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27.09.1991 - 

Unix-basiertes R3-Derivat als Ersatz für "Alexander"?

SNI sondiert Zusammenarbeit mit SAP bei Standardsoftware

MÜNCHEN (hv/sc) - Verwirrung um Siemens-Nixdorf und SAP: Derzeit wird in der Branche offen darüber spekuliert, daß die nach wie vor mit Verlust arbeitende Siemens-Nixdorf Informationssysteme AG (SNI) ihr Entwicklungsprojekt "Alexander" (ALX) sterben lassen wird. Statt dessen, so heißt es, sei der Konzern mit der SAP AG wegen der Entwicklung eines SNI-eigenen Unix-basierten Derivats der Standardsoftware R/3 in Verhandlungen getreten.

Widersprüchlich muten die Aussagen von SNI an: "ALX wird weiterentwickelt, Sie werden die Ergebnisse auf der SYSTEMS-Messe sehen", betont SNI-Pressesprecherin Angelika Böttcher. Auch Gernot Neumann-Mahlkau, Leiter der Software-Entwicklung bei SNI, läßt keinen Zweifel an der Zukunft von ALX: "Momentan denken wir nicht an eine Einstellung, ALX ist nach wie vor in der Entwicklung."

Dann allerdings folgt die diplomatische Einschränkung des Entwicklungschefs: "SNI wird sich auf dem Markt umschauen und die Entscheidung, ob selbst entwickelt oder gekauft wird, ständig neu überdenken." So bestreitet bei SNI denn auch niemand, daß mit der SAP Gespräche über deren Mammut-Softwareprojekt R/3 stattfinden. Neumann-Mahlkau: "Man könnte Synergien finden, aber es sind bisher keinerlei Entscheidungen gefallen."

Ein ganz anderes Bild haben sich die SNI-Softwarepartner von der Unternehmenspolitik des Konzerns gemacht. Ein Insider, der nach eigenen Angaben enge Kontakte zum SNI-Vorstand pflegt, beschreibt die künftige Softwarestrategie der Münchner folgendermaßen: "SNI wird jährlich 20 bis 25 Millionen Mark an die SAP AG überweisen und dafür eine eigene R/3-Version erhalten." Entsprechende - Verhandlungen über ein SNI-eigenes R/3-Derivat seien längst im Gange, und eine Entscheidung für ein entsprechendes Abkommen stehe zu 99 Prozent fest.

"ALX stirbt", lautet die nüchterne Prognose des Informanten - eine Vorhersage, die von vielen der mit SNI in Verbindung stehenden Softwarehäusern geteilt wird. Es sei nicht fair, so der Insider, wenn die Münchner weitere ALX-Module auf der Münchner Computermesse SYSTEMS präsentierten, die der Anwender später doch nicht beziehen könne.

Während also unklar bleibt, ob und wann die ALX-Entwicklung eingestellt wird, scheint zumindest sicher, daß Siemens-Nixdorf und SAP in Verhandlungen getreten sind. Ein Strategiepapier aus dem Hause Siemens-Nixdorf, das der COMPUTERWOCHE vorliegt, gibt eindeutig Hinweise darauf, daß die Münchner an einen "Kauf" der SAP-Software R/3 - in welcher Form auch immer - denken. Ausführlich werden in dem Papier die Vor- und Nachteile dieser Software für die Belange der SNI-Anwender diskutiert. Dabei werden auch Vergleiche zum SNI-Produkt ALX hergestellt.

Für die Walldorfer, so der allgemeine Tenor bei den Mitbewerbern, käme eine solche Übereinkunft mit Siemens-Nixdorf nicht ungelegen. Immer wieder ist der Satz zu hören: "SAP hat mit R/3 einen Entwicklungsaufwand von über 300 Millionen Mark zu bewältigen", das sei sogar für den Branchenkrösus ein Problem - eine These, der SAP-Vorstandsmitglied Hasso Plattner natürlich aufs heftigste widerspricht.

Leidtragende der Verwicklungen am Unix-Softwaremarkt sind die zahlreichen Anwender der Siemens-Nixdorf-Standardsoftware "Comet". Jahrelang auf die Unix-Software ALX vertröstet, werden sie sich jetzt möglicherweise damit abfinden müssen, daß dieses Produkt gar nicht erst zur Auslieferung kommt. Sollten die Münchner tatsächlich ein R/3-Derivat vermarkten, so ist kaum damit zu rechnen, daß die Comet-Anwenderschaft, die sich vorwiegend aus kleinen Unternehmen zusammensetzt, tatsächlich R/3 installieren kann. "Ich glaube nicht, daß wir das Spektrum, das heute mit Comet erfaßt ist, abdecken könnten oder wollten", bestätigt auch SAP-Chef Dietmar Hopp.

SAP-SW zu groß für den klassischen MDT-Anwender

Helmut Ludwigs, Geschäftsführer der Quantum Gesellschaft für Software mbH, teilt mit SNI-Entwicklungschef Neumann-Mahlkau die Ansicht, daß die SAP-Software für den klassischen MDT-Anwender eine Nummer zu groß sei. "R/3 ließe sich abspecken, aber das Produkt ist noch nicht soweit, daß man den heutigen Nixdorf-Markt damit abdecken könnte", äußert der Boß des Softwarehauses, das ebenfalls Unix-Lösungen für die Quattro-Anwender anbietet.

Wie nötig es die Siemens Nixdorf Informationssysteme AG hat, im gewinnbringenden Softwaregeschäft präsent zu sein, zeigten die Schlagzeilen der letzten Wochen. Mehr als eine halbe Milliarde Mark, die aus der Zusammenführung des Siemens-eigenen DI-Bereichs und Nixdorf anfielen - einschließlich der Sozialpläne und der Altlasten, die der MDT-Veteran als Mitgift in die Ehe einbrachte drücken bei SNI im ersten Geschäftsjahr 1990/91 auf die Kostenseite.

Wie die "Wirtschaftswoche" schätzt, muß der Münchner Konzern zum Ende des Wirtschaftsjahres 1991 zusätzlich mit einem operativen Verlust von ebenfalls etwa einer halben Milliarde Mark rechnen. Grundstücksverkäufe in Höhe von 180 Millionen Mark sollen jedoch nach Angaben der Wirtschaftspublikation das Gesamtminus unter der Ein-Milliarden-Grenze halten. SNI bestätigt zwar die Höhe der Ausgaben für Zusammenführung, Altlasten und Sozialpläne, möchte aber den geschätzten Fehlbetrag im operativen Ergebnis von voraussichtlich 500 Millionen Mark "zum jetzigen Zeitpunkt nicht kommentieren".

Spekulationen des Wochenmagazins, wonach sich Siemens-Nixdorf an der SAP AG beteiligen möchte, bezeichnet der SAP-Vorstandsvorsitzende Dietmar Hopp als "baren Unsinn". Eine solche Beteiligung sei aus Sicht der SAP absurd, denn das Unternehmen lebe davon, mit einer Reihe verschiedener Hardwarehersteller - darunter nicht zuletzt der IBM - eng zusammenzuarbeiten. Ähnlich deutlich sind auch die Statements der SNI-Presseabteilung und der leitenden Mitarbeiter: "Daß wir bei der SAP AG einsteigen wollen, ist Quatsch", stellt zum Beispiel Neumann-Mahlkau klar.