiche Produkt und den gleichen Service anbieten.

Bis sich Lifeworks und Openscape aber nennenswert auf die Zahlen auswirken, muss ICN sowohl bei Carriern als auch Unternehmenskunden noch eine Menge Überzeugungsarbeit leisten. "Die Lage der Carrier hat sich zwar stabilisiert, aber die großen Investitionen lassen noch auf sich warten", beklagt Ganswindt die abwartende Haltung der Telcos. Die Netzbetreiber, so der Vorstand, wollen eine schnelle Rentabilität ihrer Investitionen sehen. Gleiches gelte für die Enterprise-Kunden, wo die Controller mehr und mehr in die IT-Entscheidungsprozesse einbezogen würden und dabei nicht auf die Technologie schauten, sondern nur auf den Nutzen.

Für Siemens scheint es gegenwärtig jedoch noch schwer zu sein, die Entscheider für sein Lifeworks-Konzept zu begeistern, möglicherweise, weil diese die Technik noch für zu jung und unausgereift halten. Immerhin konnten die Münchner in den Vereinigten Staaten einen Prestigeerfolg erringen und mit dem US-Carrier SBC einen dicken Fisch an Land ziehen. SBC plant mit der Softswitch-Lösung von Siemens Geschäftskunden auf Basis des Internet Protocol (IP) neue Anwendungen und Dienste bereitzustellen. Handelseinig wurde sich ICN in den USA außerdem mit dem Kabelnetzbetreiber Cablevision, der ebenfalls auf den Softswitch der Bayern zurückgreift.

Herzstück der beiden amerikanischen Lösungen ist der Softswitch "hiQ 8000", der einen Media Gateway Controller, Call Management Server und Call Agent beinhaltet. Damit werden sämtliche Gateways zu anderen Netzen und Infrastrukturkomponenten überwacht und die Kommunikation mit den multimedialen Endgeräten und Kabelmodems gesteuert. ICN hat das Produkt eigenen Angaben zufolge nun verbessert. Während in der ersten Version die Unternehmensanwendungen nur für bis zu 20000 Teilnehmer skaliert waren, sollen jetzt mit der zweiten Ausführung bis zu 200000 Teilnehmern die gleichen Content-Features angeboten werden können, ohne dass darunter die Verfügbarkeit und Quality of Service leidet.

Während also in den USA erste Lifeworks-Kunden Aufträge unterschrieben haben, lassen Erfolgsmeldungen im ICN-Mutterland noch auf sich warten. Carrier-Vorstand Schaaf ließ aber durchblicken, dass man mit Netzbetreibern in Verhandlungen stehe. Zu seinem Leidwesen machen die Telcos hierzulande aber immer noch kaum Geld für Investitionen locker.

Peter Gruber, pgruber@computerwoche.de

Openscape

Openscape ist eine Softwaresuite für die Echtzeitkommunikation, die auf Lifeworks aufsetzt. Sie lässt sich laut Siemens in bestehende Sprach- und Datenstrukturen von Unternehmen implementieren und integriert Telefon, Voice-Mail, E-Mail, SMS, Verzeichnisse, Kalenderfunktionen, Instant Messaging sowie Konferenzschaltungen. Das Produkt basiert auf dem "Real Time Communication Server 2003" von Microsoft und ist derzeit nur in Kombination mit diesem in Windows-Server-2003-Umgebungen lauffähig.

Linux und Notes im Visir

Andy Mattes, Mitglied des ICN-Bereichsvorstands und für das Enterprise-Geschäft verantwortlich, kündigte gegenüber der COMPUTERWOCHE jedoch an, dass Lifeworks und Openscape noch dieses Jahr von einer Windows-Oberfläche auf eine Linux-basierende Server-Architektur und Lotus-Notes-Umgebung portiert werden. Derzeit, so Mattes, laufe ein Testbetrieb mit dem Partner IBM, der an der Entwicklung von Lifeworks beteiligt war.

Openscape ist Mattes zufolge nun in einer zweiten Version verfügbar, die eine volle Integration in Outlook erlaubt. Dies bedeutet, dass der Presence-Status, also die Verfügbarkeit eines Teilnehmers, automatisch mit dem Terminkalender korreliert und nicht mehr händisch eingetragen werden muss.

Außerdem enthält Openscape nun einen Presence Indicator, der für alle berechtigten Nutzer selbständig den Erreichbarkeitsstatus aktualisiert, das heißt, auf welchem Endgerät die Zielperson adressiert werden kann. Drittes Novum ist, dass Openscape sich nun direkt in den Client integrieren lässt, egal um welche Computeroberfläche es sich handelt.