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12.04.1985

Softwareentwicklung auf der Schwelle zu neuer Denkweise:Kreativität löst Techno-Gläubigkeit ab

Mathematik und Logik allein schaffen bei der Softwareentwicklung nicht den himmlischen Frieden. Als "Tummelplatz der Selbsttäuschung" galten herkömmliche Softwaretechnologien auf einer Tagung des German Chapter of the ACM, zieht man nicht den Menschen mit seinen kreativen Fähigkeiten stärker in Betracht. Provokation mit ernstem Hintergrund war auf dieser Tagung angesagt - mit einem Fazit: Trotz unterschiedlicher Ansätze herrschte Einigkeit darüber, daß man sich am Beginn einer neuen Ära der Softwareerstellung befinde.

Mutig wagte sich die deutsche Gruppe der Association for Computing Machinery (ACM) mit der Fachtagung "Softwareentwicklung - Kreativer Prozeß oder formales Problem" auf ein neues Gebiet vor. Als ideologisch aufgeladen und mit subjektiven Eindrücken gespickt bezeichnete dann auch Dr. Frank D. Peschanel von der Human Technologies aus München die Thematik.

Um im internationalen Wettbewerb bestehen bleiben zu können, sei es notwendig, einer anderen Einstellung über Fragen der Softwareentwicklung Raum zu geben. Software-Engineering werde mehr und mehr zu einer Frage menschlicher Schöpferqualität. Ohne das bisher Erreichte in Frage zu stellen, zog sich die Rückbesinnung auf menschliche Begabung wie ein roter Faden durch den Tagungsablauf.

Ein Hauptproblem liegt nach Ansicht der Referenten darin, wie die durch Erziehung und Umwelt verschüttete Kreativität des Menschen mit den formalen Gegebenheiten bei der Softwareentwicklung in Einklang zu bringen sei. Peschanel geht davon aus, daß es in der Programmierergemeinde Individuen gebe, deren Fähigkeiten zu einem "Superprogrammer" oftmals nicht erkannt würden. Hier Freiräume zu schaffen, um formal nicht faßbare, aber subjektiv erlebte Einflüsse gewinnbringend in Softwarelösungen einfließen zu lassen, sei eine der Hauptaufgaben der Zukunft.

Eine immer größer werdende Rolle der Psychologie bei der Entwicklung von Programmen und ihrem Verständnis prognostiziert auch Dr. Jan Witt, Geschäftsführer der PCS GmbH, München. Die Software-Gilde allerdings müsse erst lernen, die Erkenntnisse der Psychologen auf die eigenen Techniken anzuwenden.

Dabei geht es nicht darum, grundsätzlich alles Erreichte zu verdammen, sondern mit den erarbeiteten Lösungen zu leben, sie zu übernehmen oder zumindest kritisch zu betrachten, um von dem Erfahrungsschatz zu profitieren.

Zur Beurteilung der Zweckmäßigkeit von Entwicklungsverfahren allerdings verweist Witt auf ein Beispiel aus der Psychologie, das zu stärkerer Selbstkritik im Umgang mit Konstrukten aufrufen soll: die "abergläubische Ratte" von B. F. Skinner, einem Verhaltensforscher der Harvard University.

Drückt eine Ratte exakt zehn Sekunden nach Hineinsetzen in eine Versuchsbox einen Knopf, so erhält sie Futter. Durch Zufall wird das Versuchstier diesen Zeitpunkt nach verschiedenen Bewegungen (nach rechts/links drehen, hinstellen) erreichen. Der nächste Versuch ist für die Ratte vielversprechend - nach exakt demselben Bewegungsablauf erhält sie Futter . . .

Dieser programmierten Gläubigkeit an bestimmte Abläufe sieht Professor Peter Molzberger von der Hochschule der Bundeswehr, Neubiberg, ein Ende nahen.

Seine Untersuchungen und Beobachtungen des Marktes zeigen ihm deutlich, daß nach einer Phase der "Spaghetti-Künstler", die bis 1968 dauerte, und nach einer Periode des klassischen Software-Engineering mit der Maschine im Mittelpunkt nun die "Wiederverzauberung" des Software-Künstlers mit dem Menschen als Mittelpunkt anbricht.

Molzberger sieht in diesen Schwingungen einen natürlichen Prozeß - und somit auch die notwendige Chance, Barrieren einzureißen, um zu einer besseren Produktivität bei der Softwareerstellung zu gelangen.

Wichtig erscheint ihm ein Brechen der Dominanz der linken Hirnhälfte, die bestimmend für das sachlich-logische Denken ist. Während in der Phase der "Spaghetti-Künstler" die rechte Hirnhälfte mit ihrer Kreativitätsfunktion überwog, sieht Molzberger nach der "Links"-Dominanz nun das Zeitalter des "Whole-brainedness"-Menschen als Silberstreif am Horizont.

In Ansätzen zeichnet sich diese Verbindung zwischen Bildern (rechte Hirnhälfte) und Zeichen (links) schon ab: so bei der Fenster-Technologie auf Mikrocomputern.

Gute Tools zur Softwareerstellung können darüber hinaus, so meint er, mit zur Kohärenz beider Hemisphären beitragen.

Werkzeuge allerdings stellen nur ein Hilfsmittel auf dem Weg zu guter Software dar - auch an sich selbst muß gearbeitet werden, wie Georg V. Zemanek von der Bundeswehrhochschule in seinem Vortrag über Programmierfehler als Chance und Herausforderung betonte.

Die Beschäftigung mit Fehlern, so Zemaneks Hauptaussage, gebe Auskunft über die eigene Denkweise. Der Referent sieht Fehler in Programmen schlicht als "fehlgeleitete Idee" in bezug auf Aufgabe und Durchführung. Untersuchungen jedoch haben ihm gezeigt, daß bei einer Selbstanalyse lediglich die Beseitigung unguter Gefühle im Vordergrund stand, nicht aber das Erkennen der Chance, durch Fehler zu lernen.

Diesen Weg, zu besserer Software zu kommen, sieht Dr. Helmut Volkmann von der Siemens AG durch eine wechselseitige Beziehung zwischen Kreativität, Verantwortung, Fortschritt und Systembeherrschung vorgezeichnet.

Ihm allerdings kommt es auch darauf an, daß das Verhältnis zwischen Softwareersteller und -anwender auf eine fruchtbarere Basis gestellt wird. Mehr Sorgfalt bei der Ausschreibung, Gedanken über die Systemnutzung und auch über die anfallenden Betriebskosten stehen in seinem Forderungskatalog für die Auftraggeber.

Die Wunschliste für die Softwareersteller liest sich ähnlich lang: Konsistenzsicherung des Entwurfs, frühzeitige Fehlererkennung, Innovationsberücksichtigung sowie langfristige Versionsplanung und die Bereitstellung ausreichender Ressourcen gehören hierzu. Dabei allerdings dürfen die Interdependenzen nicht außer acht gelassen werden.

Ziel sei es vor allem, den technischen Fortschritt zum gesellschaftlichen Nutzen zu verwenden - ein Weg dahin führe auch über die Schaffung, Abgrenzung und den Schutz kreativer Freiräume.