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19.11.1982 - 

Qualitätsanspruch der Anwender treibt Programmierzunft in eine Strukturkrise

Software: Vom Bodyleasing zum Produktgeschäft

MÜNCHEN - Die Strukturkrise in der Softwarebranche spitzt sich zu: Massive Preiseinbrüche bei Dienstleistungen und Standardprogrammen durch Billigangebote machen das Weichware-Geschäft zunehmend schwieriger. Existenzprobleme werden Insbesondere denjenigen Softwareunternehmen nachgesagt. die sich vornehmlich mit der Vermietung von Manpower, dem sogenannten "Bodyleasing", beschäftigen. Nachdem sich der Personalmarkt normalisiert hat, sind heute nur noch "Externe" mit Spezial-Know-how gefragt.

Eine Parallelität zur momentanen Strukturkrise der deutschen Softwarezunft sieht der Münchner Branchenapostel Harry Sneed in der Situation des amerikanischen Marktes vor etwa fünf Jahren. Was sich in den USA inzwischen jedoch reguliert habe, befinde sich hierzulande erst in den Anfängen: die Wandlung der Systemhäuser vom reinen Dienstleistungsanbieter zum Produktvertreiber.

Sneed wirft den Software-Werkstätten vor, zu lange auf dem einst erfolgreichen "Bodyleasing" herumgeritten zu haben, ohne sich auf absehbare Entwicklungen einzustellen. Jenseits des großen Teiches seien Unternehmen, die sich nicht rechtzeitig um qualifizierte Produkte bemüht hätten, nach und nach vom Markt verschwunden oder von größeren Systemhäusern geschluckt worden. Eine derartige "Bereinigung" prophezeit der gebürtige Amerikaner auch der bundesrepublikanischen Softwareszene.

Das Ende der Manpower-Vermietung sieht auch Klaus Schütte, Vorsitzender der "Fachgruppe Datenverarbeitung" im Bundesverband deutscher Unternehmensberater (BdU)

und geschäftsführender Gesellschafter der Reif Unternehmensberatung in Calw: "Heute hat man zwar noch die früher mit externem Auftrag arbeitenden Mitarbeiter auf den Gehaltslisten, aber keine Aufträge mehr." Gefragt seien nach Aussage Schüttes nur noch Systemhäuser, die ihre Leute rechtzeitig auf Spezialgebiete wie etwa CAD/CAM, Datenfernübertragung, Inhouse-Netzwerke, Btx oder auf gezieltes Branchenwissen getrimmt hätten. Softwareunternehmer, die mit Bodyleasing jahrelang absahnten, ohne sich neu zu orientieren, mußten über kurz oder lang die Segel streichen.

"Die Zeiten, in denen ein Unternehmen noch einen belastbaren Cobol-Programmierer suchte, sind endgültig vorbei", bestätigt Jochen Primavesi, der seine SAS Software Agentur noch Anfang letzten Jahres mit dem Ziel gründete, Softwareprofis zu vermitteln. Inzwischen muß sich aber auch Primavesi mit seiner GmbH auf andere Beine stellen, denn das Geschäft mit der Vermietung von Manpower sei stark rückläufig, gibt SAS-Geschäftsführerin Marga Lange unumwunden zu. Ein Lichtblick in diesem Business sei momentan lediglich bei den arabischen Ölstaaten erkennbar.

Vertriebsaktivitäten auf Sparflamme

Nicht nur die Normalisierung des DV-Personalmarktes sieht aber Primavesi als momentanes Übel der Weichware-Zunft. Vielmehr hätte ein Großteil der Softwareanbieter ihre Vertriebs- und Marketing-Aktivitäten jahrelang "auf Sparflamme gekocht". Dies sei nur so lange gutgegangen, wie die Wirtschaft mitgespielt habe. Jetzt, da sich Absatzprobleme bemerkbar machten, würden die Versäumnisse um so deutlicher, bekräftigt der SAS-Boß.

In die gleiche Kerbe haut Dieter Jekat, Chef der Nomina GmbH, die in München die Branchenbibel "lsis-Software-Report" herausgibt. Systemhäuser, so Jekat, die in der 'Vergangenheit systematisch Marketing betrieben hätten, falle es derzeit durch engere Kundenbeziehungen leichter, Aufträge zu schreiben. Mit Schwierigkeiten kämpften indes Programmierstuben, die immer nur von einem Projekt zum anderen gesprungen seien.

Zusätzliche Fehler will Werner Schmidt, Präsident des in Ulm ansässigen Softwaretest e.V., erkannt haben. Die Softwareanbieter hätten bisher überwiegend in sehr kostenintensive Programmneuentwicklungen investiert. Somit seien nahezu neunzig Prozent aller Ausgaben ins Personal geflossen, während man bei der Beschaffung von Softwaretools nur wenig getan habe. Da die Softwarehäuser bislang nur geringfügig Manpower abgespeckt hätten, trieben jetzt die Personalkosten die Preise für Softwareprodukte in die Höhe. Die Anwender seien neuerdings nicht mehr bereit, ihre ohnehin limitierten DV-Budgets durch überzogene Kosten für den Programmierer zu belasten.

Bei dem Preisgerangel müßten nach Ansicht von Beobachtern der Softwareszene derzeit alle Anbieter Federn lassen. Doch während sich die "Großen" noch unter einer wärmenden Kapitaldecke aus besseren Zeiten wähnten, finde unter den kleineren und mittleren Programmschmieden ein harter Überlebensfight statt. So seien in den letzten Monaten nach Aussagen von Peter Klinkenberg, Geschäftsführer der 2KB Software GmbH, die Stundensätze für Fremdprogrammierung radikal in den Keller gegangen. In München stelle sich die Situation laut Klinkenberg infolge eines Auftragslochs bei vielen Siemens-Subunternehmern besonders kraß dar. Hier würden Softwareexperten bereits für dreißig Mark pro Stunde angeboten.

"Neue Entscheider" blockieren Geschäft

Mit Ausnahme der renommierten Häuser sei der Rest der Branche in einen Verdrängungswettbewerb getreten, der zunehmend Qualitätsaspekte in den Vordergrund stelle. Verdeutlicht Klinkenberg: "Früher konnte man noch seine Großmutter in einem Projekt unterbringen, das wäre kaum aufgefallen." Heute seien die Systemhäuser gezwungen, auf ein hohes Qualitätsniveau zu achten, "sonst fliege man erbarmungslos raus".

Besonders schwer täten sich die Softwareanbieter mit der veränderten Umwelt beim Anwender, konstatiert Professor Joachim Scheel, Gesellschafter der Bremer PS Systemtechnik GmbH. Bisher waren die DV-Leute im Besitz der absoluten Priorität, wenn es um die Investition von Hard- und Software ging, jetzt haben die Endbenutzer in den Fachbereichen ein entscheidendes Mitspracherecht. Scheel: "Durch dialogorientierte Datenverarbeitung konnten die Sachbearbeiter einschlägige Anwendungserfahrungen sammeln. Sie haben erkannt, daß sie in das DV-Geschehen nicht nur voll einbezogen sind, sondern dabei sogar den wichtigsten Part darstellen." Absatzprobleme zeichneten sich vor allem deswegen ab, weil die Softwarehäuser sich noch nicht auf ihren veränderten Gesprächspartner eingestellt hätten. Die "neuen Entscheider", so der PS-Gesellschafter, seien nicht mehr rein softwaretechnisch ausgerichtet, sondern stellten eine organisatorische Aufgabe. Manko des Softwerker: Ihre Ausbildung sei bisher darauf ausgerichtet gewesen, nach vorgegebenen Problemstellungen zu programmieren oder zu codieren. Jetzt aber fehle die Kenne für qualifizierte Organisationsberatung.

Im Gerangel um Neukunden macht sich bereits wieder ein neuer Trend bemerkbar. Zwar verlangten die Unternehmen nach wie vor Standardlösungen, die innerhalb kürzester Zeit einen Rationalisierungs- oder Ersparniseffekt erzielten, sagen Softwaremanager, aber das "Preisgeplänkel" habe dem User eine Möglichkeit gegeben, mehr zu fordern als nur "halbfertige Anzüge von der Stange". Dies bestätigt auch Heinz Paul Bonn, Lenker des Kölner Systemhauses GUS: "Standardsoftware ist in vielen Geschäften für die Anbieter nur noch eine Eintrittskarte mit der er nachweisen muß, daß er wirtschaftlich arbeiten kann." Der Benutzer verlange verstärkt Individuallösungen auf der Basis von Standardsoftware und vor allem zu deren Preis. Verantwortlich für diese Entwicklung ist nach Meinung Bonns das Konkurrenzverhältnis unter den vielen "Freelancern". Indem diese sich in den Projekten gegenseitig unterboten, werde der Abnehmer erstmalig in die Position Stärkeren gerückt.

Talsohle noch nicht erreicht

Daß seitens der Softwareanbieter augenblicklich eine verstärkte Akquisition betrieben wird, meint auch der DV/Org.-Chef der Fichtel & Sachs AG in Schweinfurt, Manfred Vaupel. Überregionale Angebote, sogar aus dem Rhein/Ruhr-Gebiet, seien keine Seltenheit. Vaupel kauft jedoch eigenen Angaben zufolge nur Software, die ihren Namen auch verdient. Das bedeute, die Zahl der Installationen müsse hoch sein. Damit könnten kleine Systemhäuser jedoch nicht dienen.

So prophezeien denn auch Branchenkenner der breiten Masse von Progammierstuben und "Ein-Mann-GmbHs" schwierige Zeiten, wenn sie sich nicht schnell genug um Spezialwissen bemühen. Denn die Talsohle der momentanen Strukturkrise, das sagt jedenfalls der angesehene schweizerische Softwareprofi Reinhold Dr. Thurner, sei längst noch nicht durchschnitten.