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27.10.2000 - 

Anwender des Jahres

So sehen Sieger aus

Als die Fusionspläne mit der deutschen Bank im Frühjahr 2000 unter der hämischen Anteilnahme der Öffentlichkeit scheiterten, kam auch das bereits begonnene, ehrgeizige Projekt eines Firmenfinanzportals bei der Dresdner Bank kurzfristig aus dem Tritt. Zwei Wochen war offen, wie es nun weitergehen sollte. Dann starteten die IT-Experten beim Frankfurter Bankhaus durch. Jetzt sind sie "Anwender des Jahres 2000".

Begonnen hatte alles im Sommer 1999. Die Dresdner Bank hatte sich zum Ziel gesetzt, "im E-Commerce nach vorne zu gehen", wie Ralf Kalbhenn vom Konzernstab Informationstechnologie sagte. Aus diesem Grund hatte der Vorstand die Direktive ausgegeben, eine E-Commerce-Strategie zu entwickeln, die sämtliche Bereiche der Bank berühren und direkt unter dem Vorstand angesiedelt sein sollte.

Insbesondere für das Projekt Finanzportal sollte sich diese erhöhte Zuwendung von oberster Stelle als ausgesprochen positiv erweisen. Das gilt vor allem für das Frühjahr 2000, als eine eigentlich schon beschlossene Fusion mit dem Konkurrenten Deutsche Bank doch noch scheiterte und zwei lange Wochen offen war, was nun geschehen sollte. "Nach 14 Tage sind wir durchgestartet", sagt Kalbhenn.

Denn es ging weiter mit dem Firmenfinanzportal. Und die Frage, "wer im Rennen zwischen Deutscher und Dresdner Bank mit seinem Portal zuerst fertig sein würde", die ist heute beantwortet. Durchaus selbstbewusst sagt Kalbhenn, die Dresdner Bank habe als erster Finanzdienstleister Europas ein Finanzportal für Firmenkunden realisiert.

Doch was bringt das dem Kunden? Insbesondere das integrierte Angebot an Informationen, Transaktionen und Mehrwertdiensten und die ständige Verfügbarkeit des Finanzportals (24 mal sieben Stunden) sollen vor allem kleine und mittelständische Kunden an die Dresdner Bank binden und dadurch eine neue Klientel gewinnen. Der Firmenkunde kann über das Portal seine Bankgeschäfte rund um die Uhr zu günstigeren Konditionen erledigen als auf herkömmlichem Weg.

Kalbhenn sagt, das Portal diene in erster Linie der Kundenbindung. Außerdem sei mittelfristig mit Kostensenkungen bei standardisierten Finanztransaktionen zu rechnen, die an die Kunden weitergegeben werden können. Ein zusätzliches Angebot über Partner wie Sixt, die Lufthansa oder die Deutsche Bahn berge, so der zuständige Projektleiter, zudem ein hohes Potenzial zur Kundenentwicklung. Auf gut Deutsch heißt das, die Ertragssteigerung pro Kunde kann durch bankfremde Mehrwertdienstleistungen noch verbessert werden.

Das Finanzportal ergänzt die Firmenkundenstrategie der Bank in zweifacher Hinsicht. Zum einen eröffnet die Dresdner Bank über das Internet einen weiteren, einfachen Zugangsweg zu ihren Dienstleistungen. Über den Vertriebsweg Internet können so ganz neue Kundenkreise erschlossen werden. Ferner ergänzt das Firmenfinanzportal das Multikanal- und Beratungskonzept für Firmenkunden. Das heißt, der potenzielle Kunde kann seine Transaktionen sowohl über seinen Betreuer oder sein Service-Center der Dresdner Bank abwickeln als auch über das Internet. Der Firmenkundenbetreuer bleibt aber weiterhin der zentrale Ansprechpartner für die Kunden. Die Banker versprechen sich von ihrem Portal eine Entlastung der Betreuer von "einfachen" Abwicklungstätigkeiten. Das wiederum ermögliche eine intensivere Betreuung bei beratungsintensiven Dienstleistungen.

Das Finanzportal ist zugeschnitten auf Firmen und Unternehmen jeder Größe: vom Gewerbetreibenden um die Ecke, über den klassischen Mittelständler bis hin zum Großunternehmen. Die Dresdner Bank erwartet allerdings, dass kleine und mittelständische Unternehmen das Portal intensiver nutzen werden als international operierende Großunternehmen.

Zum Ende des ersten Geschäftsjahres des Firmenfinanzportals (September 2001) rechnet die Bank mit zirka 10000 Kunden, die das Portal für ihre geschäftlichen Transaktionen nutzen werden. Diese Zahl soll sich im fünften Geschäftsjahr auf rund 100000 aktive Kunden steigern. Auch mit deutlich weniger als den prognostizierten 10000 Kunden im ersten und etwa 100000 Kunden im fünften Jahr "wird das Finanzportal rentabel sein", äußert Kalbhenn zuversichtlich. Im dritten Geschäftsjahr, also im Jahr 2003, soll der Breakeven erreicht sein, hoffen die Banker.

Im Sommer 1999 hatte die Dresdner Bank gemeinsam mit Andersen Consulting ein E-Commerce-Strategieprojekt für das Firmenkundengeschäft aufgesetzt. Das eigentliche Finanzportal-Projekt setzte im Herbst mit der Detaillierung der Geschäftsarchitektur ein.

Auftraggeber war der Geschäftsbereich "Firmen und Institutionen". Die Design- und Implementierungsphase startete im Februar 2000. Ende Mai 2000 nahm das erste Release des Firmenfinanzportals den Pilotbetrieb auf. Der große Moment aber kam am 19. Juli 2000: Da ging die Dresdner Bank mit ihrem Portal offiziell an den Start. Bis zum Mai 2001 sind im Abstand von jeweils etwa drei bis vier Monaten weitere Releases geplant. Das Projektbudget, sagt Kalbhenn, wurde eingehalten. Auch der Zeitbedarf blieb nahezu exakt im geplanten Rahmen. Anfänglich tauchte das Problem auf, dass die technische hinter der Anwendungsarchitektur herhinkte. Durch Wochenendarbeit und zusätzliche große Anstrengungen schafften es die Projektverantwortlichen der Dresdner Bank und insgesamt rund 70 Mitstreiter inklusive der 45 externen Experten aber, das Portal innerhalb von drei Monaten auf Sendung zu bringen. "So etwas", sagt Kalbhenn, "habe ich noch nicht erlebt, so viel Einsatz wie in diesen Monaten."

Um das vorrangige Ziel zu erreichen, vor den Mitbewerbern der Dresdner Bank mit einem Finanzportal herauszukommen, wurde im Projekt der so genannte Timebox-Ansatz eingeführt: Alle drei Monate wird ein neues Release auf den Markt gebracht - "Koste es, was es wolle", unterstreicht Kalbhenn die Bedeutung dieser Vorgehensweise. "Wir reduzieren eher den Funktionsumfang für ein neues Release, als dass wir die Zeit überziehen." Gleichzeitig schreiben die Kollegen vom auftraggebenden Geschäftsbereich "Firmen und Institutionen" bereits die Pflichtenhefte für das nächste Release.

Das Projekt integriert verschiedenste bankinterne LegacyAnwendungen mit Hilfe einer komponentenbasierten Application-Server-Architektur gemäß dem J2EE-Anwendungsmodell von Sun Microsystems auf Basis von Enterprise Javabeans. Über ein Komponenten-Framework mit Standard-Schnittstellen und standardisierten Kommunikationsmodellen - hier wären zu nennen "JDBC", "MQ Series", "RMI/IIOP" -, die teilweise auf XML-Datenstrukturen basieren, werden verschiedenste Systeme wie beispielsweise das HostDatenbanksystem "DB2", Oracle- und Sybase-Anwendungen sowie MVS-Legacy-Applikationen und die Customer-Relationship-Management-Lösung von Siebel an das Portal-Frontend angekoppelt beziehungsweise der Datenfluss zwischen diesen Systemen garantiert. Auch die Application-Server von Geschäftspartnern der Dresdner Bank AG sind in dieses Konzept eingebunden.

Dem Dresdner-Bank-Kunden des Finanzportals bieten sich im Frontend-Bereich Möglichkeiten der individuellen Gestaltung seines Bildschirmarbeitsbereichs sowie der verwendeten Applikationen durch Personalisierungsfunktionen. Inhalte und Angebote können durch diese auf ein individuelles Benutzerprofil und -verhalten abgestimmt werden. Die Sicherheitsarchitektur ist durch die Verwendung von digitalen Zertifikaten auf dem aktuellen Stand der Technik. In Kürze wird auch die Verwendung von Smartcards mit Zertifikaten ermöglicht.

Die Dresdner Bank glaubt, durch die Auslegung der Systemarchitektur auch künftigen Anforderungen problemlos begegnen zu können. Hochverfügbare "E10000"-Server von Sun und Beas "Weblogic"-Lösung als Application-Server sowie eine mehrfach abgesicherte und redundante Frontend-Web-Server-Farm machen das System in hohem Maße skalierbar und sicher. Die Modularität der Systemkomponenten nach dem J2EE-Standard ermöglicht es, die einzelnen Komponenten beziehungsweise Anwendungen auf einfache Weise zu skalieren und auf verschiedene Systeme zu portieren. Durch die Verwendung von Standardprotokollen und offenen Standard-Schnittstellen innerhalb des Komponenten-Frameworks lassen sich neue Systeme einfach und schnell an das Portal ankoppeln. Zusammen mit standardisierten Entwicklungsverfahren wird so ein niedriger Pflege- und Erweiterungsaufwand sichergestellt, um auch auf kurzfristige Anforderungen, wie etwa die Einbindung von Anwendungen eines neuen Geschäftspartners, schnell reagieren zu können.

Für Kalbhenn hat sich eine Erkenntnis aus dem Projekt herausgeschält: "Für den Erfolg war es entscheidend, die richtigen Mitarbeiter mit entsprechenden Fähigkeiten und Erfahrungen zu haben. Die Schlüsselfiguren bei so einem Vorhaben müssen Top-Performer sein." Sie müssen genügend Projekterfahrung und technische Kompetenz besitzen und darüber hinaus die Fähigkeit, fehlendes Know-how rasch zu erwerben. Auch die Zusammensetzung der einzelnen Entwicklungs- und Planungsteams ist von großer Bedeutung.

E-Commerce-Projekte weisen in der Regel einen hohen Innovationsgrad auf und stehen unter starkem zeitlichen Druck. Damit verbunden ist die Notwendigkeit, viele Teilarbeiten gleichzeitig abzuwickeln. Auf allen Mitarbeitern lastet zudem ein enormer Erfolgsdruck. Wegen des parallelen Arbeitens müssen alle Organisationseinheiten (fachlich und technisch) eng kooperieren. "Eine Startup-Mentalität", sagt Kalbhenn, "ist in solch einer Situation dringend nötig". Unabdingbar, um Entscheidungen im Projekt durchsetzen zu können, ist die Unterstützung auf allen Hierarchieebenen bis hin zum Vorstand.

Jan-Bernd Meyer

jbmeyer@computerwoche.de

Dresdner Bank- Bilanzsumme (1999): 396 Milliarden Euro,

- Gewinn (1999): 1,08 Milliarden Euro,

- 50000 Mitarbeiter weltweit in 70 Ländern,

- 1459 Zweigstellen in Deutschland, 19 außerhalb Deutschlands.

Projekt Firmenfinanzportal:

- Anzahl der IT-Mitarbeiter im Projekt: 25 eigene Mitarbeiter, 35 Berater von Andersen Consulting, zehn Mitarbeiter von Abaxx Technologie GmbH.

- Die Kosten für die Entwicklung und Einführung des Firmenfinanzportals inklusive aller Releases bis Mai 2001 liegen bei 34 Millionen Euro inklusive aller internen und externen Sach- und Personalkosten.

- Die Kosten für den laufenden Betrieb liegen bei rund acht Millionen Euro.

- Das erste Release ging am 17. Juli 2000 in Echtbetrieb. Das Projektende ist für Mai 2001 geplant.

Wie wir werteten - Die JuryDie COMPUTERWOCHE schreibt mit der Gartner Group den Wettbewerb "Anwender des Jahres" aus. Dieses Jahr blieben von ursprünglich 79 Unternehmen nach einer Vorauswahl 18 Konkurrenten übrig. Die Jury hat aus diesen die sechs besten IT-Projekte ausgewählt. Die Jury bewertete die Kandidaten nach acht Kriterien: Nutzen des Projekts; Innovationsleistung in technologischer Hinsicht und bezüglich des Geschäftsansatzes; Projektkosten; Benutzerorientierung und -freundlichkeit; Projekt-Management-Qualität (in time, in budget, geplanter Funktionsgrad verwirklicht); Projektorganisation; Zukunftssicherheit des Projekts (Skalierbarkeit, Modularität, "Offenheit", niedriger Pflege- und Erweiterungsaufwand); Lessons learned.

Die Jury:

- Dr. Gerhard Adler, Geschäftsführer und Partner Diebold Deutschland GmbH;

- Kai Nowak und Dr. Ulf Prengemann, Gartner Group Deutschland;

- Dr. Andreas Resch, Vorjahressieger mit der Herlitz PBS, jetzt Geschäftsführer Fiege Deutschland;

- Professor Dr. Horst Wildemann, Technische Universität München, Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Logistik, BoardMitglied Wettbewerb "Bayerischer Qualitätspreis" und Wettbewerb "Manager des Jahres" des "Manager Magazin".