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11.07.1986 - 

Planungsphase muß frühzeitig ansetzen, denn:

Softwareergonomie setzt User-Beteiligung voraus

Wichtigste Voraussetzung zum Gelingen einer softwareergonomischen Gestaltung ist die Beteiligung der betroffenen Benutzer. Daraus folgt, daß entsprechende Überlegungen schon sehr frühzeitig in die Planung von SW-Systemen einbezogen werden müssen. Bei Standardprodukten sollten sie auf alle Fälle als Auswahlkriterien berücksichtigt werden.

Die meisten in den Betrieben eingesetzten SW-Produkte entsprechen bei weitem nicht den Minimalanforderungen der Softwareergonomie, wie sie auf zahlreichen Tagungen diskutiert werden. Dialogsysteme mit völlig unstrukturierten Masken, mit bis zu zehn verschiedenen Feldbezeichnungen für ein Feldelement, mit Antwortzeiten, die zwischen drei und 36 Sekunden schwanken, sowie mit bis zu drei Bildschirmen an einem Dialogarbeitsplatz spiegeln die Realität in den Betrieben wieder. Anhand dieser Beispiele wird deutlich, daß der Gestaltung von Software, rein von der Anzahl der Betroffenen her, große Bedeutung zukommt.

Global gesehen geht es bei der Softwareergonomie um die Übertragung gesicherter arbeitswissenschaftlicher Erkenntnisse auf computergestützte Informationssysteme. Der Gegenstandsbereich der Softwareergonomie umfaßt somit die Gestaltung von SW-Systemen im Hinblick auf die kognitiven und kommunikativen Eigenschaften der Menschen.

Damit ist die Softwareergonomie Teil eines komplexen Technikeinführungsprozesses, bei dem neben dem Menschen die zu erledigenden Aufgaben und die organisatorische Umgebung berücksichtigt werden müssen.

An diesem Technikeinführungsprozeß sind die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, die zu diesem umfassenden Softwaregestaltungsprozeß beitragen können, (Psychologie, Informatik, Organisation) zu beteiligen.

Dabei stehen folgende Arbeitsschwerpunkte im Vordergrund:

- Entwicklung arbeitswissenschaftlich begründeter Gestaltungsvorschläge

- Unterstützung bei der Umsetzung der Gestaltungsmaßnahmen

- Unterstützung bei der Einführung von Softwaresystemen

- Unterstützung bei der Schulung der Benutzer

- Entwicklung von Kriterien und Methoden zur arbeitswissenschaftlichen Beurteilung von Softwaresystemen

- Evaluation von Systemrealisierungen anhand der Kriterien.

Sollen softwareergonomische Anforderungen neben den funktionellen Gesichtspunkten zum Tragen kommen, muß bei der Entwicklung von Anwendungssoftware beziehungsweise bei der Auswahl der Standardsoftware auf das Vorhandensein bestimmter Systemfunktionen geachtet werden.

In der wissenschaftlichen Diskussion werden dazu unabhängig von konkreten Anwendungsfeldern Systemfunktionen vorgeschlagen, die zwar in Labor- beziehungsweise Feldeinsatz erprobt wurden, aber dennoch in Abhängigkeit der vorgefundenen Rahmenbedingungen nicht in jedem Projekt ihre Anwendung finden können.

Beispielsweise hilft das Auslagern von Hintergrundinformationen durch Fenstertechniken oder Programmverzweigung mit vordefiniertem Rücksprung, das oft sehr umfangreiche Informationsbedürfnis der Benutzer zu strukturieren und damit die Bildschirmmasken übersichtlich zu halten. Auch der Einsatz von wissensbasierten Komponenten bietet Erklärungen über das System, wodurch das Informationsbedürfnis der Benutzer zufriedenstellend abgedeckt werden kann.

Der mögliche Gestaltungsspielraum ist in der Abbildung (a) dargestellt und wird gleichzeitig den eingeschränkten Möglichkeiten bei korrektiver Gestaltung (b) beziehungsweise dem Ist-Zustand in den Betrieben (c) gegenübergestellt.

Aufgrund der durchgeführten Expertengespräche wurde aus den softwareergonomischen Gestaltungsprinzipien ein Maßnahmen(Regel-)- katalog abgeleitet, der sich zwar an den Maximalanforderungen der Wissenschaft orientierte, aber zusätzlich auch durch die Bedingungen korrektive Gestaltung einbezog.

Von den aufgeführten Gestaltungsfeldern ist über die Gestaltung von Bildschirmmasken am häufigsten und ausführlichsten bearbeitet worden. Dabei hat sich inzwischen eine einheitliche Struktur der Masken, untergliedert in Kontrollzeilen,

Anwendungszeilen und Meldungszeilen, herausgebildet.

Durch Strukturierung der auf dem Bildschirm dargestellten Informationen im grundsätzlichen Aufbau der Maske, aber auch im Anwendungsstil der Masken, lassen sich die Orientierung und die Informationsaufnahme unterstützen.

Kann keine solche Orientierung erfolgen, oder sind mehrere unterschiedliche Informationen gleich wahrscheinlich, so empfindet der Benutzer die hieraus resultierende Unsicherheit als Belastung. Daraus folgt, daß Maßnahmen, die die Übersichtlichkeit des Systems erhöhen und zur leichteren Orientierung beitragen, objektiv die Wahrnehmung entlasten. Dazu gehört auch die Nutzung der Gestaltgesetze bei der Festlegung des Maskendesigns.

Inwieweit Gestaltungsgesichtspunkte, wie sie in Leitfäden aufgeführt sind, in die Maskengestaltung einfließen können, hängt allerdings von den Arbeitsinhalten und -abläufen ab. In einem komplexen Abstimmungsprozeß, in den vor allem die Mitarbeiter der betreffenden Abteilung einbezogen werden müssen, ist zu klären, welcher "Regel" der Vorzug gegeben werden muß.

So ist es zum Beispiel eine wichtige Forderung, die Bildschirmmasken möglichst leer und damit übersichtlich zu halten (Regel: Nicht mehr als 50 Prozent der Maske dürfen mit Zeichen belegt sein). Existieren Arbeitsabläufe, die das Überschreiten dieser Regel erforderlich machen, sollte eine übervolle Maske, die aber alle Informationen für einen Vorgang enthält, bestehen bleiben.

Die Dialogstruktur eines Systems als weiteres Gestaltungselement bestimmt den Handlungsspielraum, der dem Benutzer eines Systems zur Verfügung steht. Bei einer hierarchischen Struktur mit den drei Dialogtechniken Menü, Eingabemaske und Informationsmaske ist es unerläßlich, den Benutzern Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen, um einen individuellen Arbeitsstil mit dem System zu gewährleisten. Neben unterschiedlichen Möglichkeiten zur Dialogverzweigung sind die freie Wahl von Programmreihenfolge und Programmaufruf wichtige Gestaltungselemente zur Schaffung von Individualisierungsfreiräumen.

Für die Beurteilung des Erfolgs softwareergonomischer Maßnahmen ist es notwendig adäquate Beurteilungskriterien zu entwickeln. Diese sollen eine Überprüfung erlauben ob und bis zu welchem Grad die aufgestellten Ziele und Prinzipiell in der konkreten Umsetzung ihren Niederschlag gefunden haben. Geeignete Evaluationskonzepte sind noch in der Erprobung oder für die Belange einer Bewertung korrektiver Gestaltungsmaßnahmen nicht geeignet.

Als diesem Grunde empfehlen sich traditionelle Erhebungsmethoden. Zur Beurteilung der softwareergonomischen Maßnahmen im Informationssystem wurde während der Umsatzungs- und der Realisierungsphase eine Erhebung mit vier teilweise parallel eingesetzten Instrumenten durchgeführt:

- Protokoll der Anfragen bei der Betreuungsinstanz,

- Befragung der Anwender durch einen halbstandardisierten Fragebogen,

- Erfassung der Belastung bei Bildschirmarbeit,

-- gezielte Gruppengespräche.

Wie sehr oft in solchen Praxisprojekten konnte das hier skizzierte Evulationskonzept nicht im geplanten zeitlichen Rahmen durchgeführt werden. So sind die Ergebnisse noch nicht endgültig sie wurden erst im März 1986 durch eine zweite Fragebogenerhebung und die Workshops vertieft .

Bei der Gestaltung des Systems wurde deutlich daß herkömmliche Softwarestandards nicht ausreichend, um die Benutzeranforderungen an ein komplexes Softwaresystem zu realisieren. Pseudografik, frei positionierbarer Cursor, intelligente Bildschirmmasken und Fenstertechnik sind nur einige Aspekte, mit denen Abhilfe geschaffen werden kann.

Softwareergonomie muß ferner neben der Benutzerschnittstelle ebenso die Gestaltung der Systemsoftware, der Hardware und der organisatorischen Umgebung zum Ziel haben. Fazit: Softwareergonomische Gestaltung ist ein Abwägungsprozeß zwischen den individuellen Interessen des Benutzers und den übergeordneten Interessen aller Systembenutzer.

*Martin Mielke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Arbeitwissenschaftlichen Forschunginstitut GmbH (Awfi), Berlin.

Maßnahmen der Softwareergonomie

Aufgabenangemessenheit

- Gestaltung der Bildschirmmasken

- An- und Abmeldeprozeduren

- Schlüsselzeilen

- Dialogverzweigung

- Dialogunterbrechung

- kein Scrolling

- nur eine Maske pro Arbeitsaufgabe

Selbsterklärungsfähigkeit

- Verständliche Systemmeldungen in der 24. Zeile

- Info-Funktionen

- Menüsteuerung

- Transaktions- und Funktionsbezeichnung

- Feldbezeichnungen (Groß-/Kleinschreibung)

- Codierung durch Farbe

- Editierzeichen

- Maskenstruktur

Steuerbarkeit

- Keine Zwangsfolgen

- Dialogunterbrechung

- Dialogverzweigung

- Beliebiger Aufruf über Transaktionscode

- Experten-, Lernmodus

- Blätterfunktionen

Verläßlichkeit

- Benutzergerechter Wiederanlauf

- Kurze Antwortzeiten

- Automatische Datensicherung vor Abbruch

- Feste Funktionszuordnung bei Funktionscode und PF-Tasten

- Transaktionsbearbeitung auch im Batch-Modus (wahlweise)

Fehlertoleranz und Fehlertransparenz

- Umfangreiche Eingabeprüfung

- Standardwerte bei fehlender Eingabe

- Löschbestätigung

- Markierung des fehlerhaften Datenfeldes