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12.04.1985

Software- Landschaft formt sich neu

Die Software-lndustrie operiert in einem jungen innovativen Markt, der, zumindest in der Bundesrepublik Deutschland, noch keine klare Strukturierung zugelassen hat. Die Gruppierung in den unterschiedlichsten Verbänden erschwert vor allem in der Bundesrepublik die Marktanalyse. Viele Unternehmen haben nicht einmal den Schritt in die Diebold-Studie gewagt. Die folgende Betrachtung kommt auf der Basis eines Makro-Markt-Auszuges, der den Mikro-Markt-Aspekt der Anwenderebene nur leicht streift zu einer für die Software-lndustrie überraschenden Schlußfolgerung.

Weltweit existiert Software im Wert von über 250 Milliarden Mark. Software kennt wenig Exportschranken (Ostblock ausgenommen).

Anwendungshilfen und systemnahe Software werden in der DV-Sprache "Englisch" von Lappland bis Hongkong von Systemspezialisten verstanden und eingesetzt.

Anwenderlösungen besitzen dagegen eher einen "nationalen" Charakter, bedingt durch den Trend zur komfortablen Benutzeroberfläche und zur dezentralisierten Automation von Arbeitsabläufen hin zum Arbeitsplatzcomputer (Mikros).

Der Anwendungsfachmann erwartet eine DV-Kommunikation, die ihm verständlich ist. Das setzt nicht nur Landessprache voraus, sondern auch eine Transformation vom "DV-Chinesischen" ins Anwendungsverständliche.

Anwenderlösungen in englischer Sprache haben länderübergreifend noch die besten Chancen.

Weltweit exportiert die Software-Industrie in erster Linie Anwenderhilfen (Application Tools), die Hardware-Hersteller vor allem Application Tools und System Utilities.

Verglichen mit der Anzahl der in Europa und den USA existierenden Anwenderlösungen, ist der Exportwert der reinen Anwender-Software noch bescheiden. Ausnahmen wie "1-2-3", "Multiplan", "Wordstar" und "Visicalc" weisen bereits erhebliche Markterfolge auf.

Das größte Kontingent der weltweit anbietenden Unternehmen stellt die US-Software-Industrie.

In den USA hat sich praktisch jedes große Software-Unternehmen, das in den Jahren 1981 bis 1984 selbständig existiert hat, maßgeblich am Export beteiligt, und das mit einem wachsenden Exportanteil von durchschnittlich 40 Prozent (1984). Über die Hälfte dieses Umsatzes erzielten diese Unternehmen auf dem europäischen Markt.

Trotzdem erreichen Einbrüche in den USA, anders als in der Bundesrepublik Deutschland, auch die Großen der Software-Industrie.

Shooting Stars und Absacker halten sich in den USA die Waage.

Sehr häufig werden mittlere profitable Software-Unternehmen von anderen Software-Firmen übernommen, oder - und das zunehmend - von Hardware-Herstellern aufgekauft.

Die Hardware-Hersteller verfolgen damit das Ziel, die Entwicklungszeit für Produkt- und Anwendungs-Know-how durch Übernahme und Eingliederung zu verkürzen, zum Beispiel Burroughs im Bereich der Education; Control Data im Gesundheitswesen und Datenverwaltung; Prime auf dem CAD-Sektor, oder Xerox im Druck- und Verlagsgewerbe.

Hewlett-Packard kaufte mit der Software-Management Corporation mehrere Software-Produkte hinzu.

In Westeuropa operieren derzeit über 15 000 bekannte Software-Unternehmen in einem Markt, der 1984 einen Umsatz von 57 Milliarden Mark bei einer Steigerungsrate von zirka 20 Prozent (zum Vorjahr) erzielte und 1988 ein Volumen von 92 Milliarden Mark erreichen wird (Quelle: IDC, VDMA).

Aber nur wenige der großen deutschen Software-Unternehmen wachsen im Branchendurchschnitt von 20 Prozent oder übertreffen diesen gar. Viele stehen hier vor einem Strukturwandel, wie ihn die US-Softwareindustrie vor zwei Jahren durchschritten hat, denn Marktaufgaben und Werkzeuge sind nicht mehr mit denen vor fünf oder zehn Jahren vergleichbar.

Zusätzlich drängen US-Software-Unternehmen in den europäischen Markt mit Produkten, die sich auf dem US-Markt bereits bewährt haben. Ein aggressives Marketing (wie Lotus mit "1-2-3" ) öffnet diesen Produkten neue Märkte.

Angeboten werden professionelle (oder semiprofessionelle) Standard-Anwendungs-Software für den Arbeitsplatzcomputer oder "Link-Software", die den dezentralen Teilnehmern zentrale EDV-Dienste wie Zugriff auf Datenbanken und ähnliches erschließen.

Hardware-Leistung wird gleichzeitig ständig preiswerter. Die Hardware-Hesteller stehen - trotz des Marktwachstums - in einem harten Verdrängungswettbewerb. Um Marktziele und Wachstum abzusichern, drängen sie deshalb zunehmend in den Software-Markt.

Sie erreichen 84 Prozent ihres Software-Umsatzes mit Paket-Software.

MBP rechnet damit, daß dieser Anteil bis 1988 auf über 95 Prozent steigen wird, verbunden mit einer relativ aggressiven Ausweitung der Software-Marktanteile der Hardware-Hersteller am Paket-Software-Markt.

Den deutschen Software-Markt teilen sich neben Hardware-Herstellern, Systemhäusern, Unternehmensberatern und Rechenzentren über 3000 mehr oder weniger unabhängige Software-Anbieter.

Das Marktvolumen lag 1984 bei etwa 8,5 Milliarden Mark (MBP, VDMA), einschließlich anwendererstellter Software, und wächst mit 20 Prozent pro Jahr (siehe Tabelle).

Der Software-Markt wird, wie der DV-Markt, vom Marktführer dominiert. Wenn dieses Unternehmen die prognostizierten Wachstumsraten erreicht, kann es 1988 weltweit einen Umsatz erzielen, der in der Größenordnung des Bruttosozialproduktes der Schweiz liegt.

Die Software-Anbieter orientieren sich deshalb auch an den bekannten und vermeintlich bekannten Leitlinien des Marktführers.

In Zukunft deuten sich zwei Lager an: die marktführersynchrone und die -asynchrone Entwicklung, wobei die letztere die Midiwelt weiter dominieren wird.

Individuallösungen binden sowohl beim Software-Produzenten als auch beim Anwender erhebliche Personalkapazität, so daß neue DV-Projekte aufgrund des "Anwendungsstaus" von DV-Organisationsabteilungen zurückgestellt werden müssen. Ein Argument mehr für den dezentralen Einsatz von Paket-Lösungen.

Die Erstellung von Software-Paketen ist jedoch sehr kapitalintensiv (Abbildung 1). Sie benötigt eine Vorfinanzierungsphase von zwei bis drei Jahren.

Das setzt Finanzstärke, Marktkenntnis und Vertriebs-Know-how gleichermaßen voraus.

Ein weiteres Problem ist die Wartung bislang erstellter individueller oder halbindividueller Software, die einen bedeutenden Teil der Personalkapazität von Softwarehäusern bindet.

Nicht zuletzt deshalb wird dieser Bereich von Hardware-Herstellern zunehmend ausgegrenzt.

Die Software-Industrie der Bundesrepublik Deutschland operiert überwiegend lokal. Nur wenige der führenden deutschen Softwarehäuser, wie die Software AG, erzielen bedeutende Anteile des Gesamtumsatzes im Ausland.

Medium- und Large Scale-Anwendungen sind heute noch extrem hardwareabhängig.

Die vielzitierte Portabilität erfordert in der Regel aber erhebliche finanzielle Kräfte. Das reduziert die Abhängigkeit von einem Produkt (-Hersteller), erhöht aber bei den betroffenen Softwarehäusern die Belastung ihrer ohnehin "gestreßten" Personal-Kapazität .

Der Konzentrationsprozeß bei Software- und Systemhäusern nimmt zu .

Verglichen mit der Bundesrepublik Deutschland ist dieser Prozeß in anderen europäischen Ländern wie Frankreich und Großbritannien bereits weiter fortgeschritten.

Die höchste Fluktuationsrate weisen Softwarehäuser mit einem Jahresumsatz von weniger als einer Million Mark auf. 30 Prozent Neugründungen stehen 25 Prozent Liquidierungen gegenüber (Abbildung 2).

Der erwartete Einbruch aber hat sich hauptsächlich bei den Rechenzentren eingestellt:

25 Prozent zogen sich aus dem Markt zurück, Neugründungen wurden nicht mehr vorgenommen, was ursächlich mit dem Nachfragerückgang bei Rechenzentrums-Dienstleistungen beziehungsweise der Verlagerung auf Inhouse-Nutzungen zusammenhängt.

Der Trend zum Software-Produkt stellt einen Großteil der Software-Industrie vor das Problem der professionellen Vermarktung.

Marketing-Kosten überschreiten heute bereits 25 Prozent des Umsatzes beziehungsweise erreichen bisweilen die Produktions- und Wartungskosten eines Software-Produktes.

Damit wird Software-Markt-Know-how ebenso wichtig wie Produkt-Know-how.

Die hohen Produktionskosten fordern eine entsprechend großflächige Vermarktung. Stehen keine eigenen Ressourcen zur Verfügung, müssen entsprechende Partner gefunden werden.

Lokal operierende Unternehmen können in diesem Geschäft allein nicht mithalten.

Selbst für große Häuser bedeutet der Aufbau eines flächendeckenden Netzes für Vertrieb und Service von Software einen enormen Kraftakt.

Das setzt neben Kapitalkraft und qualifiziertem Personal auch spezielle Software-Trainings- und Implementierungskonzepte voraus.

Die Landschaft der Software-Anbieter wird sich neu formen.

Die Hardware-Industrie baut die Umsatzanteile ihrer Software-Produkte aus. Dabei wird die angebotene Software-Produkt-Palette bereinigt.

Standard-Lösungen wie Textverarbeitung, Fibu, Lohn und Gehalt, Kostenrechnung, Anlagenbuchhaltung, ... werden durch ausgewählte Branchenlösungen ergänzt. Das gilt vor allem für die im Midibereich in der mittelständischen Wirtschaft erfolgreichen Anbieter.

Individuelle Anpassungen, die über Parameter-Manipulation hinausgehen, werden gemieden, beziehungsweise an Subunternehmer abgegeben. Das gleiche trifft auf Branchen zu, für die Vertriebs- und Produkt-Know-how fehlt.

Mikrocomputer - noch vor Jahren als Alternative zur zentralen DV eher belächelt - erreichen die höchsten Wachstumsraten des Hardware-Marktes und werden umsatzmäßig zu mehr als zwei Dritteln für kommerzielle Zwecke eingesetzt.

Längst ist der Mikro aus den Kinderschuhen herausgewachsen und reift in den nächsten Jahren zum vollwertigen multifunktionalen Arbeitsplatzcomputer heran.

Er läßt sich in Netze integrieren und kann über Server auf Datenbanken und zentrale Dienste zugreifen. Der grafikfähige Arbeitsplatzcomputer kann in Verbindung mit Hochleistungs-Software als preiswerte Workstation den Wachstumsmarkt "technische Automation" erschließen.

Damit erhält auch das mittelständische Unternehmen in diesem Berich eine Automationschance zu vertretbaren Kosten.

Ein Produkt in dieser Richtung ist Sigraph von Siemens, das in Zusammenarbeit zwischen Siemens und MBP entwickelt worden ist (Abbildung 4).

Die Software-Industrie Europas setzt insgesamt gesehen mit wesentlichem Schwerpunkt weiter auf Software-Maßanzüge.

Obwohl der Markt für technische System-Software und Anwendungs-Software 1984 noch größer war als der Markt für Business - zum Beispiel Turnkey Systems -, wird letztgenannter erheblich schneller wachsen und bis zum Jahr 1988 etwa vier Milliarden US-Dollar erreichen (IDC).

Dafür ist in erster Linie die Office Automation verantwortlich, gilt es doch, zukünftig neben der Kommunikation auch andere Aufgaben des gehobenen Sachbearbeiters und Managers zu automatisieren und ihnen den Zugang zu einem integrierten Gesamtsystem zu erschließen.

Bei der Gewichtung der Software-Marktpotentiale ist zu beachten, daß Großanwender den mit Abstand bedeutendsten Käuferblock beim Software-Einkauf stellen. Wenn auch im unteren Bereich ein neuer Software-Markt der DV-Einsteiger mit geringer Bedeutung, aber mit Zuwachsraten von über 35 Prozent heranwächst (Abbildung 3).

Eine größere Umsatzrelevanz hat der Markt der Aufsteiger. Das sind überwiegend mittelständische Anwender, die bislang Rechenzentrumsleistungen in Anspruch genommen haben oder nur Teilbereiche wie Lohn und Gehalt, Finanzbuchhaltung, ... automatisiert hatten. Sie streben eine Ausweitung ihrer Automation in Richtung einer integrierten Lösung an.

Große Anwender haben bislang einen bedeutenden Teil ihrer Software selbst erstellt. Sie wollen zukünftig ihre in diesem Bereich gebundenen Personalkosten nur um sechs Prozent steigern. Damit wird sich der Anteil unternehmenseigener Kosten zu Fremdkosten (Hardware, Software und Wartung) von heute 36 zu 64 (1984) auf 50 zu 50 (1988) verlagern.

Unternehmen dieser Größenordnung wollen auch ihre bisherige DV-Organisation und Automationsabläufe durch zunehmende Integration und Einbindung neuer Bereiche wie der Automation qualifizierter Bürotätigkeiten und der Automation der Produktion vereinfachen.

50 Prozent ihrer DV-Personal-Kapazität ist heute allein durch Wartung und Umstellung vorhandener Lösungen gebunden. Für personalintensive Individual-Ergänzungen fehlt oft die Kapazität. Vorhandene Inseln können deshalb nur dann zu hochintegrierten Systemen zusammenwachsen, wenn auf geeignete Module überwiegend fertiger, leicht implementierbarer Link- und Anwender-Software zurückgegriffen werden

kann.

Sehr starke Nachfrage besteht in den Bereichen

- Bürokommunikation,

- Betriebsdatenerfassung,

- Produktionsplanung und -steuerung sowie

- CAD/CAM.

Rückläufig ist die Nachfrage bei Standard-Anwendungs-Software (hier gemeint: Finanzbuchhaltung, Lohn und Gehalt, Kostenrechnung und allgemein Programmierunterstützung).

Die integrierte Branchenlösung steht zunehmend im Vordergrund der Nachfrage. Bürokommunikation und Produktionsautomation finden sich bei großen und mittleren Anwendern oben auf der "Wunschliste" (Abbildung 4).

Trends schreiben Entwicklungen der näheren Vergangenheit unter Berücksichtigung definierter Randbedingungen in die Zukunft fort.

Dabei geht man oft von mittleren Wachstumsraten aus und rechnet diese logarithmisch hoch.

Beispiel: Energieprognosen von 1964 (Meadows: Grenzen des Wachstums) sagten für das Jahr 1984 ein dreimal höheres Niveau an SKE (Energieeinheiten) voraus, als dann später tatsächlich verbraucht wurde. Wichtige Konstanten der Simulationsmodelle hatten sich dynamisiert. Die sogenannte ÖIkrise war eigentlich nichts anders als eine längst fällige Preisanpassung, die das ÖlKartell multinationaler US-Firmen über Jahrzehnte verhindert hatte.

Seit 1977 haben wir eine weitgehend stabile Preissituation, die bei Einrechnung der Kaufkraft eher leicht rückläufig ist. Ein weiteres Preisbeben ist deshalb in den nächsten Jahren absehbar.

Die Preisentwicklung hat zwei Konstanten entscheidend dynamisiert:

- Der Energieverbrauch wurde drastisch eingeschränkt.

- Das Angebot wurde gleichzeitig durch verstärkte Exploration erhöht.

Den für die Hardware-Hersteller prognostizierten, sich bis 1988 fast vervierfachenden Umsätzen im Paket-Software-Markt wird es, auf einzelne Anbieter bezogen, ähnlich ergehen:

Auch hier können sich einige von Prognostikern festgeschriebene Konstanten dynamisieren.

Arbeitsplatzcomputer gewinnen deutlich an Leistungsfähigkeit. Die Prozessoren der neuen Generation wie Intel 80286 oder Motorola 68000 erreichen die Leistungsfähigkeit der Minirechner früherer Jahre.

Zusätzlich werden ausreichender Hauptspeicherplatz (256 KB bis 3 MB und mehr), leistungsfähige neue Controller, und Massenspeicher mit niedrigen Zugriffszeiten und hoher Speicherkapazität (40, 60 Mio. Bytes und mehr) geboten.

- (Mikro-)Netzarchitekturen

(LANs) eröffnen Integrationsmöglichkeiten neuer Dimension. Sie erschließen dem Mikro damit auch zentrale Dienste.

- Digitale Nebenstellen-Konzepte bieten eine Mikro-Kommunikationsalternative durch Nutzung freier Kapazitäten vorhandener Telefonleitungen.

- Die Vereinheitlichung von Arbeitsplatzcomputer-Schnittstellen ermöglicht "selbstintegrierte" Hardware-Lösungen und somit einen Produkt-Mix.

- Wer beispielsweise einen Compiler liefert und diesen auf Arbeitsplatzcomputern unterschiedlicher Hersteller (Abbildung 5) einsetzt, erschließt sich damit auch Anwender-Softwarepotential.

Der Arbeitsplatzcomputer wird den DV-Markt - und besonders den Paket-Software-Markt - stark mitformen.

Hersteller werden ihre Software nicht mehr auf ihr Hardware-Produkt eingrenzen können! - und wollen?

Sören Christensen ist Leiter der Marketing+ Service-Abteilung bei MBP, Dortmund.