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16.07.1999 - 

Das Ende der traditionellen TK-Anlagen

Software steuert das Telefonieren über lokale Netze und Intranets

Auf dem Weg zur Integration von Sprache und Daten in einem Netz spielen softwarebasierte TK-Anlagen eine zentrale Rolle. Holger Gerwin* untersucht dieses Konzept auf seine Vorteile.

Aus historischen Gründen existieren in fast allen Unternehmen zwei getrennte Netze: das Sprach- und das Datennetz. Allerdings verschwimmen die Grenzen heute durch das Zusammenwachsen von Computer und Telefon zunehmend. Softwarebasierte Nebenstellenanlagen (Private Branch Exchanges = PBX) ermöglichen das Telefonieren via LAN und erlauben gleichzeitig die Nutzung gewohnter Funktionen wie Makeln, Weiterleiten, Rückfrage oder Konferenzschaltungen.

Hierdurch entsteht eine Alternative zur traditionellen TK-Anlage, und die Erfordernis eines separaten Telefonnetzes entfällt. So ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis alle Kommunikationsarten über das Datennetzwerk abgewickelt werden. Zumal ein LAN-basierter Telefondienst nicht nur leistungsfähiger ist, sondern auch die Kosten für Anschaffung und Wartung von Nebenstellenanlage und Telefonnetz spart. Folgerichtig benötigt eigentlich kein Unternehmen getrennte Netze für die Sprach- und Datenkommunikation.

Server fungiert als TK-Anlage

Der Schlüssel zum Telefonieren über das Datennetz sind die softwarebasierenden Nebenstellenanlagen. Ein Server im LAN übernimmt die Funktionen der TK-Anlage, drahtgebundene oder drahtlose Telefone können überall dort betrieben werden, wo ein Zugang zum LAN besteht. Der Server selbst ist entweder direkt mit dem Netzabschluß eines Service-Anbieters oder mit der internen Schnittstelle einer vorhandenen Nebenstellenanlage verbunden.

Neben den Kostenaspekten sprechen für die LAN- beziehungsweise Intranet-basierte Telefonie eine ganze Reihe anderer Vorteile. So wird etwa die Verbindung von Telefon- und Datenanwendungen (Computer Telephony Integra- tion = CTI) durch den Wegfall häufig proprietärer Schnittstellen wie TAPI oder CAPI erheblich vereinfacht. Gleichzeitig beseitigt die Integration Engpässe beim Ausbau der LANs. Die eingesparten Telefonkabel sind in der Regel nämlich als Netzwerkkabel zu verwenden. Über die gleiche Anzahl von Kabeln lassen sich so zusätzliche Arbeitsplätze ans Netz anbinden. Unternehmen, die bereits Standleitungen zum Datenaustausch zwischen verschiedenen Unternehmensstandorten nutzen, können diese nun für die interne Telefonie einsetzen. Die Kosten für die Telefonverbindungen zwischen den einzelnen Standorten entfallen.

Ferner vereinfacht die Migration die Administration, da im firmeneigenen Netz nur noch eine Software-Nebenstellenanlage erforderlich ist. Gleichzeitig vereinfacht dies die Verwendung von ACD-Funktionen (ACD = Automated Call Distribution), denn die Zuordnung einzelner Aktionen zu einem Anruf ist erheblich einfacher.

In der Praxis hat obiges Szenario noch mit einem Handikap zu kämpfen: Datennetze gelten als nicht so zuverlässig wie TK-Netze. Wurden gelegentliche Ausfälle des Datennetzes bisher toleriert, sind sie in einem kombinierten Netz nicht mehr hinnehmbar. Der Wechsel von leitungsvermittelter zu paketvermittelter Kommunikation stellt zudem je nach Auslastung und Topografie des LAN hohe Anforderungen an die verwendete Hard- und Software, wenn eine gute Sprachqualität gewährleistet sein soll. Eine weitere Herausforderung besteht auf organisatorischer Seite: Spannungen zwischen den vor allem in größeren Unternehmen häufig getrennten Netzwerk- und TK-Abteilungen gehören mit der Integration nicht automatisch der Vergangenheit an.

Wer sich nach Abwägen aller Pro- und Kontra-Argumente zur Einführung einer softwarebasierten Nebenstellenanlage entschließt, trifft zur Zeit noch auf ein überschaubares Angebot. Als erstes Unternehmen brachte 1995 Selsius, Dallas, ein IP-Telefon auf den Markt. Das "Etherphone" arbeitet allerdings proprietär. 1998 übernahm Cisco das Unternehmen für 145 Millionen Dollar. Seine damit erworbenen Kenntnisse will der Käufer vorerst nur auf dem amerikanischen Markt nutzen. Mit einer Unternehmensakquisition vergrößerte auch Nokia 1998 sein Know-how in Sachen Voice over IP. Die Finnen bezahlten 90 Millionen Dollar für die Firma Vienna Systems aus Ontario, die sich auf Internet-fähige Voice-over-IP-Produkte spezialisiert hatte. Eine voll funktionsfähige Software-PBX stellte Nokia bislang nicht vor. Eine solche hatte Siemens mit der "Hinet RC3000" auf der CeBIT ''99 im Gepäck. Die in Kooperation mit 3Com entstandene Anlage weist als Bedienelemente Internet-Telefone sowie eine PC-Software auf und soll als High-end-System positioniert werden.

Ein konkretes Produkt präsentierte auch die Tedas GmbH aus Marburg auf der CeBIT. "Phoneware SBX" ersetzt die vorhandene TK-Anlage, kann aber alternativ auch über einen internen S0-Anschluß der bestehenden Nebenstellenanlage angeschlossen werden. Die Vermarktung der virtuellen TK-Anlage soll noch im Sommer erfolgen. Als Nachfolger für Phoneware für ISDN zeigte Tedas auf der CeBIT außerdem "Phoneware 2000", ein Programm, das traditionelle Telefonie (ISDN) und Internet-Telefonie unter einer PC-Oberfläche vereint und Internet-Telefonie in das Least-Cost-Routing integriert.

Auch anderen DV- und TK-Branchengrößen wie Alcatel, Bosch, Compaq, Dell, Acer, Lucent/Ascend, Lotus, CA oder Symantec ist der Trend bekannt - entsprechende Produktankündigungen sind zu erwarten. Im Rahmen der CeBIT verkündete zudem eine Allianz aus Microsoft, Intel, HP und Nortel Networks, daß sie das Ziel verfolge, Produkte für die Konvergenz von Sprach- und Datennetzen anzubieten. Insgesamt bescherte die Idee von der Netzkonvergenz der Branche ein Übernahmefieber, weil zahlreiche Unternehmen anstelle von Eigenentwicklungen auf den schnellen Zukauf des entsprechenden Know-hows setzen.

Letztlich befindet sich die ganze TK-Welt in Bewegung und offeriert jungen und flexiblen Unternehmen neue Chancen. Allerdings haben die traditionellen Hersteller die Herausforderung erkannt und stellen sich nun der Tatsache, daß es nur eine Frage der Zeit ist, bis die klassischen Nebenstellenanlagen mit ihren hohen Gewinnmargen ausgestorben sind. PCs und Server dagegen leben von einem sehr viel stärkeren Wettbewerb und sind mehr am Anwender orientiert. Hier liegen die Chancen für die Telefonie über das Intranet/LAN.

Die Weichen für diese Alternative sind längst gestellt. Die International Telecommunication Union (ITU), das weltweit oberste Standardisierungsgremium in der Telekommunikation, hat bereits Normen beschlossen, die den Ersatz der Telefonanlagen durch Server ermöglichen. Das Ende der Telefondinosaurier ist also absehbar.

*Holger Gerwin ist freier Journalist in Marburg.