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25.05.1990 - 

Unternehmensverband Informationssysteme e. V. soll im Juni gegründet werden

Software- und Serviceanbieter der DDR formieren sich jetzt

Das unselige Autarkiebestreben ist auch in der Informationstechnik der DDR beendet. Seit sich die Grenzen geöffnet haben, entsteht in der DDR ein neuer Hard- und Softwaremarkt. Allerdings haben es Software- und Serviceanbieter noch schwer auf diesem Markt, der die Wirtschaftskraft des Landes Hessen aufweist.

Der Softwaremarkt in der DDR ist hardwareseitig derzeit mit der Technologie der beginnenden 70er Jahre ausgestattet und maß - zumindest, was die betriebswirtschaftlichen Anwendungen betrifft - völlig umstrukturiert werden. Und dieses in kurzer Zeit, weil die derzeit entstehenden AGs und GmbHs wenigstens ihre Abrechnungsberichts-Systeme kurzfristig verfügbar haben müssen.

Auf der Software- und Serviceseite hat sich bereits eine von der Anzahl her respektable Anbieterschaft etabliert. Auf der Hardwareseite sind die Konturen des neuen Marktes schon heute klar zu erkennen - Konturen, die auch bis zu einem gewissen Punkt den entstehenden Software- und Servicemarkt bestimmen werden:

- Die Kooperation von IBM und Robotron sowie das bereits installierte IBM - Equipment bei den DVZs weisen bereits Wege.

- Die Vorgehensweisen von Siemens, SAP und dem ehemaligen Robotron-Projekt Dresden zeigen Alternativen für die Hardware-Anbieterstrukturen der DDR auf.

- Für DEC waren die Schwarzimporte der letzten Jahre Platzhalter und Marktaufbereiter.

- Das Institut von Professor Wolfgang Lassmann in Dresden scheint als Wegbereiter für Hewlett-Packard in der DDR zu fungieren.

Wenige große und viele kleine SW-Häuser

Zu beobachten ist, daß sich Mitarbeiter und ganze Teams aus Kombinaten und Institutionen zusammengefunden haben, die zum Teil schon mit eigenen Firmen auf dem Markt auftreten - in der Regel mit der Rechtsform einer GmbH - oder die sich gerade damit befassen, Softwarefirmen zu gründen. Man spricht in der DDR bereits von mehreren hundert Softwarefirmen.

Derzeit scheint sich dort ein Anbietermarkt herauszubilden, der von bis zu zehn größeren Softwarehäusern dominiert wird, die durchaus die Größe westdeutscher Softwarehäuser erreichen. Zusätzlich gibt es eine Vielzahl von kleinen und kleinsten Softwareschmieden.

Bisher wurden Aufgaben der Software - Entwicklung von wissenschaftlichen Institutionen und anderen staatlichen Einrichtungen wahrgenommen, was häufig das Nachempfinden oder Weiterentwickeln westlicher Software bedeutete. Heute findet man neben den wenigen größeren Softwarehäusern einen atomistischen Anbietermarkt.

Allen Anbietern gemeinsam ist, daß in bezug auf die neue Wirtschaftsform enorme funktionale Wissensdefizite vorhanden sind, ebenso Defizite hinsichtlich der Software - Entwicklungstechnologien sowie der westlichen Standards und Werkzeuge. Diese Defizite müssen in kurzer Zeit eliminiert werden, wenn DDR-Anbieter auf ihrem eigenen Markt eine Rolle spielen wollen. Zusätzlich zu diesen informationstechnischen Fragen treten juristische und betriebswirtschaftliche Problemstellungen auf im Zusammenhang mit den Softwarehaus - Gründungen.

Verschärft werden die Schwierigkeiten durch Kapitalmangel und Unerfahrenheit im Umgang mit den Spielregeln des freien Marktes. Eigene Stärken und Schwächen werden kaum richtig eingeschätzt und zielorientierte Vorgehensweisen zur Behebung der Schwächen sind nicht eingeübt. Auch gibt es Probleme mit der Selektion des Marktes und in der Handhabung marktwirtschaftlicher Organisationen, wie GmbHs und Aktiengesellschaften. Dazu kommt mangelndes Wissen zum Beispiel über den Stand der EG-Normen und Standards in der Informationstechnik. Es gilt also, Wissensdefizite zu beheben und Hilfe anzubieten, um die Startbedingungen für die jungen Softwarehäuser zu erleichtern und den Markt transparent zu machen.

Als Ansprechpartner der Softwareschmiede in der DDR hat sich in letzter Zeit das ITW der Akademie der Wissenschaften herausgebildet.

Unternehmensverband wird im Juni gegründet

Matthias Weber, der auf einige Jahre Erfahrung mit der Software - Industrie in den RGW-Staaten und China zurückgreifen kann, fungiert als Promoter bei der Definition gemeinsamer Interessen der DDR-Software - Industrie.

Seit zwei Monaten bereits werden regelmäßig von der Akademie der Wissenschaften Seminare durchgeführt, die sich an Softwarehäuser und Institutionen der DDR von Rostock bis Dresden richten. Die Seminare thematisieren überwiegend die Probleme der neugegründeten Softwarehäuser.

In dieser Zeit ist die Bereitschaft der Beteiligten daran gewachsen, eine zentrale Vertretung ihrer Interessen in der DDR zu schaffen. Ein Komitee, das mehrere Firmen und Institutionen vertritt, hat nun die Gründung eines Unternehmensverbandes Informationssysteme (UVI) e.V. i.G. anvisiert. Am 9. Mai 1990 trafen sich die Mitglieder dieses Gremium, um ein Positionspapier zu diskutieren und um die weitere Vorgehensweise festzulegen. Es wurde beschlossen, am 6. Juni 1990 den Unternehmensverband offiziell zu gründen. Die Gründungsveranstaltung findet ab 10.30 Uhr im ZKI der Akademie der Wissenchaften in Ost-Berlinin der Kurstraße statt.

Vorläufiger Vorstand wurde schon gewählt

Um die Satzung des Vereins vorzubereiten, wurde ein vorläufiger Vorstand gewählt, der auch die Verbindungen zur westdeutschen Anbieterseite aufnehmen soll. Des weiteren bestimmte das Gremium einen Vorsitzenden der Gründerversammlung zur Wahrnehmung der administrative Vorbereitung.

Die Mitglieder des UVI sind der Meinung, daß zunächst einmal ein Interessenverband der Hersteller von Software und Informationstechnik - Komponenten entstehen sollte, um sich der besonderen Problematik der DDR-Anbieterseite zu stellen. Zu einem späteren Zeitpunkt ist geplant, gegebenenfalls Kontakte mit westdeutschen Verbänden aufzunehmen, wobei es Zielsetzung ist, nach einer gewissen Zeit mit einem schlagkräftigen westdeutschen Verband zu fusionieren.

Drei Hauptaufgaben hat sich der UVI gestellt:

1. Hilfe bei der Herausbildung und Festigung von horizontalen Informations- und Kommunikationsstrukturen in der Software - Industrie zu leisten;

2. Unterstützung bei der Aktivierung des Staates zur Schaffung günstiger technischer, juristischer und sozialökonomischer Rahmenbedingungen für die Entfaltung dieses Industriezweiges zu gewähren und

3. die Zusammenarbeit mit internationalen Institutionen und Fachgremien zu koordinieren.

Die Leute sollen im Land bleiben

Natürlich will der Verband dazu beitragen, daß die Leute im Land bleiben. Er will den sich neu etablierenden Software- und Serviceanbietern Hilfestellung leisten und dazu motivieren, die Softwareszene im DDR-Markt mitzugestalten.

Interessenten aus der DDR, aber auch der Bundesrepublik, werden gebeten, Kontakt zu folgenden Stellen aufzunehmen:

Akademie der Wissenschaften der DDR, ITW, Dr. Matthias Weber oder Dr. Heike Belitz, Telefon: Berlin-Ost 479 72 75.(Sollten Sie auf der Ostleitung keinen Erfolg haben, so rufen Sie bitte 030/822 37 37 an und sprechen mit Frau Schute.)

* Wilfried Köhler-Frost ist Wirtschaftsjournalist und Sprecher des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens Köhler-Frost & Partner in Berlin.