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01.11.2002 - 

Service-Provider (XSP)/Die Entwicklung des Application-Service-Providing

Software gibt es nach wie vor als Service

Das Konzept "Software als Service" bedeutet für Unternehmen, je nach Bedarf Zugriff auf individualisierte Anwendungsfunktionen des Service-Providers zu haben, die dieser in großen Mengen bereitstellen kann. Die ersten derartigen Servicesangebote sind mittlerweile auf dem Markt, so dass ein kritischer Blick auf die Offerten lohnt. Von Peter Dück und Tracy Dietz*

2002 begannen Softwareanbieter die Wendung "Software als Service" in Umlauf zu bringen. Allerdings ist weder die Bezeichnung noch das Konzept dahinter neu. Schon lange suchen Unternehmen nach Beschaffungsformen, die die teure und ineffiziente Tradition umgehen, Technik kaufen, implementieren und betreiben zu müssen.

Bisher müssen Unternehmen in Hardware und Software investieren und die Produkte technisch einbinden, bevor sie die Funktionen nutzen können. Das ist keine einfache Aufgabe. Anwendungen müssen mit anderen Anwendungen interagieren, die oft nicht die gleiche Plattform teilen. Außerdem muss jede große Geschäftsanwendung in einem Service-"Ökosystem" existieren, das Geschäft und Geschäftsveränderungen bestmöglich unterstützt und gleichzeitig optimale Verfügbarkeit, Sicherheit und Leistung erzeugt. Wachsende Komplexität und zunehmende Globalisierung von technischen Umgebungen hat zur Folge, dass die traditionelle Methode von Einkauf, Implementierung, Verwaltung und Betrieb weniger praktikabel geworden ist. Unternehmen brauchen andere Optionen.

Eine davon ist die Bereitstellung von Anwendungssoftware als Service. Software als Service bedeutet, dass Unternehmen auf Anforderung über einen Service-Provider auf Funktionalität zugreifen können und entweder einen festgelegten Beitrag oder pro Nutzung zahlen. Der Service-Provider tätigt die anfänglichen Investitionen, implementiert eine "massenindividualisierte" Lösung, die an viele Kunden verkauft werden kann, und betreut diese Lösung während ihres Lebenszyklus. Im Endeffekt sieht Software als Service vor, Software als "Massenware" zu liefern, mit dem Fernziel, Softwarefunktionalität "aus der Steckdose" überall zur Verfügung zu stellen, etwa über das Internet.

Das Modell ist keine Zukunftsvision - Teile davon sind schon weit verbreitet. Online-Banking, Internet-Spiele und Web-gestützte Reisebuchungssysteme sind Beispiele dafür, wobei den Anwendern oft gar nicht bewusst ist, welche komplexe Funktionalität hinter den von ihnen genutzten Diensten steckt. Das Modell wird zunehmend auch für Produktivitäts-Tools wie E-Mail, Groupware oder andere Büroanwendungen sowie für Back-Office-Funktionen im kleineren Umfang, etwa zur Verwaltung von Reisekostenabrechnungen, angewendet.

Realistische Erwartungen

Es gibt zwei Arten von Anbietern, die versuchen, das Modell zu übernehmen: Softwareanbieter und Application-Service-Provider (ASPs). Beide nähern sich dem Markt von verschiedenen Ausgangspunkten und Perspektiven an (siehe Abbildung "Das Ökosystem der Dienstleistungen"). ASPs arbeiten entlang eines Geschäftsmodells, das die Vermietung vorsieht. Im Gegensatz dazu entwickeln und verkaufen unabhängige Softwareanbieter traditionell Anwendungssoftware als Pakete (beispielsweise SAP und Oracle).

Die frühen Versuche von ASPs, Software als Service zu liefern, sind gescheitert. Im Hype-Cycle, einem Bewertungssystem von Gartner, befindet sich der ASP-Markt momentan jedoch in der Phase "Anstieg durch Verständnis". Die Anbieter beginnen nun damit, echten Mehrwert für die Geschäfte der Kunden zu liefern. Die Anwender wiederum treten mit realistischen Erwartungen an ihre Dienstleister heran. Dabei entwickelt sich der europäische Markt erheblich langsamer als in den USA (siehe Abbildung "Marktentwicklung in Europa und den USA"). Der Grund dafür ist die im Vergleich zu den USA inhomogene Kundschaft in der Alten Welt. In Europa gibt es beispielsweise vergleichsweise viele kleine und mittelgroße Unternehmen. Hinzu kommen die vielen unterschiedlichen Sprachen und Kulturen sowie gesetzlichen Regelungen.

Trotz des langsameren Wachstums in Europa begannen ASPs vor einigen Jahren, das Modell der Software als Service auch hierzulande einzuführen. Obwohl anfänglich Interesse bestand und die Anbieterzahl enorm war, scheiterten viele von ihnen - hauptsächlich, weil sie zu technologiegetrieben operierten. Diejenigen, die überlebt haben, taten dies oft, indem sie einen Kompromiss schlossen: das Hinzufügen von traditionellen Outsourcing- und Hosting-Angeboten zu dem Servicemodell. Das war und ist besonders in Industrieanwendungen mit ihrer Komplexität und den hohen Service-Level-Anforderungen, der Fall.

Die nächstliegende Folgerung aus der Geschichte der ASPs wäre die Annahme, dass ihr Geschäftsmodell fehlerhaft sei. Beispiele abseits des "Mainstreams" lassen anderes vermuten. Software als Service ist in vielen Gebieten heute Realität geworden. Spezialanbieter haben Business-Services im kleineren Umfang sowie Endverbraucher-Anwendungen im Rahmen des Modells umgesetzt. Sie haben die Akzeptanz ihrer Kunden gewonnen, indem sie deren Anforderungen ernst genommen und Geschäftsprobleme für sie gelöst haben.

Standarddienste sind nicht gefragt

Geschäftsanwendungen im größeren Umfang werden hingegen kaum nachgefragt. Dies liegt nicht nur daran, dass die ASPs in der Vergangenheit die Technik und nicht den Kundennutzen in den Mittelpunkt ihrer Argumentation gestellt haben. Enterprise-Resource-Planning-(ERP-)Systeme bedürfen in der Regel intensiver Anpassung, um den spezifischen Kundenanforderungen gerecht zu werden. Unter anderem ist die Integration mit Altanwendungen erforderlich. ASPs mit ihren standardisierten Lösungen kommen hier nicht zum Zuge.

Viele ASPs konnten die hohen Investitionen nicht erbringen, die erforderlich sind, um maßgeschneiderte Lösungen zu schaffen. So haben sie wie bereits erwähnt ihr Geschäftsmodell um traditionelle Outsourcing- und Hosting-Angebote ergänzt. Dieser Ansatz ist jedoch mit dem Nachteil behaftet, dass die Anbieter nach wie vor Softwarelizenzen kaufen und zugleich in die individuelle Anpassung und Implementierung der Lösungen investieren mussten.

"Net-native" ASPs haben sich hingegen Synergien im Dienstleistungsbereich zunutze gemacht. Sie kombinieren technologische Softwareservices wie Produktion, Bug-Fixing, Wartung, Erweiterungen und Upgrades mit Betriebsdienstleistungen. Mit dieser Verbindung lassen sich Softwareprodukte für eine einzelne Plattform entwerfen und entwickeln, die plattformunabhängig zum Einsatz kommen können. Die Kombination aus Produktentwicklung und -verbesserung mit dem Betrieb erlaubt es den Anbietern, Probleme frühzeitig zu erkennen und zu beheben sowie bessere Service-Levels zu niedrigeren Preisen umzusetzen. Damit sind sie zudem profitabler als andere ASPs. Viele der großen unabhängigen Softwareanbieter versuchen jetzt ebenfalls, diese Synergien zu nutzen, um Software als Dienstleistung bereitzustellen.

Ein Beispiel für ein erfolgreiches Net-native Application-Service-Providing ist Salesforce. com. Ende 1999 als Anbieter für Vertriebsinformationssysteme gegründet, hat dieses Unternehmen sein Portfolio um Customer-Relationship-Management- und Back-Office-ERP-Angebote ausgebaut. Mittlerweile zählt der Anbieter rund 5 000 Unternehmenskunden mit etwa 70 000 Anwendern. Das Wachstum von Salesforce.com deutet an, welches Potenzial und welche Rentabilität in dem Net-native ASP-Ansatz stecken. Allerdings gibt es mehrere Barrieren, die die breite Einführung derartiger Lösungen verhindern werden. Es besteht eine große, installierte Basis von etablierten Anwendungspaketen, und Unternehmen bemühen sich um den Return on Investment aus den enormen Investitionen, die für die Implementierung getätigt wurden. Sie werden deswegen mit dem Wechsel zu einer ASP-Alternative zögern. ASPs müssten auch viel Zeit und Geld investieren, um das Niveau aktuell eingesetzter Datenmodelle, Prozesse, Best Practices und Anwendungspakete zu erreichen.

Oracle als Schrittmacher

Von den großen unabhängigen Softwareanbietern ist Oracle der aggressivste Vermarkter des Software-als-Service-Modells. Der Anbieter nutzt Outsourcing-Dienstleistungen als Vehikel, etablierte und neue Kunden durch die Einbindung verschiedener Upgrade- und Migrations-Optionen ihrer E-Business-Suite "11i" an sich zu binden. Oracle betrachtet Outsourcing-Dienstleistungen auch als größte Einnahmenquelle der Zukunft. Das Unternehmen erwartet einen Umsatzzuwachs von heute 50 Millionen Dollar auf eine Milliarde Dollar im Jahr 2006. Dies ist ein sehr optimistisches Ziel, unterstreicht aber Oracles Entschlossenheit, in diesem Marktsegment zu wachsen. In dieses Bild fügt sich auch die Outsourcing-Offerte für die Datenbankversion 11 i ein. Ferner hat Oracle jüngst bekannt gegeben, Auslagerungsservices auf weitere Produkte auszuweiten.

Das bislang betriebene Servicegeschäft von Oracle unterscheidet sich kaum vom traditionellen Outsourcing, doch der Anbieter legt den Grundstein für neue Serviceformen. Der Kunde kauft auf herkömmliche Art und Weise Lizenzen und zahlt für die Wartung. Die Software läuft entweder am Kundenstandort, bei Oracle oder im Rechenzentrum eines Drittanbieters. Preisgestaltung, die sich anteilig am gesamten jährlichen Lizenzvolumen orientiert, sowie Service-Level-Garantien, die mit einer Malus-Regelung belegt sind, zeigen, dass sich Oracle dem Ansatz zuwendet, Software als Service auszuliefern. Dieser Kurs ist sicher nicht ohne Hindernisse und Risiken. Wie jeder Neuling in der Outsourcing-Arena wird Oracle seine Lektionen aus verlustbringenden Geschäften und schwierigen Beziehungen lernen. Die aktuellen Initiativen sind aber mutige strategische Schritte, um das Servicemodell im Markt zu etablieren.

Individualisierung erforderlich

Die Fähigkeit der Service-Provider, die Produktivität des Modells zu gewährleisten, und der Wille der unabhängigen Softwareanbieter, Softwareservice im Markt für Unternehmensanwendungen zu positionieren, werden über den Erfolg des Ansatzes richten.

Voraussetzung dafür ist aber auch, dass sich Architekturen finden, die massenhafte Auslieferung bei gleichzeitiger Individualisierung der Anwendungen ermöglichen. Einer Gartner-Prognose zufolge wird das Software-als-Service-Modell in den USA im Jahr 2004 und in Europa im Jahr 2006 Akzeptanz finden (Wahrscheinlichkeit 0,7 von 1). Als Hemmniss könnte sich jedoch erweisen, dass sich die erforderlichen Architekturen nur langsam ausbreiten. Im Jahr 2004 werden erst 25 Prozent der Anbieter entsprechende Schritte unternommen haben.

Auch die Anwender müssen umdenken. Sie sollten IT nicht als Bestand, sondern als Service akzeptieren und das Software-als-Service-Modell als wesentlichen Bestandteil ihrer langfristigen Sourcing-Strategien begreifen. Derzeit befindet sich die Serviceform noch in einer frühen Phase. Wer solche Leistungen bereits heute in Anspruch nehmen will, sollte der Vollständigkeit des Angebots besondere Beachtung schenken. Zudem gilt es den Geschäftsmehrwert gegen das Risiko abzuwägen und die Investitionen, die im Vorfeld anfallen, abzuschätzen. Mit anderen Worten: Es ist eine Due-Diligence-Prüfung wie bei jedem traditionellen Outsourcing-Geschäft erforderlich. (jha)

*Dr. Peter Dück, Vice President IT-Services and Sourcing, ist Analyst bei Gartner in Frankfurt, Tracy Dietz ist Senior Editor bei Gartner in München.

Abb.1: Marktentwicklung in Europa und den USA

Der Hype um die Vermietung von Software über das Netz ist vorüber. Der Einschätzung von Gartner zufolge tritt der ASP-Markt in Europa in eine Phase der Aufklärung ein. Quelle: Gartner

Abb.2: Das Ökosystem der Dienstleistungen

Dem Bereich der Betriebsservices nähern sich die Softwareanbieter und ASPs von unterschiedlichen Ausgangspunkten. Quelle: Gartner