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19.03.1982

Software ist immer noch ein Buch mit sieben Siegeln

Andreas von Bülow, Bundesminister für Forschung und Technologie

Die Träger der informationstechnischen Entwicklungen waren und sind auch heute noch in erster Linie die Computerhersteller. Für sie ist es zwingend, die Hardware und die systemnahe Software weitgehend selbst zu entwickeln. Dies kann nicht in gleichem Maße für die unübersehbare Vielfalt der Anwendungsentwicklung mit ihren Softwareerfordernissen gelten. Dadurch entstand ein weites Geschäftsfeld für unabhängige Softwarehäuser. Einzelpersonen und Firmen mit Gespür für Zukunftsbelange haben diese Marktlücke frühzeitig erkannt und auch nutzen können.

Strategischer Ansatzpunkt

Auch heute noch wird Software - wie vor 25 Jahren - weitgehend nach handwerklichen Regeln, zuweilen sogar im Stile freischaffender Künstler produziert. Software hat dem technischen Fortschritt auf dem Hardware-Sektor bisher nicht folgen können. Das Augenmerk aller mit der Informationstechnik Befaßten muß daher künftig in ganz besonderem Maße der Software gelten. Bedenkt man, daß zur Zeit pro Jahr 10 bis 20 Milliarden Mark für Software in unserem Lande ausgegeben werden, erkennt man die volkswirtschaftliche Dimension dieser Herausforderung. 80 Prozent der Kosten eines Software-Produktes - gesehen vom Zeitpunkt der Entwicklung bis zum Ausrangieren - werden heute schon durch Wartung und Pflege verursacht, bei weiter steigender Tendenz! Qualifiziertes Personal wird durch diese Aufgaben in hohem Maße gebunden, anstatt sich volkswirtschaftlich notwendigen Innovationen widmen zu können;

Was ist zu tun, damit wir auch tatsächlich die sich uns bietenden Chancen nutzen können? Ich will hier nicht auf die entsprechenden Erfordernisse für so wichtige Bereiche wie "Neuartige Rechnerarchitekturen", "Mustererkennung", "Neue Informationstechnologien für Büro und Verwaltung" - um nur einige Beispiele zu nennen - eingehen, sondern mich nur auf den Bereich beschränken, der meines Erachtens für die Software-Branche (und natürlich auch für die Hardware-Hersteller) von ganz besonderer, Bedeutung ist: die Softwaretechnologie. Sie stellt einen strategischen Ansatzpunkt dar, die Beherrschung und Anwendung der Informationstechnik voranzubringen; denn: Ohne hochkomplexe Aufgaben auch zuverlässig lösende Software sind Computer und Mikroelektronik nun einmal nicht einsetzbar. Software bestimmt das Tempo der tatsächlichen Innovation. Aber Software ist zum Engpaß geworden, den wir aufbrechen müssen! Wir werden dies nur leisten können, wenn wir die Entwicklungskosten, die Fehlerfreiheit und die Strukturierung von Software bedeutend verbessern, und dies wird nur gelingen, wenn eine ingenieurmäßige Fertigungstechnik für Software entwickelt wird.

Die Softwaretechnologie stellt für alle Softwareproduzenten, insbesondere aber für alle Softwarehäuser, die zentrale Herausforderung der kommenden Jahre dar, die sie in Angriff nehmen müssen, wollen sie ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht verlieren. Software-Kunden, für die Software jetzt vielfach noch ein Buch mit sieben Siegeln ist, werden in den nächsten Jahren zunehmend ein Problembewußtsein entwicklen und sich zumindest gewisse informationstechnische Grundkenntnisse aneignen. Sie werden dann Software kritischer betrachten und in stärkerem Maße als bisher Qualitätsansprüche stellen und bestimmte Kostenvorstellungen haben. Softwareproduzenten, die diesen Ansprüchen dann nicht mehr genügen können, werden sich am Markt nicht mehr halten können. Softwarehäuser und Hersteller haben dies wohl erkannt und investieren in softwaretechnologische Hilfsmittel. Die Verfügbarkeit von ausreichendem Kapital begrenzt jedoch häufig das softwaretechnologische Engagement vieler Softwareproduzenten.

Die Softwaretechnologie stellt für mich derzeit in der Informationstechnik neben der Mikroelektronik und ihren Anwendungen einen zentralen forschungspolitischen Schwerpunkt dar. Sie wird daher im Rahmen der Haushaltsmöglichkeiten vom Forschungsministerium mit hoher Priorität gefordert. Infolge der Vielfalt der vorhandenen und erforderlichen Verfahren, Methoden und Werkzeuge und dagegenwärtig noch nicht entscheidbar ist, ob und gegebenenfalls inwieweit eine "Vereinheitlichung überhaupt erreichbar ist, wird zur Zeit die Entwicklung einer ganzen Reihe von softwaretechnologischen Hilfsmitteln unterstützt Der nächste Schritt - und dieser wird bald zu vollziehen sein - muß es sein, eine Konzentration staatlicher Fördermaßnahmen auf wenige, besonders erfolgversprechende softwaretechnologische Methodensysteme vorzunehmen.

Mit an die Spitze!

Nichts ist so komplex, daß es nicht durch noch Komplexeres ergänzt, ersetzt oder abgelöst werden könnte. Diese Binsenweisheit gilt insbesondere auch für die Softwaretechnologie. So ist jetzt schon die Tendenz hin zu Entwurfstechniken zu beobachten, die die Lösung eines Problems von Beginn an in allen Hardware-, Software- und Organisations-Aspekten insgesamt angehen. In den USA gibt es schon Absätze, die das Entwerfen von aufgabenadäquaten, in VLSI zu fertigenden Mikroelektronik-Bausteinen mit zu den Aufgaben des Entwurfsingenieurs zählen. Softwareproduzenten oder besser Softwarehäuser die komplette Anwendungslösungen liefern wollen, werden diese Entwicklungsrichtung sorgfältig beobachten müssen und sind aufgerufen, sich möglichst frühzeitig mit an die Spitze dieser Entwicklungsrichtung zu setzen. Sollte

zunächst einmal die Softwaretechnologie beherrschbar werden, so glaube ich, kann die Software-Branche mit Optimismus in die weitere Zukunft blicken.

Auszug aus einer Ansprache, die anläßlich des 25jährigen Bestehen des mbp, Dortmund, gehalten wurde.