Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

12.04.1991 - 

Ostdeutsche DV-Spezialisten zwischen Hoffen und Bangen

Software-Entwickler haben noch am ehesten Chancen

Die ostdeutschen DV-Spezialisten sitzen mit geschnürtem Ranzen im Wartesaal. Für viele heißt die entscheidene Frage: Bleiben oder Gehen? Denn während die Computerexperten im Westen unserer Republik noch stattliche Gehälter einstreichen, wissen die Ostdeutschen noch lange nicht, wohin die berufliche Reise geht. Zwar prophezeien ihnen viele Experten eine rosige Zukunft, allein der Glaube daran fehlt - angesichts einer wirtschaftlichen Situation, die nur von Berufsoptimisten als hoffnungsvoll beschrieben wird.

Nach wie vor pessimistisch schätzen sowohl Ost- als auch West-Beobachter den Ex-DDR-Arbeitsmarkt ein. Beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Nürnberg, ist man sogar der Meinung, daß ostdeutsche Betriebe erst dann wirtschaftlich arbeiten, wenn das Personal um etwa 75 Prozent reduziert wird.

Selbst die DV-Spezialisten, die im Westen hoch gehandelt werden, haben im Osten der Republik nichts zu lachen. Überall bauen die Unternehmensleitungen Stellen ab, und dieser Abbau betrifft auch die High-Tech-Mitarbeiter der früheren Renommierkombinate wie Robotron, das Leitzentrum für Anwendungsforschung (LfA) oder das Kombinat für Datenverarbeitung.

Allgemeiner Tenor der Ostdeutschen: Solange es wirtschaftlich nicht besser geht, können selbst die im Westen begehrten Computerexperten kaum damit rechnen, einen sicheren Arbeitsplatz zu finden. Die Aussage von Armin Hoffmann, Direktor des Geschäftsbereiches Schulung der Business Systems GmbH (RBS) in Leipzig, ist daher symptomatisch für die jetzige Situation: "Die Betriebe wissen nicht, ob sie den nächsten Tag überleben." Deshalb könne keine Spekulation darüber angestellt werden, welcher Beruf nun besonders gute Chancen hat. Tatsache sei, daß die Neustrukturierung der Unternehmen langsam vonstatten gehe und daß die Investitionen sehr schleppend getätigt werden.

Selbst für Hochschulabsolventen von Ingenieur-Studiengängen, die jetzt im Frühjahr ihr Studium beenden, sieht es eher trostlos aus. So können zum Beispiel im Fach Elektrotechnik nach Angaben von ostdeutschen Professoren höchstens zehn Prozent der Uni-Abgänger mit einem Arbeitsplatz rechnen. Siemens empfiehlt daher diesen Abgängern, sich im Westen zu bewerben, nach dem Motto: "Lieber einen Job im Westen als arbeitslos im Osten."

Eine Politik, die im Osten nicht gutgeheißen wird: RBS-Geschäftsführer Hoffmann erkennt zwar das große Engagement des Münchner Elektroriesen in der Ex-DDR an - immerhin sollen bis zum nächsten Jahr 30 000 neue Arbeitsplätz entstehen - allerdings würden die

Probleme nicht schneller gelöst, wenn die Besten abwanderten. Die Mobilen hätten sich schon längst auf den Weg Richtung Westen gemacht. "Und wer einmal einen Arbeitsplatz in der alten Bundesrepublik angenommen hat, wird sicher nicht so schnell wieder zurückkommen", glaubt Hoffmann. Auch wenn Siemens etwa beteuert, daß man den Menschen helfen wolle und sich nicht als Abwerber betätige.

Die Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg gibt nach eigenen Angaben in diesem Jahr sechs Milliarden Mark für die Umschulung von ostdeutschen Arbeitslosen aus - genau soviel, wie auch für die Bundesrepublik vorgesehen ist. "Unser Grundproblem besteht darin", so Werner Dostal, Direktor am IAB, "daß wir nicht wissen, was in Ostdeutschland läuft."

Aus der Sicht des Nürnberger Beraters sei genug Geld für Umschulung und Fortbildung da. Es fehle aber an genügend Ausbildungsinstituten, zudem sei auch die Haltung der "Ossis" in bezug auf Umschulung sehr zögerlich. "Die Ostdeutschen erwarten", so Dostal, "daß ihr Einsatz belohnt wird", daß also mit Beendigung des Kurses auch ein Arbeitsplatz zur Verfügung stehe. Von dieser Mentalität des Versorgtwerdens müßten sich die Ostdeutschen jedoch verabschieden. Hier in der Bundesrepublik hätte auch kein Umschüler Anspruch auf einen Arbeitsplatz, "wenn er sich der Mühe unterzieht und einen zweijährigen Kurs besucht", so die Dostalsche Argumentation.

Werner Löffler, Manager bei der Robotron Projekt GmbH (RPD) in Dresden, wirbt um Verständnis für die Zurückhaltung der Ostdeutschen. Man müsse berücksichtigen, daß den Menschen die Orientierung fehle, da fast alle Betriebe pleite gingen und man somit nicht wisse, worauf man denn nun umschulen solle. Zudem könne man innerhalb von drei Jahren nur einen Umschulungskurs besuchen, der vom Arbeitsamt bezahlt werde; wer jetzt aufs falsche Pferd setze, so die Angst der Arbeitslosen, gerate für immer ins Abseits, weiß Löffler die zurückhaltende Einstellung zu begründen.

Hoffnung auf einen Arbeitsplatz könnten sich auf jeden

Fall die DV-Spezialisten machen, deren Arbeitgeber eine Partnerschaft mit einem westlichen Unternehmen eingegangen seien, so Eberhard Kalex, Leiter Software-Entwicklung der RPD. Sein Unternehmen kooperiert mit Siemens und SAP. Der 1984 gegründete Dresdner Softwareproduzent hatte vor der Wende 1000 Beschäftigte, jetzt sind es nur noch 100. 300 Mitarbeiter sind auf Kurzarbeit gesetzt, und weitere 600 haben sich zu einer eigenständigen GmbH zusammengeschlossen.

Aus eigenen Mitteln könne man nach Meinung des Dresdener Managers den Anschluß an den Westen kaum schaffen. Kalex prophezeit vor allem den Softwarespezialisten bessere Zeiten: "Die Zukunft gehört den Spezialisten, die Software anpassen und schulen können."

Sehr gefragt sind nach Ansicht von Dostal auch die Wirtschaftsinformatiker, weil Betriebswirtschaftslehre und Organisationswissenschaften, die gerade bei der Einführung von DV-Anlagen unerläßlich sind, in der ehemaligen DDR beinahe ausschließlich an Hoch- und Fachhochschulen unterrichtet wurden, und dann immer nur aus marxistisch-leninistischer Perspektive.

Zudem war die bisherige DDR-Ausbildung zum DV-Spezialisten im allgemeinen sehr technisch und im besonderen sehr an der Hardware orientiert. Dies mußte nach Löfflers Ansicht auch sein, weil ständig irgendwelche Gerätschaften kaputtgingen. "Bei uns waren 40 Mitarbeiter damit beschäftigt, Drucker aus Polen und Platten aus Bulgarien zu reparieren." Diese Fachleute seien mit der Einführung der westlichen Technologie zum feil überflüssig geworden.

Im Grunde gab es in der ehemaligen DDR nur zwei Ausbildungsgänge, die zum DV-Spezialisten führten: einmal den Facharbeiter zur Datenverarbeitung, eine Ausbildung nach der mittleren Reife, dann das Informatik-Studium. Darüber hinaus wurde die Ausbildung von Computerfachleuten insbesondere durch die DV-Schulungszentren des Kombinates Robotron und durch die Weiterbildungseinrichtungen des ehemaligen Kombinates Datenverarbeitung vorgenommen. Die DV-Ausbildung war dabei auf die ESER- und PC-Welt zugeschnitten. Hauptschulungsgebiet bildeten Kurse für die DV-Grundausbildung und Seminare auf dem Gebiet der Betriebssysteme.

Löffler glaubt, daß zum Beispiel der Systemprogrammierer mit der breiten Ausbildung, wie es ihn in der DDR gab, im Westen gar nicht existiert. Der sogenannte Problem-Analytiker mußte von der Analyse bis zum Codieren alles selbst erledigen - unter anderem auch deshalb, weil Hardware und Software so unzuverlässig waren. Auch Christian Rothenburg von der LfA-Software & Service GmbH, Berlin, die aus dem Leitzentrum für Anwendungsentwicklung entstanden ist, glaubt, daß die Programmierer keine Anpassungsschwierigkeiten haben werden. "Wir haben auch früher in Turbo C programmiert."

Woran es allerdings den ostdeutschen Spezialisten mangele, so Lutz Kern, Leiter der Integrata-Akademie für Fach- und Führungskräfte in Tübingen, zur Zeit in Leipzig tätig, seien Erfahrungen in den Bereichen Methoden und Verfahren, Projekt-Management, DB/DC-Systeme, CAD/CAM/CIM-Systeme und auf dem Gebiet Führung, Kommunikation, Verhalten.

Rothenburg weiß, daß es in Sachen fachübergreifende Qualifikation hapert, weil man diese Fähigkeiten nicht brauchte. "Früher standen die Interessenten Schlange und die Anwender mußten zum Teil ihre Anwendungssoftware selbst schreiben." Heute dagegen müsse man sich um die Kunden kümmern, sie auch beraten, und das verlange wesentlich mehr als nur technische Kompetenz.

Offensichtlich nur auf ihren technischen Sachverstand haben sich viele ostdeutsche DV-Spezialisten verlassen, die den Sprung in die Selbständigkeit wagten und zum Teil auch bald wieder vom Markt verschwanden. Wolf-Dieter Gießmann, Unternehmensberater in Berlin, glaubt, daß eben die unsichere berufliche Zukunft Computerspezialisten in die Selbständigkeit trieb, "ohne auch nur einen Gedanken auf die Positionierung ihres Software- oder Beratungsangebotes zu verschwenden". Um aber wettbewerbsfähig zu sein, sei marktwirtschaftliches Know-how unerläßlich.