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26.02.1988 - 

Wenige Anwender schöpfen die Möglichkeiten des Function-Point-Verfahrens voll aus:

Sinn für Planung ist oft unterentwickelt

Nur kalkulierbare Kosten lassen sich begrenzen. Deshalb sollte die Projektkosten-Schätzung möglichst früh einsetzen. In vielen DV-Abteilungen fehlt jedoch hierfür das Bewußtsein. Das ergab eine Befragung, die Robert Hürten* bei Anwendern des Function-Point-Verfahrens (FPV) durchführte.

Allzu oft besteht zwischen der Theorie und der Praxis eine Kluft. Deshalb ist es sicher sinnvoll, zu ermitteln, wie die Theorie der Aufwandsschätzung mit Hilfe des FPV in der Praxis umgesetzt und genutzt wird. Zu diesem Zweck wurde ein 13 Punkte umfassender Fragenkatalog ausgearbeitet und an etwa 60 Unternehmen geschickt. Rund 30 Prozent der Angeschriebenen reagierten positiv darauf.

FPV wird als Warnsystem für Projekte unterschätzt

Nach der Auswertung der zurückgesandten Fragebögen datiert der früheste Termin für die Einführung der Methode aus dem Jahre 1982. Ab 1985 weist die Umfrage dann eine verstärkte Ausbreitung des Function-Point-Verfahrens aus; von da an stieg die Zahl der Anwender stetig.

Alle FPV-Anwender nutzen das Verfahren in erster Linie zur Aufwandsschätzung. Etwa die Hälfte der Befragten setzt die Methode darüber hinaus im Rahmen der Nachkalkulation ein, ein Viertel verwendet es für die Projektkontrolle.

Die Anworten zeigen, daß die Bedeutung des FPV als Warnsystem bei der Projektkontrolle unterschätzt wird. Eine wiederholte Anwendung könnte nämlich aufzeigen, ob sich das Projekt vielleicht unbemerkt verändert hat, was erfahrungsgemäß eine Hauptursache für die Überziehung von Projektkosten ist. Die Nutzung des FPV im Rahmen der Nachkalkulation ermöglicht eine Analyse eventueller Abweichungen im Hinblick auf die Faktoren Projektumfang, Qualitätsansprüche und Produktivität. Darüber hinaus können aus einem Soll/Ist-Vergleich Schlüsse zur Fortschreibung der FPV-Kurve gezogen werden.

Nur 30 Prozent der befragten Anwender bereiten die Entscheidung über einen Projektantrag mit dem FPV vor. Erwartungsgemäß antworteten vier Fünftel auf die Frage, in welchem Stadium des Projektverlaufs sie das Verfahren einsetzen: "Nach der Erstellung des fachlichen Grobkonzepts." Rund 20 Prozent führen sowohl beim Projektantrag als auch nach dem Grobkonzept eine solche Schätzung durch. Die Hälfte davon wendet das FPV zusätzlich nach dem DV-Feinkonzept und dem Projektabschluß an.

Die geringe Zahl der Anwender, die das Verfahren schon beim Projektantrag einsetzen, dokumentiert, daß die Org./DV-Abteilungen im allgemeinen noch nicht bereit sind, einen angemessenen Aufwand für die Planung zu erbringen. Solange aber das anstehende Projekt inhaltlich nicht frühzeitig exakt definiert wird, lassen sich auch im ersten Ansatz keine hinreichend genauen Plankosten ermitteln.

Das FPV eignet sich insbesondere dafür, DV-Laien verantwortlich in die Schätzung einzubeziehen. Knapp 40 Prozent der befragten Anwender arbeiten beim Function-Point-Verfahren mit den Fachabteilungen zusammen. Dadurch stärken sie innerhalb der betroffenen Abteilung das Bewußtsein der Mitverantwortung für den künftigen Entwicklungsaufwand. Immerhin streben aber einige von den restlichen 60 Prozent nach einer gewissen Zeit der Erfahrung mit dem FPV ebenfalls eine solche Kooperation an.

Wichtig ist es, zu ermitteln, ob eine erste frühzeitige Schätzung schon hinreichend genau ist. Dazu wurde den Anwendern die Frage nach der durchschnittlichen prozentualen Abweichung der Ergebnisse zwischen der ersten und der zweiten Anwendung des FPV gestellt. Etwa 50 Prozent der Befragten machten dazu keine Angaben; die übrigen nannten Abweichungen von höchstens 30 Prozent.

Weniger als ein Fünftel der FPV Anwender setzen die Methode auch im Rahmen der Programmpflege ein (vergleiche COMPUTERWOCHE Nr. 47 vom 20. November 1987, Seite 12: Function-Points bestimmen den Pflegeaufwand"). Diese Ausweitung des Anwendungsbereichs ist insofern sinnvoll, als dadurch der parallele Einsatz unterschiedlicher Methoden für die Schätzung von Neuentwicklung und Wartung vermieden wird.

Eine optimale Verwendung des FPV verlangt die Integration des Verfahrens mit Dokumentation und Projektmanagement. Im Normalfall ist die Darstellung der Software-Entwicklung auf der Funktionsebene, wie das FPV sie leistet, die erste Gliederung für eine Dokumentation; zur Projektkontrolle in Form des Soll/Ist Abgleichs müßte eine Verknüpfung der FPV-Aufzeichnungen mit der Zeiterfassung des Projektmanagements bestehen. 62 Prozent der Anwender verfügen über eine spezielle FPV-Software, die zumeist mit Schnittstellen zu Dokumention und/oder Projektmanagement versehen ist.

Fast alle Befragten gaben an, mit der von IBM entwickelten Produktivitätskurve begonnen zu haben; 70 Prozent davon arbeiten derzeit noch damit. Etwa jeder zweite der in der Fragebogenaktion Erfaßten hat jedoch parallel eine eigene Kurve entwickelt oder ist zumindest mit deren Entwicklung beschäftigt. Nur ein einziger FPV-Anwender gab an, mit einer Kurve zu arbeiten, die in einem Drittunternehmen entstanden ist.

Die meisten Unternehmen tasten sich langsam an eine eigene Produktivitätskurve heran. Diese Vermutung wurde durch die Anwenderbefragung bestätigt. Grundlage für eine individuell angepaßte Kurve sind mindestens fünf abgeschlossene Projekte. Einige der befragten Anwender setzen Softwaresysteme ein, die jeweils nach Abschluß der Projekte automatisch die Kurve mit dem aktuellen Soll/Ist-Vergleich fortschreiben.

Uneins waren sich die Befragten darüber, ob es sinnvoll sei, branchenspezifische Produktivitätskurven zu entwickeln. Einer von ihnen empfahl sogar, nicht nach Branchen, sondern nach Anwendungsarten - beispielsweise Batch- und Online-Verarbeitung - zu differenzieren. Alle FPV-Anwender gaben an, das Verfahren zunächst im kommerziellen Bereich einzusetzen. Außerhalb dieses Anwendungsgebiets arbeitet bislang nur einer der in die Untersuchung Einbezogenen damit.

Bei Ausschreibungen für Fremdsoftware nutzt das Verfahren den Angaben zufolge lediglich jeder siebte FPV-Anwender. Vermutlich liegt das daran, daß es sich bei den Befragten keineswegs um typische Standardsoftware-Kunden handelt. Die erfaßten Softwarehäuser gaben jedoch an, das FPV für die Erstellung einer abgesicherten Angebotsgrundlage zu nutzen.

Vier Fünftel der befragen Anwender halten einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch für sinnvoll. Der Grund dafür ist wahrscheinlich die Erkenntnis, daß das FPV eine statistische Methode ist, deren Genauigkeit mit einer breiten Datenbasis wächst.