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27.12.1991 - 

Erstes DV-Unternehmergespräch Ost

Softwarehäuser in der Ex-DDR müssen noch Hürden nehmen

27.12.1991

Unter dem Thema "Datenverarbeitungsindustrie - Katalysator für Innovationen und wirtschaftlichen Aufschwung in den neuen Bundesländern" hatten der Unternehmensverband Informationssysteme (UVI) und die Wirtschaftsförderung Berlin zum ersten DV-Unternehmergespräch Ost eingeladen. Fazit: Angesichts der angespannten wirtschaftlichen Lage haben Ost-Entrepreneure noch eine lange Durststrecke zurückzulegen. Nur mit sicherem Blick für Marktnischen, gutem Vertrieb und Marketing, vor allem aber mit Hilfe hochqualifizierter und motivierter Mitarbeiter können sie langfristig erfolgreich agieren.

Über 170 Gäste kamen am 29. und 30. November in die Kongreßhalle am Alexanderplatz in Berlin, zwei Drittel von ihnen aus den neuen Bundesländern, ein Drittel aus den alten. Ausgeschrieben als "Konferenz mit Erfahrungsaustausch und Kooperationsanbahnung für Unternehmer und Führungskräfte der DV-Industrie aus West und Ost", soll die Veranstaltung mit geplanter Regelmäßigkeit das bereits seit vier Jahren erfolgreich stattfindende und von der Wirtschaftsförderung Berlin GmbH durchgeführte (West-) Berliner Software-Unternehmergespräch ergänzen.

In der Tat ist ein solches Podium für die DV-Szene Ost eine Initiative, auf die schon viele gewartet haben, und die alte Weisheit, daß Erfahrungsaustausch die billigste Investition ist, hat nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Es gehört schon eine gehörige Portion Courage dazu, als geborener und gelernter "Ossi" dem Unternehmerstand beizutreten. Eine regelrechte Gründerwelle - für viele die Alternative zur Arbeitslosigkeit - schwappt über das Land. Wer erfolgreich sein wird und wer bereits nach kurzer Zeit Konkurs anmelden muß, wird sich noch erweisen.

Dennoch ist - zumindest in der DV-Szene - deutlich zu erkennen, daß die "Ossis" ihr Selbstvertrauen wiedergefunden haben. Und das aus gutem Grund: 15 Jahre technischer Rückstand bei der Hardware haben im Vergleich zur westdeutschen Wirtschaft zu ausgeklügelten und äußerst intelligenten Software-Lösungen geführt. Man war (weil man mußte) in der Lage, aus langsameren, begrenzten Rechnern die gleichen, zuweilen gar bessere Ergebnisse herauszuholen als die aufs Modernste ausgestatteten westlichen Nachbarn. Da man die Lizenzen für moderne Standardsoftware nicht erwerben konnte (Stichwort: Cocom-Liste), wurde sie "geclont" oder, wie das im DDR-Jargon hieß, lizenzfrei gemacht. Es leuchtet ein, daß sich die "Cloner" durch die intensive Beschäftigung enormes Wissen über die jeweilige Software erwarben.

So finden westliche Anbieter heute ein reiches Wissen über ihre Systeme in den neuen Bundesländern vor, was ihren Vertriebsinteressen durchaus entgegenkommt. Nicht zuletzt sei die solide Grundausbildung genannt, mit der frischgebackene Informatiker die Hochschulen und -Universitäten der ehemaligen DDR verließen. Nicht zufällig forschten und dozierten selbst in "tiefsten Planwirtschaftszeiten" Informatik-Wissenschaftler mit Erfolg auch im westlichen Ausland.

Die Schwierigkeiten heutiger Ost-Jungunternehmer sind also weniger fachlicher Natur. Probleme und Risiken bestehen vor allem in Fragen des modernen Managements, des Marketings und Vertriebs. Außerdem macht die desolate wirtschaftliche Lage in Ostdeutschland den Entrepreneuren das Leben zusätzlich schwer.

Heinz-Dieter Haustein, Professor am Berliner Institut für Innovationsmanagement nannte in seinem Vortrag Hintergründe für den gesamtwirtschaftlichen Niedergang der Ex-DDR. Nicht ohne Bitterkeit sprach er von der "Zögerlichkeit westdeutschen Kapitals bei Investitionen in den neuen Bundesländern, die Wait-and-see-Strategie, die darauf gerichtet ist, die Kapazitäten zum niedrigsten Preis zu erwerben" sowie über "die von den Massenmedien geförderte pauschale Etikettierung der verschiedensten Lebens- und Arbeitsbereiche des Ostens mit dem Label marode", die das Minderwertigkeitsgefühl der Ostdeutschen eher verstärken würden statt es abzubauen.

Als einen wesentlichen Faktor für den dauerhaften Anschub der Wirtschaft in den neuen Ländern bezeichnet Haustein die Produktinnovation und Qualitätserhöhung durch Qualifizierung der Arbeitskräfte sowie durch Forschung und Entwicklung. Er sieht die oft sinnlose Zersplitterung beziehungsweise Abwicklung einstiger zentralisierter Forschungs- und Entwicklungsstätten als bedauernswerten Fehler an: "Im Zuge des Systemwechsels ist das Forschungs- und Entwicklungspotential der Wirtschaft von 85 500 Vollbeschäftigten auf 21 000 (25 Prozent) reduziert worden. Im Ergebnis hat der Osten die bestqualifizierten Imbißbuden, nicht selten betrieben von Diplomingenieuren. Während die Japaner zielstrebig das Upgrading ihrer Exporte zum Ärger der deutschen Konkurrenten betreiben, erhalten in Ostdeutschland Döner Kebab und Currywurst die höheren Weihen des akademischen Wissens."

"Learning by shock und learning by doing"

Im "learning by shock und learning by doing" sieht Haustein die größten Chancen für einen Anschub der Wirtschaft. Ausgangsniveau und Bildungsfähigkeit seien sehr positiv zu bewerten. Nachholbedarf bestehe bei den Ostlern in solchen Eigenschaften, wie Initiative, Selbständigkeit, Kreativität und Nonkonformismus, einen Vorsprung hätten sie dagegen in Fragen von Teamgeist, Offenheit, Ehrlichkeit und selbstkritischer Haltung.

Die ehemaligen Hochburgen der DDR-DV-Szene existieren nicht mehr. Von ihnen gingen jedoch vielfältige Initiativen bezüglich Neugründung oder Umstrukturierung von Unternehmen aus. Dasselbe gilt für ehemalige Akademie-Institute sowie für Hochschulen und Universitäten. Insgesamt sind bis heute etwa 2500 bis 3000 Anbieter von Software und DV-Dienstleistungen in den neuen Bundesländern zu den 3000 bis 4000 in den alten Ländern hinzugekommen. In über 80 Prozent der ostdeutschen Firmen arbeiten weniger als zehn festangestellte Mitarbeiter. Nur etwa jede achte DV-Firma hat zehn bis 50 Beschäftigte. Daraus folgert Haustein: "Somit scheint das früher konzentrierte Software-Potential noch erheblich stärker als in den alten Bundesländern atomisiert zu sein. Die Zersplitterung des ostdeutschen DV-Potentials zählt angesichts der Entstehung weltumspannender Software-Imperien in den USA, Japan, Frankreich und Großbritannien zu den Widersprüchen des Umbruchs im Osten Deutschlands."

" Kein einziges Software-Projekt ist an technischen Schwierigkeiten gescheitert." Und: "Die meisten Probleme sind nicht technischer sondern soziologischer Natur." Das wußte schon vor einigen Jahren der amerikanische "Softwarepapst" Tom de Marco.

Diese Sätze kann man getrost auf die heutige Situation der DV-Branche in den neuen und den alten Bundesländern anwenden. Im Westen reißt man sich um gute Fachkräfte. Die Furcht vor Abwerbung durch Mitbewerber beutelt mehr oder weniger jedes Unternehmen - stellt sich zwangsläufig die Frage, was ein kleines bis mittleres Softwarehaus bieten kann, das die Software AGs dieser Welt nicht zu bieten haben. Offenbar ist Faktum, daß mit Geld nicht alles geregelt werden kann. Besonders hochqualifizierte Leute stellen neben einem guten Gehalt Ansprüche an Arbeitsinhalte, Bewegungsfreiräume bei der Arbeit und eine entsprechende Unternehmenskultur. Pedro Schäffer vom (West-)Berliner Softwarehaus Condat betonte in seinem Vortrag die sozialen Faktoren, von denen Engagement und Motivation von Mitarbeitern ganz entscheidend abhängen. Ein DV-Dienstleister kann die modernste Technik im Hause haben, die besten unternehmerischen Ideen entwickeln und die erfolgversprechendsten Strategien austüfteln, er wird damit aber immer nur dann Erfolg haben, wenn er es versteht, seine Mitarbeiter für die Aufgaben zu motivieren und zu qualifizieren.

Offenbar wandern hochqualifizierte Fachkräfte aus den neuen Bundesländern seltener in den Westen ab als in anderen

Wirtschaftszweigen. Die Identifizierung mit den jungen Ost-Unternehmen scheint also doch stark genug zu sein. Dieses Resultat ergibt sich aus der Befragung verschiedener ostdeutscher Kongreßteilnehmer.

Ostdeutsche Software-Entwickler in den befragten Unternehmen betrachten ihre Tätigkeit vielmehr als Chance und Herausforderung. Sie sind bereit und willens, Verantwortung zu übernehmen. Hinzu kommt eine gewisse Bodenständigkeit, ja auch DDR-Identität. Die bis heute als erfolgreich zu bezeichnenden ostdeutschen DV-Unternehmen investieren sehr viel in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter. Der größte Nachholbedarf liegt bei modernen Software-Entwicklungsmethoden, aber auch beim Marketing. Klar ist, daß heute Fachkompetenz allein nicht mehr ausreicht. Jeder Mitarbeiter in einem Dienstleistungs-Unternehmen wird auch vertriebsseitig gefordert. Das heißt, er braucht die Fähigkeit, Kundenkontakte aufzunehmen und zu pflegen.

Auch die leistungsgerechte Bezahlung ist eine der Voraussetzungen für motivierte Angestellte. Leistungsgerecht heißt hier nicht unmittelbar Westniveau, sondern den Arbeitsergebnissen angemessen. Die Differenz zu den "Westkollegen" liegt heute bei 30 bis 40 Prozent. Allgemein wird angestrebt, 1993 westliches Gehaltsniveau zu erreichen.

Nach mehrheitlicher Einschätzung der Kongreß-Teilnehmer wurde das Anliegen, die Chancen und Risiken von DV-Unternehmen der neuen Bundesländer zu diskutieren erreicht. Und mit zu vernachlässigender Zahl von Gegenstimmen der Wunsch nach Fortsetzung dieser begonnenen Reihe geäußert. Zu viele Referenten, zu viele Themen, zu wenig Zeit zur Diskussion - so klangen die Kritiken.