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19.10.1990 - 

Neue Anbieter-Organisation propagiert saubere Geschäftspraktiken

Softwarehersteller wollen sich von schwarzen Schafen absetzen

MÜNCHEN (qua) -Um die Glaubwürdigkeit der Software-Industrie ist es schlecht bestellt: Da werden Produkte viel zu früh angekündigt, falsch beschrieben, bisweilen sogar unfertig ausgeliefert; außerdem mogeln einige Hersteller bei den Finanzberichten. Das Vertrauen von Kundschaft und Investoren wiederherzustellen, hat sich das Software Business Practices Council zum Ziel gesetzt.

"Es stimmt etwas nicht in der Software-Industrie. Die Unternehmen, die Software entwikkeln und vertreiben, wissen es-die Kunden auch." So beginnt die offizielle Presse-Erklärung zur Gründung der Software Business Practices Council Inc. (SBPC), einer Nonprofit-Organisation, die ihren Zweck darin sieht, "die Integrität der Software-Industrie zu etablieren und zu pflegen".

Unter dem Aspekt der Ethik gibt es beim Softwaregeschäft einiges zu bemängeln: So konstatiert das SBPC beispielsweise irreführende oder schlichtweg falsche Produktwerbung sowie die Ankündung von sogenannter Vapourware; das sind Systeme, die in der Realität noch gar nicht existieren und deshalb über viele Monate oder einige Jahre nicht verfügbar sein werden. Besonders Anbieter mit hohem Marktanteil greifen gern zum Mittel der vorzeitigen Ankündigung, um damit ihr Marktsegment für den Mitbewerb zu blockieren.

Eine ähnliche Funktion erfüllt die von den Analysten und der Presse so getaufte "Marketecture". Darunter ist eine strategische Absichterklärung zu verstehen, die am Markt als Architektur oder Blaupause eingeführt wird. Dafür, daß die Softwarebranche in Börsenkreisen mittlerweile ihren guten Ruf eingebüßt hat, sind hingegen gewisse Unregelmäßigkeiten in den Geschäftsberichten einiger Hersteller verantwortlich.

Zum einen, so das SBPC, fehlen verbindliche Regeln für die Bewertung und Veröffentlichung von Forschungs- und Entwicklungsausgaben; zum anderen würden bisweilen Umsätze verbucht, bevor das Geschäft Oberhaupt abgewickelt sei.

Nach Ansicht einiger Branchen-Insider ist hier der Anlaß für die Gründung des Council zu suchen: Die Anbieter-Vereinigung sei als Reaktion auf den Schock zu werten, den die Oracle Corp. ausgelöst habe, als sie kürzlich ihre Jahresergebnisse korrigieren mußte. Das Software-Unternehmen hatte es offensichtlich allzu eilig gehabt, seine Einnahmen zu verzeichnen.

Der frischgebackene SBPC-Vorsitzende Jeffrey Papows, hauptberuflich President der Cognos Inc. tritt solchen Gerüchten allerdings entgegen: Das Council sei nicht gegründet worden, um mit dem Finger auf eine bestimmte Organisation oder Person zu zeigen. "Wir glauben, daß das Problem, das unsere Branche hat, sehr viel mehr betrifft als einige spezielle Unternehmen oder Produkte", erläutert der Cognos-Chef.

Ungeachtet der technologischen Höhe und der guten Qualifikation ihrer Mitarbeiter sei die Vertrauenswürdigkeit der Software-Industrie derzeit ein Diskussionsthema bei Kunden, Marktbeobachtern und Medien. "Unsere Glaubwürdigkeit ist jedoch etwas, das zu verscherzen wir uns einfach nicht leisten können", konstatiert Papows. "Den Schaden zu beheben, den eine zweifelhafte Reputation der Software-Industrie zufügt, wird mehr Zeit beanspruchen als irgendeine Malaise bei der Technik oder den Mitarbeitern."

Auch wenn das Wohl und Wehe der eigenen Branche sicher das auslösende Moment für den Zusammenschluß der bislang 16 Unternehmen war, so vermögen sich die SBPC-Gründer auch in die Lage ihrer Kunden zu vesetzen: "Die Anwender sind in immer stärkerem Maße von den Produkten abhängig, die ihnen die Software-Industrie zur Verfügung stellt", heißt es in der Pressemitteilung. "Sie müssen ihre eigenen Strategiepläne auf der Grundlage dessen entwickeln, was die Anbieter ihnen bezüglich der Entwicklung dieser Produkte versprechen."

Die Vorstellung davon, inwiefern das jeweilige System die individuellen Bedürfnisse abdekken könne, sei die Basis für die Software-Entscheidungen der Anwender. Diese Vorstellung werde jedoch vor allem von den Anbietern geprägt.

Zum Schutz der Kunden und zur Wiederherstellung ihrer Reputation regen die SBPC-Mitglieder eine Art Ehrenkodex für die Softwarebranche an. Gefordert werden verbindliche Regeln für Produktankündigungen und Statements of Direction, für die Beschreibung der Produkte für die Veröffentlichung von Software-Umsätzen und für die Bewertung von Forschungs- und Entwicklungskosten.

Als Grundlage dieser Guidelines sollen die Vorschläge dienen, die bereits von einigen US-amerikanischen Berufvereinigungen formuliert wurden. Dazu zählen die Normen der Business/Professional Advertising Association (BPAA), der Public Relations Society of America (PRSA), des Transaction Processing Performance Council (TPC) oder des American Institute of Certified Public Accountants (AICPA).

Woran es dem SBPC mangelt, ist allerdings ein Druckmittel, um die Mitglieder dazu zu bringen, sich an die selbstgeschaffenen Richtlinien zu halten. "Sie können niemanden zwingen, seine Geschäftspraktiken aufzugeben - es sei denn durch eine Gerichtsverhandlung; aber die muß der Kunde anstrengen." So kommentiert Ulf Schiewe, der deutsche Geschäftsführer des SBPC-Mitglieds Sybase, die Schlagkraft der Organisation. Möglicherweise sei das Ziel aber vor allem eine "Positionierung im Markt", mit der ein Teil der Branche sich von einigen Mitbewerben absetzen wolle.Die "Großen" halten sich zurück

Unter den Gründungsmitgliedern befinden sich neben Sybase und Cognos die Softwareschmieden Aicorp, Ashton-Tate, Banyan Systems, Ingres, Interleaf und Lotus Development; anschließen wollen sich die primär HW-orientierten Anbieter Digital Equipment Corp. (DEC) und Hewlett-Packard (HP). Den Vorsitz haben Cognos-Präsident Papows sowie Robert Weiler, Präsident und Chief Executive Officer (CEO) der Interleaf Inc., sowie David Mahoney, Präsident und CEO der Banyan Systems Inc. inne.

Leider halten sich die ganz Großen der Branche bislang zurück: Weder IBM noch Microsoft, Computer Associates (CA) oder Oracle haben sich der Vereinigung angeschlossen. Gegenüber der IDG-Schwesterpublikation "Computerworld" berichtete Papows, daß er mit Vertretern aller dieser Unternehmen gesprochen habe. Lediglich Oracle lehne eine Mitgliedschaft ausdrücklich ab. CA hingegen habe sich erst zurückgezogen, als IBM die Entscheidung auf die lange Bank schob. "Die Tatsache, daß IBM kein Mitglied ist, hat für uns große Bedeutung", begründet Bryan Shepherd, Executive Vice-President für den CA-Bereich Marketing, die Haltung des Softwarekonzerns. "Wie könnten wir uns im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte dazu verpflichten, unsere Produkte nicht vorzeitig anzukündigen, ohne daß unser größter Konkurrent dasselbe tut?" Wenn IBM etwas ankündige, würden die Kunden nicht danach fragen, ob das etwa zu früh sei, sondern nur danach, was CA dagegen setze.