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22.07.1977

Sinnlose Gedichte aus dem Computer

Der Mensch schreibt Verse. Das setzt eine dichterische Ader voraus. Aber auch der Computer versucht sich in der Poesie. Will er sich mit schöpferischen Menschen messen, so müßte auch der Rechner etwas von dieser geheimnisvollen Größe, der künstlerischen Gabe, verspüren. Wie wollen wir sie dem Blechkünstler einflößen? Nun, der Rechner-Diener ist bescheiden: Er begnügt sich mit dem Zufall und ahmt so die Eingebung nach. Wir füttern ihn vorerst mit einer Anzahl Wörter - Substantive, Verben, Adjektive und so weiter - und mit einer Menge Regeln, die die Maschine zur Bildung der Wortformen und Sätze und zur Erzeugung von Strophen befähigen. Das Programm wählt dann aufgrund einer Folge von Zufallszahlen aus dem Wortschatz Wörter aus, fügt sie in die richtige Reihenfolge und versieht sie mit den passenden Endungen. Als Zufallsquellen können etwa Spielwürfel, Rouletterad, Zahlenlotto und Geigerzähler verwendet werden; die Zufallszahlen lassen sich aber auch errechnen. In diesem Fall handelt es sich um scheinbare Zufälle die jedoch für den Menschen nicht vorhersehbar sind.

Der Automat schafft es mit diesen Eingaben tatsächlich, Texte mit einwandfreiem Satzbau zu gebären: alle Wörter haben die vorgeschriebenen Formen, auch die Fälle stimmen, der Reim klappt - kurz tadellose Gebilde. Aber der Sinn-Zusammenhang bleibt rätselhaft die Gedichte sind nur schwer zu deuten. Ist denn die Maschine klüger als ihr Erfinder? Wenn wir uns krampfhaft bemühen, kommen wir dem tieferen Sinn auf die Spur.

Die vom Rechner hervorgebrachten Texte lassen äußerlich kaum zu wünschen übrig. Sie sind aber nicht sehr geistreich. Dem Elektronengehirn fehlt eben gerade das Gehirn es versteht leider nicht allzuviel von Sprache. Die Rechenanlage kümmert sich nur ungern um den Inhalt der Wörter, der ist ihr weitgehend gleichgültig.

Die ersten Computergedichte wurden vermutlich 1959 von Theo Lutz hergestellt. Die Bemühungen um diese künstlichen Werke sind seither eher selten geblieben. Bedeutende Vertreter der Computerlyrik sind Alison Knowles, Margaret Masterman, Edwin Morgan, Alan Sutcliffe, James Tenney, Robin McKinnon Wood. Im deutschen Sprachraum sind vor allem die Arbeiten von Max Bense, das Weihnachtsgedicht von Rul Gunzenhäuser und die Autopoeme von Gerhard Stickel bekannt geworden. Die meisten Gedichte erinnern an die konkrete Poesie. Es gibt aber nicht nur Gedichte, E. Mendoza erzeugte z. B. Essays, Marc Adrian gar ein Theaterstück namens SYSPOT.

Ein Computer ist imstande, ansprechende Grafiken anzufertigen, Musikstücke zu komponieren, Filme zu erzeugen. Die Literatur macht einem Rechner jedoch wesentlich mehr Mühe. Das liegt daran, daß es bis heute erst ansatzweise gelungen ist, Bedeutung und Wissen zahlenmäßig darzustellen. Es sind vor allem zwei Wissenschaftszweige, die diesem Übel abhelfen wollen, die Sprachwissenschaft und die künstliche Intelligenz. Die künstliche Intelligenz ist ein Forschungsbereich, der sich mit der Nachbildung der menschlichen Denkvorgänge auf Datenverarbeitungsanlagen, dem Bau intelligenter Maschinen befaßt.

*Herbert Bruderer ist Mitarbeiter am Institut für linguistische Datenverarbeitung in Münsingen (Schweiz).

Der Schnee ist kalt

und jeder Friede ist tief

und kein Christbaum ist leise

oder jede Kerze ist weiß

oder ein Friede ist kalt

oder nicht jede Kerze ist rein

und ein Engel ist rein

und jeder Friede ist still

oder jeder Friede ist weiß

oder das Kind ist still

ein Engel ist überall

Rul Gunzenhäuser, Weihnachtsgedicht

Autopoem Nr. 303

Wenn die Dunkelheit spielt, erstarrt ein Abend.

Gold und Schönheit strahlen manchmal.

Ich tanze und sinne.

Oft berührt mich das Gras.

Die Glocke wächst rauh und golden.

Pfade und Boten sind drunten stürmisch.

Wer küßt eine Pflanze?

Der Poet.

Autopoem Nr. 312

Die fröhlichen Träume regnen.

Das Herz küßt den Grashalm

Das Grün verstreut den schlanken Geliebten.

Fern ist eine Weite und melancholisch.

Die Füchse schlafen ruhig.

Der Traum streichelt die Lichter.

Traumhaftes Schlafen gewinnt eine Erde.

Anmut friert, wo dieses Leuchten tändelt.

Magisch tanzt der schwache Hirte.

(Gerhard Stickel)

Ein Bild ist frei oder ein Fremder ist Tief

Ein Gast ist tief und kein Turm ist fern.

Ein Gast ist leise. Jedes Bild ist fern.

Ein Tisch ist offen. Jeder Knecht ist frei.

Jeder Turm ist neu und ein Bild ist alt.

Nicht jeder Tisch ist groß oder jedes Dorf ist alt.

(Stochastischer Text von Theo Lutz)