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"Das könnte nicht einmal die IBM zustande bringen"


16.08.1991 - 

Software-Guru Yourdon: Kein Anbieter vermag einen wirklich kompletten Satz von CASE-Tools zu entwickeln.

Am Rande der kürzlich in Wien veranstalteten GMO-Konferenz "CASE - The next Generation" sprach CW-Redakteurin Karin Quack mit Edward Yourdon, Softwaremethoden-Experte und Herausgeber des US-Magazins "American Programmer", über die jüngsten Trends auf dem Gebiet der computerunterstützten Software-Entwicklung.

CW: Sie gelten als einer der Väter der Structured Analysis (SA) und des Structured Design. Jetzt sieht es so aus, als hätten Sie diese Methoden zugunsten einer Objektorientierten Methodologie aufgegeben.

Yourdon: Sehen Sie, bei den Methoden gibt es verschiedene Generationen. Structured AnaIysis und Structured Design gehen auf die 70er Jahre zurück, auch wenn sie immer noch weit verbreitet sind. Um einiges jünger ist die Information-Engineering-Methode. Die objektorientierte Methodologie, an der ich derzeit arbeite, wird mindestens noch vier oder fünf Jahre brauchen, um sich durchzusetzen. An der SA-Methode hat in den vergangenen fünf Jahren tatsächlich niemand etwas getan aber das heißt noch lange nicht, daß jeder Anwender bereits den Stand von 1986 erreicht hätte, sogar die CASE-Anbieter liefern teilweise nur Unterstützung für ältere SA-Versionen.

CW: Unter welchen Umständen entschließt sich ein Anwender, eine neue Methode einzusetzen?

Yourdon: Wenn er ernsthafte Schwierigkeiten mit der existierenden Methode bekommt oder wenn er sich eine enorme Produktivitätssteigerung von der neuen Methode verspricht. Dabei sollte er sich aber vorher überlegen, ob es für die neue Methode bereits CASE-Tools, Bücher, Trainingskurse und Beratung, also die gesamte Infrastruktur, gibt. Für ein kleines Unternehmen mag das nicht so wichtig sein. Aber eine große Organisation, beispielsweise mit 500 Leuten, muß sich Gedanken um diese Art von Unterstützung machen.

CW: Wie weit ist Ihre objektorientierte Methode bereits entwickelt?

Yourdon: Sie befindet sich in dem Entwicklungsstadium, in dem sich die strukturierte Analyse 1978 oder '79 befunden hat. Derzeit gibt es einige Leute, die sich bemühen, die objektorientierte Technik und die SA-Technik in einer universellen Methode zu kombinieren; ich nenne dies den Synthese-Ansatz. Eine andere Schule sagt: Nein, es muß eine richtige Revolution werden; schmeißt die alten Methoden weg und fangt etwas anderes an.

CW: Wozu tendieren Sie?

Yourdon: Ich persönlich glaube an den sogenannten Synthese-Ansatz. Aber ich sage den Leuten auch, daß die Argumente dafür nicht nur technischer Art sind. Es ist eine Art Generationenkonflikt: Die Jungen sind die Revolutionäre, wir Älteren hingegen würden gern ein wenig von der alten Denkweise mit den neuen objektorientierten Ideen mischen.

CW: In welchem Fall wurden Sie einem Anwender einen Wechsel auf eine - wie auch immer geartete - objektorientierte Methode vorschlagen?

Yourdon: Manchmal funktioniert weder die strukturierte Analyse noch das Information Engineering. Das gilt vor allem für Organisationen, in denen eine Gruppe Datenflußdiagramme und eine andere Entity-Relationship-Diagramme entwickelt. Diese beiden Gruppen steuern in unterschiedliche Richtungen und können sich nur schwer miteinander verständigen. Eine objektorientierte Methode, die per Definitionen Daten und Funktionen zusammenfügt, ist hier oft besser. Darüber hinaus konzentriert sich die objektorientierte Methodologie sehr viel erfolgreicher als jede andere auf den Bereich Wiederverwendbarkeit.

CW: Die Idee der Objektorientierung ist nicht neu. Wieso wird erst in jüngster Zeit an einer entsprechenden Methodologie gearbeitet?

Yourdon: Wir verfügen jetzt über Sprachen und Werkzeuge, die wir vor 15 Jahren einfach noch nicht hatten . Wären C + +, Smalltalk und einige andere Sprachen schon Mitte der 70er Jahre verbreitet gewesen, so hätten wir möglicherweise von Anfang an objektorientierte Methoden entwickelt. Aber erst jetzt werden sie in großem Maße eingesetzt, sind mächtig und effektiv; das gibt uns den Anreiz, Methoden für dieses Umfeld zu entwickeln.

CW: Ihr Kollege Larry Constantine plädiert dafür, objektorientierte und konventionelle Methoden innerhalb eines Systems zu vermischen. Was halten Sie davon?

Yourdon: Es gibt Beispiele dafür, daß dies heute schon - quasi automatisch - gemacht wird. So lassen sich bei einem Airline-Reservation-System die Back-end-Prozesse mit der strukturierten Analyse und/oder dem Information-Engineering entwickeln, während dort, wo die Interaktion mit dem Anwenderterminal stattfindet, objektorientierte Analyse- und Designtechniken genutzt werden sollten. In kleineren bis mittleren Projekten hingegen wird - aus praktischen und aus politischen Gründen - typischerweise nur eine einzige Methode zum Einsatz kommen; es wäre für die Mitarbeiter sonst zu schwierig, miteinander zu kommunizieren, das nötige Know-how zu erwerben und die entsprechenden Werkzeuge auszuwählen. Auch wenn Larry in technischer Hinsicht recht haben mag, wird seine Idee wohl nicht allzuoft realisiert werden.

CW: Nicht nur für Methoden, sondern auch für gesamte CASE-Umgebungen unterscheiden Sie unterschiedliche Generationen. Wie definieren Sie die derzeitige Generation?

Yourdon: Diese Generation ist für die meisten Leute immer noch relativ neu. Ihr Hauptcharakteristikum stellt die Repository-Technologie dar. Es wird etwa bis zur Mitte dieser Dekade dauern, bis diese Generation vollständig entwickelt sein wird. Die meisten Anbieter haben noch drei oder Vier Jahre Arbeit vor sich, um das zu realisieren, was sie in ihren Marketing-Broschüren bereits beschrieben haben. Aber das Konzept ist sicherlich verstanden; der Rest ist eine Frage der Technik.

CW: Was charakterisiert die kommende CASE-Generation?

Yourdon: Die nächste Generation von CASE-Tools wird etwa in der Mitte der 90er Jahre den Markt erobern. Dabei handelt es sich um sogenannte Groupware-Tools. Heute richten sich die meisten Werkzeuge an einzelne Software-Entwickler. Das Repository hingegen ist bereits dafür ausgelegt, Ideen zu teilen. Bei umfangreichen Projekten erfordert ja den meisten Aufwand nicht in die technische Aufgabe, sondern die Koordination der damit befaßten Leute.

CW: Wie weit sind die Anbieter mit der Entwicklung dieser Groupware-Tools bereits gekommen?

Yourdon: Ich nehme an, jeder Anbieter kann irgend etwas in diesem Bereich vorweisen. Aber das meiste davon läßt sich nicht mit den traditionellen Werkzeugen koppeln. Wenn Sie zum Beispiel einen CASE-Anbieter fragen: "Wie steht es mit Electronic Mail?" wird er Ihnen in den meisten Fällen antworten: Das ist etwas ganz anderes, das nichts mit meinen Tools zu tun hat. Das stimmt zwar. Aber wenn viele Software-Entwickler gemeinsam an einem Projekt arbeiten, dann wollen sie natürlich über ihre Arbeit miteinander kommunizieren; sie wollen beispielsweise auf ihrer Workstation ein Diagramm zeichnen und es jemandem anderen schicken. Die entsprechende Funktionalität ist zumeist nicht vorhanden.

CW: Sie stellen immer wieder die Forderung nach offenen Umgebungen. Was verstehen Sie darunter?

Yourdon: Für mich bedeutet das, Software-Entwicklung über verschiedene Hardwareplattformen und Betriebssysteme hinweg zu betreiben. Das schließt auch ein Repository ein, das auf verschiedenen physischen Plattformen und Datenbank-Management-Systemen implementiert werden kann.

CW: Wie läßt sich der Widerspruch zwischen Offenheit und Integration lösen?

Yourdon: Das ist der Grund, warum ein Repository so wichtig ist; denn so wie es derzeit definiert wird, soll es als Basis für die Integration der unterschiedlichen Werkzeuge dienen. In der Praxis finden Sie momentan allerdings nur eine bilateraler Abkommen vor. Zum Beispiel bietet Knowledgeware ein Zweiweg-Interface zu Synon auf der AS/400. Wenn dies eine Alternative zu einem allgemeinen Repository darstellen sollte, so wären Hunderte solcher zweiseitiger Abkommen notwendig Derartige Lösungen sind jedoch sehr instabil. Beispielsweise kann es vorkommen, daß ein Hersteller eine neue Version herausbringt, aber vergißt, jeden seiner bilateralen Partner davon in Kenntnis zu setzen. Eine andere Möglichkeit wäre die, daß ein Anbieter einen wirklich kompletten Satz von CASE-Tools zur Verfügung stellt. Aber das könnte nicht einmal die IBM zustande bringen.

CW: Statt dessen stellt IBM den Kern der Sache, das Repository, zur Verfügung. Sehen Sie eigentlich eine Chance für einen Anbieter mit ähnlicher Technologie, sich auf Dauer im Markt zu behaupten?

Yourdon: Sicher. Erstens hat - zumindest in den USA - niemand ein Interesse daran, daß ein einziger Anbieter ein Monopol auf diese Art von Technologie bekommt und damit die gesamte Industrie kontrolliert, nicht einmal dann, wenn er das technisch beste Produkt der Welt hätte. Also würde ein Unternehmen wie Digital Equipment sogar überleben, wenn es das schlechteste Produkt hätte - einfach deshalb, weil es eine Alternative bietet. Außerdem müssen die Anwender ihre Entscheidungen heute treffen. Also fangen sie damit an, die Produkte von Texas Instruments oder Andersen Consulting zu nutzen. Das fällt ihnen umso leichter, als die meisten CASE-Anbieter, die heute eine ähnliche Lösung anbieten, versprochen haben, daß sie - falls das IBM-Repository jemals fertig wird, was gar nicht so sicher ist - ein Interface zur Verfügung stellen. Und nicht nur das: Die Anbieter kalkulieren sogar damit, daß das IBM-Repository so unglaublich ineffektiv sein wird, daß die Anwender einen großen Teil der Informationen herausnehmen und in ihrem alten Repository verwalten werden.

CW: Und wie, glauben Sie, werden die Anwender Ihrer Ansicht nach das IBM Repository annehmen?

Yourdon: Durch die Tatsache, daß es auf Mainframe laufen und auf DB2 basieren muß, wird das IBM-Repository für viele Leute bereits unakzeptabel. Einige Leute wollen DB2 nicht anschaffen, weil sie es auch nicht für andere Zwecke einsetzen. Andere wollen nicht auf den Mainframe festgelegt werden, sondern ihr Repository auf einem PC haben. Anwender wie General Motors oder Daimler-Benz mögen die Mainframe-Power benötigen, aber sehr viele andere würden diese Notwendigkeit bestreiten.

CW: Vor etwas mehr als einem Jahr haben Sie geschrieben, daß in den USA und Westeuropa nur fünf Prozent der Systemanalytiker und -designer CASE-Tools einsetzen. Hat sich daran etwas geändert?

Yourdon: Ja, mittlerweile sind es wohl zehn bis fünfzehn Prozent. Langsam aber sicher findet diese Technik eine größere Verbreitung. Alle Marktuntersuchungen, die ich gesehen haben, gehen davon aus, daß diese Zahl in der Mitte des Jahrzehnts 50 Prozent betragen wird.

CW: Dank IBM, nicht wahr?

Yourdon: Nun, sicher hat die IBM hier einen großen Einfluß, insbesondere deshalb, weil sie die Kosten, die das verursacht, legitimiert. Ich habe eine Reihe von großen Präsentationen verfolgt, bei denen IBM-Mitarbeiter aufstanden und vor allen Leuten erklärten: Stellen Sie sich darauf ein, daß Sie 40 000 Dollar für jeden Entwickler-Arbeitsplatz investieren müssen! Bevor IBM so etwas sagte, war es sehr schwierig, einen Manager davon zu überzeugen, daß er eine derartige Summe in die CASE-Technologie investieren sollte.