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19.09.1997 - 

Das Lösungsgeschäft wird in die SBS überführt

SNI stellt die Weichen für eine schnelle Expansion

Eigentlich sollten die großen strategischen Linien des Konzerns aufgezeigt werden; heraus kam eine Pressekonferenz, die mehr Verwirrung stiftete als Klärung herbeiführte. So schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am Tag nach der SNI-Veranstaltung: "Was zuvor mühsam getrennt wurde, das Geschäft mit Produkten und das mit Dienstleistungen, soll nun anscheinend wieder zusammenwachsen im Unternehmensbereich IT-Produkt- und Servicegeschäft." Ein Mißverständnis. Die "Süddeutsche Zeitung" zog zu Recht das entgegengesetzte Fazit: "Ihr Produkt- und Servicegeschäft wird SNI künftig klar vom Lösungs- und Dienstleistungsgeschäft trennen."

Was war geschehen? Siemens-Nixdorf trennt zum 1. November 1997 das Lösungsgeschäft - beispielsweise R/3-Einführungen bei Großkunden - vom Produktgeschäft, zu dem weiterhin produktnahe Services wie Mainte- nance, Installation etc. gehören. Zu diesem Zweck teilt sich SNI in die beiden Bereiche "IT-Produkt- und Service-" sowie "Lösungs- und Business-Services-Geschäft".

Letzteres soll fortan von der Siemens Business Services (SBS) GmbH & Co. OHG betrieben werden. Dieses Gemeinschaftsunternehmen von Siemens und SNI wurde im Oktober 1995 gegründet, um die Siemens-eigene DV zu betreiben und externe Kunden aufzunehmen. Obwohl die Geschäftsverantwortung für die SBS nach wie vor bei Siemens-Nixdorf-Chef Gerhard Schulmeyer liegt, bestand das Unternehmen bisher überwiegend aus ehemaligen IT-Mitarbeitern der Siemens AG.

Indem das Lösungsgeschäft, also das Projektgeschäft mit Großkunden, aus dem SNI-Produktbereich in die SBS überführt wird, dürfte sich die Anzahl der externen Kunden und das Geschäftsvolumen der Servicetochter mit einem Schlag vervielfachen. Im vergangenen Geschäftsjahr 1995/96 erwirtschaftete die SBS einen Umsatz von gut einer Milliarde Mark.

Nur 130 Millionen Mark davon wurden außerhalb des Siemens-Konzerns eingenommen. Im kommenden Fiskaljahr 1997/98 (Beginn 1. Oktober 1997), soll die SBS bereits mehr als fünf Milliarden Mark umsetzen, davon drei Milliarden Mark im externen Geschäft. Dank der Einnahmen aus dem übernommenen SNI-Lösungsgeschäft avanciert die SBS zu einem der großen europäischen Player im Markt für Business Services und Outsourcing - vergleichbar etwa mit EDS oder CSC-Ploenzke.

SBS soll Synergien mit Siemens-Konzern nutzen

Wettbewerbsvorteile verspricht sich die SBS, weil sie als Dienstleister für einzelne Siemens-Bereiche bereits einschlägige Erfahrungen gesammelt hat. Das Spektrum reicht von Abrechnungssystemen für Energieversorger und Mobilfunkanbieter über Know-how im Transport- und Verkehrssektor bis hin zur Erstellung von Systemen für die Flughafenüberwachung oder den Krankenhausbetrieb. Wie bereits für die Konzernmutter geschehen, sollen auch externe Kunden ganze Geschäftsprozesse an die SBS abgeben können.

Nach Meinung von Marktbeobachtern war die strikte Trennung des Lösungs- vom Produktgeschäft überfällig. "SNI beziehungsweise der Dienstleistungszweig SBS kann nun besser als zuvor Produkte anderer Hersteller verwenden", führt Peter Thilo Hasler, Finanzanalyst bei der Bayerischen Vereinsbank, als einen wichtigen Grund an. Wer als Systemintegrator oder Lösungslieferant bei Großkunden Erfolg haben wolle, müsse sich unabhängig von bestimmten Produktlinien präsentieren.

Ein weiterer Vorteil liegt in der Transparenz, die nun in das Produktgeschäft einkehrt. Während bei Produktlinien wie PCs, Server, Retail-Systemen oder Selbstbedienungsgeräten seit längerem klare Strukturen zu erkennen sind, lief das Softwaregeschäft bisher eher chaotisch. Hier räumt Siemens-Nixdorf nun offenkundig auf, nachdem das Mittelstandsgeschäft rund um die Produktlinien Comet und ALX an Baan verkauft und die großen Lösungen etwa im SAP-Umfeld in die SBS verlegt wurden.

SNI-Vorstandsmitglied Peter Pagé, in den Rang eines Chief Technology Officers erhoben, kündigte an, daß das Anwendungssoftware-Geschäft in den nächsten Jahren geordnet nach Produkten in weitgehend eigenständige Firmen ausgegliedert werde, an denen SNI je nach Interessenslage einen mehr oder weniger großen Anteil halten wolle. Diese Organisationen könnten nach Belieben Partnerschaften oder Joint-ventures eingehen; es sei ihnen überlassen, geeignete Vertriebs- und Marketing-Maßnahmen zu treffen.

Den Rückzug aus dem Geschäft mit Anwendungssoftware kündigte der Vorstand zwar nicht an, doch es zeichnet sich deutlich ab, daß SNI sich im Produkt-Business nun als reiner Infrastrukturanbieter definiert. Offenbar möchte man sich an Softwareprodukten für Endkunden nicht mehr die Finger verbrennen.

"SNI setzt seine verbliebenen Softwareprodukte dem Druck des Wettbewerbs aus", erklärt Luis Praxmarer, Managing Director der Meta Group in München. Früher habe das Unternehmen dazu tendiert, eigene Produkte in kundenindividuelle Lösungsangebote "hineinzubündeln". So habe man sich dem scharfen Wind des Wettbewerbs entzogen. Auf diese Weise wurden auch mittelmäßige Produkte an den Kunden gebracht. Nun müssen die noch verbliebenen Anwendungssoftware-Produkte - viele sind es ohnehin nicht mehr - am Markt beweisen, ob sie gegen die Konkurrenz bestehen können.

"Comet ist weg - sicherlich nicht zu SNIs Schaden", urteilt der Analyst. In Deutschland hätten viele Hersteller versucht, die "Comet"-Basis in neue Produktwelten zu überführen - Erfolg habe niemand gehabt. "Wie will ich jemand glücklich machen, der eigentlich nichts will, außer seine alte Software auf einer möglichst preisgünstigen Hardwareplattform weiter zu betreiben", fragt Praxmarer - "ein undankbares Geschäft".

Wichtigster Grund für die SNI-interne Umschichtung des Lösungsgeschäfts ist für den Meta-Group-Mann wie für andere Analysten das Interesse des Siemens-Konzerns, im lukrativen IT-Servicemarkt zunächst europaweit, später auch weltweit ein gewichtiges Wörtchen mitzureden. Um den Aktionären einen möglichst großen Shareholder-Value zu bieten, möchte die Siemens AG in den Wachstumsmärkten mitmischen; und als einen solchen definieren Marktforschungsunternehmen wie Input den Markt für Business-Process-Outsourcing. Vor diesem Hintergrund lag es nahe, interne Outsourcing- und Lösungskapazitäten zusammenzulegen und konzernweite Synergien zu nutzen.

"SNI hat damit in Europa ein gutes Fundament gelegt", so Praxmarer, doch weltweit bleibe das Unternehmen vorerst eine kleine Nummer. Daß die SNI-Verantwortlichen diesen Zustand nicht beibehalten wollen, machten sie vor der Presse deutlich. SBS-Sprecher Fröschl erklärte, seine Gesellschaft müsse "Partnerschaften" mit anderen Dienstleistern eingehen und für Merger und Akquisitionen offen sein. Pagé zeigte sich zwar zuversichtlich, was das "organische Wachstum angehe", betonte jedoch, daß ein "nichtorganisches Wachstum" sehr gut möglich sei: "Wir sind ständig auf der Lauer!"

Angesichts der geringen Marktanteile in den USA und in Asien scheint ein Wachstum aus eigener Kraft in Dimensionen, die ausreichen, um mittelfristig gegen Wettbewerber wie IBM, CSC oder EDS zu bestehen, illusionär. An diesen Kontrahenten muß sich die Siemens-Tochter jedoch messen, will sie lukrative Aufträge von weltweit aktiven Großkonzernen erhalten.

"Für die Meta Group ist klar: SNI muß ein weltweiter Player werden", betont Praxmarer. Gute Voraussetzungen für ein dynamisches Wachstum seien insofern gegeben, als die SBS durch Siemens-interne Aufträge eng mit den Filialen in aller Welt kooperiere und von daher bereits flächendeckend vertreten sei. Von dieser Basis aus müsse die SBS das internationale Lösungsgeschäft aufbauen. "In Amerika ist es nicht existent. Wenn man dort die Umsätze der SNI-Tochtergesellschaft Pyramid abrechnet, bleibt eigentlich nichts übrig.

SNI kündigt an:

- SNI-interne Trennung der "IT-Produkte und-Services" von "Lösungen und Business Services". Letzteres wird von der gemeinsamen SNI- und Siemens-Tochter SBS betrieben. Sie erhält zusätzlich zum Siemens-internen Outsourcing-Business das Lösungsgeschäft von SNI einschließlich der Großprojekte mit externen Kunden.

- Sprecher des Lösungs- und Business-Services-Geschäfts ist Friedrich Fröschl, Sprecher des Produktgeschäfts Rudi Lamprecht. SNI-Vorstandsmitglied Peter Pagé verantwortet die gesamte Produktstrategie in der neu geschaffenen Position des Chief Technology Officers.

- Innerhalb der nächsten fünf bis sieben Jahre will SNI im deutschen, europäischen und weltweiten Geschäft je ein Drittel seines Umsatzes erwirtschaften. Jeweils 50 Prozent sollen mittelfristig mit Produkten sowie mit Lösungen und Business Services erzielt werden.

- Das Geschäft mit Anwendungssoftware wird in eigenständig geführte Firmen ausgelagert, an denen SNI mit einem variablen Anteil beteiligt ist.

- Das in der SBS untergebrachte Business-Services-Geschäft wird stark ausgebaut. Mit Hilfe der hinzugewonnenen Lösungskompetenz und durch die enge Zusammenarbeit mit den Siemens-Geschäftsbereichen soll es möglich werden, für Kunden ganze Geschäftsprozesse zu betreiben.