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ParkplaceDigitalk heißt jetzt Objectshare


24.10.1997 - 

Smalltalk-Spezialist sucht seinen Weg zurück in den Markt

Nach herben Verlusten in der Vergangenheit rechnet Michael Meier-Schulz, Geschäftsführer der Parcplace Systems GmbH, Martinsried, im vierten Quartal des laufenden Geschäftsjahres, das am 31. März endet, mit dem Erreichen des Break-even-points in der Bilanz des weltweit operierenden Unternehmens. Im vergangenen Jahr beliefen sich die Verluste auf rund 22 Millionen Dollar.

Der Smalltalk-Spezialist hat seither nicht nur Mitarbeiter entlassen, sondern gleich das gesamte Management ausgewechselt - inklusive Firmengründerin Adele Goldberg. Außerdem wurde die Firma neu positioniert, neue Smalltalk- und insbesondere Java-Produkte eingeführt sowie der traditionssreiche Name zum 1. Oktober zugunsten von Objectshare Inc. aufgegeben.

Schwere Fehler vom Management

Die neue Firmenbezeichung stammt vom Java-Spezialisten Objectshare Systems Inc., den Parcplace-Digitalk im Juli 1996 aufgekauft hat und der seither als eigene Abteilung innerhalb des Unternehmens agierte. Ihr oblag die Entwicklung der Java-Umgebung "Parts for Java", deren Version 2.0 nun mit zweimonatiger Verspätung für rund 150 Dollar auf den Markt kam. Die Basis der Java-Implementierung bildet das vormals von der Digitalk Inc. erstellte Smalltalk-Entwicklungs-Tool "VSE". Ab Ende dieses Jahres soll auch eine "Enterprise Edition" des Werkzeugs für rund 1000 Dollar zur Verfügung stehen.

Seit im Sommer 1996 die Aktienkurse in den Keller fielen, mußte das Unternehmen stark abspecken. Laut Meier-Schulz arbeiten in der Java- und Smalltalk-Produktentwicklung je 15 Mitarbeiter. Etwa 60 Personen sind in Marketing und Vertrieb beschäftigt. Zirka 120 Mitarbeiter zähle das Unternehmen weltweit, zehn davon in der Münchner Niederlassung.

"Unsere Existenz hängt weiterhin von Smalltalk ab", skizziert der deutsche Geschäftsführer die Firmenstrategie. Allerdings positioniert das Unternehmen seine Smalltalk-Werkzeuge vor allem auf Server-Seite, während Java-Produkte mit Windows-Tools am Desktop konkurrieren sollen.

Außerdem soll sich der Fokus stärker als bisher auf Beratung und Dienstleistung richten. So widmet sich eine Abteilung des gesamten Unternehmens weltweit ausschließlich der Schulung von Oracle-Mitarbeitern, die lernen sollen, was Objektorientierung und verteiltes Arbeiten mit der objektrelationalen Datenbank "Oracle 8" bedeutet. Darüber hinaus existiert ein Schulungsbereich, der das Training in Objectshare-Produkten übernimmt, und ein Consulting-Bereich für Kundenprojekte.

Die Wartung der Digitalk-Produkte und damit erstellter Anwendungen beim Kunden ist komplett ausgegliedert in die eigens dafür gegründete Firma Instatiations. Heute bezeichnet Meier-Schulz den Aufkauf von Digitalk und den Versuch, die unabhängigen Produkte mit denen von Parcplace zu verbinden, als schwerwiegendsten Management-Fehler. Rund 20 Millionen Dollar seien vergeblich in die beabsichtigte Softwareverschmelzung geflossen. Damals habe man an eine Stärkung der Position gegenüber der IBM geglaubt, die zu diesem Zeitpunkt "Visual Age for Smalltalk" auf den Markt brachte.

Die Ressourcen, die für die mißlungene Integration der Produktlinien verbraucht wurden, hätte Parcplace-Digitalk dringend benötigt, um mit der Entwicklung rund um die Sun-Programmiersprache Java mitzuhalten. Kundenprojekte stoppten, weil sich die Anwender fragen mußten, ob Smalltalk nun ein Auslaufmodell darstelle. Immerhin sind sich die Konzepte beider Sprachen recht ähnlich. Zu beiden gehört etwa eine virtuelle Maschine und eine automatische Speicherverwaltung.

Java entwickelt sich so rasant, daß die Version 1.2 als nicht mehr kompatibel zur Version 1.1 gilt. Der Streit zwischen Microsoft und Sun um zulässige Erweiterungen der Sprache verunsichert die Entscheider in den Anwendungsunternehmen zusätzlich. Ausgereifte Sprachen dürften davon profitieren, Smalltalk als weniger hardwarespezifische Programmierumgebung möglicherweise mehr als C und C++. Dem Smalltalk-Anbieter Objectshare öffnet sich damit ein Zeitfenster. Für Anwender, die bereits gute Erfahrungen mit den Smalltalk-Tools gesammelt haben, gibt es kaum Gründe, warum sie nicht weiterhin damit arbeiten sollen.

Laut Meier-Schulz kann Objectshare auf treue Kunden insbesondere in Großunternehmen bauen, Zufriedenheit mache die Smalltalk-Produktlinie zu einem "Selbstläufer". In Deutschland zählt er rund 300 Kunden, weltweit habe man bisher 120 000 "Visual-Smalltalk"- und 20 000 "Visual-Works"-Lizenzen verkauft.

Um zu überleben, muß der Smalltalk-Pionier nach Bewertungen eines Berichts für die amerikanische Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission vom Juli dieses Jahres noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten. So ist der Erfolg des Unternehmens davon abhängig, daß nicht nur der Boom für objektorientierte Entwicklung anhält, sondern auch davon, daß die Anwender hier einen Platz für Smalltalk neben Java sehen. Die Chance von Object- share besteht dabei in der Reife des Smalltalk-Konzepts auch für große Projekte. Gleichzeitig muß die inzwischen kleine Entwicklungsmannschaft das rasante Entwicklungstempo insbesondere bei Web-Techniken mithalten, um die bisherigen Kunden bei der Stange zu halten und neue zu gewinnen.

Tatsächlich hat sich das Unternehmen für das kommende Jahr viel vorgenommen. So sollen neue Versionen von Visual Works, Visual Wave, Distributed Smalltalk, Advanced Tools, C-Connect und DB-Connect auf den Markt kommen, die derzeit unter Codebezeichnungen "Siena0" und "Siena" entwickelt werden. Darin enthalten ist auch die lang versprochene Brücke zwischen Java und Smalltalk. Auf Java-Seite soll "Parts" noch in diesem Jahr neben Corba und RMI auch die Java Foundation Classes (JFC) und Microsofts Komponententechnik Active X unterstützen. Auch Features für Datenbankzugriffe und Konfiguration-Management sind vorgesehen.