Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

17.10.1980 - 

4. IKD in Berlin diskutiert DV-Entwicklungstendenzen:

Software-Technik wird noch nicht beherrscht

BERLIN - "Rationalisierung gefährdet den Arbeitsplatz und schützt die Arbeitsplätze." Diese Meinung vertrat Josef Stingl, Präsident der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit, in seinem Hauptreferat zur Eröffnung des vierten Internationalen Kongresses für Datenverarbeitung (IKD) in Berlin. Knapp 800 Kongressteilnehmer waren nach Berlin gekommen, um sich unter dem Generalthema "Beherrschung der Informationstechnologie - Herausforderung der 80er Jahre" in zahlreichen Workshop-Reihen mit Fragen der modernen Arbeitswelt, der Software-Erstellung, der Aus- und Weiterbildung, der Situation der Frau in der DV und des Datenschutzes zu beschäftigen.

IKD-Fachbeiratsvorsitzender Eckhard Fuchs, hauptberuflich Leiter des Berliner Landesamtes für Elektronische Datenverarbeitung, betonte in seiner Begrüßungsansprache, die Datenverarbeiter wollten diese Tagung auch dazu nutzen, ihre "vornehme Zurückhaltung" (Fuchs) aufzugeben, mit der sie an Themen der Veränderung der Arbeitswelt - ausgelöst durch die EDV- bisher herangegangen seien. Um so bedauerlicher sei es meinte Fuchs, daß die Arbeitgeberseite - anders als Wissenschaftler und Gewerkschaftler- sich nicht in der Lage gesehen habe, zu dieser wichtigen Kongreßthematik einen Referenten abzustellen.

In seinem Vortrag über "Arbeitsmarktpolitik bei technischem Wandel" stellte Josef Stingl die Ausgangsthese auf, daß Investitionen Arbeitsplätze sichern, wobei es jedoch auch darauf ankomme, ob es sich um Ersatz-, Erweiterungs- oder Rationalisierungsinvestitionen handele. Mit Blick auf die firmenbezogene, aber auch auf die volkswirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit sei es daher notwendig, Maßnahmen dieser Art nüchtern zu bewerten und zu akzeptieren, daß technischer Wandel die Arbeitsplätze verändere.

Dieser Wandel wiederum sei der entscheidende Ansatz für den Ausbau der beruflichen Bildung. Eine Arbeitsplatzgarantie sei mit der erworbenen Qualifikation allein aber noch nicht verbunden; und dies zeige deutlich wie notwendig eine sozialpolitisch verantwortliche Vorgehensweise in Zusammenhang mit Rationalisierungen und Umsetzungen sei.

Einen Tag vor Beginn des eigentlichen Kongresses hatten im Internationalen Congress Centrum (ICC) sogenannte Tutorials begonnen.

Professor Raymond T. Yeh von der University of Maryland, einer der Moderatoren, nannte es den Hauptzweck der Tutorials, "to maintain the quality of the personnel". Wie wichtig dies sei, werde deutlich, wenn man sich vor Augen führe, daß das "invisible investment" Software im Bereich des amerikanischen Verteidigungsministeriums eine Kostensteigerungsrate von 30 Prozent pro Jahr aufweise.

30prozentige Leistungsausschöpfung

Hauptabteilungsleiter Hans-Peter Niederhausen von den Essener Krupp Gemeinschaftsbetrieben zeigte auf, wie EDV-Großprojekte nach seiner Erfahrung nicht nur beherrschbar werden, sondern die Entwicklungskasten bei gleichzeitig verbesserter Software-Qualität dabei um den Faktor zwei bis drei gesenkt werden können. Niederhausen propagierte die Phasengliederung und Modularisierung eines solchen Projekts, ferner eine Bewältigung der Komplexität durch strikte Trennung zwischen System- und Anwendungssoftware (bei Definition klarer Schnittstellen).

Er habe beobachtet, berichtete Niederhausen, daß EDV-Mitarbeiter verschiedentlich nur 30 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit erreichten, ein Makel, dem durch konsequentes Ausschalten auch der simpelsten Störquellen und der Betrauung mit möglichst gleichartigen Aufgaben erfolgreich zu begegnen sei.

Der dispositive Teil von Software-Systementwicklungen - jenseits von Methoden, Tools und konzeptionellen Strategien - ist für Software-Projekte - von einer Bedeutung, die nicht immer erkannt wird. Mit den Krisenstadien, die bei Nichtbeachtung der interdisziplinären Dimension des Projektmanagements entstehen, beschäftigte sich Dr. Ulrich Schedl, Geschäftsführer der Münchener gfs mbH.

80 Prozent aller Krisen in DV-Projekten haben nach Schedls Erfahrungen ihre Ursache im sozio-psychologischen Bereich und erfordern einen Projektleiter, der neben seinen Fähigkeiten als Informatiker, Organisator, Ökonom und Jurist auch die eines Psychologen mitbringt. Damit unterscheide sich der heutige DV-Projektmanager extrem vom reinen DV-Fachmann alten Typs.

Um den Dogmenstreit über die verschiedenen Software-Entwurfsmethoden, an dem er "nicht ganz unschuldig" sei, auf eine sachliche Basis zu stellen, versuchte Professor Dr. Arno Schulz von der Universität Linz, Österreich, die fünf meistverwendeten Methoden zahlenmäßig (mit Pluspunkten) zu bewerten. Schulz stützte sich dabei auf Untersuchungen des Instituts für Informatik der Universität Linz, des Kernforschungsinstituts Karlsruhe und des Software-Experten Harry Sneed.

Eine vergleichbare Benotung für den Entwurfsaufwand, erläuterte Schulz, sei nicht möglich, solange nicht eine identische Problemstellung über alternative Lösungswege wissenschaftlich einwandfrei angegangen worden sei. Nicht nur deshalb, meinte Schulz, könne man das Erreichte allenfalls als Zwischenergebnis bezeichnen; für den Anwender empfehle sich einstweilen ein "Methodenreservoir", um alle Anforderungen abdecken zu können.

Software-Dreieck statisch halten

"Beim Projektmanagement ist der größte Teil eine Frage der Selbstdisziplin." Und: "Wenn die Vorgabezeit zu satt geschätzt wird, dann braucht der Entwickler sie auch." Über diese und andere Erkenntnisse, gesammelt bei der Planung, Steuerung und Überwachung von Programmentwicklungen im Internationalen Programmentwicklungszentrum der IBM in Sindelfingen, berichtete Hauptabteilungsleiter Dietrich Brüll auf dem IKD.

Kernaussagen von Brüll: Auf 30 Software-Entwickler kommt bei IBM ein erfahrener Berater/Kontrolleur. Von den Software-Entwicklungskosten entfallen 60 bis 65 Prozent auf Personal-, 20 Prozent auf Maschinenkosten. Für Wartungsarbeiten werden keine 15 Prozent der Software-Entwickler herangezogen. Die Profitabilität ist in jeder Projektphase oberste Richtschnur und Prüfungsobjekt. Nur so, sagte Brüll, läßt sich vermeiden, daß das Software-Dreieck und sein Kern eine ungewollte Dynamik erhalten (s. Abbildung).

Die Software-Szene ist gekennzeichnet vom engagierten Methoden-"Amateur" mit zufällig zusammengestelltem Hobby-Werkzeugkasten- und die Problemfelder der Akzeptanz von Methoden sind das Individuum, der Entscheidungsträger und schließlich die Methode selbst. Marion Sachsenberg, Organisator bei der Deutschen Lufthansa, zeichnete diese Skizze, um so die Probleme der Akzeptanz software-technologischer Methoden zu umreißen.

Ihr Appell richtete sich an die Methoden-Entwickler, genauer zu sagen, was und was nicht sie dem Anwender zu bieten hätten; sie forderte eine Änderung des Berufsbildes des Software-Entwicklers ("Professional") und mehr Anerkennung am Arbeitsplatz und damit Zufriedenheit für den Anwender fortschrittlicher Methoden. Abschließend stellte sie dem Auditorium die Frage, ob man eine breite Methodenanwendung heute bereits empfehlen oder erst eine neue Generation von Entwicklern und Methoden abwarten solle.

In der sich anschließenden Aussprache vertrat Frau Sachsenberg die Ansicht, was bei den Do-it-yourself-Geräten der Hobby-Handwerker gelungen sei, müsse in Form von problemlosen Vielzweck-Werkzeugen auch auf Software-Seite möglich sein; sie stieß damit jedoch auf Widerspruch. Übereinstimmung - und einen Hauch von Resignation - beobachteten die Zuhörer dann, als Harry Sneed meinte, Larry Constantine oder Michael Jackson hätten beim Erarbeiten ihrer Methoden ein Environment im Sinn gehabt, und deshalb sei eine Ausdehnung ihrer Aussagen auf andere Bereiche problematisch.

"Entsprechende Enttäuschungen haben wir erlebt", reagierte Frau Sachsenberg daraufhin, "da haben Sie ganz recht." Über ein Modell der Projekt-Revision, das inzwischen im gesamten Konzern mit Erfolg praktiziert werde, unterrichtete Klaus Lieberknecht von der Münchener CAP Gemini GmbH die Zuhörer. Ziel der nach Lieberknechts Meinung von Anwendern und Ausbildungsinstituten vernachlässigten Revision sei es, die Wirtschaftlichkeit der Projektarbeit im Auge zu behalten.

Die Schwächen der bisher üblichen Verfahren (mehrere Prüfer = mehrere Meinungen, mehrere Methoden, fehlende Zukunftsperspektiven, Überbetonung unbedeutender Punkte) sind nach Lieberknechts Darstellung durch das CAP Gemini-Modell einer Allgemeinen, sodann einer Administrativen Prüfung und schließlich der Technischen Qualitätsprüfung ausgemerzt.

Seit 1977 hat das Haus Philips als Kernstück des Generatorsystems "Angela" (A New Generator Language) eine Modulbank aus rund 5000 Moduln mit zirka 400 000 Programmstatements entwickelt, um auf diese Weise quasi-individuelle Anwendungsprogramme in Cobol oder Phocal, einem Assembler-Derivat, auf Small Business Computern generieren zu können.

Hans Otto Jappe, Bereichsleiter Software der Siegener Philips Data Systems GmbH, erläuterte, die Angela-Statements bewirkten beim Generierungsprozeß innerhalb eines der Bank entnommenen Moduls abhängig von der Spezifikation durch den Kunden eine Übernahme, Modifizierung oder Selektion der Statements.

Das Ergebnis sei ein fertiges, dokumentiertes Programm in der Zielsprache, das wie jedes konventionelle Programm weiter adaptierbar oder modifizierbar sei. Jappe, der mit diesen Ausführungen zum Thema seines Referats "Generatorsoftware - Schlagwort oder Notwendigkeit?" eindeutig Stellung bezog, sieht angesichts der Kostensituation auf dem Kleinrechner- und Software-Markt keine Alternative zur Generatorsoftware. Angesichts der großen strukturellen Ähnlichkeit der halb-standardisierten Generatorprogramme hält Jappe auch das Problem der Software-Wartung für nicht sonderlich relevant.

Managmentproblem DV-Ausbildung

Das Ausbildungsthema sei innerhalb der EDV stark im Steigen begriffen, meinte Professor Dr. Herbert Schulze vom Anwenderverband Deutscher Informationsverarbeiter (ADI), Berlin, der die Workshop-Reihe "Allgemeine Bildungsaufgaben" moderierte. Ursachen dafür seien neue Technologien, dadurch wiederum neue Anwendungen und Anwendungsformen (Beispiel: DDP) sowie komplexer werdende DV-Systeme.

Vor allem in den großen und mittleren Betrieben sei die Datenverarbeitung zunehmend eine Management-Angelegenheit und die Ausbildung eines der mit ihr verbundenen Hauptprobleme, wichtig genug, um einen Wissenschaftler zu veranlassen, ein "Freisemester" dieser Thematik zu widmen. Damit verwies Professor Schulze auf ein Vorhaben von Professor Dr. Dietrich Seibt, der an der Gesamthochschule Essen Betriebsinformatik lehrt. Seibt trug anschließend Untersuchungsergebnisse aus dem in Arbeit befindlichen Studien- und Forschungsführer "Betriebsinformatik-" zur Situation dieser Wissenschaft an deutschsprachigen Hochschulen vor.

Postalische Netzprobleme

Auf der Suche nach Verbündeten für ein offenes Netz - und für alle Stufen dorthin - ist das Posttechnische Zentralamt (PTZ), Darmstadt, um den Herstellern damit deutlich zu machen, daß ein solches Netz sich für alle Beteiligten lohnt. PTZ-Mitarbeiter Postoberrat Peter Franz, der über ein "Konzept für ein flächendeckendes EDV-Netz für die Postdienste" sprach stellt sich darunter ein offenes, herstellerneutrales, flexibles Netz vor das ab 1990/95 auf Datex-P-Basis mit, endgültiger ISO-Norm arbeiten könnte.

Im nationalen Bereich, glaubt Franz, könnte Bildschirmtext die erste Komponente eines offenen Netzes für Terminal-Anwendungen werden. Den Auftrag zum Aufbau eines flächendeckenden Netzes erhielt das PTZ, das für die Postbankdienste und den Verwaltungs- und Abrechnungsbereich der Post zuständig ist, vom Postminister vor über zwei Jahren. Nach Franz Darstellung betreibt das PTZ in 24 Rechenzentren bundesweit mit 39 Großrechnern noch "EDV-zu-Fuß" (zwischen Siemens- und IBM-Rechenzentren) und fühlt sein Anliegen beim DV-Koordinierungsausschuß des Bundesinnenministers nicht in besten Händen.