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Augsburger Unternehmen wechselt nach Software-Desaster von 6640 zu HP 3000


11.12.1981 - 

Siemens: MDT-Anprobe endet mit Rauswurf

AUGSBURG - "Das ist der dickste Hammer, der mir in meiner 27jährigen DV-Praxis untergekommen ist", echauffiert sich Wolfgang Seeling, Organisationschef der Augsburger Walter Nill Raumdecor GmbH & Co.: Fehlerhafte Anwendungssoftware, Betriebssystemmacken und bis zu zwanzig Systemabstürze pro Tag machten den Betrieb von zwei Siemens-Bürocomputern 6640 zur Tortur. Jetzt fahren die Augsburger eine HP 3000 von Hewlett-Packard.

Die DV-Geschichte im Hause Nill unterschied sich bis 1979 nur unwesentlich von der anderer mittelständischer Unternehmen. In diesem Jahr beschloß der geschäftsführende Gesellschafter Walter Nill sein zu klein gewordenes ICL-System "Ten"

- ein MDT-Relikt aus Singer-Zeiten

- gegen eine moderne DV-Anlage einzutauschen. Nach der üblichen "Auslese"-Prozedur entschied sich das "Decor-Team" für ein Siemens-System 6640.

Ausschlaggebend für den Zuschlag, so Walter Nill heute, sei das von dem Münchner Hersteller "geradezu euphorisch" angebotene Programmpaket "Simas" gewesen. Es sollte alle DV-Bedürfnisse der Augsburger abdecken. Im August 1980 wurde die 6640 geliefert. Zwei Monate später begann die Testphase; am 1. Januar 1981 der Echtzeitbetrieb - "und damit das Desaster" (Nill-Zitat).

Weil Simas nach Angaben der Vertriebsleute "noch nicht ganz fertig" gewesen sei, implementierte die Decor-Crew zunächst das Siemens-Buchhaltungssystem "Siris". Nill-Angaben zufolge hätten die Münchner auch kein passendes Warenwirtschaftspaket gehabt, so daß dies erst bei dem neugegründeten Augsburger Softwarehaus BAS (Beratung Analysen, Software-Systeme) GmbH in Auftrag gegeben werden mußte. Das BAS-Programm sei jedoch mit sechs Wochen Verspätung geliefert worden und habe sich, laut Walter Nill, mit dem Buchhaltungspaket "nicht vertragen". Auch bei der Hardware lag einiges im argen. "Wir hatten manchmal bis zu zwanzig Systemabstürze pro Tag", beklagt sich DV-Chef Peter Rautenstrauch. Diese seien auf "simple" Bedienungsfehler am Bildschirm zurückzuführen gewesen. "Wenn eine Erfasserin aufs falsche Knöpfchen drückte", witzelt Rautenstrauch, ist gleich die ganze Maschine abgestürzt." Durch die Unverträglichkeit von Buchhaltungs- und Warenwirtschaftssoftware habe man schließlich nur noch das Buchhaltungspaket Siris auf der 6640 fahren können. Als "echten Gag" bezeichnet Seeling das Unvermögen der Siemens-Spezialisten, die "als letzten Ausweg" schließlich im April eine zweite Maschine dazustellten , auf der dann die Warenwirtschaft gefahren werden sollte. Seeling: "Es war hanebüchen. Zwei Anlagen liefen nebeneinander. Auf der einen wurden die Rechnungen geschrieben und auf der anderen per Hand wieder eingegeben."

Nach Angaben von DV-Chef Rautenstrauch seien die Anlagen mit je einem Programmpaket bereits wieder überlastet gewesen. Dies habe sich in extrem langen Antwortzeiten ausgedrückt. Rautenstrauch sieht die größten Macken der 6640 im Betriebssystem, das seiner Meinung nach von Siemens völlig unausgetestet auf den Markt geworfen worden sei.

Noch krasser drückt sich Seeling aus, der über zwanzig Jahre an IBM-Maschinen arbeitete, bevor er in diesem Jahr zu Nill wechselte: "Ich wollte nicht glauben, daß sowas überhaupt möglich ist." Der Organisationsleiter erzählt, daß er sich intensiv mit dem Betriebssystem auseinandergesetzt und dabei "geradezu unglaubliche Fehler" entdeckt habe. So hätten die Nill-DV-Leute beispielsweise die Bildschirme vom Rechner abkoppeln können, ohne daß angezeigt wurde, ob überhaupt noch Programme liefen.

Die beiden Softwarepakete bezeichnet das Augsburger Decor-Team als "unzureichend ausgetestet" und "unfertig übergeben". Allein beim Buchhaltungssystem Siris fanden sie neun "gravierende" Fehler: Bei den Kontoblättern hätten ganze Buchungen gefehlt. Der Saldo habe nicht der Summe der im einzelnen aufgeführten Kosten entsprochen. Die Offene-Posten-Liste verfügte über keine Endsumme. Da im nächsten Jahr eine Finanzprüfung ins Haus stehe, befürchten nunmehr die Nill-Manager, daß es "dicken Ärger" mit den Behörden geben könne. Es seien andererseits noch immer Daten aus den Monaten Februar bis April dieses Jahres vorhanden, bei denen Rechnungen an die Kunden geschickt werden müßten. Doch niemand wisse genau, welche Rechnung zu welchem Kunden gehöre und welche Produkte tatsächlich ausgeliefert worden seien. "Da sind enorme Verluste entstanden", bekräftigt Gesellschafter Walter Nill. Es gebe gar einige Aufträge, die er - bedingt durch die Software-Macken - ganz verloren haben und die seine Leute derzeit mühsam zu rekonstruieren versuchten. Die Hauptschuld an seinem Debakel gibt Nill den Siemens-Vertriebsleuten, die ihn immer wieder mit Versprechungen hingehalten hätten, daß der Programm-Komplex Simas doch noch geliefert werde. Erst Mitte dieses Jahres habe er erfahren, daß die Münchner das Projekt abgeblasen hätten.

Inzwischen haben sich die Nill-Manager mit Siemens geeinigt. Sie brauchen nach eigenen Angaben bis zum Oktober 1981 keine Miete für die beiden Maschinen zu zahlen, so daß sie quasi - wenn auch mit großem Manpower-Aufwand - kostenlos EDV gefahren haben. Im Clinch liegt Walter Nill & Co. noch mit dem Softwarelieferanten BAS, der auf die Mitverantwortung des Kunden verweist.

Dazu Klaus Rudolf, Gesellschafter der Augsburger Programmier-Schmiede: "Die Wahrheit ist, daß die Nill-Anlage viel zu klein angeschafft wurde." Das Decor-Team habe die Anwendung ursprünglich mit sieben Bildschirmen geplant, aber schließlich zwanzig drangehängt. Zur verspäteten Lieferung des Warenwirtschaftspaketes meint der Software-Manager, daß Nill erst Mitte Dezember 1980 den Auftrag gegeben hätte und bereits am 1. Januar 1981 das System benutzen wollte.

Obwohl sich Siemens nach Rudolfs Worten gegenüber Nill "äußerst großzügig" gezeigt und den DV-Leuten "wie einem kleinen Kind" geholfen habe, seien die Münchner Computerverkäufer nicht ganz unschuldig an dem Nill-Desaster. Rudolf: "Die haben jahrelang an Simas geglaubt, wie an ein Evangelium."

Dem für das Nill-Projekt mitverantwortlichen Siemens-Vertriebschef Werner Thiel scheint das Augsburger 6640-Debakel keine Kopfschmerzen zu bereiten: "Dazu habe ich absolut nichts zu sagen."