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11.04.2003 - 

Mitarbeiter kritisieren Arbeitsentzug und räumliche Trennung

Siemens isoliert Gekündigte

MÜNCHEN (am) - Der Streit um die betriebsbedingten Kündigungen in der Siemens-Netzwerksparte ICN geht weiter. Viele Mitarbeiter klagten bereits erfolgreich gegen die sofortige Freistellung. Entlassungen von Behinderten und denen, die 25 Jahre und länger bei Siemens arbeiten, musste das Unternehmen zurückziehen.

Die Zwischenbilanz drei Monate nach der Ausstellung der Kündigungen hat sich Siemens ICN wohl anders vorgestellt: Von ursprünglich 321 Kündigungen sind bisher noch 200 wirksam. Grund: Die behinderten Mitarbeiter und die so genannten Jubilare - so bezeichnen sich die Mitarbeiter, die 25 Jahre und länger für Siemens tätig sind - genießen besonderen Kündigungsschutz. Vorerst gerettet hat die Jubilare eine Regelung, die sich die Siemens AG bereits in den 70er Jahren gab, wonach Beschäftigte mit einer Betriebszugehörigkeit von mindestens 25 Jahren nicht entlassen werden dürfen.

Das heißt aber nicht, dass sie ihre bisherige Arbeit wieder aufnehmen dürfen. Denn der Arbeitplatz ist, so die Argumentation der Unternehmensleitung, weggefallen. Mitunter entstehen groteske Situationen, wie ein Betroffener berichtet: "Ich bin aufgrund meiner Schwerbehinderung ungekündigt, habe aber trotzdem keine Arbeit. Ich sitze mittlerweile die dritte Woche da, lese Zeitung, surfe im Internet und muss meinen Kollegen zuschauen, wie diese schwitzen und in Arbeit ersaufen. Wie es mit mir weitergeht, weiß ich auch nicht." Das ist kein Einzelfall, wie das Netzwerk NCI aus vielen Berichten weiß. Dort haben sich auf Initiative der Softwareentwicklerin Inken Wanzek 450 gekündigte oder von Kündigung bedrohte Mitarbeiter zusammengeschlossen, um sich gegenseitig zu zu helfen.

Doch nicht nur der Arbeitsentzug erregt die Gemüter. So versucht Siemens, die Mitarbeiter räumlich zu trennen. Die Jubilare wie auch diejenigen, die den Prozess gegen die sofortige Freistellung gewonnen haben, finden sich in eigenen Gebäuden in der Tölzer beziehungsweise Zielstattstraße in München. ICN-Sprecher Eberhard Dombeck verweist darauf, dass ein gewonnener Prozess den Betroffenen zwar das Verbleiben bis zum endgültigen Ausscheiden sichere, aber nichts an den Restrukturierungen ändere. Und da die Arbeitsplätze weggefallen seien, könnten diese Mitarbeiter nicht an ihren alten Schreibtisch zurückkehren. Sie behalten ihre Jobbezeichnung und den gleichen Vorgesetzten, bekommen aber andere Aufgaben. Siemens-Betriebsrat Gerd Petzold weiß von einem Softwareingenieur, der für die Vorbereitung der Testanlagen verantwortlich war und nun Dokumentationen schreibt, obwohl die Anlagen für die Softwaretests immer noch vorbereitet werden müssen.

"Das Ziel des Arbeitgebers ist es, die betroffenen Mitarbeiter zu isolieren", sagt auch Netzwerkinitiatorin Wanzek. Manche Vorgesetzte würden sich sogar an der bloßen Anwesenheit der gekündigten Kollegen stören und ihnen mit einer Abmahnung wegen Störung des Betriebsfriedens drohen. Obwohl es sich um Einzelfälle handelt, zeigen sie den enormen Druck, dem Vorgesetzte wie Mitarbeiter ausgesetzt sind. Auch Betriebsrat Petzold spricht von einem großen Druck, der "menschlich gesehen zum Teil am Rande des Ertragbaren" ist.

ICN-Sprecher Dombeck bestreitet nicht, dass es bei einem Personalabbau dieser Dimension - weltweit wird die ICN-Belegschaft um ein Drittel auf 34000 Mitarbeiter reduziert - "natürlich" Härten gebe. Aber es seien wirtschaftlich schwere Zeiten, und ICN müsse seine Kapazitäten auch in der Zentrale an die neuen Realitäten in der TK-Industrie anpassen, um "die Wettbewerbsfähigkeit und damit die Zukunft des Geschäfts insgesamt zu sichern".

Einschränkend sagt der Sprecher, dass man sich den Jubilaren "in besonderer Weise" verpflichtet fühle und ihnen einen anderen Arbeitsplatz im Unternehmen anbieten wolle, allerdings außerhalb des Bereichs ICN. Es soll nach Informationen von Betriebsrat Petzold aber bei einem einzigen Angebot bleiben. Bezüglich der Mitarbeiter, die besonderen Kündigungsschutz genießen - zum Beispiel wegen einer Behinderung - , strebe man laut Dombeck eine "individuelle, einvernehmliche Regelung in Form eines Aufhebungsvertrages" an.